Promi-Fonds Wenn der Börsenguru Geld verliert

Ob "Krisenprophet" Max Otte oder "Mr. Dax" Dirk Müller: Mit ihren Fonds buhlen Börsengurus um das Geld der Anleger. Die Ergebnisse sind dabei teilweise katastrophal.

Max Otte in der ARD-Talkshow Anne Will.
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Max Otte in der ARD-Talkshow Anne Will.

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Max Otte steht auf der Bühne eines Saals des Berliner Veranstaltungszentrums Urania. Die Veranstaltung ist ausverkauft, rund 50 Gäste haben keine Tickets mehr bekommen und stehen hilflos vor dem Saal. "Heute vor zehn Jahren habe ich mein Buch 'Der Crash kommt' veröffentlicht", ruft Otte dem Publikum zu. "Dieses Jubiläum will ich mit Ihnen feiern."

Er ist gut drauf und verspricht, seine Gäste im Anschluss an seinen Vortrag auf ein Glas Sekt einzuladen. Die überwiegend älteren Gäste im Publikum klatschen. Dann spricht er über die zu hohe Staatsverschuldung und den Euro, der für ihn als Währung gescheitert ist.

In seinem Bestseller prognostizierte Otte im Jahre 2006 einen Finanz-Tsunami, ausgelöst durch US-Subprime-Papiere. "Als die Prognose dann eintraf, stieg meine Bekanntheit über Nacht", erzählt Otte nach der Veranstaltung in einem Hinterzimmer. Als "Krisenprophet" ist Otte mittlerweile ein gern gesehener Gast in TV-Talkshows, wo er in einfacher Sprache die Finanzwelt erklärt. In den vergangenen zehn Jahren hielt er nach eigenen Angaben nahezu tausend Vorträge und gab zwischen 300 und 400 Interviews.

"Ich war im prunkvollen Wiener Stadtpalais, im Konferenzzentrum unter dem Pariser Louvre und im Grand Hôtel in Montreux, in dem Deep Purple ihr legendäres Lied Smoke on the Water aufnahmen", schreibt er in seinem Vorwort seines Buches "Investieren statt Sparen", das als Neuauflage am 18. November erscheint.

Seit 2008 verwaltet Otte als Fondsmanager auch Geld von Privatanlegern, nebenbei hält er eine Professur an der Fachhochschule in Worms.

Otte vermarktet sich geschickt. Sein Fonds trägt seinen Namen in seiner Bezeichnung, auf seiner Website sieht der Besucher als erstes sein Konterfei vor einem goldenem Hintergrund. Privat pflegt er als Hobbygärtner eine Streuobstwiese, spielt E-Gitarre und versucht sich als evangelischer Laienprediger. Ottes kumpelhafte Art kommt an - auch bei den Anlegern: Zwischenzeitlich sammelte er für seine beiden Aktienfonds rund 300 Millionen Euro ein.

Doch nun leidet Otte, denn seine beiden Fonds laufen schlecht. In den vergangenen drei Jahren verlor der "Max Otte Vermögensbildungsfonds" fast sechs Prozent. Zum Vergleich: Der Weltaktienindex MSCI World legte in diesem Zeitraum um rund 37 Prozent zu, der Dax um fast 20 Prozent. Oder mit anderen Worten: Anleger, die im Herbst 2013 50.000 Euro in den Fonds investiert haben, haben nun nur noch 47.100 Euro übrig, abzüglich der Gebühren, die auch nicht gerade gering ausfallen. Wer die gleiche Summe in einen MSCI-World-Indexfonds gesteckt hat, kann sich heute dagegen über 68.500 Euro freuen.

Finanzexperten sprechen in so einem Fall von einer "massiven Underperformance". Vom angesehenen Analysehaus Morningstar bekommt Ottes "Vermögensbildungsfonds" derzeit einen von fünf möglichen Sternen. Das heißt: In den vergangenen drei Jahren schlugen sich 98 Prozent in der entsprechenden Vergleichsgruppe besser als sein Fonds - ein vernichtendes Urteil. Auch etliche Anleger haben offenbar den Glauben an den Guru verloren: Das verwaltete Kapital von Otte schrumpfte inzwischen auf gut 150 Millionen Euro zusammen.

