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Niederlage für Gen-Lobby: Das Land, in dem bald kaum noch Honig fließt

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Die Imker feiern ihren Sieg über die Gentechnik-Lobby: Honig, der Spuren von gentechnisch veränderten Pollen enthält, darf in der EU nicht mehr verkauft werden. Das hat der Europäische Gerichtshof entschieden. Müssen die Einzelhändler ihre Regale nun leeren?

Naturprodukt Honig: 80 Prozent der Ware kommt aus dem Ausland Zur Großansicht
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Naturprodukt Honig: 80 Prozent der Ware kommt aus dem Ausland

Luxemburg - Für den Imker aus dem baden-württembergischen Rosenfeld ist das Urteil eine riesige Genugtuung. "Ich bin äußerst zufrieden", sagt Thomas Radetzki. Er hat das "Bündnis zum Schutz der Bienen gegen Agrotechnik" gegründet, am Dienstag feierte er einen echten "David-gegen-Goliath"-Erfolg - über die Europäische Kommission und über die Befürworter von Gentechnik in der Landwirtschaft.

Denn nach einem sieben Jahre andauernden Rechtsstreit hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) die Position von Radetzki und seinen Imkerkollegen bestätigt: Honig, der Spuren von genveränderten Pollen enthält, darf in der EU nicht mehr verkauft werden. Er ist "nicht verkehrsfähig", wie es im Juristendeutsch heißt.

Radetzki hat den Kläger - Hobby-Imker Karl Heinz Bablok aus der Nähe von Augsburg - bei seinem Kampf durch die Instanzen unterstützt. "Wir brauchten einen Betroffenen, der das Recht hat, zu klagen", erzählt Radetzki. Und das war Bablok, seine Bienenstöcke lagen nur 500 Meter entfernt von einem Versuchsfeld des US-Agrarkonzerns Monsanto.

In seinem Honig stellte der bayerische Imker im Jahr 2005 Pollen der gentechnisch veränderten Maissorte Monsanto 810 fest. Dieser ist in Deutschland als Tierfutter, aber nicht als Lebensmittel zugelassen. Bablok vernichtete deshalb seinen Honig in einer Müllverbrennungsanlage und verklagte den Freistaat Bayern auf Schadenersatz.

Die EU-Kommission vertrat bislang die Position, dass der Honig keine besondere Zulassung braucht, da die Genmais-Pollen unabsichtlich und in sehr geringen Mengen in das Produkt gelangt seien. Der Europäische Gerichtshof sah das nun anders: Laut dem Urteil ist es unerheblich, ob der Genmais absichtlich oder zufällig in ein Lebensmittel gelangt. Gleiches gilt auch für die Menge solcher Stoffe. Daher müssten auch die Produkte, um die es in dem Streit ging, vor einem Verkauf erst geprüft und zugelassen werden.

Was hat das Urteil nun für Konsequenzen? Zum einen haben die Imker Rechtssicherheit. Kein Landwirt wird mehr in der Nähe ihrer Bienen gentechnisch veränderte Pflanzen anbauen können, ohne mit Schadensersatzansprüchen rechnen zu müssen. Außerdem werden die Behörden sämtlichen Honig, der in der Europäischen Union verkauft wird, auf Anteile von genveränderten Pollen prüfen müssen. Das dürfte vor allem Honig aus Kanada, Argentinien und Brasilen treffen, diese Länder setzen stark auf Gentechnik in der Landwirtschaft. Wenn der Anteil von Gen-Pollen 0,9 Prozent übersteigt, muss die Ware als "genetisch verändert" gekennzeichnet werden. Ist die Genpflanze - wie der Monsanto-Mais - nicht als Lebensmittel zugelassen, darf das Produkt gar nicht verkauft werden.

Nur ein Fünftel des Honigs kommt aus heimischer Produktion

In Deutschland werden pro Jahr 83.000 Tonnen Honig verbraucht, das sind 166 Millionen Gläser à 500 Gramm. 80 Prozent der Ware kommt aus dem Ausland, vor allem aus Süd- und Mittelamerika. Gerade einmal ein Fünftel kommt aus heimischer Produktion, oft werden deutsche und importierte Ware gemischt.

Wie viel Honig nun aber tatsächlich aus den Regalen genommen werden muss, ist unklar. Die deutschen Imker halten einen Wert von 50 Prozent des Importhonigs für realistisch, das niedersächsische Landwirtschaftsministerium vermutet laut "Süddeutscher Zeitung" sogar, dass nun "30 Prozent der in Europa erzeugten Honige und nahezu alle aus Drittländern eingeführten Honige aufgrund fehlender Zulassung nicht mehr verkehrsfähig" seien - sprich aus den Regalen geräumt werden müssen. Der Honig-Verband teilte dagegen mit, man erwarte "keine kurzfristigen Konsequenzen": "Wir gehen davon aus, dass die Produkte unserer Mitglieder weiterhin verkehrsfähig sind."

