Nitratwerte In Grund und Boden

Die Nitratwerte im deutschen Grundwasser gehören zu den höchsten in der gesamten EU. Hauptursache ist das Überdüngen der Felder mit der Gülle aus der Massentierhaltung

Ein Feld in Niedersachsen wird gedüngt: Es geht um Geld
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Ein Feld in Niedersachsen wird gedüngt: Es geht um Geld

Von "enorm"-Autorin Kathrin Burger


Zur Autorin
  • Claudia Mählmann
    Kathrin Burger, Kathrin Burger, geboren 1973 in München hat Ernährungswissenschaft studiert und in Madrid einen Master in "Internationale Politik" absolviert Sie arbeitet seit 1999 als freie Journalistin und Buchautorin unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", die "taz" und "Bild der Wissenschaft". Als Kind von 1968er Eltern beschäftigt sie sich mit Themen wie Umweltschutz, Tierwohl oder Machenschaften in der Lebensmittelindustrie. Kathrin Burger lebt und arbeitet in München.
An einem verregneten Novembermorgen wirft Johannes Schmuker vom Wasserwirtschaftsamt Landshut den Motor der Wasserpumpe an. Hier, an der Messstelle Pfeffenhausen A4, zapft Schmuker in 33 Metern Tiefe wieder einmal das Grundwasser an. Seit Jahren liegt der Nitratgehalt dort bei rund 60 Milligramm pro Liter. "Das ist zu hoch", sagt Schmuker. Er klappt eine Karte des Messgebietes aus, die 28 Brunnen verzeichnet. An vielen Stellen ist die Nitratbelastung in den vergangenen Jahren gestiegen, auch im benachbarten Hohenthann. Dort werden 65.000 Mastschweine gehalten - und die produzieren tonnenweise nitrathaltige Fäkalien, die auf den Äckern der Umgebung landen und von dort auch ins Grundwasser sickern. Der örtliche Wasserverband musste daher bereits Brunnen schließen.

Pfeffenhausen und Hohenthann sind keine Ausnahmen: 200 Millionen Tonnen Gülle aus der Massentierhaltung und Gärreste aus rund 8000 Biogasanlagen in Deutschland haben dazu geführt, dass Felder in vielen Regionen überdüngt und Grundwässer belastet sind.

Dabei sollte sich das Grundwasser laut Wasserrahmenrichtlinie der EU bis spätestens Anfang 2015 in einem "guten Zustand" befinden und die Nitratwerte 50 Milligramm pro Liter nicht überschreiten. Damit nicht genug: Deutschland verstößt auch gegen die sogenannte Nitratrichtlinie der EU, die eine Verunreinigung von Gewässern verhindern soll. Die EU-Kommission hat darum schon im Herbst 2013 ein Verfahren gegen Deutschland angestrengt. Im Juli 2014 wurde der zweite Schritt eingeleitet. Nun drohen Strafgelder.

Unter den Gülleduschen leidet vor allem die Natur

Das Problem beim Überdüngen ist der Stickstoff, der in Form von Nitraten - also stickstoffhaltigen Salzen - in Flüsse, Seen und ins Grundwasser gelangt, in Form von Ammoniak aber auch in die Luft entweichen kann. Dort trägt er zur Feinstaubbildung bei. Stickstoff ist ein Baustein des Lebens. Pflanzen und Tiere brauchen ihn zum Wachsen. Nur wenn genügend davon zur Verfügung steht, kann der Landwirt eine gute Ernte einfahren. Darum werden Böden auch mit Gülle auf Vordermann gebracht. Eigentlich ist das Düngen mit Gülle sogar im Sinne der Kreislaufwirtschaft. Doch in der Tiermast fallen derart große Mengen an, dass das Verhältnis von Gülle zu Boden kippt. Zudem werden seit einigen Jahren Gärreste von Biogasanlagen auf den Feldern ausgebracht - zähflüssige Stoffe, die viel Stickstoff liefern und das Nitrat-Problem verschärfen.

Gefunden in
Das Übermaß an Stickstoff kann sich zum ökologischen Desaster auswachsen. Laut einer aktuellen Studie des Umweltbundesamtes sind bei der Hälfte aller Pflanzenarten, die auf der "Roten Liste" stehen, hohe Nährstoffeinträge für deren Gefährdung verantwortlich. Weil sie nun umso stärker wuchern, verdrängen zum Beispiel Pflanzen wie Brennnessel und Holunder viele Moose und Flechten aus den Wäldern.

Landwirtschaftlichen Böden und den darin lebenden Mikroorganismen machen hohe Nitratmengen nichts aus. Die überschüssigen Nitrate können von den Pflanzen aber nicht komplett gebunden werden: Sie versickern im Boden, gelangen dann in Bäche und Flüsse und schließlich in die Meere. "Darum sind vor allem Küstengewässer betroffen", sagt Friedhelm Taube, Agrarwissenschaftler an der Universität Kiel. Insgesamt landen Jahr für Jahr etwa eine Million Tonnen Stickstoff in der Ostsee. Dort regen die Nitrate das Wachstum von Mikro-Algen an. Haben diese den Sauerstoff im Wasser aufgebraucht, bleibt nichts mehr für Fische, Muscheln und Würmer. Sie sterben.

Zwar gibt es hierzulande Regionen wie die neuen Bundesländer, die durch die geringere Viehwirtschaft heute sogar weniger belastet sind als früher. "Doch in Teilen Nordrhein-Westfalens, Niedersachsens oder Schleswig-Holsteins verschärft sich die Situation massiv", sagt Friedhelm Taube. Klassenschlechtester ist laut aktueller Wasseranalysen Niedersachsen: Hier sind die Viehbestände riesig und die Sandböden durchlässig; 60 Prozent der Grundwasserreservoirs sind stark nitratbelastet. Das macht dem Oldenburg-Ostfriesischen Wasserverband (OOWV) zu schaffen: "Im oberflächennahen Grundwasser steigen die Nitratwerte seit einigen Jahren wieder an", sagt Karsten Specht, Sprecher der Geschäftsführung. "Der zulässige Grenzwert wird zum Teil um mehr als das Doppelte überschritten."

Nitrathaltiges wird mit unbelastetem Wasser vermischt

Ob Nitrate in Wasser und Gemüse gesundheitsschädlich für den Menschen sind, ist umstritten. Nitrat kann theoretisch im Körper zu Nitrit und Nitrosaminen umgewandelt werden, Verbindungen, die im Verdacht stehen, krebserregend zu sein. Das Bundesinstitut für Risikoforschung hält sicherheitshalber an den geltenden Grenzwerten für Wasser und Lebensmittel fest. Ein gesunder Erwachsener mit 60 Kilo Gewicht sollte demnach nicht mehr als 222 Milligramm Nitrat am Tag aufnehmen.

Um die Grenzwerte im Trinkwasser einzuhalten, vermischen die Wasserversorger vielerorts nitrathaltiges mit unbelastetem Wasser. Oder werden schon vorher aktiv: So zahlt zum Beispiel der OOWV Landwirten Ausgleichszahlungen, wenn sie in Wasserschutzgebieten weniger Mais anbauen - Mais wird oft überdüngt, weil er robust ist. Mehr als zwei Millionen Euro lässt sich der OOVW das pro Jahr kosten.

Vor allem aber leidet die Natur unter den Gülleduschen. 40 Kilometer vom niederbayerischen Hohenthann entfernt macht sich Otto Feldmeier vom Bund Naturschutz Sorgen. Dort sind vor allem die vielen Biogasanlagen für die maue Wasserqualität verantwortlich. Das ist besonders kritisch, da sich hier entlang der Isar ein 13.000 Hektar großes Niedermoor erstreckt. "Moore sind sehr empfindlich, was Stickstoff anbelangt, eine Last von fünf Kilogramm pro Hektar im Jahr gilt als Grenze", sagt Feldmeier. Doch die Landwirte durften auf den angrenzenden Flächen ganz normal düngen. Feldmeier will die Bauern nicht pauschal ankreiden. "Es gibt halt ein paar, die sich nicht an die Vorgaben halten", sagt der Umweltschutzer.

Eine intensive Viehwirtschaft kann auch schonend ablaufen

Doch warum überdüngen einige Landwirte scheinbar bedenkenlos? Weil es Geld spart. Fällt bei Viehwirten mehr Gülle an, als sie selbst ausbringen können, bezahlen viele von ihnen Ackerbauern, damit sie die Überschüsse auf ihren Feldern entsorgen. Der Abtransport kostet bis zu 20 Euro pro Kubikmeter Gülle. Sogenannte Güllebörsen organisieren dieses Procedere professionell.

Und so wird überschüssige Gülle aus dem viehreichen Norden bis ins Sauerland oder nach Sachsen-Anhalt verfrachtet - im Jahr sind das rund 130.000 voll beladene Tanklastwagen. Dazu kommen illegale Lieferungen, etwa aus den Niederlanden. Friedhelm Taube von der Uni Kiel hält den Gülleverkehr kurzfristig für das kleinere Übel. "Auf lange Sicht wäre es besser, wenn die großen Viehbetriebe in ganz Deutschland verteilt wären." Hier müsse die Regierung Anreize schaffen.

Dass eine intensive Viehwirtschaft auch schonend ablaufen kann, zeigt das Beispiel Dänemark. Entlang von Flüssen oder Seen herrschen dort strengere Düngevorgaben, damit Nitrat nicht von den Feldern geschwemmt wird.

Die neue Düngeverordnung sehen Umweltverbände kritisch

Eine neue Düngeverordnung soll auch in Deutschland die Wasserqualität sichern. Einen Entwurf legte die Bundesregierung Ende 2014 vor. Nun müssen ihn noch die Länder begutachten. Die Novelle rüttelt nicht an Grundfesten: Ein Bauer darf pro Jahr und Hektar weiterhin 170 Kilogramm Stickstoff in Form von Gülle ausbringen. Dafür sollen in Zukunft die Gärreste aus Biogasanlagen angerechnet werden. Zudem soll die winterliche Sperrfrist für die Ausbringung schon im Oktober beginnen, einen Monat früher als bisher. Ob die neuen Vorgaben jedoch für Besserung sorgen, bezweifeln Umweltverbände. So haben die Verfasser etwa die vom BUND geforderten strengeren Grenzwerte für die Gülleausbringung nicht eingebracht. Auch eine Datenbank, die Gülleimporte erfasst, ist nicht vorgesehen.

Der Deutsche Bauernverband (DBV) wurde auf eine Novelle der Düngeverordnung gerne ganz verzichten. Die bisherige Praxis habe sich bewährt, so heißt es dort. Michael Lohse, Pressesprecher beim DBV, plädiert dafür, dass sich Wasserämter und Landwirte in den besonders betroffenen Regionen zusammensetzen und gemeinsam Lösungen finden.

Das passiert vielerorts bereits. So erhalten rund 150 Bio-Bauern im Mangfalltal Geld von den Stadtwerken München - seit 20 Jahren. Das Voralpengebiet ist mit 3500 Hektar die bundesweit größte zusammenhängende Fläche, die biologisch bewirtschaftet wird. Der Bio-Anbau gilt als wasserschonend: Die Anzahl der Tiere pro Hektar Land ist niedriger, Mineraldünger nur sehr eingeschränkt erlaubt. Die Mangfall-Bauern müssen noch zusätzliche Regeln zur Nitratminderung befolgen. Das Ergebnis: "Seit der Umstellung ist der Nitratgehalt im Münchner Trinkwasser auf unter 10 Milligramm pro Liter gesunken", sagt Stephan Schwarz, Geschäftsführer der Stadtwerke München stolz. "Und im Mangfalltal hat sich eine beeindruckende Flora entwickelt."

insgesamt 39 Beiträge
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felisconcolor 01.05.2015
1. Wenn ein
Hund in die Rabatte und so dann ist das der Untergang des Abendlandes. Wenn Bauern ihre Gülle auf den Feldern verklappen nennt man das düngen. So so. Wie wäre es mit einem Kläranlagenzwang für Massentierhalter.
fraumarek 01.05.2015
2. Die Bauern sind die einzigen ....
.....die in unserer Gesellschaft munter und mit wachsender Begeisterung Tiere elend quälen, Gülle ohne Ende auf den Feldern aufbringen und das Ganze auch noch mit einem Giftcocktail an Pestiziden und Herbiziden vergiften dürfen. "Gratis" kriegen wir die Antibiotika im Fleisch auch noch geliefert. Als "Ausgleich" werden sie mit Milliarden-Subventionen vom Steuerzahler überhäuft. DAS ist die gegenwärtige Landwirtschafts-Politik.
jgwmuc 01.05.2015
3.
Da sollte mal der Bauernverband was unternehmen. Nicht nur ständig Jammern, war es zuviel Regen - Sonne oder umgekehrt - nach weiteren Subventionen. Irrsinnig welche EU Mittel in die Landwirtschaft gehen. In Deutschland stinkt es nach Tierscheisse wenn man über das Land fährt. Gerade die Gegend um Vechta ist eine einzige Gülle.
gympanse 01.05.2015
4.
Eins ist sicher: Hackepeter wird zu Kacke später.
poetnix 01.05.2015
5. Allgemeinwissen
Es gehört heute zum Allgemeinwissen, dass die Felder und Wiesen mit Nitrat überdüngt sind. Und wir wissen auch über die Schadlichkeit für Mensch und Natur. Aber wer hier Änderungen durch den Gesetzgeber erwartet, unterschätzt die Kraft des Lobbyismus der Landwirtschaft und der Massentierhaltung. Möge doch der Bürger die ständig steigenden Kosten der Trinkwasser-Reinhaltung tragen.
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