Zu wenig bezahlbare Wohnungen In Berlin ist es am schlimmsten

In Großstädten hat etwa jeder Zweite Anspruch auf eine Sozialwohnung - nur gibt es viel zu wenige, das zeigt die Auswertung eines Immobilienportals. Wie sieht es in Ihrer Stadt aus? Der Überblick.

Berlin (Archiv): Wenig bezahlbarer Wohnraum
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Berlin (Archiv): Wenig bezahlbarer Wohnraum

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Eigentlich soll er Menschen mit niedrigem Einkommen zu erschwinglichem Wohnraum verhelfen: der Wohnberechtigungsschein. Doch auf dem freien Markt deutscher Metropolen ist er meist ein wertloses Stück Papier. Das zeigt eine Auswertung der Internetportale immowelt.de und immonet.de.

So haben in Berlin, Köln und Nürnberg jeweils etwa die Hälfte der Haushalte Anspruch auf eine Sozialwohnung - aber kaum Aussicht, eine zu bekommen. Denn sie müssen um weniger als zehn Prozent der frei verfügbaren Wohnungen buhlen.

Auch in München, Stuttgart, Frankfurt am Main und Hamburg ist das Verhältnis zwischen Sozialwohnungsberechtigten und dem Anteil entsprechend günstiger frei verfügbarer Wohnungen ähnlich schlecht. Nur in Dresden als einziger von acht untersuchten deutschen Großstädten übersteigt der Anteil erschwinglicher Wohnungen auf dem freien Markt mit 50,2 Prozent den Anteil der Haushalte mit Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein.

Der Wohnberechtigungsschein ist umgangssprachlich auch als Paragraf-5- oder Paragraf-8-Schein bekannt. Wer ihn besitzt, darf eine mit öffentlichen Mitteln geförderte Wohnung beziehen. Kommunen stellen eine solche Bescheinigung für Haushalte aus, deren Einkommen unter einer bestimmten Grenze liegt: Niedrigverdiener, Studenten, Alleinerziehende.

Diese Einkommensgrenze wird wiederum vom jeweiligen Bundesland festgelegt - was zu großen Unterschieden innerhalb Deutschlands führt. So darf etwa ein Single in Stuttgart bis zu 21.730 Euro verdienen. In Hamburg hingegen hat er erst Anspruch, wenn sein Einkommen weniger als 12.000 Euro im Jahr beträgt.

Mindestens ebenso groß sind die Unterschiede zwischen den Städten bei den als angemessen geltenden Mieten. So darf etwa in Berlin eine bis zu 50 Quadratmeter große Wohnung für einen Single bis zu 285,50 Euro im Monat kosten - in München liegt die Grenze mit 535,50 Euro fast doppelt so hoch.

Diese Grenzen nutzten auch Immowelt und Immonet, um den Anteil erschwinglicher Wohnungen zu ermitteln. Auch deshalb liegt der Anteil in diesem Sinne bezahlbarer Wohnungen in Berlin noch einmal deutlich unter dem in München, obwohl das Mietniveau in der bayerischen Landeshauptstadt eigentlich wesentlich höher ist.

Die Auswertung verdeutlicht, dass die Nachfrage nach erschwinglichem Wohnraum in fast allen deutschen Metropolen erheblich höher ist als das Angebot. Allerdings kann sie aus mehreren Gründen nicht bis ins Detail akkurat abbilden, wie schwierig Niedrigverdiener tatsächlich an bezahlbare Wohnungen kommen:

  • Immowelt und Immonet werteten für ihre Statistik alle bei ihnen eingestellten Angebote von Januar bis September 2015 aus. Also ist lediglich ein Teil des freien Mietwohnungsmarkts berücksichtigt, wenn auch ein recht großer: Beide Anbieter gehören eigenen Angaben zufolge zu den drei größten Vermittlungsportalen in Deutschland.
  • Zudem werden gerade Sozialwohnungen - oder Wohnungen in ähnlichen Preislagen - oft gar nicht auf Vermittlungsportalen angeboten. Häufig gehören sie städtischen Wohnungsunternehmen, die sich selbst um die Vergabe kümmern. Sie tauchen also überhaupt nicht in der Auswertung auf.
  • Die Zahl von Wohnungen im städtischen Besitz schwankt erheblich. Die meisten von ihnen liegen unter oder nur knapp über den Obergrenzen für angemessene Mieten. So gehören zum Beispiel der Hamburger Saga GWG rund 130.000 der insgesamt 900.000 Wohnungen der Stadt, also etwa 14,5 Prozent. Die GWG München hingegen verfügt lediglich über 26.000 der rund 765.000 Wohnungen, also über nur knapp dreieinhalb Prozent des gesamten Angebots.