Zuständig für die Kontrollen sind die Länder, die Veterinärämter und Lebensmittelbehörden dürften in den kommenden Wochen ordentlich damit beschäftigt sein, Importhonig auf seine Zulässigkeit zu prüfen. "Wir werden mit den Ländern über die Konsequenzen dieses Urteils sprechen", sagt ein Sprecher von Agrarministerin Ilse Aigner (CSU). Es müsse sichergestellt werden, dass nicht verkehrsfähiger Honig aus den Regalen verschwinde.

In einem zweiten Schritt will Aigner die EU-Kommission auffordern, ein Konzept für ein einheitliches Vorgehen zu beschließen. Die Frage ist, ob Genhonig zugelassen werden kann und wenn ja, unter welchen Bedingungen.

Aigners Sprecher sagt, die Bundesregierung setze sich dafür ein, Lebensmittel, die mit Gentechnik in Berührung gekommen sind, besonders zu kennzeichnen: "Wir wollen eine sogenannte Prozesskennzeichnung: Auf der Verpackung muss alles stehen, was mit dem Lebensmittel vom Acker über das Fließband bis zum Handel passiert ist. Leider stehen wir damit in Europa aber noch alleine da."

Ob das Urteil auch andere Lebensmittel betrifft, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Imker Radetzki beharrt darauf, dass das Genverbot "für alle Lebensmittel in der EU" gelte. Der Aigner-Sprecher dagegen verweist darauf, dass der EuGH in seinem Urteil nur von Honig und Nahrungsergänzungsmitteln, zum Beispiel Vitaminpräparaten, spreche.

Mit Material von AFP

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insgesamt 227 Beiträge
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1. Das ist auch richticht so!
goldono 06.09.2011
Ich will den schitt nicht in meinem Essen haben. MfG goldono
2. Na bitte...
loud_olph 06.09.2011
geht doch!
3. Imker mit Gentechnik
Eutighofer 06.09.2011
Was ist mit Honig, der von Imkern erzeugt wird die sich wegen Diabetes mellitus Insulin spritzen ? Insulin wird getechnisch hergestellt und direkt in den Körper gespritzt. Bitte noch mehr unsinnige "Gen-Hysterie"! Nach dem Ende der Kernkraftnutzung in Deutschland brauchen wir dringend ein neues Hysteriethema. Noch nie ist ein Mensch durch gentechnisch erzeugte Lebensmittel zu schaden gekommen - egal, Panik und Hysterie müssen sein, davon leben Greenpeace und Co. sowie die gesamte Biobranche. Nüchternheit und Realismus würden deren Geschäftsgrundlage - die unspezifische Angst - zertsören.
4. ...
KurtFolkert 06.09.2011
Ist nur Honig. Da gibt es noch viel mehr, wo man mal ein paar mehr Vorschriften bräuchte. Leider, denn der blöde Verbraucher lässt es ja mit sich machen, weil er keine Ahnung hat, wie man ohne Finanzaufwand gegen die Abwimmel- und Ichvergklagdich-Haltung der Unternehmen vorgehen könnte. Allein in Maggi oder Knorr-Tütensaucen ist so viel Schrott drin. Davon abgesehen auch nur 3% des Inhalts überhaupt nötig. Der Rest ist behandelete Stärke die sich zu 100% auflöst. Selbst der Soßenbinder ist in den 3% drin. Doch der Kunde soll ja glauben, ein edles Pülverchen erstanden zu haben.. Die Honigheinis werden sicher bald losjammern.
5.
sein_zitat 06.09.2011
Lobbyisten-Klage erfolgreich - der deutsche Kleinbauer freut sich, für den Verbraucher wird es teurer. Gentechnik - was genau da passiert weiss man zwar nicht, muss man aber auch nicht um dagegen zu sein denn es klingt mindestens so gefährlich wie Atomkraft und Handystrahlung: Verbieten. Was der Deutsche nicht kennt, frisst er nicht. Ging ja auch jahrzehntelang ohne - Zukunft brauchen wir nicht.
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Im Überblick: Die Bestimmungen des Gentechnik-Gesetzes
Anbau
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Der Anbau von Gentech-Pflanzen beschränkt sich in Deutschland zur Zeit auf die Kartoffelsorte "Amflora" des Chemiekonzerns BASF. Das für die Produktion von industriell verwendeter Kartoffelstärke optimierte Nachtschattengewächs wächst in Mecklenburg-Vorpommern auf einem 15-Hektar-Feld. Daneben finden auch 2010 zahlreiche experimentelle Freisetzungen statt: Auf insgesamt 13 Hektar gedeihen gentechnisch veränderte Zuckerrüben, Mais- und Weizenpflanzen, die von Firmen und Universitäten im Freiland getestet werden, aber nicht kommerziell genutzt werden dürfen. Im Jahr 2008 wurde in Deutschland auf rund 3200 Hektar gentechnisch veränderter Mais des US-Saatgutkonzerns Monsanto angebaut (MON810) - 99 Prozent davon in Ostdeutschland. Der Gentech-Anteil an der gesamten Maisanbaufläche lag bei nur 0,15 Prozent. Seit April 2009 ist der MON810-Anbau in Deutschland verboten. Der umstrittene Gen-Mais soll besser vor dem Schädling Maiszünsler geschützt sein.
Gesetze
Über die Zulassung gentechnisch veränderter Pflanzen entscheidet zunächst die EU-Kommission. Die endgültige Freigabe in Deutschland liegt beim Bundesministerium für Verbraucherschutz. Sind die Erbgutveränderungen in der neuen Pflanze genetisch stabil und besitzen Vorteile gegenüber bestehenden Sorten, kann das Saatgut zur kommerziellen Nutzung freigegeben werden. Obwohl kleinere Mengen genmanipulierter Pflanzen seit 1998 probeweise angebaut wurden, hat das Bundessortenamt erst 2005 mehrere Variationen der Maissorte MON 810 für den unbegrenzten Anbau zugelassen. Für die Gen-Kartoffel "Amflora" ist dagegen keine Zulassung der deutschen Behörden notwendig, weil sie nur von Vertragspartnern des Konzerns angebaut und nicht auf dem freien Markt gehandelt werden soll.
Reform
Nach monatelangem Streit hat sich die große Koalition im Juli auf neue Regeln zum Anbau von genetische veränderten Organismen (GVO) verständigt. Der Mindestabstand zwischen normalen Feldern und solchen mit genetisch verändertem Saatgut soll auf 150 Meter, beim Öko-Anbau auf 300 Meter festgelegt werden. Zudem sollen die Kriterien zur Kennzeichnung von Lebensmitteln ohne Gentechnik gelockert werden, der genaue Schwellenwert genetischer Verunreinigung ist aber noch strittig. Das Standortregister mit genauen Ortsinformationen über Anbauflächen von Genpflanzen soll entgegen früherer Planung nicht eingeschränkt werden. Auch die Haftung bei genetischer Verunreinigung benachbarter Anbauflächen soll unverändert bleiben: Wer Genpflanzen sät, muss im Schadensfall unabhängig vom Verschulden haften, wenn kein Verursacher gefunden wird. Die Haftung greift jedoch erst bei einem Anteil genveränderter Stoffe von mehr als 0,9 Prozent.
Kritik
Kritiker der Gesetzreform bemängeln, dass die Abstandsregelungen zwischen normalen und gentechnisch veränderten Anbauflächen im Einvernehmen zwischen Bauern außer Kraft gesetzt werden können. Selbst Erntemaschinen und Verarbeitungsanlagen könnten demnach gemeinsam benutzt werden, wenn beide Nachbarn einverstanden sind. Zudem halten Umweltverbände und Teile der Opposition die Abstände von 150 bzw. 300 Meter für zu gering, um eine Weiterverbreitung der Genpflanzen zu verhindern. Sollte der kontrollierte Anbau des manipulierten Saatguts scheitern, sah das bisherige Gesetz außerdem einen Stopp der kommerziellen Nutzung vor. Diese Regelung ist in dem neuen Gesetzentwurf nicht mehr enthalten.

