Lufthansa: Entschuldigung, mit wem fliege ich hier eigentlich?

Von Tom König

Lufthansa-Logo: Gerupfter Kranich Zur Großansicht
REUTERS

Lufthansa-Logo: Gerupfter Kranich

Häufige Verspätungen, verpeiltes Personal, unklare Zuständigkeiten - früher waren das unverkennbare Merkmale der Deutschen Bahn. Inzwischen charakterisieren sie ein anderes Verkehrsunternehmen viel besser.

Die Schlange vor dem Schalter ist nicht besonders lang. Dennoch warte ich bereits seit 20 Minuten. Warum? Weil sowohl der Economy- als auch der Business-Schalter der Lufthansa von ein und derselben Dame bemannt werden. Jedes Mal, wenn ein Vielflieger auftaucht, steht sie auf. "Sorry, den muss ich zuerst."

Als ich mein Gepäck endlich aufgeben darf, bemerke ich, dass die Dame eine Uniform von Germanwings trägt, obwohl dies ein knallgelber Lufthansaschalter ist. Mit wem fliege ich hier eigentlich? Egal, Hauptsache er oder sie bringt mich nach Hause.

Ich haste zum Gate. Dort sehe ich, dass ich mich nicht hätte beeilen müssen. Das Boarding für LH 1985 von Köln nach München hat noch nicht begonnen, obwohl es schon Zeit wäre. Deshalb suche ich nach etwas zu lesen. Aber es ist Sonntagvormittag, und es hat sich offenbar noch niemand bemüht, Zeitungen auszulegen.

Blinder Passagier, blindes Personal

Dann vielleicht einen Pappbecher mit Automatenkaffee? Gab es bei der Lufthansa früher. Am Kölner Terminal 1 gibt es jedoch nur Beton und eine trostlose Sitzecke. Wie ich später herausfinden werde, offeriert die Airline Getränke ausschließlich in Frankfurt und München. Wer anderswo startet, muss sich ein Getränk einpacken.

Wir steigen ein. Der Flieger ist überbucht, weil der darauffolgende Flug gecancelt wurde. Nachdem ich Platz genommen habe, passiert erst einmal nichts. Irgendwann beginnt eine nervöse Stewardess, den Gang auf- und abzulaufen, mit einem Handzähler, der vernehmlich klickt.

"Guten Morgen, hier spricht Ihr Kapitän. Wir haben eine Person zu viel an Bord. Wir können erst starten, wenn dieser Passagier ausgestiegen ist."

Unruhe macht sich breit. Ich muss lachen.

"Was ist?", fragt mein Nachbar.

"Ich hatte vor einigen Wochen schon so einen überbuchten Flug, auch in Köln. Da hat es eine Viertelstunde gedauert, bis sie den Typen gefunden hatten", sage ich.

Diesmal dauert es deutlich länger. Die Stewardessen rennen ratlos hin und her, mit Papierausdrucken in der Hand. Sie fragen einzelne Leute, wie sie heißen, lassen sich Tickets zeigen. Das Ganze folgt keiner erkennbaren Systematik. Inzwischen haben wir fast eine Stunde Verspätung.

Mir fällt auf, dass die Stewardessen keine blau-gelben Uniformen tragen. Es handelt sich jedoch auch nicht um die brombeerfarbenen von Germanwings. Mit wem fliege ich hier eigentlich? Mein Blick fällt auf die Safetycard in der Sitztasche. Darauf steht: Augsburg Airways.

Irgendwann erklärt der Kapitän, wir könnten starten. Aussteigen musste niemand. Der angesäuerte Kapitän weist darauf hin, dass da ein Fehler passiert sei. Den habe, darauf legt er Wert, das Bodenpersonal zu verantworten.

Mit über einer Stunde Verspätung landen wir.

Die Plätze gewechselt

Einige Wochen später muss ich nach Frankfurt. Ich nehme den Zug. Das Ticket buche ich mit meiner neuen Bahncard-Kreditkarte. Anders als bei der Lufthansa-Kreditkarte muss ich für die Kreditkartenbuchung diesmal keine Extragebühr zahlen. Außerdem kann ich meine Bahn-Bonuspunkte für ein Upgrade in die erste Klasse nutzen.

Das geht bei Miles & More theoretisch auch, nach mehreren Entwertungen und Prämienverteuerungen haben die Kranichpunkte inzwischen jedoch eine ähnliche Kaufkraft wie das südsudanesische Pfund. Das Bahnbonus-System hingegen ist der Schweizer Franken unter den Loyalty-Programmen. Mehrfach im Jahr kann ich es mir leisten, von der zweiten in die erste Klasse umzusteigen.

Die Anzeigetafel im Münchner Hauptbahnhof sagt, mein Zug werde pünktlich sein. Weil ich noch Zeit habe, besuche ich die Bahn-Lounge, dank Upgrade den separaten Erste-Klasse-Bereich. Kaum habe ich mich hingesetzt, fragt mich eine Kellnerin, ob ich etwas trinken möchte.

