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Luxusimmobilien in New York: Manhattan wird zur Geisterstadt

Von , New York

Die Millionärspaläste in New York werden immer teurer - und immer öfter kaufen sich ausländische Finanziers in die Luxuswolkenkratzer ein. Jedes dritte Apartment steht mindestens zehn Monate im Jahr leer.

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Die Wendeltreppe kam durch die Luft geflogen. Ein Kran hievte sie an der Fassade hoch und durch die offene Fensterfront, 165 Meter über der First Avenue. Bauarbeiter montierten das 4,5-Tonnen-Stahlskelett in den Betonboden des zweistöckigen Penthouses.

"Kein Aufwand zu schade", lacht Jaclyn Anderson. Die Marketingfrau blickt vom oberen Treppenabsatz hinunter ins Wohnzimmer. Besser gesagt in einen Flügel des Wohnzimmers, das sich über die gesamte 42. und 43. Etage erstreckt, mit weitem Blick über Manhattan und den East River.

Noch ist es im Rohbau, das Apartment auf der Spitze dieses neuen New Yorker Protzturms. Überall stehen Leitern, Kisten und Werkzeuge herum, das Parkett ist mit Packpapier geschützt. Der Swimmingpool auf der Terrasse, auf Dachhöhe mit der Uno-Zentrale gegenüber, wartet aufs Chlorwasser.

50 United Nations Plaza: Die Vorzeigeadresse der Prestige-Immobilie ist auch ihr Programm. "Die ultimative globale Anschrift", "das fantastischste aller Eigenheime", so verheißt der schwere Bildband voller Hochglanzfotos, der Kaufwilligen überreicht wird: "Genießen Sie ein außerordentliches Maß an Privatsphäre, Sicherheit und Ruhe."

50 United Nations Plaza, auch 50UNP genannt: Die Krise ist zumindest für die Reichsten vorbei. Nur 20 der 88 Wohnungen sind noch zu haben.

Blick aus 50UNP auf das Hochhaus der Vereinten Nationen und den East River

Man muss sagen: Es gibt schlechtere Blicke auf City, Chrysler- und Empire-State-Building.

Auf der Dachterrasse wurde ein Pool konstruiert, nun fehlen nur noch das Wasser und die Bewohner.

Die Quadratmeterpreise sind absurd hoch, in den neuen Prunktürmen kaufen sich auch vor allem Millionäre aus Übersee ein.

Badewanne mit Aussicht - auch im 50UNP ist das eine Selbstverständlichkeit.

Viele der Millionärsrefugien in Manhattan sind nur wenige Wochen im Jahr bewohnt. Die Schicksal droht auch 50UNP.

Jedes dritte Apartment in Midtown, so besagen Unterlagen der US-Volkszählungsbehörde, steht mindestens zehn Monate im Jahr leer.

Auch ein Schlafzimmer mit Aussicht darf nicht fehlen.

Die Lage von 50UNP, fußläufig zu den Vereinten Nationen, sorgt für eine erlesene Klientel: Staatschefs, Botschafter, Jetsetter.

Klar, dass diese neuen Bewohner auch gewisse Bedürfnisse haben.

Der eine halbe Milliarde Dollar teure Tower, entworfen vom britischen Stararchitekten Norman Foster, ist nicht die höchste der emporwachsenden Luxusburgen. Doch seine besondere Lage, fußläufig zu den Vereinten Nationen, sorgt eben auch für eine besondere Klientel: Staatschefs, Botschafter, globale Jetsetter.

50UNP, so das Branchenkürzel, ist ein Mikrokosmos des New Yorker Immobilienmarkts. Denn der wird immer mehr zur exklusiven Spielwiese für ausländische Milliardäre, die ihr Geld lieber in den USA parken als in ihren Mutterländern, fern der heimischen Sorgen - ein "Club der globalen Plutokraten" ("New Yorker"), zu dem normalsterbliche Amerikaner keinen Zutritt haben.

"Unsere Zielgruppe ist international", sagt Anderson. Gut die Hälfte der Kaufinteressenten sollen aus Übersee stammen. Etwa das Emirat Katar, das sich allein vier Wohnungen gönnte und angeblich noch weitere 250 Millionen Dollar in den Luxusmarkt Manhattan investieren will.

Das vergleichsweise bescheidene 50UNP-Apartment 18B dagegen (279 Quadratmeter, drei Schlafzimmer) ging ans britische Königshaus, zum stark reduzierten Freundschaftspreis von 7,9 Millionen Dollar - ein später Dank wohl, 25 Jahre nachdem die Queen Norman Foster zum Ritter schlug.

Die superreichen Investoren schätzen vor allem Diskretion. Der bewachte Eingang von 50UNP. Die heckengeschützte Limousinen-Vorfahrt. Das Foyer mit Marmorboden, Walnusswänden und Wasserfall. Dessen Rauschen soll hochsensible Diplomatengespräche in den Sitzgruppen übertönen: "Akustische Intimsphäre", nennt Anderson das.

