Bewertung an der Börse: Arme Lufthansa

Von Christian Kirchner

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Lufthansa-Boeings: Nicht schlecht für einen angeblichen Kapitalvernichter

Am Aktienmarkt herrschen teils groteske Verhältnisse: Während multinationale Wachstumsfirmen teuer sind wie nie zuvor, wird die Lufthansa wie ein Pleitekandidat gehandelt. Zu Recht?

Aktien von Fluggesellschaften? Dazu hat Warren Buffett eine klare Meinung: Man hätte allen Kapitalisten der Welt einen Riesengefallen getan, "wenn man das Flugzeug der Gebrüder Wright im Jahr 1903 einfach abgeschossen hätte". Mit Fluggesellschaften verdiene man "null Komma nichts", tobte der Starinvestor 1999 im "Fortune Magazine". Und: "Nicht einmal Karl Marx hätte den Kapitalisten einen derartigen Schaden zufügen können wie die Wrights."

So weit, so schlecht. Und so begann auch ich, mir aus den Kursdaten der vergangenen Jahrzehnte die Bestätigung zu holen, dass selbst ein Papier wie die Lufthansa - die jüngst mit einem Chefwechsel und einer Großbestellung von Flugzeugen von sich reden machte - ein übler Kapitalvernichter sei.

Und staunte. Denn über die vergangenen 40 Jahre - hier setzt eine vernünftige Datenverfügbarkeit ein - erwirtschaftete man mit Lufthansa-Aktien inklusive Dividenden bis heute 7,3 Prozent pro Jahr. Über 30 Jahre waren es knapp fünf Prozent, über 20 sechs Prozent und über zehn immerhin etwas mehr als fünf Prozent pro Jahr. Für einen angeblichen Kapitalvernichter nicht schlecht. Und dennoch behandelt die Börse die Lufthansa derzeit wie einen Pleitekandidaten: Das Unternehmen ist an der Börse selbst inklusive aller Schulden weniger Wert als alleine die Flotte der Airline.

Klar: Die Lufthansa polarisiert seit jeher. Klar auch: Der Dax lief über jeden dieser Zeiträume besser. Und, klar: Die Aktie unterliegt irren Schwankungen, fluktuierte seit Ende der neunziger Jahre zwischen 8 und 28 Euro und kostet heute rund 14 Euro. Dennoch hat sich die Aktie angesichts der Zyklik des Geschäfts, der hohen Ölpreise und des beinharten Wettbewerbs wacker geschlagen.

Horror für Investoren

An sich sind Aktien von Fluggesellschaften tatsächlich der Horror für Investoren: Es gibt einen hohen Fixkostenblock aus Maschinen, Kerosin und Gehältern, kaum variable Kosten, aber unzählige Risiken für die stark variable Nachfrage: Epidemien, Streiks, Kriege, nicht zuletzt die Konjunktur.

Neben der branchentypischen Erklärung illustriert die Lufthansa-Aktie aber noch ein weiteres Phänomen, das sich derzeit an den Aktienmärkten so ausgeprägt zeigt wie zuletzt in den frühen siebziger Jahren: Für einigermaßen planbare Umsätze und Gewinne - noch abgeschmeckt mit einem bisschen Globalisierungsphantasie - sind Investoren bereit, historisch enorm hohe Bewertungen zu akzeptieren. Das gilt etwa für Nahrungsmittelkonzerne wie Nestlé Chart zeigen, Tabakkonzerne wie British American Tobacco Chart zeigen, Konsumgüterhersteller wie Henkel Chart zeigen und die großen Luxusgüteraktien LVMH Chart zeigen, Richemont Chart zeigen oder Hermès. Die Kurse dieser Firmen klettern seit Jahren schneller als die Gewinne.

Am anderen Ende der Bewertungsskala sind entweder stark verschuldete Konzerne wie Versorger, die europaweit auch nur knapp über ihrem Buchwert gehandelt werden. Oder jene Titel, denen man aus Angst vor konjunkturellen Einbrüchen oder der Wettbewerbssituation wenig bis nichts zutraut.

