Massenleiden Burnout Wie Firmen ihre Spitzenkräfte verbrennen

Sie streben nach Perfektion - und scheitern an der Realität: Die Diagnose Burnout trifft vor allem ehrgeizige Leistungsträger. Wenn sie ausfallen, kostet das die Wirtschaft Milliarden. Dabei können simple Verbesserungen im Job den Trend stoppen.

Frust im Büro (Symbolbild): Wenn Perfektionismus in die Sackgasse führt
Corbis

Frust im Büro (Symbolbild): Wenn Perfektionismus in die Sackgasse führt

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Hamburg - Zunächst klingt es nach harmlosen Arzt-Fragen: Schwitzen Sie nachts stark? Stellen Sie eine unerklärliche Gewichtszunahme fest? Haben Sie Schwierigkeiten, sich Termine zu merken? Doch dann bekommt der Fragebogen im Wartezimmer von Doktor Alex Witasek eine intimere Note: Haben Sie ständig Angst, etwas nicht zu schaffen? Haben Sie Angst, Pausen zu machen? Haben Sie das Gefühl, alles selber machen zu müssen?

Wer all diese Fragen mit "Ja" beantwortet, für den könnte die Diagnose " Burnout-Syndrom" lauten - das Gefühl im Job ausgebrannt zu sein. Betroffene haben oft einen langen Leidensweg hinter sich, bis sie sich wirklich in gezielte Behandlung begeben, sagt der Mediziner Witasek.

Die Krankheit ist nicht nur für die Betroffenen ein Problem. Auch der volkswirtschaftliche Schaden durch psychische Belastungen am Arbeitsplatz ist enorm. Laut einer 2009 veröffentlichten Studie der Betriebskrankenkassen entstehen dadurch Kosten in Höhe von 6,3 Milliarden Euro. Etwa drei Milliarden Euro werden für die Behandlung fällig, den Schaden durch den Produktionsausfall beziffern Experten auf 3,3 Milliarden Euro.

Experten schätzen, dass etwa neun Millionen Menschen in Deutschland unter Burnout leiden. Die Dunkelziffer ist auch aufgrund der schwierigen Diagnose hoch, sagt die Gesundheitspsychologin und Beraterin Dagmar Siebecke. Die Symptome reichen von Magen-Darm-Problemen über Rückenschmerzen bis hin zu Tinnitus.

Eine Million Euro Schaden nach dem Burnout eines Mitarbeiters

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat errechnet, dass ein Burnout-Fall im Schnitt 30,4 Krankheitstage pro Jahr mit sich bringt. Dabei verursachen Ausfälle aber nicht die höchsten Kosten, sagt Siebecke. Größerer Schaden entstehe den Firmen dadurch, dass die Betroffenen nicht mehr produktiv sind. Amerikanische Forscher gehen davon aus, dass durch psychische Beschwerden bei einem Acht-Stunden-Arbeitstag im Schnitt etwa eineinhalb Stunden nicht produktiv genutzt werden. Das trifft Unternehmen umso härter, da Burnout meist Leistungsträger trifft, die sich selbst Perfektion abverlangen.

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Prominente Burnout-Fälle: Wenn Erfolg müde macht
Doch die Folgen können die Firmen auch viel direkter treffen. Als ein Mitarbeiter einer IT-Consulting-Firma infolge von Burnout ausgefallen sei, habe das Unternehmen den Schaden am Ende auf eine Million Euro beziffert, sagt Siebecke. Denn der Angestellte hatte einen wichtigen Kunden betreut, der nun absprang. Eine Behindertenpflegeeinrichtung habe Kosten in Höhe von 120.000 Euro errechnet, als ein Mitarbeiter ausfiel, berichtet die Burnout-Expertin weiter.

Der Gesundheitsreport 2010 der Betriebskrankenkassen (BKK) zeigt, dass 2009 jeder neunte Krankheitstag der BKK-Pflichtmitglieder mit einer psychischen Diagnose begründet wurde. Seit Beginn der neunziger Jahre hat sich demnach der Anteil der psychisch bedingten Ausfalltage verdreifacht.

Siebecke berät Firmen beim Gesundheitsmanagement, um psychischen Belastungen am Arbeitsplatz vorzubeugen. Denn für Burnout machen Experten schlechte Arbeitsbedingungen verantwortlich: Leistungsbereite Leute sehen sich mit knappen Ressourcen, unfähigen Vorgesetzten sowie wenig Wertschätzung und Lob konfrontiert. Es sei, als ob man einen Porsche auf einen holprigen Feldweg setze und ihn so lange fahren lasse, bis er völlig ramponiert sei, beschreibt Siebecke die Situation vieler Betroffener.

