Hype um Turnschuh Tagelanges Campen für ein Paar Schuhe

Sie kommen aus Atlanta, Bielefeld und Cuxhaven: Für einen Turnschuh in limitierter Auflage haben 60 junge Menschen in Hamburg auf dem Gehweg campiert - und tief in die Tasche gegriffen. Beobachtungen von einer geschickten Marketingstrategie.

Von

Lorenz Eichhorn

Hamburg - Schlaflose Nächte, endloses Warten und dabei Bier trinken. Drei Tage lang hat sich Henrik Franke auf seine neuen Sneakers gefreut. Der 27-Jährige schlief auf dem Gehweg und aß kaum. Dann ging alles ganz schnell: Am Samstagmittag hatte er sie endlich am Fuß - Turnschuhe für 260 Euro. Bei Internetauktionen sollen sie später das Zehnfache wert sein. Bei Online-Versteigerungen kommen vergleichbare Schuhe aktuell auf mehrere tausend Euro.

"Ich bin unglaublich glücklich, müde und etwas nervös", sagt er zitternd. Zusammen mit etwa fünf Dutzend anderen Schuh-Fans hatte er drei Tage und Nächte im Hamburger Szeneviertel Sternschanze auf der Straße verbracht, alles für ein paar Schuhe eines amerikanischen Sportartikelherstellers, der großen Hype darum gemacht hat.

Kult um einen Schuh

Das Interesse am "Nike Air Yeezy 2" wurde vor allem mithilfe sozialer Netzwerke aufrecht erhalten: Monatelang wurde die Aktion in Blogs und auf Facebook lanciert. Durch Verknappung und vermeintliche Exklusivität wurden die gewöhnlichen Sneakers begehrenswert gemacht: Insgesamt soll es nur 200 Paar der Schuhe geben. Die besondere Bedingung für den Kauf der Schuhe ist dabei erprobt und mit der Marketingaktion des Herstellers von vor drei Jahren vergleichbar. Bereits die erste Edition der Treter wurde vergleichbar geschickt an das Publikum verkauft: Für ein Paar "Air Yeezy" sollten die meist jugendlichen Männer stundenlang auf der Straße vor Geschäften campieren.

Wie auch andere Sportartikelhersteller arbeitet Nike vielfach mit Guerilla-Marketingkampagnen. Meist soll durch einen Reiz Aufmerksamkeit geschaffen und junge Menschen auf die Straße gelockt werden. So ließ der amerikanische Konzern beispielsweise einen überdimensionalen Ball an eine Häuserfassade installieren und gigantische Sportschuhe mitten auf eine vielbefahrene Straße stellen.

Spannung bis zur letzen Minute

Für Henrik wurde es bis zur letzten Minute spannend gemacht: Drei Tage lang sollten sich Henrik und seine Freunde nicht vom Platz bewegen. Alle zwei bis vier Stunden wurde der Name auf einer Liste abgehakt und wer nicht da war, hatte keine Chance mehr, an den begehrten Schuh zu kommen. Nachts war es kalt auf der Straße, das Hamburger Wetter brachte Regenschauer.

Alles halb so schlimm: "Es ist eine Qual - aber es macht Spaß", sagt der Verwaltungsfachangestellte, der extra aus Minden angereist ist. Was einen dazu treibt, sich drei Tage für ein paar Schuhe nicht vom Fleck zu bewegen? "Die Einen warten auf Justin Bieber und ich mag exklusive Schuhe. Sich richtig darauf zu freuen, ist ein zusätzlicher Reiz", sagt er.

Geschickte Marketingstrategie

Mit 13 hatte Henrik seine ersten teuren Sneakers: 360 Mark hat er für seine "Air Max 97" ausgegeben. Seitdem ist er Sportschuh-Fan, mehr als 50 Paar stehen in seinem Regal. Selbst seine dreieinhalbjährige Tochter hat er angesteckt: Auch sie trägt für ihr Alter vergleichsweise teure Sportschuhe. Für ihn sind Schuhe Teil einer Lebenskultur, eine Ausdrucksweise. Mit seinem Herzblut ist er dabei, hält sich aber eher für einen harmlosen Sammler: "Hier sind Jungs unterwegs, die mehr als 600 Paar Schuhe im Schrank haben", erzählt er.

