Von Christian Teevs
Berlin - Die Verteidigung der Massentierhaltung nimmt manchmal groteske Züge an. So warnte Bauernpräsident Gerd Sonnleitner am Dienstag davor, beim Streit über den Antibiotika-Einsatz nur den Landwirten die Schuld zu geben. "Die Hälfte der Antibiotika, die bei Tieren eingesetzt werden, gehen in die Haustiere - Hund, Katze, Hamster. Eine Übertragung ist auch da möglich."
Den flächendeckenden Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft - laut einer Studie der nordrhein-westfälischen Landesregierung werden bis zu 96 Prozent der Masthähnchen damit behandelt - verteidigt der Bauernpräsident als ethische Notwendigkeit: Tiere, die krank seien, müssten therapiert werden, sagte Sonnleitner. "Alles andere wäre Tierquälerei."
Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner sieht das offenkundig anders. Die CSU-Politikerin legte am Dienstag einen Gesetzentwurf vor, mit dem sie den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung auf ein Minimum beschränken will. "Wir sehen hier Handlungsbedarf", sagte ihr Ministerialdirektor Bernhard Kühnle. "Sonst würden wir das Gesetz ja nicht ändern." Konkret soll sich der Umgang mit Antibiotika in der Tiermast in folgenden Punkten wandeln:
Zwar ist die Gefahr für Verbraucher gering, sofern sie die übliche Küchenhygiene beachten und das Fleisch ausreichend erhitzen. Doch die Keimbelastung an sich stellt nicht einmal der Zentralverband der Geflügelwirtschaft in Abrede. Man nehme das Thema außerordentlich ernst und wolle es nicht verharmlosen, sagte der Geschäftsführer Thomas Janning.
Die Studie des BUND bezeichnete er in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" allerdings als "nicht hilfreich". Sie sei "pure Angstmache" und verunsichere die Verbraucher. Zudem handele es sich nicht um eine repräsentative Studie.
Aigner nennt keine konkreten Ziele
Das allerdings haben die Umweltschützer auch nie behauptet. Reinhild Benning vom BUND sagt, die Regierung und die Fleischindustrie hätten das Problem jahrelang ignoriert. "Da war es unsere Pflicht, auf die Risiken hinzuweisen."
Die Pläne von Aigner begrüßt Benning als "Schritt in die richtige Richtung". Allerdings gebe es in dem Gesetzentwurf zu viele Schlupflöcher, die einen Wandel beim Umgang mit Antibiotika zu verhindern drohten. So fehle etwa ein konkretes Ziel, um wie viel die Behandlung mit dem Medikament reduziert werden soll - und bis wann. Der BUND fordert, den Verbrauch in der Landwirtschaft bis 2015 um 50 Prozent zu senken.
Auch die Geflügelwirtschaft selbst hat sich im Dezember verpflichtet, ihren Antibiotika-Einsatz zu verringern - allerdings in deutlich geringerem Maße, als vom BUND gewünscht. Die Betriebe wollen in den kommenden fünf Jahren 30 Prozent weniger Antibiotika einsetzen. Außerdem sollen die Kontrollen verschärft und Betriebe, die besonders viel Antibiotika einsetzen, bundesweit erfasst werden.
Noch weiter als der BUND geht der Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, Gerd Billen, in den "Ruhr Nachrichten": Er fordert von der Regierung einen Plan, innerhalb von zehn Jahren zu einer völlig antibiotikafreien Tiermast zu kommen. Lebensmittel müssten unabhängig vom Preis sicher sein, sagte Billen. "Es ist die Aufgabe der Hersteller, sichere Produkte zu liefern. Das machen sie offensichtlich nicht."
Mit Material von dpa und AFP
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