Lohngerechtigkeit in Deutschland Das hab ich nicht verdient!

Die Löhne in Deutschland müssten gerechter werden, forderte die SPD im Wahlkampf. Doch wie ungerecht fühlen sich Arbeitnehmer tatsächlich bezahlt? Eine neue Studie gibt Antworten.

Zornesfaust oder Siegerpose? Der eigene Lohn löst unterschiedliche Reaktionen aus.
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Zornesfaust oder Siegerpose? Der eigene Lohn löst unterschiedliche Reaktionen aus.

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Verdiene ich das, was ich verdiene? Diese Frage dürfte sich jeder Arbeitnehmer schon einmal beim Blick auf Gehaltszettel oder Steuerbescheid gestellt haben. Zwar steigen die Löhne in Deutschland schon seit einiger Zeit wieder. Zuvor aber stagnierten gerade geringe und mittlere Einkommen oft so lange, dass Arbeitnehmer unter Berücksichtigung der Inflation heute sogar weniger verdienen als früher.

"Deutschland hat (nach wie vor) ein Lohnproblem", warnte das SPD-geführte Bundeswirtschaftsministerium im vergangenen Jahr. Die Ungleichheit zwischen den Einkommen sei historisch hoch und ein "Stachel im Zusammenhalt Deutschlands". SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz machte Lohngerechtigkeit zu einem zentralen Wahlkampfthema. Nach seiner Niederlage meinten dann viele, Schulz habe aufs falsche Pferd gesetzt.

Stimmt das? Sind die meisten Deutschen tatsächlich mit ihrer Bezahlung zufrieden? Das hat die Lohnexpertin Helena Schneider vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in einer noch unveröffentlichten Studie untersucht, die dem SPIEGEL vorliegt. Sie basiert auf Daten des sozio-oekonomischen Panels (SOEP), einer angesehenen Langzeitstudie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Schneider kommt zu dem Schluss, das vom Wirtschaftsministerium konstatierte Lohnproblem lasse sich "nicht pauschal bestätigen". Ihre Ergebnisse zeigen aber auch, dass gerade Geringverdiener sich tatsächlich oft ungerecht bezahlt fühlen. Und sie geben Hinweise darauf, wie sich daran etwas ändern ließe.

Insgesamt empfinden immerhin 61 Prozent der Arbeitnehmer ihren Bruttolohn als gerecht - soweit ein schon Ende vergangenen Jahres publiziertes Ergebnis von Schneider. Die Zufriedenheit lässt jedoch deutlich nach, wenn die Bürger auch Steuern und Sozialabgaben berücksichtigen: Ihren Nettolohn empfinden nur noch 55 Prozent als gerecht. In unteren Lohngruppen ist die Unzufriedenheit zum Teil noch deutlich größer.

Wer seinen Verdienst als gerecht empfindet (in Prozent)

Bruttostundenlohn Bruttoeinkommen Nettoeinkommen Differenz
weniger als 9,62 Euro 53,4 52,6 0,8
9,62 bis 13,24 Euro 48,8 45,7 3,1
13,245 bis 17,30 Euro 57,3 49,7 7,6
17,31 bis 23,09 Euro 65,5 58,2 7,3
mehr als 23,09 Euro 78,4 70,3 8,1

Quelle: IW Köln/SOEP 2015

Allerdings lässt der Staat die Bürger mit ihren Gehältern nicht ganz allein. Über Transferzahlungen wie Kindergeld oder Sozialhilfe wird zumindest ein Teil der Einkommen umverteilt. Das, so vermutete Schneider, müsste die Zufriedenheit der Betroffenen eigentlich erhöhen.