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Volkskrankheit Burnout: Wie Erschöpfung die Volkswirtschaft schwächt
Eine Studie mit Beschäftigten in der IT- und Medienbranche ergab, dass die Befragten weder lange Arbeitszeiten noch ständige Erreichbarkeit oder das parallele Arbeiten an mehreren Projekten automatisch als überfordernd sahen. Vielmehr monierten sie schlechte Organisation und Arbeitsbedingungen, die am Ende zermürbend sein können. Wenn dauerhaft eine Lücke zwischen eigenem Anspruch und Wirklichkeit klafft, kommt die Erschöpfung. Die Begeisterung ist weg, selbst ein hohes Gehalt kann dies nicht auffangen.

Klavier im Büro gegen den Frust

Zumindest die großen Unternehmen hätten aber erkannt, dass sie vorbeugen müssen, sagt Siebecke. Sie analysieren die Arbeitsbedingungen für ihre Leistungsträger und schulen ihr Führungspersonal.

Forscher der Bertelsmann-Stiftung und des Schweizer Instituts Sciencetransfer fanden in einer Langzeitstudie heraus, dass die Zahl der Burnout-Fälle in Unternehmen abnimmt, wenn Vorgesetzte ihre Mitarbeiter unterstützen. Etwa indem sie Tipps geben, auf Arbeitsentlastung achten, loben oder schlicht einfach mal zuhören.

Auch flexible Dienstzeiten sowie Sport- und Entspannungsangebote können helfen, Stress und Burnout-Symptome zu vermeiden, sagt Mediziner Witasek. Denn wer sich bewegt, der baue Anspannungen ab. Manchen seiner Patienten rät er auch dazu, ein Piano ins Büro zu holen und sich zwischendurch mal ein paar Minuten ans Klavier zu setzen. "Wer musiziert, denkt an nichts anderes", sagt der Arzt.

Abschalten können viele Menschen nicht mal mehr im Urlaub. Selbst dann suchen sie im Hotel nach einem Internetzugang, um Mails zu checken oder bei Facebook auf dem Laufenden zu bleiben. Und zum Einschlafen läuft der Fernseher. "Das ist eine Reizüberflutung, die sich gewaschen hat", sagt Witasek. Manchem seiner Patienten nimmt er während der stationären Behandlung daher zum Auftakt sofort das Handy ab.

Fühlen Sie sich ausgebrannt? Einen anerkannten Selbsttest finden Sie hier. Bitte bedenken Sie aber, dass es sich nur um einen kurzen Test handelt, der keine psychologische Untersuchung und Diagnose ersetzen kann