Otte ist derzeit nicht der einzige prominente Fondsmanager, der mit Produktproblemen zu kämpfen hat. Auch Dirk Müller macht gerade die leidvolle Erfahrung, dass es weitaus schwieriger ist einen Fonds zu steuern, als in Fernsehinterviews den Bürgern die Welt zu erklären.

Dirk Müller
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Dirk Müller

Dirk Müller saß als Börsenmakler jahrelang vor der Dax-Tafel an der Frankfurter Börse, Bilder von ihm erschienen am nächsten Tag in allen Zeitungen des Landes. Irgendwann begannen Fernsehsender, Müller zum Börsengeschehen zu interviewen. Seitdem wird Müller "Mr.Dax" genannt und gilt als Börsenexperte. Bei n-tv kommentiert er regelmäßig die Finanzmärkte, er ist der Herausgeber eines eigenen Börsenbriefes und auf Facebook hat er mehr als 120.000 Fans.

Dort postet er Videos, in denen er die Berichterstattung von ARD und ZDF als "Kriegspropaganda" bezeichnet. In einem anderen fünfzehnminütigen Video ruft er in die Kamera: "Ich habe die Schnauze dermaßen voll von korrupten Eliten und lügenden Politikern, die keine Werte mehr kennen außer der Gier nach Macht!" Seine Fans lieben ihn für seine mit Verschwörungstheorien geladenen Wutreden.

Im April 2015 ließ Müller unter seinem Namen den "Dirk Müller Premium Aktien Fonds" auflegen. Privatanleger investierten 75 Millionen Euro. Die bisherige Bilanz fällt nüchtern aus: Der Fonds machte seitdem zwölf Prozent Verlust.

Die Beispiele Müller und Otte zeigen: Die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte pointiert auf das Wesentliche zusammenzufassen und für die Allgemeinheit verständlich zu erklären, befähigt sie derzeit nicht dazu, ihren Anlegern Rendite zu liefern.

Dirk Müller war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Otte sagt, dass er zwei folgenschwere Fehlentscheidungen getroffen hat. Bei Rohstoffaktien sei er zu früh eingestiegen, habe die Aktien dann mit Verlust verkauft und prompt die Wende der Titel nach oben verpasst.

In der Branche muss sich Otte zudem den Vorwurf anhören, sich zu wenig Zeit für seine Fonds genommen zu haben. Wer im Jahr 60 Vorträge hält und mehrere Bücher schreibe, könne sich nicht seriös um zwei Fonds kümmern, so lautet der Vorwurf der Kritiker.

Otte gibt zu, dass er zuletzt zu viel unter einen Hut bringen wollte. "Meine Arbeit als Professor ruht deshalb jetzt, und die Anzahl meiner Vorträge habe ich deutlich reduziert. Mein Fokus liegt jetzt voll und ganz auf den Fonds", sagt Otte. Die Underperformance seiner Fonds ärgere ihn "unheimlich".

Ob die Marke Otte aber auch ohne Bühnenauftritte funktioniert, bleibt abzuwarten.

Müller hat es anders probiert: Er setzt auf einen professionellen Fondsmanager, der seinen Fonds verwaltet. Der Erfolg lässt auch hier auf sich warten. Gut, könnte man sagen, da geht es Müller mit Otte wie vielen anderen Fonds: Unzählige Studien haben belegt, dass es aktive Fondsmanager auf Dauer nicht schaffen besser abzuschneiden als der Gesamtmarkt. Doch Otte und Müller sind derzeit deutlich schlechter als die Konkurrenz. Und das in einer Zeit, in der die Weltbörsen nur eine Richtung kennen: nach oben.

