Flugmeilen und Bahn-Punkte Wenn der Bonus zur Weichwährung wird

Was hat der venezolanische Bolivar mit dem Vielfliegerprogramm Miles & More gemein? Beide wurden zuletzt heftig entwertet. Und auch die Deutsche Bahn scheint ein Problem mit ihren Bonuspünktchen zu haben.

Miles & More-Kreditkarte der Lufthansa
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Miles & More-Kreditkarte der Lufthansa

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Diese Zentralbanker handeln total unverantwortlich. Nein, nicht die von der EZB. Ich meine die Währungshüter von Lufthansa und Deutscher Bahn. Beide Konzerne unterhalten Bonusprogramme für ihre Kundschaft. De facto sind diese sogenannten loyalty schemes Währungen, und nicht einmal unbedeutende. Der "Economist" errechnete einst, die Zahl der weltweit ausgegebenen Fliegermeilen sei dreimal so hoch wie der gesamte Bargeldumlauf der Eurozone.

Der Großteil dieser Loyalty-Dollars ist in der Hand relativ weniger Leute. Reist man nämlich nur selten, kann einem die Punktesammelei schnuppe sein. Wer jedoch viel unterwegs ist, dem bringen Miles & More oder bahn.bonus viele Vorteile: Upgrades, Loungebesuche und einiges mehr.

Viele der geschätzten 280.000 Lufthansa- und 160.000 Bahn-Statusinhaber zahlen deshalb sogar extra, um eine spezielle Loyalty-Kreditkarte verwenden zu dürfen. Diese verwandelt jeden Euro Umsatz im Supermarkt in weitere Bonuspünktchen. Und sie verhindert, dass Punkte verfallen.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass sich so ein erklecklicher Punktebetrag anhäufen lässt. Die Frage ist nur: Handelt es sich um eine Hart- oder Weichwährung?

Bislang war diese Frage einfach zu beantworten: Lufthansa labbrig, Bahn beinhart. Die Notenpresse der Lufthansa-Zentralbank hatte jahrelang zu viele Meilen in den Währungskreislauf geschleust. Deshalb begann man, den Kurs zu korrigieren. 2010 erhöhte die Fluglinie die Kosten für Flugprämien. Sie entwertete die Punkte ihrer Vielflieger dadurch um rund 40 Prozent. Anfang 2016 änderte sie die Bedingungen der M&M-Kreditkarte: Gab es bislang für jeden Euro Umsatz eine Meile, beträgt das Verhältnis neuerdings nur noch zwei zu eins, eine Abwertung um 50 Prozent.

Wie mit D-Mark im Ostblock

Aus diesen und anderen Gründen habe ich meine M&M-Kreditkarte bereits vor Jahren zurückgegeben. Ich griff stattdessen zur Bahncard-Kreditkarte. Das Angebot schien zu schön, um wahr zu sein. Bei der DB gab es zwar nur einen Umtauschkurs von eins zu drei für externe und eins zu zwei für interne Umsätze. Während die Kaufkraft einer M&M-Meile jedoch inzwischen der des Zimbabwe-Dollars ähnelt, ist die der bahn.bonus-Punkte phänomenal.

Bahnprämien sind spottbillig. Man fühlt sich wie mit D-Mark im Ostblock. Ich habe inzwischen fast 20.000 Punkte angehäuft und fahre nur noch erster Klasse. Nicht, weil ich mir das leisten könnte. Sondern weil ich nicht mehr weiß, wohin mit den Punkten. Ein Upgrade kostet lediglich 500 davon. Selbst wenn ich mir morgen zehn Freitickets holte, leerte das mein Konto nicht.

Während der Lufthansa-Zentralbanker also die Inflation befeuerte und gleichzeitig abwertete, flog sein Kollege von der Bahn mit dem Helikopter übers Land und warf Bargeld ab. Lange konnte das nicht gutgehen. Nun muss die Bahn, Verzeihung, die Notbremse ziehen. Ab 1. August 2016 beträgt der Wechselkurs für externe Umsätze mit der Bahn-Mastercard eins zu zehn, für Ticketkäufe eins zu fünf. Dies teilte die Bahn ihren Kunden im Mai mit. Das entspricht einer Abwertung um 70, respektive 50 Prozent.

Tja. Da fühlt man sich als Premiumkunde wie die Griechen - erst Europarty, dann Troika. Die Punkte werden fortan nicht mehr sprudeln, die Holzklasse ruft.

