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Lebensmittelzusätze: Natürlich künstlich

Von Mareile Jenß und

Wiener Würstchen: Echt geräuchert oder nur gespritzt? Zur Großansicht
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Wiener Würstchen: Echt geräuchert oder nur gespritzt?

Voll-Nuss oder nur Aroma? Der Schokoladenhersteller Alfred Ritter wehrt sich gegen die Behauptung, künstliches Aroma verwendet zu haben. Dabei gibt es weit weniger harmlose Beispiele für seltsame Zusätze in unseren Lebensmitteln.

Ein Münchner Gericht soll über die Frage entscheiden, ob der Stoff Piperonal, den Alfred Ritter in seine Nussschokolade mixt, künstlich oder natürlich ist. Die meisten Verbraucher dürften es eher verwirrend als natürlich finden, dass ein Stoff, der beispielsweise aus Pfeffer gewonnen wird, Vanillegeschmack in die Nuss-Schokolade bringt. "Natürlich" ist im Sinne der Lebensmittelkennzeichnung tatsächlich eine Definitionsfrage - häufig steht auf der Verpackung etwas ganz anderes, als ein logisch denkender Mensch erwarten würde.

Steht "Aroma" auf dem Etikett, können sich dahinter neben natürlichen, naturidentischen und künstlichen Aromastoffen auch Aromaextrakte, Reaktions- oder Raucharomen verbergen. Im Wesentlichen gibt es drei Varianten:

  • Natürliche Aromastoffe, die aus pflanzlichen oder tierischen Ausgangsprodukten gewonnen werden wie beispielsweise Vanillin aus der Vanilleschote,
  • naturidentische Aromastoffe, die in ihrer Zusammensetzung natürlichen Aromastoffen ähneln sowie
  • künstliche Aromastoffe, die chemisch hergestellt werden und in Lebensmitteln nicht natürlich vorkommen wie etwa Ethylvanillin.

Laut EU-Aromenverordnung wird nur noch zwischen "natürlichen Aromastoffen" und "Aromastoffen" unterschieden. Als "natürlich" darf ein Aroma nur dann bezeichnet werden, wenn es sich bei den Bestandteilen ausschließlich um natürliche Aromastoffe handelt. Vanillin, der wohl wichtigste und weltweit meistverwendete Aromastoff, kann beispielsweise aus Lignin gewonnen werden, einem Bestandteil pflanzlicher Zellwände - und damit natürlichen Ursprungs. Mit Vanilleschoten hat dieses Vanillin dennoch nichts zu tun.

Bezeichnungen wie "natürliches Himbeeraroma" können Hersteller verwenden, sofern es zu mindestens 95 Prozent von der namensgebenden Frucht stammt. Bei der Angabe "natürliches Aroma" muss der Geruch oder Geschmack lediglich aus natürlichen - pflanzlichen oder tierischen - Ausgangsstoffen stammen. Genau weiß man also nicht, was sich hinter dem "Aroma" auf dem Etikett verbirgt.

Anders ist das bei verpackten Würstchen oder Fleisch: Dort steht auf der Zutatenliste neben irgendwie unangenehm klingenden Bestandteilen wie beispielsweise Nitritpökelsalz häufig die Zutat Rauch. Logisch, weil geräucherte Würstchen natürlich im Rauch hängen? Nein, sie werden in der Regel mit industriellem Flüssigrauch bespritzt - das verteilt das Aroma besser, macht die Würstchen dabei noch haltbarer und vor allem: Flüssigrauch ist weniger gesundheitsschädlich als das klassische Räuchern.

Auch wenn auf der Packung deutlich "ohne Zusatzstoff Geschmacksverstärker" steht, muss das nicht so stimmen. So mischen viele Hersteller Hefeextrakt in ihre Produkte, das den Geschmack auf ähnliche Weise verstärkt wie Glutamat, aber nicht als Geschmacksverstärker deklariert werden muss. Einige Produkte enthalten pflanzliches, biologisch aufgeschlossenes Eiweiß, das ähnlich funktioniert wie Hefeextrakt - dann steht zuweilen auch "Pflanzenproteinhydrolisat" oder "hydrolisiertes Pflanzeneiweiß" auf dem Etikett.

