Nachhaltige Mode Es geht noch billiger als mit Billigklamotten

Nachhaltige Mode? Klingt irgendwie nach muffigem Ökoladen. Kein Wunder, dass die Deutschen immer mehr Massenware kaufen und wegwerfen wie Pappbecher. Dabei geht es auch anders - ziemlich einfach und unfassbar günstig. Eine Anleitung.

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Michael Loewa / Greenpeace

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Wie wäre das: jede Woche ein neues Kleidungsstück im Schrank - modisch, umweltfreundlich, für null Euro. Eine wirre Ökofantasie? Nein, das ist längst möglich.

Zum Beispiel so: An einem warmen Samstag strömten im Juni rund 10.000 Menschen zu sogenannten Kleidertauschpartys in ganz Deutschland. Das Konzept: mit zehn aussortierten Kleidungsstücken hingehen, mit zehn gebrauchten Kleidungsstücken heimgehen. In 40 Städten hatte die Umweltschutzorganisation Greenpeace solche Tauschbörsen organisiert, allein in Hamburg sollen etwa tausend Leute gekommen sein - es könnte ein Trend werden.

Laut einer Greenpeace-Erhebung werden von den 5,2 Milliarden Kleidungsstücken in unseren Kleiderschränken 40 Prozent sehr selten oder nie getragen, jeder Achte trägt seine Schuhe nicht einmal zwölf Monate lang. Zugleich geben die Deutschen immer mehr Geld für Textilien aus, obwohl es die zu immer niedrigeren Preisen gibt. Kurzum: Wir verbrauchen Kleidung wie Pappbecher.

Eine Armada von Aktivisten, Behörden und Non-Profit-Organisationen hält dagegen: Sie werben für Nachhaltigkeit, decken Textilskandale auf, prüfen Sozialstandards und verleihen Umweltsiegel. Und sie bauen darauf, dass die Idee fairer Kleidung sich auch als Geschäftsmodell durchsetzt, dass nach dem Siegeszug der Vegetarier nun immer mehr Menschen quasi zu Klamottariern werden.

Doch Siegel und gut gemeinte Kampagnen allein werden die weltweiten Probleme unseres Textilkonsums kaum stoppen - denn das Wissen um Missstände verändert nicht zwangsläufig das Verhalten. So hält laut einer Greenpeace-Studie jeder zweite Deutsche Nachhaltigkeitssiegel für sehr hilfreich - beim Shoppen achtet aber nur jeder Vierte darauf.

Warum sind wir so erschreckend inkonsequent?

"Im Moment des Kaufens, wenn wir sehr spontan zugreifen, blenden die meisten von uns diese Probleme aus", sagt Kirsten Brodde von Greenpeace. Zudem sind viele Verbraucher offenbar schlichtweg ermüdet: Vokabeln wie "nachhaltig" oder "verantwortlich" sind wegen der inflationären Verbreitung längst ausgehöhlt. Überdies sind die aussagekräftigen Zertifikate von den PR-Emblemen kaum noch zu unterscheiden. Und ist nachhaltige Mode nicht eh viel spießiger, hässlicher und zudem auch noch teurer als die neueste Kollektion im Textildiscounter?

Nun, nein. Denn so schwierig ist es nicht, nachhaltige, günstige und dennoch modische Kleidung zu bekommen. Wie, warum und wo das geht - der Überblick:

  • Ist nachhaltige Kleidung nicht immer oll und muffig?
Über Geschmack lässt sich natürlich streiten, aber es gibt etliche Alternativen zum piefigen Gebrauchtwarenmarkt im Gemeindezentrum. Einige Designer haben sich etwa aufs sogenannte Upcycling spezialisiert, also darauf, aus Abfallmaterialien trendige Mode zu kreieren. So gibt es Labels, die Shirts aus Brennnesseln und Pullover aus Plastikflaschen herstellen - andere verzichten komplett auf Baumwolle, Billiglöhne oder Chemikalien.

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Modetrend Upcycling: Schrott-à-Porter

  • Woran erkenne ich solche Klamotten?

Vor allem Zertifikate dienen als Wegweiser für verantwortungsbewusste Mode. Allerdings haben sich auch Großkonzerne mit schick daherkommenden Emblemen eingedeckt, und selbst das Siegelüberprüfungsportal der Bundesregierung scheitert offenbar am Anspruch, die hilfreichen von den verlogenen Zertifikaten zu unterscheiden.

Das liegt auch daran, dass die meisten Siegel sich nur auf einzelne Stationen der Herstellungskette beziehen: Mal stehen ökologische Standards im Mittelpunkt, mal die Arbeitsbedingungen. Mal geht es um die Herkunft von Baumwolle oder Farbstoffen, mal um den Einsatz von Chemikalien oder die Bausubstanz von Textilfabriken.

Doch es gibt sie, die wirklich nützlichen Siegel: Ein hohes Vertrauen genießen insbesondere die Label Fairtraide Certified Cotton von Transfair, GOTS, Fair Wear Foundation, BEST, bluesign , Naturland, Ökotex und Naturleder IVN zertifiziert. (Wegweiser durch den Siegel-Dschungel gibt's hier oder hier)

Auf der sicheren Seite ist zudem, wer gezielt Kleidung aus Deutschland kauft, denn hierzulande gelten vergleichsweise hohe Sozial- und Umweltstandards. Und wer auch noch Tiere schützen will, der kann auf vegane Kleidung umsteigen, die ohne tierische Bestandteile wie Leder, Seide, Wolle hergestellt wurde. Die Tierschutzorganisation Peta und die Vegane Gesellschaft vergeben entsprechende Siegel, manche Label und Onlineshops haben sich ganz auf solche Kleidung spezialisiert. (Lesen Sie hier mehr darüber.)