Henrik will die teuer gekauften Schuhe nicht versteigern, sondern selbst tragen. Dass hinter der Aktion eine geschickte Marketingstrategie eines Schuhherstellers steckt, weiß er, aber es ist ihm nicht wichtig: "Für mich ist es wie auf einem Festival. Ich bin gerne hier und treffe neue Leute."

"Die Schuhe wurden zusammen mit dem Rapper Kayne West entworfen und sind limitiert, das erklärt einen Teil des Erfolgs", sagt Markus Wiener. Er betreibt den Schuhladen in Hamburg, der die Sneakers exklusiv vermarktet. Insgesamt wurden in Hamburg 49 Paar der "Nike Air Yeezy 2" verkauft. Für einen Platz auf seiner Liste hatten sich ursprünglich fast 70 junge Menschen beworben - über Facebook und Blogs wurden sie informiert, wo sie warten sollten. "Für einen Platz auf der Liste wurden auf der Straße 1200 Euro geboten", erzählt Wiener nicht ohne Stolz.

Zeig mir deine Schuhe und ich sag dir, wer du bist.

Schon die erste Auflage der Schuhe wurde zielgruppengerecht inszeniert. "Vor drei Jahren habe ich keine abbekommen", sagt ein 26-Jähriger, der seinen Namen nicht nennen will. Der Grund: Der Student hat eine Woche lang in Hamburg auf die aktuelle Version des Sneakers gewartet und dafür die Uni ausfallen lassen. Diesmal hatte er Erfolg: Nicht nur die Strategie des Schuhherstellers ging auf. Auch der Norddeutsche hat sein Ziel erreicht. Er fährt mit seinen neuen Tretern an den Füßen drei Stunden in die Heimat zurück.

Im deutschsprachigen Raum wurden die Schuhe nur noch in Zürich, Köln und Berlin in verschiedenen Farben verkauft. Der inszenierte Run auf die Schuhe ist offenbar absehbar und eine erfolgreiche PR für den Hersteller: Der Rapper Kayne West arbeitet bereits an einer dritten Auflage der Treter.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 83 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
king_pakal 10.06.2012
1.
Zitat von sysopSie kommen aus Atlanta, Bielefeld und Cuxhaven: Für einen Turnschuh in limitierter Auflage haben 60 junge Menschen in Hamburg auf dem Gehweg campiert - und tief in die Tasche gegriffen. Beobachtungen von einer geschickten Marketingstrategie. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,837903,00.html
Kaputte Welt. Ist das die Bestimmung der Menschheit?
meimei 10.06.2012
2.
so hässlich und auch noch teuer...
Quagmyre 10.06.2012
3. Krank
Zitat von sysopSie kommen aus Atlanta, Bielefeld und Cuxhaven: Für einen Turnschuh in limitierter Auflage haben 60 junge Menschen in Hamburg auf dem Gehweg campiert - und tief in die Tasche gegriffen. Beobachtungen von einer geschickten Marketingstrategie. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,837903,00.html
Meine Güte. Drei Tage lang draußen campieren, wenig schlafen, kaum essen, sich auf einer Liste regelmäßig abhaken lassen. Und das alles für ein Paar Schuhe, gezielt und schon fast perfide von Marketingstrategen eingefädelt? Jedem das Seine. Ich persönlich finde das einfach nur noch abartig.
hartholz365 10.06.2012
4. Hirnlose Marketingopfer
So stellt sich die Industrie den idealen Konsumenten vor: Er bettelt das Produkt kaufen zu dürfen.
Kassian 10.06.2012
5.
Jeder hat so seine Hobbys, aber einen überteuerten Schuh der nicht mal besonders aussieht zu kaufen und dafür tagelang zu campen ist schon sehr... speziell. Das würden wohl nicht mal die härtesten Apple Anhänger tun.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.