Hygienemängel bei Vinzenzmurr Alte Wurst und altes Geld

Mit der Großmetzgerei Vinzenzmurr verdient die Unternehmerfamilie Brandl Millionen. Weil Kontrolleure stinkendes Fleisch und Rattenkot fanden, hat der Traditionsbetrieb jetzt ein Imageproblem. Solche Ekelnachrichten dürften in Zukunft häufiger für Schlagzeilen sorgen.

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Hamburg - Diskretion ist eines der obersten Gebote der Unternehmerfamilie Brandl. Mit einem geschätzten Vermögen von 800 Millionen Euro schafft sie es im Reichste-Deutsche-Ranking des manager magazin auf Platz 137. Seniorchefin Evi Brandl und ihre beiden Söhne herrschen über ein Wurst- und Modeimperium. Sie führen in vierter Generation die Metzgereikette Vinzenzmurr und halten einen Großteil der Anteile an der Luxusmarke Etienne Aigner. Diese verkauft vor allem teure Lederwaren.

Den Einstieg bei Aigner im Jahr 1989 hielt die raffinierte Evi Brandl lange geheim und auch Geschäftszahlen der Metzgerei gibt die Familie kaum preis. Mit mehr als hundert Läden im Münchner Stadtgebiet und weiteren 170 Filialen in Bayern ist Vinzenzmurr die mit Abstand größte Metzgerei der bayerischen Landeshauptstadt. Das Unternehmen wurde 1902 von Evi Brandls Großvater gegründet.

Nun rückt der verschwiegene Clan durch eine unappetitliche Angelegenheit in den Fokus. Lebensmittelkontrolleure entdeckten bei einer Razzia bei Vinzenzmurr im März 2011 schwere Hygienemängel. In einem Gerichtsbeschluss ist von Rattenkot und grünlich verfärbter Leber die Rede. Um den Imageschaden zu begrenzen, sah sich die Geschäftsführung zu einer Stellungnahme gezwungen. "Wo viel Handarbeit geleistet wird, passieren trotz aller Kontrollen und Sorgfalt auch Fehler, die es unbedingt zu vermeiden gilt", heißt es darin.

Die Beanstandungen seien zwischenzeitlich vollständig aufgearbeitet worden. Das Qualitäts- und Hygienemanagement von Vinzenzmurr sei von den Behörden in allen rund 200 weiteren Kontrollen im Jahr 2012 als gut bewertet worden.

Zur Offenheit gezwungen

So reuig sich die Geschäftsleitung nun gibt - freiwillig kam die Offenheit nicht zustande. Zunächst wollte Vinzenzmurr die Vorwürfe vertuschen. Die Metzgerei versuchte auf juristischem Weg, der Stadt München eine Information der Öffentlichkeit zu untersagen, verlor den Rechtsstreit aber vor dem Verwaltungsgericht. Durch einen Umweg kamen die Details nach Recherchen der "Süddeutschen Zeitung" doch ans Licht - auf dem Internet-Portal der Bayerischen Staatsregierung findet sich ein Beschluss des Verwaltungsgerichtes, in dem die Funde teilweise beschrieben sind. Der Entscheid ist zwar anonymisiert, doch das Aktenzeichen hat Vinzenzmurr verraten.

Der Fall Vinzenzmurr zeigt, worauf sich Imbisse, Cafés, Restaurants und Lebensmittelhändler einstellen müssen, wenn die Behörden das neue Verbraucherinformationsgesetz (VIG) konsequent anwenden. Seit 1. September dieses Jahres müssen sie die Bürger darüber informieren, wenn bei einer Lebensmittelkontrolle derart schwerwiegende Hygienemängel entdeckt werden, dass ein Bußgeld von mindestens 350 Euro zu erwarten ist. Informieren heißt: Die Kontrollergebnisse müssen mitsamt dem Namen des Betriebs im Internet veröffentlicht werden und zwar innerhalb von wenigen Wochen.

Vinzenzmurr hatte sich darauf berufen, dass die Kontrolleure vor Inkrafttreten des neuen VIG vor Ort gewesen waren - und schafften es zumindest, die Veröffentlichung eineinhalb Jahre zu verzögern.