Tatsächlich scheint das Gegenteil der Fall zu sein: Wer Transferzahlungen erhielt, bewertete sein Einkommen im Schnitt sogar als noch ungerechter. Zwar sind die Transfers im Nettoeinkommen selbst noch nicht enthalten, separate Daten zum Haushaltseinkommen standen Schneider nicht zur Verfügung. Doch auch zur schlechteren Bewertung des Nettoverdienstes sieht sie einen möglichen Zusammenhang: "Die Tatsache, dass es zusätzlicher staatlicher Mittel bedarf, könnte als offensichtliches Zeichen für die Unfähigkeit gewertet werden, den eigenen Lebensunterhalt selbstständig erwirtschaften zu können."

Mehr Geld, mehr Chancen

Was aber hilft dann gegen die wahrgenommene Lohnungleichheit? Zunächst einmal, ganz banal: mehr Geld. Tendenziell steigt mit dem Lohn auch das Gefühl, gerecht bezahlt zu werden. Am oberen Ende nimmt nur jeder Fünfte seinen Bruttolohn als ungerecht wahr, am unteren Ende dagegen nahezu jeder Zweite.

Nach marktwirtschaftlicher Logik sind unterschiedliche Bezahlungen freilich begründet und sogar wünschenswert: Wer mehr leistet oder sich weiterqualifiziert, soll auch mehr verdienen. Problematisch wäre es demnach nur, wenn solch ein Aufstieg nur manchen möglich wäre - die Chancen also ungleich verteilt sind.

Inwiefern die Arbeitnehmer an Chancengerechtigkeit glauben, überprüfte Schneider an der Zustimmung zu Aussagen wie "Im Vergleich mit anderen habe ich nicht das erreicht, was ich verdient habe". Das Ergebnis fiel eindeutig aus: Wer an Chancengerechtigkeit glaubt, beurteilt auch sein Einkommen positiver - unabhängig davon, wie hoch es ist.

Vor allem hier sieht die IW-Forscherin einen Hebel, um das Gerechtigkeitsempfinden zu verbessern. Mehr Chancengerechtigkeit lasse sich unter anderem durch einen Ausbau der Kindergartenbetreuung, mehr Ganztagsschulen oder vermehrten Einsatz von Schulpsychologen schaffen. "Umfassende Implikationen für Umverteilungsmechanismen abzuleiten, fällt hingegen schwer."

Dieses Fazit wird man gerne hören bei den Wirtschafts- und Arbeitgeberverbänden, die das IW finanzieren und regelmäßig vor zu viel Umverteilung warnen. In der Studie findet sich aber auch eine Erkenntnis, die nicht jedem Unternehmer gefallen dürfte. Schneider zufolge existiert "ein signifikanter Einfluss einer Tarifbindung auf die empfundene Lohngerechtigkeit". Gerade den Beziehern niedriger Einkommen hilft offenbar das Wissen, dass diese zumindest kollektiv ausgehandelt wurden.

Am oberen Ende der Gehaltsskala verschwindet dieser Effekt, eine Rolle spielen Tarifverträge dort indirekt aber auch: Top-Verdiener fühlen sich besonders gerecht behandelt, wenn sie außertariflich bezahlt werden - mit dem Arbeitgeber also einen Verdienst noch über der höchsten Gehaltsstufe ausgehandelt haben.

Zusammengefasst: Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft empfindet eine Mehrheit der Arbeitnehmer ihren Lohn als gerecht. Allerdings ist der Anteil der Unzufriedenen gerade in unteren Einkommensgruppen erheblich. Verändern ließe sich das der Autorin zufolge vor allem durch mehr Chancengerechtigkeit.