Oder, im Falle der Lufthansa: weniger als nichts. "Also, wenn's nur nach den Zahlen ginge, müssten wir den Flugbetrieb sofort einstellen, die Flugzeuge verkaufen und den Aktionären das Geld zurückzahlen", gab ein mit dem Controlling betrauter Lufthansa-Mitarbeiter kürzlich zum Besten.

Und tatsächlich offenbart ein Blick in die Lufthansa-Bilanz, dass alleine die Flugzeuge und Motoren derzeit knapp zwölf Milliarden Euro wert sind. Zieht man die Nettoverbindlichkeiten und Pensionslasten ab, landet man bei rund acht Milliarden Euro. An der Börse gibt es die ganze Lufthansa aber für gerade einmal 6,5 Milliarden Euro.

Nun ist eine solche Notiz unter Buchwert an sich weder bei der Lufthansa noch bei Aktien insgesamt ein rares Kuriosum. Es ist für sich genommen auch kein Kaufargument, denn zyklische Titel werden oft optisch billig bewertet. Und wichtiger noch: Buchwerte können sich quasi über Nacht in Luft auflösen, weil sich Vermögensgegenstände wie eine Boeing 747 im Hangar, errichtete Fabriken oder gar ganze übernommene Firmen als doch nicht so werthaltig wie bilanziert erweisen.

Bemerkenswert ist der Fall indes deshalb, weil an der Börse hervorragende Stimmung herrscht, der Dax knapp unter einem Rekordhoch manövriert und es keinerlei Indikationen für einen Zusammenbruch der Konjunktur gibt. Denn solche Einbrüche waren es üblicherweise, die dafür sorgten, dass die Lufthansa-Aktie an der Börse unterhalb ihrer Substanz gehandelt wird.

Bleischwerer Pessimismus

Das Börsenphänomen fußt vor allem auf einer Wachstumsgläubigkeit auf der einen und der Abneigung von Investoren gegenüber allem Zyklischen auf der anderen Seite: So brachten etwa die Aktien europäischer Unternehmen mit hoher Gewinndynamik - der Indexanbieter MSCI führt sie im Index "MSCI Europe Growth" - Investoren über drei Jahre 7,9 Prozent pro Jahr und über zehn Jahre 5,0 Prozent Rendite pro Jahr ein. Für Unternehmen mit einem im Verhältnis zum Börsenwert hohen Buchwert und hohen Dividendenrenditen - zusammengefasst im MSCI Europe Value-Index - lagen die Renditen jeweils um zwei Drittel niedriger. Das sind Welten auf lange Sicht.

Was heißt das nun für Anleger? Natürlich bräuchte man eine Glaskugel, um zu wissen, ob die Lufthansa-Aktie nun ein Kauf ist angesichts ihrer sehr niedrigen Bewertung - oder ob sie vom nächsten konjunkturellen Sturm hinweggerafft wird wie Hunderte Fluggesellschaften vor ihr. Auch ist es denkbar, dass die Lufthansa noch einige Jahre so billig bleibt, während die Wachstumswerte wie Nestlé, LVMH und Co. munter weiterklettern. In jedem Fall ist der Kurs der Lufthansa-Aktie - stellvertretend für viele andere zyklische Werte auch - im Lichte langfristiger Entwicklungen von einem bleischweren Pessimismus belastet, während der Optimismus für multinationale Wachstumstitel stark ausgeprägt ist.

Investor Buffett dürfte die Schere der Bewertungen indes egal sein. Ende der achtziger Jahre brach er mit seinen eigenen Vorsätzen und versenkte mehrere hundert Millionen Dollar mit Aktien von US Airways. Wenige Jahre später bohrte ein Student in der Wunde und wollte wissen, wieso er denn seinerzeit dann doch bei einer Airline eingestiegen sei?