Während sich die Behörden früher in der Regel weigerten, die Namen von Ekelbetrieben zu veröffentlichen, aus Angst vor Schadensersatzklagen, sind sie jetzt dazu verpflichtet. Lebensmittelkontrolleure halten aber selbst das novellierte Gesetz für zu lasch: Seit Inkrafttreten des novellierten VIG seien nicht einmal eine Handvoll Betriebe aufgefallen.

Zweiter Großbetrieb aus Bayern

Für die Familie Brandl könnte der Imageschaden allerdings trotzdem Folgen haben. Vinzenzmurr ist auch auf dem Oktoberfest vertreten. Berichten zufolge würde das Unternehmen gerne mit einem größeren Zelt expandieren. Doch die Lizenzen sind begehrt - und die Stadt München achtet darauf, möglichst tadellose Betriebe auf der Wiesn zuzulassen.

Mit Vinzenzmurr gerät innerhalb weniger Monate bereits der zweite bayerische Lebensmittelgroßbetrieb in die Schlagzeilen. Im Februar wurden bei der Großbäckerei Müller-Brot Hygienemängel öffentlich. Der Fall hatte eine solche Dimension, dass die Behörden über Wochen die Produktion stoppten. Auch hier mauerte die Firma zunächst und nannte einen Schwelbrand als Ursache für die ruhende Fabrik. Erst Behörden machten die wahren Gründe öffentlich.

Für Müller-Brot wurde der Skandal existenzbedrohend. Das Unternehmen meldete Insolvenz an. Die Tochter des Gründers, Evi Müller, kaufte die Bäckerei zusammen mit dem Großbäcker Franz Höflinger zurück, um den Neuanfang zu versuchen.

So ernst ist die Lage bei Vinzenzmurr nicht. Doch die Kunden werden genau darauf achten, ob die Metzgerei ihren Slogan einhält: Qualität und Frische.

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insgesamt 83 Beiträge
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Seite 1
clausde 18.10.2012
1. Zur Klarstellung
Müller war schon lange nicht mehr in Familienbesitz. Der Rückkauf von Evi Müller ist mutig und die Familie hat nun wieder Einfluß auf die Qualität, die unter ihrem Namen verkauft wird. Wobei ich persönlich ein Fan der Waren des alten Bäckerhandwerks bin.
Aguilar 18.10.2012
2.
Zitat von sysopDPAMit der Großmetzgerei Vinzenzmurr verdient die Unternehmerfamilie Brandl Millionen. Weil Kontrolleure stinkendes Fleisch und Rattenkot fanden, hat der Traditionsbetrieb jetzt ein Imageproblem. Solche Ekelnachrichten dürften in Zukunft häufiger für Schlagzeilen sorgen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/maengel-bei-metzgerei-vinzenzmurr-zeigen-luecken-im-lebensmittelrecht-a-862100.html
U.a. bei Bäckereien und Metzgereien handelt es sich um etwas, das als ehrwürdiges Handwerk bezeichnet wurde. Wenn nunmehr gerade in einem familiengeführten Unternehmen derartiges passiert, was in den Berichten geschrieben wurde, stellt sich für mich die Frage, ob die Personen, denen die Betriebe gehören und die letztendlich von ihnen eingestellten Leiter einzelner Betriebsteile überhaupt noch einen Bezug zu ihrem Handwerkszeug haben. Ich für meinen Teil bezweifele das, so daß ich selbst kein Vertrauen in die Zusagen für die Zukunft hätte.
maikäfer 18.10.2012
3. Eh wurscht
Dem Konsumzombiekunden ist das bisschen Gammelfleisch hdoch eh wurscht. Etwas Würze und Hauptsache der Ranzen spannt.
bvoll 18.10.2012
4. Absolut Kundenverachtend!
---Zitat--- Um den Imageschaden zu begrenzen, sah sich die Geschäftsführung zu einer Stellungnahme gezwungen: "Wo viel Handarbeit geleistet wird, passieren trotz aller Kontrollen und Sorgfalt auch Fehler, die es unbedingt zu vermeiden gilt." ---Zitatende--- . Metzger, die noch "mit der Hand arbeiten", gucken bestimmt auch hin, was sie schneiden. Das gammelige Fleich ist bestimmt noch gut genug für deren "Wurstspezialitäten" oder die leckere Gyros-Pfanne. . Bon appetit!
wernerz 18.10.2012
5.
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