Hamburg - Seit gut drei Jahren können Hersteller frei entscheiden, in welcher Packungsgröße sie ihr Produkt anbieten. Statt aber neue Angebote für Singles, Großfamilien oder Senioren zu machen, nutzen die meistern Unternehmen die neue Freiheit dazu, klammheimlich die Preise zu erhöhen - zum Beispiel indem sie Packungen oder Portionen verkleinern.
Eigentlich soll der Preis für ein Kilo oder einen Liter neben dem Produkt zu lesen sein. So lassen sich die Preise von Produkten unterschiedlicher Mengen ganz einfach vergleichen. Einer Studie des DIN-Verbraucherrats und des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen (VZBV) zufolge geben zwar mehr als 90 Prozent der Händler den Grundpreis an, allerdings teils auf eine falsche Mengeneinheit bezogen, teils zu klein geschrieben - oder der Preis ist dem Produkt nicht direkt zuzuordnen. Für Produkte, die nach Stückzahl verpackt sind, wie Windeln oder Taschentücher, fehlt die Grundpreisangabe üblicherweise sogar ganz, da es hierzu keine Regelung gibt.
Der Studie zufolge gibt es zwar für einige Produkte vielfältigere Packungsgrößen als vorher, die sich allerdings sehr ähneln. So bietet ein Konfitürenhersteller allein sechs verschiedene Größen zwischen 250 und 350 Gramm an.
Die Verbraucherzentrale Hamburg (VZHH) spürt den Tricks der Hersteller seit Jahren nach und hat jetzt eine aktuelle Liste der am weitesten verbreiteten Schummeleien vorgelegt. Die Aufstellung zeigt vor allem eines: Die Preise im Einzelhandel steigen stetig - nur merken die meisten Verbraucher es nicht.
Die zehn beliebtesten Verschleierungspraktiken der Hersteller und Supermärkte:
Das Schrumpfprinzip: Die Packung scheint unverändert, auch der Preis bleibt gleicht - gleichzeitig schrumpft aber der Inhalt eines Produkts. So reduzierte der Konsumgüterkonzern Procter & Gamble nach und nach die Anzahl der Pampers Windeln in der Kategorie 4. In den vergangenen sechs Jahren schrumpfte die Menge von 47 auf heute 37 Stück pro Packung.
Der Mehr-drin-Trick: Eine größere Füllmenge wird aufwendig beworben und suggeriert zunächst ein Schnäppchen. In Wirklichkeit ist der Preis aber deutlich stärker gestiegen. Ein Beispiel: Das Spülmittel Ultra Palmolive von Colgate-Palmolive gibt es in 600-Milliliter-Packungen statt in den früheren 500-Milliliter-Flaschen, eine Vergrößerung um 20 Prozent. Der Preis erhöhte sich von 0,85 Euro auf 1,65 Euro.
Das Pseudo-Günstiger-Prinzip: Ein Produkt wird in einer kleineren Packung verkauft und der Preis wird ebenfalls gesenkt - allerdings weniger stark. Als ein Beispiel für diese Praxis nennt die VZHH die Rewe Kuchenglasur Bourbonvanille: Die Packung schrumpfte von 200 auf 150 Gramm, doch der Preis sank lediglich von 1,25 Euro auf 1,09 Euro - in Wirklichkeit also eine Preiserhöhung um 14 Prozent.
Der Händlertrick: Dasselbe Produkt wird bei verschiedenen Einzelhändlern in Packungen mit abweichenden Füllmengen verkauft, allerdings zum gleichen Preis. So kosten beispielsweise Haribo Goldbären in 200- und 300-Gramm-Tüten dasselbe: jeweils 0,89 Euro. Der Preisunterschied liegt bei stolzen 50 Prozent.
Der Sammelpackungstrick: Ein sehr beliebter Mogel-Trick sind Mehrfach- oder Sammelpackungen - die Hersteller bieten diese scheinbar besonders preisgünstig an, der Inhalt ist aber geschrumpft. So ist der Schokoriegel Twix von Mars im Fünferpack 50 Gramm schwer - also insgesamt 250 Gramm. Einzeln abgepackt wiegt er aber 58 Gramm - mal fünf wären es 40 Gramm mehr.
Der Portionstrick: Produkte in vorportionierten Beuteln haben insgesamt eine geringere Füllmenge, häufig aber den gleichen Preis wie das Ausgangsprodukt. Beispiel: Aldi Nord verkauft seinen Typ Cappuccino Classico Pulver nicht mehr nur in der Dose, sondern auch in einer Pappschachtel mit Einzelportionen - der Preis dafür liegt um 31,4 Prozent höher.
Der Mengentrick: Statt der leichter vergleichbaren Angabe der Füllmenge drucken viele Hersteller mittlerweile die Stückzahl auf die Vorderseite einer Verpackung. Bel Deutschland beispielsweise verkauft den Verbraucherschützern zufolge seinen Leerdammer Käse wie bisher in Abpackungen von 14 Scheiben mit scheinbar gleicher Menge. Heute bekommt man aber nur 280 Gramm Käse für 3,79 Euro; früher waren es 350 Gramm.
Der Qualitätstrick: Durch einen geringeren Anteil an wertgebenden Bestandteilen verschlechtert sich die Qualität eines Produkts, die Hersteller sparen Kosten und erhöhen bei gleichem Preis ihre Marge. Eines der bekanntesten Beispiele ist das Schlemmerlilet à la Bordelaise von Iglo: Der Lebensmittelkonzern reduzierte einfach den Fischanteil von 70 auf 52 Prozent und erhöhte damit den Preis um 34,6 Prozent.
Der Quantitätstrick: Mit veränderten Dosiervorgaben sorgen die Hersteller dafür, dass größere Mengen eines Produkts gebraucht werden. Der Hersteller Henkel vergrößerte für sein Geschirrspülmittel Pril Kraft-Gel die Ausguss-Tülle und setzte die Dosierempfehlung von zwei auf drei Milliliter pro fünf Liter Wasser herauf.
Das Alles-neu-Prinzip: Die Wiedereinführung eines Produkts in einer neuen Verpackung wird gerne genutzt, um die Füllmenge zu reduzieren und den Preis zu erhöhen. Nestlé bietet demnach seine Beba-Säuglingsnahrung nicht mehr im Pappkarton, sondern in einer Metalldose an und nutzte den Relaunch für eine Preiserhöhung von knapp 30 Prozent.
nck/dapd
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Verbraucher & Service | RSS |
| alles zum Thema Verbraucherschutz | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH