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Verunsicherte Investoren: Forscher warnen vor globaler Ölpreiskrise

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Tiefseebohrung nahe Brasilien: Gefährdete Langfristprojekte

Der Kollaps des Ölpreises hat die Gesetze des Marktes laut einer Studie auf Dauer verändert. Investoren sind demnach tief verunsichert, die Finanzierung teurer Projekte ist gefährdet. Den Verbrauchern droht mittelfristig eine Kostenexplosion.

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Das Risiko einer globalen Ölpreiskrise ist laut einer Studie gestiegen. Der aktuell sehr niedrige Preis verursache "drastische Investitionskürzungen bei langfristig angelegten Ölprojekten", heißt es in einer Analyse des Hamburger Forschungsbüros Energycomment im Auftrag der Grünen, die SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Das gelte für die Erschließung der Arktis, brasilianischer Tiefwasser, kanadischer Ölsande, aber auch für die Herstellung synthetischer oder biologischer Kraftstoffe. Das Öl dieser Projekte werde im kommenden Jahrzehnt fehlen. "Daraus entstehen erhebliche Preisrisiken."

Die Ölpreise haben sich seit dem Sommer 2014 fast halbiert und liegen derzeit knapp unter der Marke von 60 Dollar pro Barrel (159 Liter). Erstmals seit Jahrzehnten sei der Absturz nicht durch eine Wirtschaftskrise ausgelöst worden, schreibt Steffen Bukold, Chef von Energycomment und Autor des Standardwerks "Öl im 21. Jahrhundert". Er sei durch einen Verdrängungswettbewerb ausgelöst worden - was für den Weltölmarkt ein Novum ist.

Einerseits ist die Förderung in den USA stark gestiegen; andererseits hat das Kartell der Erdöl produzierenden Länder (Opec), anders als gewöhnlich, nicht seine Förderung gekürzt, um einem Überangebot entgegenzuwirken. Die Ölpolitik der Opec dürfte sich auf Dauer geändert haben, schreibt Bukold. Denn vor allem Saudi-Arabien, die mit Abstand größte Opec-Fördernation, nutzt den niedrigen Verkaufspreis neuerdings als Hebel, um Wettbewerber in die Pleite zu treiben und neue Marktanteile zu gewinnen.

Die Verbraucher sparen in diesem vergleichsweise freien Ölmarkt viel Geld. Für Investoren indes ist er gleich doppelt schädlich:

  • Wenn die Ölpreise auf dem aktuellen Niveau bleiben, würden die Gewinne im laufenden Jahr um bis zu 1000 Milliarden Dollar schrumpfen. Sie hätten dann weit weniger Kapital für neue Förderprojekte.
  • Auf dem Ölmarkt herrscht zudem ein Klima der Angst. "Investoren können sich nicht mehr auf einen Mechanismus verlassen, der über Jahrzehnte den Markt prägte", schreibt Bukold. "Ölpreise konnten demnach steigen, aber sie konnten nicht dauerhaft fallen."

Beides zusammen habe am Weltölmarkt die "größte strukturelle Veränderung seit den Achtzigerjahren" ausgelöst - und bei den Investoren eine tiefe Verunsicherung. Kapitalintensive und langfristig angelegte Ölprojekte dürften in den Vorstandsetagen der Konzerne und Banken bis auf Weiteres kaum Chancen haben, schreibt Bukold.

Die Einschätzungen von Energycomment decken sich mit denen anderer Analysten. So hatte etwa auch die US-Bank Goldman Sachs Chart zeigen im Dezember vor einer Investitionskrise auf dem globalen Ölmarkt gewarnt. Viele Fördervorhaben hätten sich nach dem Absturz des Ölpreises in "Zombie-Projekte" verwandelt, hieß es damals in einer Analyse des in der Branche stark engagierten Geldhauses. Schon wenn der Durchschnittspreis langfristig bei 70 Dollar pro Barrel läge, wären Projekte bedroht, deren Volumen fast einem Viertel des derzeitigen globalen Bedarfs entspreche.

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Goldman Sachs

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Die Folgen der Investitionskrise zeigen sich schon jetzt. In der amerikanischen Schieferölbranche hat sich die Zahl der aktiven Bohrplattformen nach Angaben des US-Amts für Energiestatistik (EIA) inzwischen halbiert. Ab dem Frühsommer dürften die Produktionsmengen sinken.

Eine chronische Investitionskrise hätte verheerende Konsequenzen. Denn die globale Nachfrage dürfte bis Ende des kommenden Jahrzehnts von derzeit rund 90 auf gut 103 Millionen Barrel pro Tag steigen. Sollten zu viele Investoren abspringen, könnten 2025 bis zu 7,5 Millionen Barrel pro Tag fehlen, warnt Goldman Sachs. Schon bei einer deutlich geringeren Deckungslücke würde der Ölpreis in bedenkliche Höhen schnellen.