Buffett bezeichnete den Kauf als "Anfall des Wahnsinns". Er habe sich eigens eine gebührenfreie 0800er-Nummer einrichten lassen, die er anrufe, wenn es ihn jucke, Aktien einer Fluggesellschaft zu kaufen. "Ich rufe dann an und sage: 'Hi, ich bin Warren, und ich bin Air-Coholic' - und sie reden mir dann das Investment aus."

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1. Buffet
Liberalitärer 29.09.2013
Zitat von sysopAm Aktienmarkt herrschen teils groteske Verhältnisse: Während multinationale Wachstumsfirmen teuer sind wie nie zuvor, wird die Lufthansa wie ein Pleitekandidat gehandelt. Zu recht? Lufthansa: Aktien von Fluggesellschaften werden schlecht bewertet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/lufthansa-aktien-von-fluggesellschaften-werden-schlecht-bewertet-a-924268.html)
Buffet hat leider recht, die Fluglinienaktien hängen direkt am Ölpreis. Dazu dann noch ein Vulkanausbruch, Terroranschlag oder Absturz und es ist vorbei. Außerdem ist der Markt vergiftet, weil die Staatslinien alle Verluste auf Teufel komm raus machen dürfen. Für z.B. die Emirate ist doch die Fluglinie ein Prestigeunternehmen.
2. Ist das so?
hador2 29.09.2013
Zitat von SPONDas Unternehmen ist an der Börse selbst inklusive aller Schulden weniger Wert als alleine die Flotte der Airline.
Laut Finanzen.net ist das aktuelle Kurs-Buchwert Verhältnis der Lufthansa Aktie 1,32. Mithin ist das Unternehmen an der Börse also 1,32 mal soviel wert wie die Werte, die in den Büchern der Lufthansa stehen. Rein von diesem Wert kann man also sicher nicht sagen, dass die Lufthansa unterbewertet oder gar als Pleitekandidat gehandelt würde. Und auch wenn man aufs KGV schaut, dann ist die Aktie mit 13,2 angesichts der Gewinnerwartungen im Moment nicht so schlecht bewertet, wie es der Artikel darstellt.
3.
mamuschkaone 29.09.2013
ich weiß nicht, wie die situation bei anderen großen airlines aussieht. ABER jeder der in letzter zeit mit der lufthansa abseits der prestige-strecken geflogen ist, kann das nachvollziehen. 12,3 jahre ist das durchschnittsalter der flotte, und das sieht man, weil die lufthansa scheinbar nicht bereit ist geld zu investieren um die älteren maschienen im innenraum zu modernisieren. vergilbte innenräume, aus zeiten wo man noch in flugzeugen rauchen durfte, sind da keine seltenheit.(!!!!!) der service ist schlecht bis unterirdisch, die preise hoch. Ich würde jedenfalls auch keinen Cent auf diese Fluggesellschaft wetten, sieh zehrt nur von ihrem guten Image der letzten Jahrzehnte und profitiert davon, dass sie auf innerdeutschen Flügen mittlerweile fast ein monopol hat, weil airberlin so kräftig abgebaut hat
4. Schwachsinn
glgg 29.09.2013
Im Artikel werden LH Mitbewerber wie Emirates, Turkish Airlines und Ryanair nicht analysiert. An der Börse werden Zukunftschancen gehandelt, nicht Vergangenheitswerte.
5. Die Parallelwelt der Finanzplätze
Alias_aka_InCognito 29.09.2013
