Olivenöl Lampentran statt "extra vergine"

Der Olivenöl-Markt ist inzwischen derart schmierig, dass man als Verbraucher verzweifeln muss. Wie kommt man trotz all der Panscherei an vernünftiges Öl? Indem man die richtigen Fragen stellt. Von Tom König


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Ich war schon etwas spät dran, als mich eine SMS meiner Frau erreichte. Sie enthielt eine von Tanjas berühmten Last-Minute-Anweisungen: "Kannst du schnell noch ein gutes Olivenöl besorgen?"

Gutes Olivenöl? Schnell? Genauso gut hätte sie schreiben können: "Finde mal schnell das Bernsteinzimmer." Leider sind Olivenöle die Gebrauchtwagen unter den Nahrungsmitteln. Sie versprechen immer alles und halten meist nichts - keiner Beteuerung des Verkäufers, keinem Gütesiegel darf man trauen.

Aber ohne Olivenöl geht es nicht. Was also tun, wenn man nicht gerade mit einem toskanischen Olivenbauern oder einem Lebensmittelchemiker verschwägert ist? Es gibt ein paar Tricks. Jeder kann sie anwenden, und sie funktionieren halbwegs passabel.

Wenn Sie ein gutes Olivenöl suchen, sollten Sie sich folgende acht Fragen stellen:

1) Wie schmeckts denn?

Professionelle Tester beurteilen die Qualität von Olivenöl vor allem danach, wie stark drei Geschmacksvariablen ausgeprägt sind: pfeffrig, fruchtig, bitter. Schlürfen Sie etwas Öl von einem Löffel, saugen Sie dabei Luft ein, sodass sich die Tröpfchen in ihrem Mundraum verteilen. Jetzt sollten Sie die genannten Komponenten schmecken. Sie schmecken nichts davon? Dann ist das Öl möglicherweise Mist.

2) Gehts runter wie Öl?

Schlucken Sie das Öl nun herunter. Hat es einen samtigen, glatten Abgang? Dann haben wir ein Problem. Gutes Öl kratzt im Hals. Vielleicht verursacht es sogar ein kleines Hüsterchen. Sie merken nix? Dann ist das Öl möglicherweise Mist.

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3) Aus welcher Ernte stammt es?

In Italien und Spanien finden Ernte und Abfüllung in den Wintermonaten statt. Wenn Sie im Sommer 2016 ein Olivenöl kaufen, wollen Sie unbedingt die Ernte von 2015/2016. Öle, auf denen kein Erntedatum vermerkt ist, sind entweder alt - oder es handelt sich um einen Mischmasch aus verschiedenen Sorten. In beiden Fällen ist das Öl vermutlich Mist.

4) Bis wann ist es haltbar?

Ich würde nie ein Öl ohne Erntedatum kaufen. Aber wenn es doch mal sein muss, liefert Ihnen das Haltbarkeitsdatum einen guten Anhaltspunkt. Die meisten Olivenöle sind 18 bis 24 Monate haltbar. Am Ende dieser Zeit schmecken sie allerdings nach nichts mehr. Wenn Sie also im Sommer 2016 Olivenöl kaufen, sollte das Haltbarkeitsdatum Mitte oder Ende 2017 liegen. Liegt es im Jahr des Kaufes ist das Zeug vermutlich: Mist.

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5) Ists aromatisiert?

Häufig bietet der Handel Olivenöle an, die mit Chili, Knoblauch oder Kräutern versetzt sind. Lassen Sie die Finger davon. Sie wissen doch was mit richtig miesem Rotwein geschieht? Richtig, man kippt Gewürze rein und vertickt die Plörre als Glühwein. Bei Olivenöl läufts genauso. Mist mit Rosmarinaroma ist trotzdem Mist.

6) Kommts molto italiano daher?

Meist gilt: Je italienischer die Aufmachung, desto spanischer der Inhalt. Firmen, die mit übertriebener Italianità werben, sollten Ihnen verdächtig sein. Ein schönes Beispiel ist die Marke "Il Frantoio della Pieve". Auf dem Pergamentetikett sind toskanische Bauern mit einer Handpresse zu sehen, anno 1850. Vorne steht außerdem groß: "Extra Vergine". Hinten unten steht in Acht-Punkt-Schrift: "Olivenöle aus der EU".

So was ist natürlich Mist.

7) Ists ein Schnäppchen?

Jeder Weinkenner weiß, dass ein echter Barolo für 5,99 Euro Betrug ist. Olivenöl der höchsten Güteklasse "extra vergine" (nativ extra) ist der Grand Crû unter den Ölen. Es ist kaum vorstellbar, dass sich diese Premiumqualität für weniger als 15 Euro anbieten lässt. Denn um diesen Grad zu erreichen, muss nicht nur nach bestimmten Methoden produziert werden (Kaltpressung binnen 24 Stunden nach Ernte etc.) - die oben genannten Geschmackseindrücke müssen ebenfalls gut sein.

Kostet ein Extra-Vergine-Öl also deutlich weniger, ist es möglicherweise Mist. Vorsicht vor dem Umkehrschluss: Ein hoher Preis garantiert natürlich keine Qualität.