"Einen schwarzen Tee, bitte."

Kurz darauf bringt man mir ein ganzes Teeservice: Porzellankännchen, Designertasse, Ablage für den Teefilter, Milch, Zitrone, brauner Kandis. So etwas gibt es bei der Lufthansa höchstens in der Senatorenlounge.

Als ich etwas später in einem sehr bequemen Ledersessel gen Frankfurt rase, dämmert es mir: Jahrelang habe ich mich über die Bahn aufgeregt. Aber zumindest in seinen guten Momenten bekommt der Staatskonzern inzwischen ein Serviceerlebnis hin, das um Längen besser ist als das, was die Lufthansa abliefert.

Häufige Verspätungen, verpeiltes Personal, unpersönlicher Service, unklare Zuständigkeiten - früher waren das unverkennbare Merkmale der Deutschen Bahn. Nun charakterisieren sie die Lufthansa viel besser - oder vielmehr jene Unternehmen, denen man sich tatsächlich anvertraut, wenn man glaubt, einen Lufthansa-Flug gebucht zu haben.

Hatten auch Sie ein besonderes Serviceerlebnis? Dann schreiben Sie an warteschleife@spiegel.de.

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    Seite 1    
1. interessant, aber kann ich nicht ganz bestätigen...
fschupp 18.10.2013
Als Berufspendler zwischen München, Düsseldorf und Frankfurt kann ich zwar bestätigen dass auch die Lufthansa mal zu spät kommt, oder gar ein Flug gestrichen wird. Die Systematik, mit der ICEs zwischen München und Düsseldorf gar nicht verkehren, oder was passiert wenn der geplante Anschluss nicht erreicht wird, das ist aber bei Bahn und Luftansa/airberlin nicht vergleichbar. Jeder der um 22:30 am Gleis vergeblich gewartet hat, und sich dann einen "Schienenersatzverkehr" organisieren musste, weiss wovon ich spreche. Auch ist es nicht ganz fair eine Fahrt erster Klasse mit einem Discount-Ticket zu vergleichen. Business-Class Passagiere bekommen an allen Deutschen Flughäfen Kaffee und was zu essen. Was mir allerdings bei der Bahn am häufigsten passiert ist dass der ICE nur halb so lang ist, oder der Wagen fehlt in dem man eine Reservierung hat. Zwei Stunden stehend vor dem Klo machen dann definitiv keine Lust auf weitere Bahnfahrten....
2. Ach ja, die gute alte Lufthansa...
dolfi 18.10.2013
Das waren noch Zeiten, als man für 1200.- Mark von München nach Hamburg geflogen ist, einen kostenlosen Kaffee und bequeme Sitzgelegenheiten im Wartebereich hatte, mit 3 Zeitungen dicke bepackt, ein nettes Frühstück auf dem Tablett und mit einer ausgesprochen hübschen Stewardess geflirtet hat. Tempi passati. Heut kostet der Flug aber halt nur 125 Euro. Dafür kann man dann aber auch keine Schmankerln von Supermodels erwarten sondern bekommt das, was man halt so vom Aldi gewohnt ist. Normierte Standardware. Good enough eben.
3. leider leider.
whiskeymixxer 18.10.2013
Ja was einst der Stolz der deutschen Luftfahrtbranche ist ganz schön abgestiegen. Was die alles "Partner" nennen ist wirklich peinlich aber im zeitalter von Ryanair und anderen erfolgreichen Billigflugairlines im Kurzstreckenbereich musste das alles vermutlich passieren. Allerdings ist Köln ja auch ein echter Provinzflughafen, was den Passagierteil betrifft.
4. Die Lufthansa hat reihenweise ...
flaps25 18.10.2013
... kleine Zubringer-Airlines kaputt gemacht und auch über allen anderen schwebt ständig die Angst vor dem Ende. Der Konzern geht schäbig hoch drei mit allen Mitarbeitern dieser Fluggesellschaften um und die Stimmung ist dort zu Recht im Keller. Germanwings ist okay, nicht okay ist aber, dass die Lufthansa nur noch ab ihren Hubs FRA und MUC selber Kont-Flüge anbietet und die Kunden ansonsten auf Germanwings umbucht. Die sind völlig okay, aber wer einen LH-Flug bucht und bezahlt will nicht bei einem No-frills-Anbieter einsteigen, der die Gäste folgerichtig nur transportiert, ohne nennenswerten Service. Fliegt man tatsächlich mit der Lufthansa, trifft man auf durchweg arrogantes und "typisch deutsch" unfreundliches Personal. Hochnäsig im Cockpit, selbstgefällig in der Kabine.
5. augsburg airways
dinglberry 18.10.2013
hat seit dieser woche keinen Vertrag mehr mit der LH. Passiert uns also so schnell nicht wieder
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