Abwertung und Inflation gehen oft Hand in Hand

Die Bahn sagt, Schuld an der massiven Abwertung sei eine EU-Verordnung zu Interbankenentgelten. Bisher hätten Händler den Banken eine Gebühr von durchschnittlich 1,73 Prozent des Umsatzes gezahlt. Nun werde dieses Entgelt bei 0,3 Prozent gedeckelt. Folglich sei, salopp gesagt, für Schampus kein Geld mehr da.

Das klingt nicht völlig unplausibel. Mein Gefühl sagt mir jedoch, dass es nur die halbe Wahrheit ist. Es scheint offensichtlich, dass die Bahn sich über Jahre ein Loyaltyprogramm geleistet hat, das betriebswirtschaftlich einfach nicht darstellbar ist. Mir als Vielfahrer de facto die Hälfte des Preises zu erlassen, immer, auf all meinen Fahrten? Ein Irrsinn.

Es wäre interessant zu wissen, wie viele bahn.bonus-Bonuspunkte insgesamt ausstehen; wie viele davon auf die Inhaber von Bahn-Kreditkarten entfallen; mit welchem Wert all dies in der Bilanz des Konzerns eingestellt wurde. Die Antwort der Bahn auf all diese Fragen: "Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir hierzu keine Angabe machen."

Inflation soll es übrigens nicht geben, verspricht die Bahn. Die Beträge für das Einlösen von Prämienpunkten blieben gleich, sagt eine Sprecherin. Mal sehen, wie lange dieses Versprechen gilt. Bei Währungen gehen Abwertung und Inflation oft Hand in Hand. Die Erfahrung der Lufthansa lehrt, dass Unternehmen mit Meilenüberschuss früher oder später an allen verfügbaren Schrauben drehen.

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insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
MeisterSommer 22.07.2016
1. Logik?
Was ist denn das für eine Logik? Wenn man mehr Euro für die Bonuspunkte zahlen muss werten die Punkte doch nicht ab sondern auf? Eine Abwertung würde bedeuten das man plötzlich mehr Punkte einsetzen muss um eine bestimmte Leisstung zu bekommen - oder sehe ich das falsch?
kalim.karemi 22.07.2016
2. an den Haaren herbeigezogen
Loyalty Programme mit Währung zu vergleichen, braucht schon eine gehörige Portion Alkohol am Vorabend. Ob die Sonnebrille jetzt 10.000 oder am nächsten Tag 15.000 Meilen kostet ist sowas von unwichtig. Die Anzahl der Meilen für ein upgrade oder Freiflug, variieren, welch Wunder nach der Flugauslastung. Die Karten dienen der Mehrzahl der Nutzer, die Lounges aufsuchen zu dürfen um die Wartezeit nicht in überteuerten Restaurants und harten Bänken verbringen zu müssen. Der Gewinn liegt darin, nichts für Essen und Trinken an Flughäfen zahlen zu müssen, da interessieren mich die Punkte einen Feuchten.
Deta1945 22.07.2016
3. Alles verloren
Ich fliege nicht mehr mit Lusthansa, schon wegen der Streiks nicht mehr, habe meine M & M komplett verloren, wurden entwertet, also nicht mehr interessant. Es gibt super Angebote von anderen Airlines nach Asien, also was soll es! Miles sammeln war viel zu stressig.
CommonSense2006 22.07.2016
4. Merke
Merke: Währungen gründen nur auf Vertrauen, auf sonst gar nichts. Ich fahr lieber Auto, da brauche ich die Kickbacks gar nicht einzukalkulieren :-)
kalim.karemi 22.07.2016
5. an den Haaren herbeigezogen
Loyalty Programme mit Währung zu vergleichen, braucht schon eine gehörige Portion Alkohol am Vorabend. Ob die Sonnebrille jetzt 10.000 oder am nächsten Tag 15.000 Meilen kostet ist sowas von unwichtig. Die Anzahl der Meilen für ein upgrade oder Freiflug, variieren, welch Wunder nach der Flugauslastung. Die Karten dienen der Mehrzahl der Nutzer, die Lounges aufsuchen zu dürfen um die Wartezeit nicht in überteuerten Restaurants und harten Bänken verbringen zu müssen. Der Gewinn liegt darin, nichts für Essen und Trinken an Flughäfen zahlen zu müssen, da interessieren mich die Punkte einen Feuchten.
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