Schwer haben es auch Verbraucher, die sich vegetarisch oder vegan ernähren wollen: Viele Produkte enthalten tierische Bestandteile, die auf dem Etikett aber häufig nicht auftauchen. So wird tierische Gelatine (häufig aus Schweinehaut) als Verdickungsmittel in Frischkäse oder als Trägerstoff für Vitamine in Fruchtsäften eingesetzt. In Chips werden tierische Bestandteile als technische Hilfsstoffe ebenso verwendet wie in Brot und Brötchen: Vor allem Großbäckereien setzten L-Cystein als Mehlbehandlungsmittel ein, eine Aminosäure, die Konsistenz und Verarbeitungseigenschaften des Teigs beeinflusst und aus Schweineborsten oder Federn gewonnen wird.

Wer sich ein wenig Mühe macht, kann die meisten Zutaten, die auf die Etiketten gedruckt sind, entschlüsseln. Viele Hersteller haben auf das schlechte Image jener Zusatzstoffe, die mit einer "E-Nummer" gekennzeichnet sind, reagiert und schreiben jetzt die Namen aus: Zum Beispiel Vitamin C statt E300. Leider ist in den meisten verarbeiteten Produkten viel mehr drin als draufsteht: Die EU-Etikettierungsrichtlinie listet eine ganze Reihe von Stoffen auf, die nicht als Zutaten definiert werden und dementsprechend von der Deklarationspflicht ausgenommen werden müssen.

Das sind beispielsweise alle Zusatzstoffe, die im Enderzeugnis zwar noch vorhanden sind, aber keine "technologische Wirkung" ausüben. Dazu zählen Lösungsmittel, Trägerstoffe für Aromen oder Trennmittel und natürlich alle Zusätze, die nur die maschinelle Verarbeitung erleichtern wie Schaumverhüter, Enzyme oder Emulgatoren. Genau an dieser Stelle wird nebenbei auch die Gentechnik-Kennzeichnung ausgehebelt: Wenn diese Zusatzstoffe aus gentechnisch veränderten Organismen hergestellt wurden, muss das Produkt eben nicht entsprechend gekennzeichnet werden.

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insgesamt 214 Beiträge
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1. Verbrauchermanipulation schlimmer denn je
raber 21.12.2013
Im gleichen Sinne. Genauso werden Behörden und Patienten absichtlich falsch informiert, da unvollstándig, wenn schlechte Versuchsergebnisse der Medikamente einfach nicht weitergegeben werden und nur die positiven bei diesen internen Filtern durchkommen. Die Verbraucher werden manipuliert wie selten in der Vergangenheit und die Rechtsabteilungen und Lobbyisten der Hersteller suchen jedmögliche Schlupflöcher.
2. Das erinnert mich an Soylent Green
iffel1 21.12.2013
ein leckerer Keks, der in nicht allzu ferner Zukunft die Menschheit ernährt ;o) mal bei Wikipedia schauen - sehr interessant Herr Ritter ;o)
3. Guten Appetit!
huggythebear 21.12.2013
Bei diesen ganzen Zusatzstoffen wundert es einen nicht mehr, dass immer mehr Menschen unter Reizdarm-Symptomen leiden. Eines der grössten Übel ist, dass die Agrarindustrie Giftstoffe in Getreide hineingezüchtet hat, um Schädlinge abzuwehren. Wir essen dann das vergiftete Zeug und wundern uns über Blähungen und Magenkrämpfe...
4. tierische Gelatine in Fruchtsäften????
Larry 21.12.2013
Und ohne Kennzeichnung auf der Flasche ? Ich verklage die Regierung und die komplette Fruchtsäfte Industrie! Denn das ist Betrug !!!
5. Nussaroma?? Vanillearoma??
bluebeary 21.12.2013
"Der Schokoladenhersteller Alfred Ritter wehrt sich gegen die Behauptung, künstliches Nussaroma verwendet zu haben" - Das stimmt doch so nicht. Ritter Sport wehrt sich dagegen künstliches Vanillearoma verwendet zu haben. Schon die Unterüberschrift trägt so zu Verwirrung bei.
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