Forum - Macht uns die moderne Welt krank?
insgesamt 613 Beiträge
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Seite 1
Priest, 22.01.2011
1.
Zitat von sysopBeruflicher Stress, unendlicher Informationsfluss, intensive Kommunikation als soziales Muss: Die moderne Welt hat uns mit ihren Pflichten fest im Griff. Wer sich selbst nicht fest im Griff hat, läuft Gefahr, auszubrennen. Macht uns das moderne Leben auf Dauer krank?
Ja. Die Welt hat sich in den vergangenen 150 Jahren massiv verändert, von einer fast vorindustriellen Gesellschaft in der persönliche und familiäre Kontakte eine viel engere Verflechtung hatten zu einer teilweisen entfremdten, anonymen Informationsgesellschaft. Auch wenn sich viele anpassen können und damit leben, bleiben viele auf der Strecke. Vielleicht kann man dies als eine Art Evolution ansehen, während früher Individuen überlebten die bestimmte körperliche Merkmale und Stärke aufwiesen, "überleben" heute die die bestimmte psychische Merkmale aufweisen!?
Thomas Müntzer, 22.01.2011
2.
Zitat von sysopBeruflicher Stress, unendlicher Informationsfluss, intensive Kommunikation als soziales Muss: Die moderne Welt hat uns mit ihren Pflichten fest im Griff. Wer sich selbst nicht fest im Griff hat, läuft Gefahr, auszubrennen. Macht uns das moderne Leben auf Dauer krank?
Erich Fromm sagt das auch. http://www.youtube.com/watch?v=AAbKIvpALmg http://www.youtube.com/watch?v=Dt09hfllNc8&feature=related
Zorngewitter 22.01.2011
3. Produkt
Die Frage möchte ich mit "Ja!" beantworten. Wie schon erwähnt jedoch, wer sich sehr gut in Griff hat und ich sag mal so, keine zusätzliche Belastung aus dem privatem Leben, läuft nicht so die Gefahr. Ich spüre das an meinen eigenen Leib, Werbung, Konsum, mich als Kunde werben, Handys, Menschenmassen die nach mehr lechzen kombiniert mit einer gesunden Portion Beziehungsstress mit Unistress und Geldnöten lassen mein Hirn langsam kollabieren und ich hab das GEfühl das nicht zu packen und bin einfach nurnoch müde, träge und motivationslos. vs. Ein Arbeitskollege bei meinem Studentenjob, quasi ein Chef, verdient lächerliche 38€/Stunde netto. Hat Frau, Kinder, Haus, Auto.. Durch Gespräche weiß ich, dass er das Studium nie arbeiten musste. !!!Der Kerl sieht glücklich und entspannt aus!!! Ich komm für mich zu dem Schluss: Das moderne Leben macht einen krank, wenn man zusätzlich privat in der eigenen kleinen Welt auch nicht ganz zurecht kommt.
tzscheche, 22.01.2011
4. der moderne Mensch: ungluecklich gesund
Zitat von sysopBeruflicher Stress, unendlicher Informationsfluss, intensive Kommunikation als soziales Muss: Die moderne Welt hat uns mit ihren Pflichten fest im Griff. Wer sich selbst nicht fest im Griff hat, läuft Gefahr, auszubrennen. Macht uns das moderne Leben auf Dauer krank?
Die Antwort hierauf muss ambivalent ausfallen. Natuerlich macht uns der Fortschritt in Medizin und Pharmazie zunaechst gesunder. Die Lebenserwartung der Menschen weltweit ist seit Beginn der Moderne kontinuierlich angestiegen und wird auch in Zukunft weiter steigen. Die Menschen in den fruehindustralisierten Laendern die heute geboren werden, haben bereits eine [projizierte, d.h. zukuenftigen Fortschritt einbeziehende] mittlere Lebenserwartung von 100 Jahren; Wenn man den Begriff "krank machen" jedoch weiter fasst, muss man konstatieren, dass die Moderne den Menschen auch ungluecklicher gemacht hat: Die Entfremdung von empirischem Wissen und Weltverstaendnis, die Schwaechung tradierter Hierarchien und festgefuegter Familien- und Gesellschaftstrukturen, der Verlust der sinnstiftenden Heilskraft von Religion durch eine allzu radikale Saekularisierung, der Niedergang jeglicher symolischer Ordnung durch die zersetzenden Kraefte moderner Philosophie und Psychologie... All das hat auch neue Zivilisationskrankheiten entstehen lassen: Depression, Burnout, Borderline, Anorexie, Bulimie und nicht zuletzt die immer frueher einsetzenden Suchterkrankungen sind in ihrer signifikanten Zunahme in den letzten Jahrzehnten zumindest ein Indiz dafuer, dass uns die moderne Welt fuer den medizinisch-pharmazeutisch-technologischen Fortschritt, den sie permanent generiert, an anderer Stelle einen entsprechenden Lebens-Mehrwert wieder wegnimmt. tzscheche
pcpero 22.01.2011
5. Perspektive
"Uns": wer ist gemeint? Das Subjekt? Oder die Menschheit? Das Objekt "Moderne Welt" ist zu komplex in der Analogie. Jeder weiß zwar, was gemeint ist, und greift auch intuitiv das für ihn passendste Modell heraus- aber so lässt sich die Frage nicht zureichend objektiv beantworten. http://socio.ch/sim/on_simmel/t_girschik.htm Es läuft darauf hinaus, ob die Menschheit im Zuge der evolutionären Adaptation fähig ist, sich den von ihr selbst eingeleiteten Veränderungen anzupassen und den darauf basierenden crossover Wirkmechanismen. http://de.wikipedia.org/wiki/Satz_vom_zureichenden_Grund Das Individuum kann schon biochronologisch nicht adäquat re-agieren. Als Beispiel sei hier die Zunahme von psycho- und somatischen Erkrankungen angeführt, und als Beweis die krasse Zunahme von Suiziden nach dem Mauerfall bei denjenigen, die von Ost nach West migrierten.
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