  • Wo kann ich fair produzierte Kleidung kaufen?

Fast überall - aber: Oft ist es schwierig, in der Masse des Angebots die nachhaltigen Hosen und Blusen zu entdecken. Doch es gibt technische Helfer: Die Web-App productofslavery etwa zeigt für jedes Herstellerland an, wie die Produktionsbedingungen dort sind. Und Plug-Ins wie aVOID sollen beim Surfen Werbung für Kleidungsstücke ausblenden, die mithilfe von Kinderarbeit entstanden sind.

Darüber hinaus gibt es etliche Geschäfte, die ausschließlich fair und umweltschonend hergestellte Textilien im Sortiment haben. Listen mit solchen Läden und Web-Shops finden sich etwa hier oder hier. Rein vegane Mode verkaufen unter anderem die Label Umasan und Bleed Clothing sowie Onlineshops wie Dear Goods, Muso Koroni und avesu.

  • Und wenn ich mich neu einkleiden, aber nichts kaufen will?

Der Markt für alternative Mode-Unternehmen ist klein, wächst aber seit einigen Jahren. Klamotten lassen sich inzwischen problemlos tauschen (beispielsweise über den "Kleiderkreisel"), ausleihen (etwa in der "Kleiderei") oder selbst herstellen (sogar aus Müll). Ach ja, und dann gibt es natürlich noch die Kleidertauschpartys - in Hamburg zum Beispiel schon wieder am 5. Dezember.

Made in China - Billig-Jeans vom Discounter


Zusammengefasst: Die Deutschen kaufen immer mehr Billigkleidung, nur sehr langsam wächst das Bewusstsein für nachhaltige Mode. Ein Grund dafür ist offenbar, dass viele nicht wissen, wie und wo man gebrauchte oder "upgecycelte" Kleidung kaufen, tauschen oder leihen kann. Dabei gibt es inzwischen einen recht gut entwickelten Markt für faire und grüne Mode.

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insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
Katzazi 03.12.2015
1.
Tauschen macht sicherlich Sinn. Das machen wir im Freundeskreis auch. Genauso wie es Spass macht, selbst Outfits zu kreieren. Aber das Problem mit den Labels ist ein reales. Wenn man nicht komplett ideologisch an die Sache herangeht, also die Labels als erstes Kriterium wählt, dann wird es schon schwierig das konkrete Aussehen, mit dem konkreten Bedürfnis weswegen man ein Kleidungsstück sucht, dem Preis und der Wahrscheinlichkeit dass das Kleidungsstück auch genutzt wird in Einklang zu bringen. Das sind alles Überlegungen, die ebenfalls eine Berechtigung beim Einkauf haben. Da muss wohl jedeR den eigenen Weg finden. Hier wäre es wirklich hilfreich, wenn sich einige größere Firmen und Label-Geber zusammen tun und ein gemeinsames Konzept entwickeln würden. (Was weiß ich eine Ampel für Wasser, eine für soziale Dinge, eine für Tiere, eine für Rohstoffe, eine für Recyclingfähigkeit, ...) -- Wobei ich auch dazu sagen möchte, dass ich manche der vorgeschlagenen Kriterien durchaus problematisch finde. Nach in Deutschland produzierten Produkten zu suchen, wird den Menschen, die in den problematischen Firmen arbeiten müssen, weil die Alternative garkeine Arbeit ist, sicherlich nicht helfen. Wohl eher im Gegenteil. Auch werden sehr viele Rinder und Schweine geschlachtet, da finde ich es deutlich sinnvoller und auch den Tieren gegenüber fairer, wenn ihr Körper wenigstens möglichst vollständig verarbeitet, also auch das Leder verwendet wird, anstatt eine Kunststoffalternative zu verwenden. Und in wie weit Wolle problematisch ist, verstehe ich auch nicht ganz. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung von den Haltungsbedingungen, aber heutige Schafe haben irgendwann Probleme, wenn sie nicht geschoren werden. Sie würden wahrscheinlich auch garnicht leben, wenn es die Schur nicht gäbe. Auch hier muss man sich fragen, ob die Alternativen wirklich besser sind und wenn ja, für wen. Denn jedes Material greift irgendwo ein und hinterlässt Spuren.
juliaz 03.12.2015
2. Muß nicht sein
Second-hand-Klamotten? Nein danke. Anderer Leute Läuse, Schweißflecken und Parfümreste brauche ich nicht auf der Haut. Es geht auch anders: geplant einkaufen, gute Qualität, und das zweimal im Jahr maximal. Niemand braucht 15 Hosen, 20 Hemden, 30 T-Shirts und zwei Dutzend Paar Schuhe. Je nach Beruf und dortigen Vorgaben zwei, drei vollständige Sets für die Arbeit, und ein paar Teile für die Freizeit. Wenn man die Sachen dann nicht mit Bleiche wäscht, pfleglich behandelt und vielleicht sogar mal einen Knopf selber wieder annäht, lebt man nachhaltiger als 90% der anderen.
Kamillo 03.12.2015
3.
Schuhe nicht mal 12 Monate getragen... Ist auch kein Wunder, vielfach halten die Schuhe garnicht so lange durch. Unter 100 Euro bekommt man heute teilweise nicht mal mehr echtes Leder.
der-stratege 03.12.2015
4. Tauschbörsen schön und gut, aber
dadurch würden wieder tausende Menschen aus den Textilfabriken in Indien, Pakistan und Bangladesh arbeitslos - ist halt alles ein Kreislauf.
Rubyconacer 03.12.2015
5. Gute Idee
Ich trage aber meine Sachen viele Jahre, allein schon, weil kaum ein Händler meine Größe (102/106) anbietet. Da dürfte Tauschen leider auch nicht funktionieren.
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