Betrug bei Neuland Wo das System an seine Grenzen stößt

Das Neuland-Siegel gilt als besonders vertrauenswürdig, denn die Vorschriften für das Fleisch aus artgerechter Tierhaltung sind streng. Trotzdem konnte ein einzelner Geflügellandwirt jahrelang betrügen. Wer hat versagt?

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Freilaufendes Huhn in Niedersachsen:  Jahrelanger Betrug bei Neuland-Hühnchen
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Freilaufendes Huhn in Niedersachsen: Jahrelanger Betrug bei Neuland-Hühnchen


Bauernhof contra Massenhaltung, Bio statt konventionell - die Entscheidung scheint für Verbraucher so einfach. Wer es gut mit den Tieren meint, kauft das teure Fleisch. Wem sie egal sind oder wer sich das nicht leisten kann, geht in den Discounter. Jetzt aber erschüttert ein neuer Skandal das Vertrauen in die Gutmenschenbranche. Wie die "Zeit" berichtet, hat ein Lieferant der Marke Neuland jahrelang Hähnchen falsch deklariert. Gutgläubige Fleischkäufer bei Neuland bekamen Industrieware statt glücklicher Hühner. Und dem Landwirt brachte der Betrug wohl viel Geld ein.

Die Empörung ist groß, dabei zeigt der Fall nur, dass Siegel und Kontrollen keine Sicherheit geben. Und seien sie noch so scharf. Bei Neuland gelten zwar keine Bio-Vorschriften, dafür müssen die Zulieferer des Ende der achtziger Jahre von Idealisten gegründeten Vereins andere strenge Regeln befolgen. Sie müssen ihren Tieren das ganze Jahr über Auslauf ermöglichen, die Ställe brauchen große Fenster, Hühnern dürfen die Schnäbel nicht beschnitten werden. Vor allem gelten strenge Bestandsobergrenzen - das entscheidende Detail im aktuellen Skandal.

Denn der jetzt beschuldigte Neuland-Großlieferant in Niedersachsen hatte sich laut "Zeit" schon 2004 dazu verpflichtet, dem Verein jedes Jahr 20.000 Hähnchen zu liefern. Von Anfang an aber musste der Landwirt Küken von konventionellen Züchtern beziehen - das ist bei Neuland durchaus erlaubt, wenn die Tiere beim Ankauf nicht älter als drei Wochen sind. Offenbar reichte das bei der geforderten Menge aber nicht mehr aus, so dass der Mäster immer mehr Hühner aus konventioneller Haltung zukaufen musste.

Dem Bericht zufolge erhöhte der Betrieb im Laufe der Zeit die Liefermenge ganz offiziell auf "100.000 Stück Hähnchen bzw. Teilstücke von diesen". 2013 lieferte der niedersächsische Betrieb schon 130.000 Hühner an Neuland-Geschäfte. Den Vereinsstatuten zufolge hätte er aber höchstens 16.000 Tiere auf seinem Hof halten dürfen. Bei jährlich rund fünf Schlachtdurchgängen wären das rund 80.000 Hühner.

Diese Diskrepanz sei schon früher aufgefallen, räumt Neuland-Geschäftsführer Jochen Dettmer auf Nachfrage ein. Allerdings hätten die Kontrollbehörden auch lange gebraucht, um den Nachweis zu liefern.

Neuland - Opfer des eigenen Erfolgs

Was also ist genau schiefgelaufen? Wer hat versagt - der Lieferant, die Behörden oder Neuland selbst?

Ein wenig, so scheint es, sind die Beteiligten Opfer ihres Erfolgs geworden. Der Markt für Öko- oder Produkte aus artgerechter Haltung boomt. Mit zunehmender Zahl der Betriebe wächst zugleich auch die Zahl schwarzer Schafe - auch weil die Nachfrage das Angebot übersteigt. Und so erklingt nach jedem Skandal der Ruf nach härten Kontrollen.

Dabei ist das System bei Neuland sogar engmaschiger als bei Biobetrieben: Mindestens einmal im Jahr kommen Kontrolleure der Gesellschaft für Ressourcenschutz (GfRS) unangemeldet auf die Neuland-Höfe, bezahlt werden sie vom Verein, nicht von den Betrieben. Die Höfe können sich ihre Kontrollstellen - anders als in der Biobranche - nicht selbst aussuchen. Mauscheleien sind zwar möglich, aber unwahrscheinlich. Das Problem: Die Kontrolleure überprüfen nur, ob die Neuland-Richtlinien eingehalten werden - nicht aber, ob systematisch zu viele Tiere gekauft und geschlachtet werden.

Schon länger im Verdacht

Im aktuellen Fall lässt sich dem Verein Neuland deshalb wohl auch eine Mitschuld nachweisen, weil er viel zu lange nicht genau hingesehen hat. Nur fünf Mastbetriebe in Deutschland liefern Neuland-Hühnchen, insgesamt 200.000 Stück pro Jahr. Wie kann einem da durchgehen, dass der Hauptlieferant deutlich mehr Tiere liefert, als er eigentlich halten darf?