insgesamt 108 Beiträge
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Seite 1
überich 22.02.2018
1. Leider subjektiv...
meine Wahrnehmung ist die, dass leider viel zu viele Menschen zufrieden mit dem bißchen Lohn sind, was objektiv viel zu wenig ist. Ich weiß, auch dies ist rein subjektiv.
zudummzumzum 22.02.2018
2. Anfüttern und Abzocken ...
Klar: das IW findet solche Leistungen wie "kostenlose" KiTa-Plätze und Sozialarbeiter an den Schulen natürlich affengeil. Denn bei der nächsten Gelegenheit wird man einfordern, die Steuerbelastung für Unternehmen und Unternehmer zu senken. Aus Sicht des IW ist der Sozialstaat gefälligst von den Arbeitnehmern zu bezahlen. Nein, das Gegenteil wäre richtig: Gebt den Leuten mehr Geld aufs Konto! Statt kostenloser Leistungen lieber höheres Erziehungsgeld, "Herdprämie", Kindergeld (!!!), so dass die tatsächliche Wahlfreiheit, gerade der Geringverdiener, gestärkt wird. Wenn beide je 5.000 € monatlich brutto haben, können sie sich, wer wie lange zu Hause bleibt. Bei nur 2.000 € stellt sich die Frage nicht, die müssen beide möglichst schnell wieder Vollzeit an der Arbeitsplatz. Wir sind in Sachen Transferleistungen als Sachleistungen in die falsche Richtung gestartet. Wie drehen wir um? Und dabei denke ich auch an die dort Beschäftigten. In der heutigen Konstellation gibt es keine Chance für bessere Einkommen für die Sozialberufe, weil der einzige Bezahler der Staat ist. Und wenn der sagt, dass es nicht mehr Geld gibt, nützt die Tarifautonomie einen Sch***
SponSpammer 22.02.2018
3. Zur Einordnung
Die Interpretation einer Studie sollte immer auch berücksichtigen, wer diese beauftragt (respektive bezahlt) hat; gerade auf Spiegel Online sollte man sich dessen bewusst sein, wurde doch vor Kurzem aufgedeckt, wie Meinungsforschung Umfragen steuert. Es liegt freilich auf der Hand, dass ein Arbeitgeber nahes Institut die Bezahlung von Arbeitnehmern in einer Studie positiver beurteilt, als dies eine Umfrage von Gewerkschaftsseite vermutlich tun würde. Alleine schon die Bereinigung von Daten, die wesentlicher Teil jeglicher Erhebung ist, lässt hier einen erheblichen Spielraum. Und natürlich wird dieser ausgenutzt. Folglich wären die vorgelegten Ergebnisse dann wesentlich relevanter, wenn zugleich eine inhaltsgleiche Gegenstudie von Gewerkschaftsseite vorliegen würde und man die Ergebnisse vergleichen könnte. So stellt die Arbeit des IW lediglich eine unwesentliche Fußnote dar, die freilich von entsprechender Seite überhöht werden wird.
mucschwabe 22.02.2018
4. Equal Pay
Frauen müssten sich doch ungerechter bezahlt fühlen als Männer! Nicht falsch verstehen. Ich bin für gleiche Bezahlung für gleiche Leistung unabhängig vom Geschlecht, aber warum sehen sich viele Frauen genauso gerecht entlohnt wie Männer?
g5z2z542gv 22.02.2018
5. Was ist schon gerecht?
Der Artikel wiederspricht sich schon im ersten Absatz selbst, deshalb habe ich auch nicht mehr zuende gelesen. Laut der Tabelle scheint auch nur jeder 2. mit seinem Netto-Lohn noch glücklich zu sein. Das sind viele Millionen unglücklicher Seelen und ist verständlich, wenn man sich jeden Tag plagen muss, um gerade noch ohne Transferleistungen über die Runden zu kommen. Und richtig ungerecht wird es in diesem Land doch erst bei einem vorzeitigen Krankheitsfall oder beim Renteneintritt. Da schlittert man dann schon automatisch direkt in die Armutsfalle, auch wenn man zuvor viele Jahrzehnte durchgängig geschuftet hat. Die aktuelle Rentergeneration hat es noch relativ gut, auch wenn Österreicher sich über die deutsche Rente heute schon kaputtlachen, aber selbst damit ist bei einem Rentenniveau von 40 % dann bald endgültig Schluß, mit dem sich alle unter 40 Jährigen dann mal abfinden können. Und spätestens dann geht es uns auch nicht mehr gut.
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