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8) Muss es wirklich Italien sein?

Einige der weltweit besten Olivenöle stammen aus Italien. Leider stammen auch die meisten gefälschten und gepanschten Öle von dort. Nach einer Untersuchung der Zeitung "La Repubblica" sind achtzig Prozent aller italienischen Öle verschnitten oder gepanscht. Einer erschütternden Recherche des amerikanischen Journalisten Tom Mueller zufolge produziert Italien im Jahr 300.000 Tonnen Olivenöl, konsumiert selbst jedoch 600.000 Tonnen und exportiert weitere 400.000. Somit würden jedes Jahr 700.000 Tonnen Italoöl in die Welt gesetzt, die von anderswo stammen.

Bei griechischen oder portugiesischen Ölen scheint die Betrugsquote geringer zu sein. Auch wenn Pauschalurteile nie ganz sicher sind: Bei einem Öl aus Kreta oder Alentejo sind Ihre Chancen, keinen Mist zu bekommen, besser als bei Produkten aus Italien.

Mehr kann man als Verbraucher nicht tun. Und auch, wenn Sie diese Regeln beachten, werden sie ab und an ein Öl angedreht bekommen, dass nicht in die Güteklassen "extra vergine" oder "vergine" gehört, sondern in die dritte: "lampante". Klingt nach Lampenöl? Genau das ist damit auch gemeint. Leider sind unsere Supermärkte voll davon.

Hatten auch Sie ein besonderes Serviceerlebnis? Dann schreiben Sie an warteschleife@spiegel.de.

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insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
Talking Frog 30.06.2016
1. Geiz ist geil!
Wir stellen selber Olivenöl auf Kreta her. Kein Einsatz von Pestiziden, alles Handarbeit und kalt gepresst. Ich kenne die Marktpreise auf der Insel. Es ist unmöglich kretisches Olivenöl extra vergine in Deutschland in den Supermarkt zu bringen und für weniger als 12€ pro Liter zu verkaufen! Vielleicht geht es bei italienischem oder spanischem etwas günstiger, weil dort zum Teil in der Ebene maschinell geerntet werden kann. Aber ich bezweifle es. Gutes Olivenöl muss locker für 14€/Liter verkauft werden, damit Erzeuger und Zwischenhändler irgendetwas daran verdienen. Damit kann man schon einmal vorfiltern. Leider ist der Preis nicht das einzige Kriterium. Ich empfehle den kleinen Bauern im Internet zu suchen (viele machen es wie ich und verkaufen hier in D). Kleine Bauern, kleine Ernten, Stolz aufs eigene Produkt. Beste Chancen echt gutes Olivenöl zu finden. Als zweiter Tip kann ich die Testergebnisse der DLG empfehlen. Da kommen bald auch die 2016er Tests raus.
robana 30.06.2016
2. Hab ich es gut!
Ich hole mein Öl direkt aus der Mühle.
peterkrummbein 30.06.2016
3. Mein Favorit momentan:
Venta del Baron. Spanisches Öl mit angenehmen nuancen. Ca. 12€ für 0,5 Liter.
robana 30.06.2016
4.
Zitat von Talking FrogWir stellen selber Olivenöl auf Kreta her. Kein Einsatz von Pestiziden, alles Handarbeit und kalt gepresst. Ich kenne die Marktpreise auf der Insel. Es ist unmöglich kretisches Olivenöl extra vergine in Deutschland in den Supermarkt zu bringen und für weniger als 12€ pro Liter zu verkaufen! Vielleicht geht es bei italienischem oder spanischem etwas günstiger, weil dort zum Teil in der Ebene maschinell geerntet werden kann. Aber ich bezweifle es. Gutes Olivenöl muss locker für 14€/Liter verkauft werden, damit Erzeuger und Zwischenhändler irgendetwas daran verdienen. Damit kann man schon einmal vorfiltern. Leider ist der Preis nicht das einzige Kriterium. Ich empfehle den kleinen Bauern im Internet zu suchen (viele machen es wie ich und verkaufen hier in D). Kleine Bauern, kleine Ernten, Stolz aufs eigene Produkt. Beste Chancen echt gutes Olivenöl zu finden. Als zweiter Tip kann ich die Testergebnisse der DLG empfehlen. Da kommen bald auch die 2016er Tests raus.
Für 14 Euro würde ich sofort erste Qualität aus unserer Dorfmühle hier in Dalmatien nach Deutschland versenden. Sie haben recht ... was will man für 5 Euro bei Aldi oder Lidl kriegen. 1/3 olivenöl gepanscht mit 2/3 was weiß ich ...
globalundnichtanders 30.06.2016
5.
Zitat von robanaFür 14 Euro würde ich sofort erste Qualität aus unserer Dorfmühle hier in Dalmatien nach Deutschland versenden. Sie haben recht ... was will man für 5 Euro bei Aldi oder Lidl kriegen. 1/3 olivenöl gepanscht mit 2/3 was weiß ich ...
Mit der Aussage wäre ich vorsichtig.
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