Tatsächlich hatte Neuland den Landwirt schon länger im Verdacht: Der Vorstand hatte 2012 beschlossen, dass alle Betriebe auf langsam wachsende Rassen umstellen müssen. Dann hätte der jetzt beschuldigte Landwirt seine Küken von anderen Brütereien beziehen müssen, der Zukauf ausgewachsener Tiere von schnellwachsenden Rassen wäre aufgeflogen. Er verweigerte die Umstellung so lange, bis der Verein misstrauisch wurde und die GfRS-Kontrolleure mehrfach auf den Betrieb schickte. Beim letzten Besuch im Herbst 2013 überraschte der Landwirt jedoch die Kontrolleure: Er überreichte den verdutzten Inspekteuren das Kündigungsschreiben für seinen Neuland-Vertrag und bat sie zu gehen.

Heute gibt sich Neuland betroffen. "Wir hatten den Betrieb im Visier, aber wir konnten ja nichts beweisen", klagt Geschäftsführer Dettmer. Erst diesen Mittwoch stellte der Verein Strafanzeige gegen den Landwirt und versprach bessere Kontrollen: Künftig würden die Warenflüsse routinemäßig analysiert, dann würde so ein Betrug sofort auffallen - allerdings nur, wenn wieder einer die Lieferzahlen so dreist überschreitet.

Ein anderes Problem wird nicht gelöst: Der niedersächsische Landwirt hatte den Betrug in der "Zeit" zugegeben, aber zugleich beteuert, dass er von den Erlösen für die Hühner nicht hätte überleben können. Mit offiziell 16.000 Mastplätzen wird das wohl kaum funktionieren. Das sei auch so gewollt, sagt Neuland-Geschäftsführer Dettmer. "Die Betriebe sollen mehrere Standbeine haben."

Offen bleibt, was mit den Betrieben passiert, die nur ein Standbein haben.

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insgesamt 58 Beiträge
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Seite 1
Qual 16.04.2014
1. optional
Zitat: "Wer hat versagt?" Unser Rechtssystem, ganz klar. Es bietet besonders dem Schuldigen gute Möglichkeiten sich durch zu mogeln. Eine lang bekannte Alternative ist eine aus nur ganz wenigen Artikeln bestehende Direktive. Deren Umgehung nahezu unmöglich ist. Keine Darstellung verschiedener Sichtweisen möglich sondern einzig gewollter Verstoß oder nicht ist die Frage. Das alles wäre mit 10 kleinen aber bedeutenden Artikeln zu lösen. Aber wohin mit den ganzen Juristen?!
andreas.a 16.04.2014
2. Immer auf Bio
Warum urteilen Journalisten eigentlich immer über die Bioverordnung und deren Durchführung. Wäre es denn nicht besser die konventionelle Landwirtschaft genauer in Frage zu stellen. Schwarz Schafe gibt es überall, das ist unbestritten, aber sollten wir uns nicht über das Erreichte freuen und nicht alles schlecht reden.
zeitmax 16.04.2014
3. Übelste Geschäftemacherei, wohin man blickt...
Übelste Geschäftemacherei, wohin man blickt, natürlich auch und gerade im Nahrungsmittelsektor. Die Vielzahl der Delikte läßt auf eine noch höhere Dunkelziffer schließen - und es stellt sich automatisch die Frage nach dem wahren Grund. Der läßt sich leicht lieferern: Im kapitalistischen Zinseszinssystem pressen die Kapitalkosten das Letzte aus den Unternehmen,so dass - mehr oder weniger kaschierte - Quantitätsziele statt Produkt-Qualität angestrebt werden. Philosophisch betrachtet, überhaupt kein Beinbruch, so löscht sich die Masse Mensch schneller aus - der Planet wirds uns danken!
spon_2789959 16.04.2014
4. Schwindler
Bredenbecker Geflügel GmbH so lautet der Name des Übeltäters ....Lohnschlachter für Neuland ...deshalb auch dieses relativ leichte Spiel schindluder zu treiben. Leider wird dies in keinem Beitrag erwähnt und die Landwirte des Neulandverbundes generell von jedem User hier als Betrüger dargestellt. Ich würde sagen schaut euch einfach nach einem Betrieb in eurer nähe um und überzeugt euch selbst, ob das Siegel nur Schall und Rauch ist.
spon-1298230262914 16.04.2014
5. Neuland
Eigentlich kein Wunder, weil Neuland - wie der Name schon sagt - neu in der Bioszene ist und im Gegensatz zu Bioland, Demetzer, Naturland schwerpunktmäßig die Disconter beliefert und bei Eigenkontrollen schlampert. Wenn ich ein Produkt der bekannten Bioverbände kaufe, kann ich sicher sein, dass die Verbände sehr genau hinsehe und schwarze Schafe sofort ihre Lizenz verlieren. Aber Bauernverband und andere Lobbyisten wollen genau solche Neulands, dann kann jeder sagen: kein Unterschied zwischen Massentierhaltung und Bio, laos kaufe ich weiter billig ein.
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