Berlin:

"Die Zeiten, in denen Berlin als preisgünstigste Großstadt in Deutschland galt, sind endgültig vorbei", stellen die Experten von Immowelt und Immonet fest. Um satte 45 Prozent sind die Mieten in der Hauptstadt demnach seit 2010 gestiegen.
Zudem scheinen sowohl die Einkommensgrenze für Wohnberechtigungsscheine als auch die maximale Monatsmiete für angemessenen Wohnraum in Berlin mit dieser Entwicklung nicht ganz Schritt zu halten. Jedenfalls sind mit 55 Prozent mehr als die Hälfte der Haushalte berechtigt, eine öffentlich geförderte Wohnung zu beziehen. Auf dem freien Markt sind allerdings nur etwas mehr als sieben Prozent der angebotenen Wohnungen günstig genug.

Immerhin will die Stadt den Bestand an kommunalen Wohnungen von derzeit 293.000 auf 400.000 steigern.

Hamburg:

Auch in der zweitgrößten deutschen Stadt ist auf dem freien Wohnungsmarkt für Sozialwohnungsberechtigte kaum etwas zu finden. Nur 7,7 Prozent der Angebote auf Immowelt und Immonet in den ersten drei Quartalen 2015 lagen mit der Miete unter der Obergrenze. Berechtigt für eine Wohnung mit erschwinglicher Miete sind allerdings 41 Prozent der Hamburger Haushalte.

Besserung ist nur bedingt in Sicht: Zwar werden in Hamburg unter SPD-Regierungschef Olaf Scholz jedes Jahr 6000 Wohnungen neu gebaut, dennoch sind die Mieten in den vergangenen fünf Jahren um 26 Prozent gestiegen.

München:

Die bayerische Landeshauptstadt hat mit Abstand die höchsten Mieten Deutschlands. Dennoch liegt der Anteil der günstigen Wohnungen auf dem freien Markt mit 11,5 Prozent weit höher als in Hamburg oder Berlin - allerdings liegt das wohl auch an den sehr hohen Obergrenzen, die in München gelten: Eine Einzimmerwohnung für einen Single mit bis zu 50 Quadratmetern darf hier 535,50 Euro kosten, um noch als günstig zu gelten. In Hamburg sind es lediglich 348,50 Euro, obwohl die Durchschnittseinkommen in beiden Städten wesentlich näher beieinanderliegen.

Wie viele Haushalte aufgrund ihres geringen Einkommens einen Anspruch auf eine Sozialwohnung haben, darüber machte die Stadt München keine Angaben - Immowelt und Immonet schätzen den Anteil auf 40 bis 55 Prozent.

Köln:

45 Prozent der 551.000 Kölner Haushalte haben laut der Stadtverwaltung Anspruch auf eine geförderte, günstige Wohnung. Helfen tut ihnen das meistens wenig: Auf dem freien Markt sind lediglich 7,5 Prozent der Wohnungsangebote angemessen.

Auch in diesem Fall ist der sehr geringe Anteil wohl zumindest zum Teil auf die ebenfalls recht niedrigen Obergrenzen für die Monatsmiete zurückzuführen. Eine Einzimmerwohnung bis zu 50 Quadratmetern darf höchstens 313 Euro netto kalt kosten.

Frankfurt am Main:

Die Stadt Frankfurt macht keine Angaben, wie viele Haushalte Anspruch auf geförderte Wohnungen haben. Die Experten von Immowelt und Immonet schätzen ihn jedoch auf 40 bis 55 Prozent und verweisen auf das Hessische Statistische Landesamt. Demnach verfügen mehr als ein Viertel der Frankfurter Haushalte über ein Nettoeinkommen von weniger als 1500 Euro im Monat.

Für diese Geringverdiener sind günstige Wohnungen auf dem freien Markt kaum zu haben. Von Januar bis September dieses Jahres waren lediglich 8,7 Prozent der Angebote auf den beiden Vermittlungsportalen für sie angemessen. Und das, obwohl Frankfurt nach München die zweithöchsten Obergrenzen für angemessene Monatsmieten hat - eine Einzimmerwohnung bis zu 50 Quadratmetern darf bis zu 487 Euro netto kalt kosten.

Stuttgart:

In der baden-württembergischen Landeshauptstadt sind die Mieten seit 2010 um 34 Prozent gestiegen. Dennoch ist der Anteil günstiger Wohnungen auf dem freien Markt höher als in anderen westdeutschen Metropolen. Immerhin 15,1 Prozent der von Januar bis September dieses Jahres auf Immowelt und Immonet angebotenen Wohnungen kosteten eine angemessene Miete.

Auch die Stadt Stuttgart macht keine Angaben, wie viele Haushalte Anspruch auf geförderte Wohnungen haben. Die Experten von Immowelt und Immonet schätzen ihn jedoch auf 40 bis 55 Prozent. In der baden-württembergischen Landeshauptstadt sind die Mieten seit 2010 um 34 Prozent gestiegen. Dennoch ist der Anteil günstiger Wohnungen auf dem freien Markt höher als in anderen westdeutschen Metropolen. Immerhin 15,1 Prozent der von Januar bis September dieses Jahres auf Immowelt und Immonet angebotenen Wohnungen kosteten eine angemessene Miete.