Die Grünen dringen deshalb auf ein rasches Ende des fossilen Zeitalters. "Die Studie belegt, dass der Ölpreis trotz einer Verschnaufpause bald wieder steigen wird", sagt Fraktionsvize Oliver Krischer. "Die Bundesregierung muss jetzt Maßnahmen für mehr erneuerbare Energien und mehr Energieeffizienz ergreifen, damit nicht in naher Zukunft die Geldbeutel der Bürger geschröpft werden."


Zusammengefasst: Durch neuen Konkurrenzdruck können die Preise auf dem Weltölmarkt erstmals seit Jahrzehnten wieder dauerhaft fallen. Investoren sind deshalb tief verunsichert. Sollte sich ihre Unsicherheit zur chronischen Investitionskrise auswachsen, wären viele langfristige Förderprojekte kaum noch finanzierbar. Dann droht Mitte des kommenden Jahrzehnts eine neue Ölpreiskrise.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 151 Beiträge
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1. Voraussage
ullr 17.04.2015
Mal eine Frage, hat einer dieser "Experten" überhaupt schon mal eine Wirtschaftskrise vorhergesehen? Und das für einen Zeitraum von 15 Jahren? Wer ist den von diesen "Wissenschaftlern" fähig, Wirtschaftsprognosen für ein Jahr exakt zu stellen? ullr
2. Blödsinn
gollygee01 17.04.2015
der Markt funktioniert, das Gerede von einer mittelfristigen Kosternexplosion ist pure Panikmache der Konzerne. Ob es überhaupt sinnvoll ist die letzten Reserven mit gigantischem Aufwand zu erschliessen, oder ob das Geld besser in Alternativen gesteckt werden sollte, das ist doch die Frage. Geld ist genug da, davon zeugen doch die konstanten zig-Milliarden Gewinne der Ölkonzerne. Die trennen sich nur ungern von Ihrem überkommenem Geschäftsmodell. Sie sollten sich mal angucken was derzeit mit den Stromriesen bei uns passiert, vielleicht wachen sie dann noch rechtzeitig auf
3. Bitte?
wexelweler 17.04.2015
Ist schon pervers, wir sollen heute möglichst viel nicht-erneuerbare Energie zu möglichst hohen Preisen verbrauchen, damit sich die weitere Schändung des Planten für die (meist amerikanischen) Grosskonzerne und die Plage der Menschheit, die Hedgefonds zu Gunsten von ein paar tausend Superreichen lohnt. Vollkommen bekloppt!
4. einfach die horrenden Steuern auf...
Donald Knapp 17.04.2015
...den Sprit senken und der Geldbeutel der Bürger wird nicht belastet. Die Angst der Politiker ist doch das bei einem hohen Ölpreis das Volk mürrisch wird und der Staat Geld verliert.
5. Schizophrenie und fehlende Übersicht
Kimmerier 17.04.2015
Da ist in einer von den Grümen in Auftrag gegebenen Studie zu lesen, dass der "sehr niedrige Preis ... 'drastische Investitionskürzungen bei langfristig angelegten Ölprojekten' [verursache]", und dass dadurch die "Erschließung" bisher ungenutzter Ölvorkommen aufgeschoben würde. Das ist doch genau das, was die Grünen wollen! Wir sollten uns freuen, dass wir inzwischen Kenntnis von weiteren Ölvorkommen haben, welche wir für spätere Zeiten aufsparen können. Sollte man dann in 10 oder 20 Jahren dieses Öl gar nicht mehr dazu brauchen, um es einfach zu verbrennen - umso besser. Allerdings - den Grünen in Deutschland fehlt nach wie vor die globale Sicht, auch wenn sie dies permanent behaupten. Deutschland in Geiselhaft zu nehmen und zu immer wieder im Alleingang zu neuen "Öko-Projekten" zu zwingen, ist angesichts der weltweiten Entwicklung eine fatale Einstellung. Anstatt den Schadstoffausstoß der - im internationalen Vergleich recht "sauberen" - Kraftfahrzeuge hier um weitere 5 % zu senken, müßte das Augenmerk auf Indien oder China oder andere aufstebende Industrienationen liegen, welche sowohl von der Anzahl der Fahrzeuge als auch bezüglich des "individuellen" Schadstoffausstoßes uns überholen oder gar schon überholt haben. Das selbe gilt für den industriellen Schadstoffausstoß, und ähnliches gilt für den Betrieb von Atomkraftwerken. Was nutzt's, wenn wir in Deutschland unsere AKW 'runterfahren, aber die Nachbarn neue bauen?
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