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LUFTSCHLOSS DES MAMMONS

Entwickelt wurde der Skyscraper von den Brüdern Arthur und William Zeckendorf, Erben einer prominenten New Yorker Immobiliendynastie. Ihrem Großvater gehörte das Land, auf dem einst der Uno-Komplex entstand; ihre Mutter war die Tochter des ersten Uno-Generalsekretärs.

Ihr Geschäftspartner, der israelische Magnat Eyal Ofer, leitet ein Reederei- und Investment-Imperium in Monaco. Er griff ihnen schon bei 15 Central Park West unter die Arme, einem der letzten Megabauten für Wall-Street-Milliardäre, die noch kurz vor der Finanzkrise fertig wurden.

50UNP zeigt, dass diese Krise zumindest für die Reichsten längst vorbei ist. Nur 20 der 88 Wohnungen sind noch zu haben. Darunter eben auch das 900-Quadratmeter-Penthouse: Für 70 Millionen Dollar bietet es elf Zimmer, zwei Terrassen, einen offenen Kamin, zwei Dienstbotenwohnungen sowie "filmreife Ausblicke über die Skyline".

Diese Skyline ändert sich ständig in einer Metropole, deren gesamter Immobilienwert dank der polyglotten Investoren jetzt erstmals die Eine-Billion-Dollar-Grenze geknackt hat.

"Viagra-Türme" werden die neuen Wolkenkratzer genannt: 520 Park Avenue (238 Meter), 220 Central Park South (290 Meter), One57 (306 Meter), 53W53 (320 Meter), 111 West 57th Street (438 Meter), 432 Park Avenue (426 Meter), One Vanderbilt (461 Meter) und der Central Park Tower (472 Meter), der ab 2019 das höchste Wohnhaus der Welt werden soll.

Skyline von Manhattan: spektakulär, aber seelenlos

111 West 57th Street: Der 438 Meter hohe Supertower ist noch im Bau, ab 2017 soll er lange Schatten über den Central Park werfen.

One Vanderbilt: Dieser Turm entsteht direkt neben der historischen Grand Central Station. Nach langem Hin und Her soll er nun fast 500 Meter hoch werden.

One57: Dieser Wolkenkratzer wurde 2014 als erster der neuen Generation an der 57th Street fertig. Sein Penthouse ging für 100,5 Millionen Dollar an eine mysteriöse Strohfirma.

One57: Ein weiteres Penthouse - die "Mona Lisa aller Apartments" - kaufte sich der Hedgefonds-Milliardär Bill Ackman für 91,5 Millionen Dollar: "Ich fand es lustig."

53W53: Dieses kontroverse Glasmonstrum entsteht neben dem Museum of Modern Art (MoMA), entworfen wurde es vom französischen Architekten Jean Nouvel.

432 Park Avenue: Das derzeit höchste Wohnhaus der Welt ist "das Gebäude des 21. Jahrhunderts", so prahlte jedenfalls der Bauherr Harry Macklowe in der "New York Times".

One Madison Park (rechts): Aus der Feder des Architekten Rem Koolhaas wurde dieser schmale Turm 2006 begonnen, blieb aber während der Kreditkrise unvollendet und leer.

One York Street: Das Luxushaus in Tribeca wurde bis nach China vermarktet, das Penthouse ging für fast 24 Milionen Dollar an einen anonymen "Finanzier von außerhalb".

Auch die Preisrekorde werden beinahe im Monatstakt geknackt. Der aktuelle liegt bei 139 Millionen Dollar: So viel kostet das Penthouse von 520 Park Avenue - obwohl das bisher nur als Modell und Computerzeichnung existiert. Der 54-stöckige Kalksteintempel, ebenfalls ein Zeckendorf-Projekt, ist ein Luftschloss des Mammons: Das billigste Apartment kostet 17 Millionen Dollar, das Penthouse misst 1152 Quadratmeter, die zwei Terrassen eingerechnet.

Auch hier klopfen solvente Interessenten aus Übersee an. "Wir sehen mehr Käufer aus China als je zuvor", sagte William Zeckendorf kürzlich dem TV-Wirtschaftssender CNBC. Die fernöstlichen Kunden müssen vorerst mit einem lebensgroßen Modell des Penthouses vorliebnehmen, das in einem Bürohaus um die Ecke aufgebaut ist.

"Sehr edel", sagt Verkaufsdirektor Louis Buckworth, der "eine Fülle internationaler Käufer" betreut, als er durch die akribisch-pompöse Kulisse führt, umflort von klassischer Musik. "Wie ein Privatclub."