Nürnberg:

6,5 Prozent - nirgendwo ist der Anteil von Wohnungen mit erschwinglichen Mieten auch für Geringverdiener so klein wie in der fränkischen Halbmillionenstadt. Auch in diesem Fall ist der sehr geringe Anteil wohl zumindest zum Teil auf die ebenfalls recht niedrigen Obergrenzen für die Monatsmiete zurückzuführen. Eine Einzimmerwohnung bis zu 50 Quadratmetern darf in Nürnberg höchstens 300 Euro netto kalt kosten. In München, 170 Kilometer weiter südlich, sind es mit 535,50 Euro fast 80 Prozent mehr.

Ähnlich hoch wie in allen anderen westdeutschen Großstädten ist der Anteil an Haushalten, die so wenig verdienen, dass sie einen Anspruch auf geförderten Wohnraum haben: 40 Prozent.

Dresden:

Vollkommen anders als in den westdeutschen Metropolen sieht die Lage in Dresden aus. In der 530.000-Einwohner-Stadt fehlen keine Wohnungen, stattdessen stehen rund 20.000 leer - eine Quote von 6,5 Prozent.

Dieses Überangebot schlägt sich im Mietniveau nieder: Obwohl die Obergrenzen fast so niedrig sind wie in Berlin (eine Einzimmerwohnung bis zu 50 Qudratmetern darf nur bis zu 289,56 Euro netto kalt im Monat kosten), liegt die Miete bei der Hälfte der auf dem freien Markt angebotenen Wohnungen darunter. Dabei verfügen lediglich 22 Prozent der Dresdner Haushalte über so wenig Einkommen, dass sie Anspruch auf eine Sozialwohnung haben.

Zusammengefasst: In deutschen Metropolen haben viele Haushalte ein so geringes Einkommen, dass ihnen eigentlich eine öffentlich geförderte Wohnung zusteht - in Berlin sind es 55 Prozent, in Hamburg, Köln und Nürnberg 40 Prozent oder mehr. Doch auf dem freien Markt finden sie kaum entsprechend bezahlbaren Wohnraum. Die Vermittlungsportale Immowelt und Immonet haben die auf ihnen eingestellten Mietwohnungsangebote von Januar bis September 2015 für acht deutsche Großstädte ausgewertet. In sieben der acht Städte war der Anteil günstiger Wohnungen mit maximal 15 Prozent weitaus geringer als der Anteil berechtigter Haushalte. Lediglich in Dresden finden Geringverdiener leicht günstigen Wohnraum.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Dave D. 15.12.2015
1. Details aus München
Neben den Hürden bzgl. Einkommen und Mietobergrenzen gibt es noch zusätzliche Voraussetzungen. In München beispielsweise müssen die Haushalte 5 Jahre in München gemeldet sein, bei bestehender Wohnungslosigkeit verkürzt sich diese Wartezeit auf 3 Jahre um für entsprechenden Sozialwohnungsbau anspruchsberechtigt zu sein. Hat jemand Erfahrungswerte aus den anderen genannten Großstädten?
behemoth1 15.12.2015
2. Träumer
Man kann ja träumen, aber in der Welt, wo das Geld bestimmt sieht es nun mal anders aus. Dabei ist es zur Zeit in Berlin noch viel günstiger, als in anderen Hauptstädten und Ballungsgebieten der Welt, aber es ändert sich Stück für Stück, allerdings war das mit dem Beschluß Berlin zur Hauptstadt zu machen auch vorbei. Solange Berlin auch bei vielen Bürgern, die außerhalb Berlins leben attraktiv ist und die Zuwanderung immer schneller von statten geht, werden auch die Wohnungsmieten und Kosten für einen Wohnraum rasant ansteigen, das ist nun mal Marktwirtschaft.
blabla55 15.12.2015
3.
Schon mitbekommen das es immer mehr Armutsrentner,Minijober usw gibt die sich eine normale Mietwohnung nicht meht leisten können. Absurd ist diese versteckte Armut,auf was für einen Planeten leben sie?
womo88 15.12.2015
4. Großstädte ... ?
Was wollen die Menschen alle in Großstädten? Da hockt man wie in einer Streichholzschachtel, eine über der anderen, auf den Balkons darf nicht gegrillt werden, sonnstags latschen alle durch die Parks, das Kulturangebot- was ja Großstädte ausmacht - wird von den wenigsten wahrgenommen, aber "Ich könnte, wenn ich wollte." Und Mieten sind sauteuer. Hier bei uns auf dem Vulkan (Vogelsberg) liegen die Mieten i. d. R. unter 5 €/qm und wir haben Landschaft pur in unserem Naturpark Hoher Vogelsberg. Nie mehr Großstadt oder Stadt! Bin bekennendes Landei. :-)
Phoenix2006 15.12.2015
5. Wo es besonders schwer ist, bezahlbare Wohnungen zu finden - der Überblick
Wenn man Kommunale Wohnungsbauunternehmen im großen Stil privatisiert, ist es nicht verwunderlich das ein wesentlicher Faktor der Sozialpolitik in einer Kommune stark eingeschränkt wird. Bürgermeister und Stadtparlamente haben dies politisch umgesetzt. Die Folgen sehen wir jetzt. Im Öffentlich Rechtlichen Rundfunk u. Fernsehen wurden mehrere Dokumentarfilme zu dieser Thematik gesendet.
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