Das Erbgut
Genom
Das Genom bezeichnet das gesamte Erbgut eines Organismus. Außer bei einigen Viren besteht es immer aus DNA (Desoxyribonukleinsäure). Das Genom beinhaltet den Bauplan für die Produktion sämtlicher Proteine (Eiweißmoleküle), die ein Organismus zum Leben benötigt. Ein Gen ist ein Sequenzabschnitt auf dem Genom und beinhaltet die Erbinformation für ein Protein. Die einzelnen Bausteine der DNA sind vier verschiedene Basen: A, C, T und G.
Messenger-RNA (mRNA)
Die mRNA ist eine Art Genabschrift oder Blaupause der DNA. Nur die mRNA kann von den Proteinfabriken der Zellen, den sogenannten Ribosomen gelesen werden. Sie gibt ihnen vor, in welcher Reihenfolge Aminosäuren - die Bausteine von Proteinen - für das jeweilige Protein zu verknüpfen sind.
Codon
Ein Codon ist eine Folge von drei Bausteinen (Nukleotiden oder Basen) der DNA und analog auch der mRNA. Ein Codon steht für eine bestimmte Aminosäure oder als Stoppsignal, welches das Ende einer Bauanweisung für ein Protein kennzeichnet.
Genetischer Code
Der genetische Code ist die Zuordnung der Basen-Dreiergruppen und der Aminosäuren. Da vier verschiedene Basen zur Auswahl stehen, umfasst der genetische Code insgesamt 64 Codons. Für die meisten Aminosäuren gibt es daher mehr als ein Codon. So stehen beispielsweise die Codons CAG und CAA für die gleiche Aminosäure, die Glutaminsäure.
Transfer-RNA (tRNA)
Die tRNAs übernehmen eine Adapterfunktion beim Bau der Proteine: Jede tRNA hat auf der einen Seite jeweils ein sogenanntes Anticodon, das passend zum Codon auf der mRNA ist. Auf der anderen Seite ist sie mit der zugehörigen Aminosäure beladen. Auf diese Weise wird der genetische Code auf der mRNA abgelesen und in die entsprechende Aminosäurekette zum Protein verwandelt. Dieser Prozess geschieht in den Ribosomen.

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