LIEBESGRÜSSE AUS PEKING

Privater geht es kaum: Die meisten dieser ausländischen Investoren tarnen sich hinter US-Strohfirmen, die ihnen obendrein Steuern ersparen. "Sie bieten juristischen Schutz, wie er sonst nur Amerikanern zusteht", sagt der Immobilienanwalt Ed Mermelstein, der Klienten aus Übersee und vor allem aus Russland betreut. "Und einen gewissen Grad Anonymität."

Lange kam die Mehrheit dieser Investoren aus Russland. Doch die westlichen Wirtschaftssanktionen erschweren es Russen zusehends, ihre Rubel in US-Immobilien zu stecken. "Vor fünf Jahren war der Luxusmarkt noch von Osteuropa beherrscht", berichtet Mermelstein. "Jetzt zahlen viele Russen einen hohen Preis." Die Folge: Sie ziehen sich zurück.

In das Vakuum stoßen neuerdings Käufer aus Asien, vor allem China: Auch sie fliehen vor heimischen Krisen, haben aber, so Mermelstein, "weniger Skrupel, Ultraluxus in den USA aufzukaufen". Heute sind Chinesen die größte Einzelgruppe unter den US-Auslandsinvestoren.

New Yorks neue Skyline mit "Viagra"-Türmen
Corbis

New Yorks neue Skyline mit "Viagra"-Türmen

Skrupel darf man in diesem Geschäft sowieso nicht haben. Etwa beim zurzeit höchsten Apartment New Yorks auf der Spitze von 432 Park Avenue (767 Quadratmeter, sechs Schlafzimmer, sieben Bäder, Bibliothek): Das ging schon vor Fertigstellung für schlappe 95 Millionen Dollar weg, angeblich, so berichten Lokalmedien, an den saudischen Einzelhandelsmilliardär Fawaz al-Hokair.

Im Time Warner Center am Central Park, einem der allerersten global vermarkteten Glaspaläste, kosten die Apartments bis zu 75 Millionen Dollar. In dessen Eigentümerlisten fand die "New York Times" mehr als 200 Strohfirmen mit etlichen Hintermännern aus dem Ausland - vom russischen Oligarchen Vitaly Malkin über den griechischen Geschäftsmann Dimitrios Contominas bis zum indischen Industriellen Anil Agarwal. Zahlreiche haben daheim legale Probleme, weshalb sich eine Finanzflucht anbietet: "Mindestens 16", berichtete die "Times", "waren Gegenstand staatlicher Ermittlungen weltweit."

Aus diesem Grund hat sich nun auch das US-Finanzministerium eingeschaltet. Beginnend mit Manhattan und Miami, dem zweitgrößten US-Markt, will es die Strohfirmen ab sofort unter die Lupe nehmen: "Wir sorgen uns, dass schmutziges Geld in Luxusimmobilien fließt", hieß es aus Washington. Zugleich erhöht es die Steuer für Immobilieninvestoren aus dem Ausland ab Mitte Februar von 10 auf 15 Prozent.

So oder so, viele der Millionärsrefugien in Manhattan werden abends weiter dunkel bleiben - die Besitzer leben schließlich oft am anderen Ende der Welt. Jedes dritte Apartment in Midtown, so besagen Unterlagen der US-Volkszählungsbehörde, steht mindestens zehn Monate im Jahr leer.

Manhattan wird zur spektakulären, aber seelenlosen Geisterstadt.

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Marc Pitzke ist US-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in New York.

E-Mail: Marc_Pitzke@spiegel.de

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Quelle: http://skyscraperpage.com/diagrams/?searchID=206; Stand: Mai 2015

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insgesamt 90 Beiträge
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1.
stauner 31.01.2016
Oh! Hat hier jemand Blase gesagt? Thats Kapitalismus Babe! Wo der nicht geregelt wird, bilden sich Blasen. Das könnte man gesellschaftlich, staatlich steuern. Städteplanung heißt das.
2. Faszinierend
Klugsaurier 31.01.2016
" Canton Tower: Höhe bis zur Antennenspitze: 600m Höhe bis zum Dach: 654m "
3. Arme neue Welt...
eisbaerchen 31.01.2016
so sieht der Spätkapitalismus aus...einzige Hoffnung: die Preise verfallen eines Tages weil eine andere Stadt interessanter geworden ist...aber das trifft diesen Teil der Menschheit wahrscheinlich auf monetärer Ebene nicht wirklich...
4.
view3000 31.01.2016
Wer will schon nach New York, Detroit ist viel genialer.
5. Schön
Tante_Frieda 31.01.2016
Schön,die schicken neuen Millionärsrefugien in New York. Nur eines macht einen stutzig:Normalerweise bekommt die Presse keinen derart intimen Einblick in solche Gebäude.Könnte es sein,dass man den SPIEGEL einfach nur als Instrument benutzt,um auch noch die restlichen Wohnungen zu vermarkten,beispielsweise an finanziell potente Kundschaft aus Germany?
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