Die Fonds von Max Otte und Dirk Müller im Vergleich

Fonds WKN Rendite ein Jahr (in %) Rendite 3 Jahre (in %) Volumen in Millionen Euro Kosten pro Jahr (in %)
Max Otte Vermögens-
bildungsfonds
A1J3AM -4,8 -5,8 48 1,9
PI Global Value
(Max Otte)
A0NE9G -5,4 -3,7 102 1,8
Dirk Müller
Premium Aktien
A111ZF -7,3 - 76 1,7
Zum Vergleich:
MSCI World ETF (iShares Core) A0RPWH +2,8 +36,9 7405 0,2

Quelle: Morningstar

Stand: 28.10.2016

Zusammengefasst: Die bekannten Börsenexperten Max Otte und Dirk Müller haben für ihre Fonds Millionen eingesammelt. Doch ihre Fonds laufen schlecht. Nun haben etliche Anleger den Glauben an die Gurus verloren.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung hieß es, das Volumen von Ottes Fonds hätte zwischenzeitlich rund 400 Millionen Euro betragen. Tatsächlich betrug der Wert aber nur rund 300 Mio.

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alexreil 31.10.2016
1. Dass das Finanzsystem erneut crashen wird
haben wir vor allem der Aufhebung der seit 1933 geltenden Trennnung zwischen Geschäfts- und Investmentbanken zu verdanken, die in Folge der Weltwirtschaftskrise eingeführt und 1999 aufgehoben wurde. Nicht zufällig markiert diese Aufhebung den Zeitpunkt, seit dem eine Finanz-, Währungs- und Bankenkrise die nächste jagt.
dingodog 31.10.2016
2. Krisenpropheten
Tja, so ist das mit den Propheten. Die Krise kommt erst dann, wenn der letzte Krisenprophet das Handtuch geschmissen hat. Aber dann wirds lustig.
ruhepuls 31.10.2016
3. Zielsetzung?
Es kommt bei einem Fonds immer darauf an, was seine Zielsetzung ist: möglichst hohe Rendite oder langfristiges Wachstum ohne allzu große Risiken. Zur Zeit der "New Economy" gab es Fonds, die mit einer jährlichen Rendite von 90% und mehr glänzten. Dagegen sahen "brave" Fonds wie Pioneer oder Templeton Growth, die seit Jahrzehnten gute Ergebnisse brachten richtig alt aus. Nur, diejenigen, die in die "heißen Fonds" investiert hatten, mussten zusehen, wie sich ein oder zwei Jahre später das investierte Kapitel halbiert oder ganz weg war. Für die Templeton-Anleger gab es auch eine Delle - eine kleine. Und dann ging es wieder aufwärts - langsam, aber eben auch regelmäßig. Die Otte-Fonds sind wohl eher langfristig ausgelegt. Das muss man eben bedenken, wenn man in einen solchen Fonds investiert.
Patrik74 31.10.2016
4. Nicht neues
Nur weil man ein System makroskopisch verstanden hat, heißt es nicht, dass man es auch auf Mikroebene beherrscht - insbesondere dann nicht, wenn es sich letztlich um nichts weiter als ein Glücksspiel handelt: "Unzählige Studien haben belegt, dass es aktive Fondsmanager auf Dauer nicht schaffen besser abzuschneiden als der Gesamtmarkt." Das beweist nicht zuletzt die LCTM-Krise (https://de.wikipedia.org/wiki/Long-Term_Capital_Management), in deren Zentrum ein Fonds stand, der sogar von einem Wirtschaftsnobelpreisträger geleitet wurde.
maxbeck54 31.10.2016
5. Sehr guter Artikel.
Bringt Alles auf einen Punkt. Max Otte hatte leider mit seinen Empfehlungen der letzten Jahre ziemlich daneben gelegen. Wer mit seinen Fonds kein Geld verdient und seinen Lebensunterhalt durch eine Professur oder Vorträge bestreitet, der sollte kein Fond führen.
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