Viele Werte an den Finanzmärkten ergeben keinen Sinn. Eine Firma wie Facebook oder Apple kann doch nicht teurer sein als EADS, Siemens, Daimler oder VW. Die Trader, insbesondere Daytrader und Hochfrequenzhändler, wollen einen hochfluiden Markt mit ständigen Bewegungen der Werte, aus dem sie Gewinne schöpfen können. Auch mit Bewegungen nach unten und Abstürze ganzer Indizes können Gewinne generiert werden. Die Trader sehen sich die Nachrichten, Werte und Parameter am Anfang eines Tages an und entscheiden dann intuitiv und anhand ihrer Erfahrung, wohin sich die Werte einiger Unternehmen bewegen werden. Die Trader sind selbst ein Element der Herde und müssen sich selbst bewegen und gleichzeitig muss diese Bewegung auch mit der Bewegung der ganzen Herde kohärent sein. Von daher sind die Finanzplätze in erster Linie hochgradig selbstreferenziell und nur bedingt mit der Realwirtschaft gekoppelt. Die Börsen warten auf unterschiedlich starke und eindeutige Stimulussignale von der Realwirtschaft, die die Bewegung der Börse maßgeblich bestimmen. Wenn beispielweise ein Unternehmen ein striktes Sparprogramm mit einem Stellenabbau ankündigt, dann heißt für alle Trader, der Kurs steigt stark monoton. Wenn ein Unternehmen wie Facebook an die Börse geht, entscheiden die Investmentbanker, dass dieses Unternehmen von Wert her an z.B. an ein Großkonzern mit 100.000 Mitarbeitern anzusiedeln ist, weil das ihren eigenen Gewinn steigert, wenn die Aktie dann extrem nachgefragt wird und man beim Absturz auch noch kräftig mitverdient. Die Investmentbanker haben einen fast unmöglich lösbare Aufgabe, an so einem CASINO Geld zu verdienen: - sie müssen kohärent zum Markt handeln nach den bestehenden Verhaltensmustern - sie müssen auch gegen den Markt wetten, wenn sie richtig viel Geld auf einmal gewinnen wollen - sie müssen wissen, wie ihre Kollegen ticken und wie alle handeln werden und wie sie auf welche Situation handeln werden Die Widersprüchlichkeit dabei ist, wenn alle gleich handeln, gewinnt keiner was dabei und es ist ein Nullsummenspiel. Wenn aber jemand ausschert, dann muss er genau wissen, was er tut, sonst verliert er garantiert. Die Lösung kann nur sein, wie bei Profipokerrunden Kleinanleger, die nicht wissen was sie tuen, abzuzocken. Beim Profipoker werden diese dann Fische genannt und die Profis Haie. Die Börse ist mehr Spiel als ernsthafte, ökonomisch rationale Wirtschaft. Um auf die Lufthanse zurückzukommen, wieso diese Aktie an der Börse unbeliebt ist, muss man sagen, dass diese halt eben keine großen Sprünge macht. Die Zahlen dieser Unternehmen schwanken nicht stark genug nach oben und auch nicht nach unten und ihre Gewinne pro Passagier sind knapp kalkuliert, aber beständig. Dazu gibt es hohe Konkurrenz. Die Investmentbanker wissen jetzt einfach nicht, welche Reflexe und Verhaltensweisen die richtigen sind und müssten stattdessen einen hohen Aufwand an Analyse und Modellberechnungen betreiben. Für den schnellen Gewinn ist das aber nicht tauglich, daher sagt man einfach, dass sie für den Handel unattraktiv sind.
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Zum Autor
  • Maxim Sergienko
    Christian Kirchner, Jahrgang 1975; Studium der Politologie und Germanistik an der Uni Mannheim, anschließend Volontariat an der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten. Von 2003 bis 2008 Finanzredakteur beim "Handelsblatt" und Geschäftsführender Redakteur von "New Investor" in Düsseldorf, von 2008 bis 2010 leitender Redakteur und von 2011 bis 2013 stellvertretender Ressortleiter Finanzen der Gruner+Jahr-Wirtschaftsmedien in Frankfurt am Main.

    In seiner Kolumne "Anlegemanöver" hinterfragt Kirchner für SPIEGEL ONLINE die typischen Anlagefloskeln und nimmt neue Produkte und Kampagnen der Finanzdienstleister unter die Lupe.

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