Online-Singlebörse Parship Das schnelle Geschäft mit der großen Sehnsucht

Die Partnervermittlung Parship verärgert viele Verbraucher, weil sie auch bei rechtzeitigem Widerruf Geld verlangt. Gerichte haben zugunsten der Kunden entschieden. Dennoch trauen sich viele nicht zu klagen.

Nutzer mit Parship-Website (Archivbild)
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Nutzer mit Parship-Website (Archivbild)

Von Ulrike Oehlers


Nach außen präsentiert sich die Onlineplattform Parship als Hochglanz-Partnervermittlung: erfolgreich in der Suche, einfach in der Handhabung, sicher in der Abwicklung.

Doch das selbst verpasste Image bekommt immer mehr Kratzer. Seit Jahren ziehen ehemalige Kunden gegen das Hamburger Unternehmen PE Digital GmbH vor Gericht, den Betreiber der Parship-Plattform. Es sind frühere Nutzer, die ihre kostenpflichtige Premium-Mitgliedschaft innerhalb von 14 Tagen widerrufen haben und anschließend sogenannten Wertersatz bis zu mehrere Hundert Euro zahlen sollten.

Der Fall von Beate Müller zeigt exemplarisch, wie Parship vorgeht: Die Frau, die eigentlich anders heißt, hatte im August 2017 einen Vertrag für eine zwölfmonatige Premium-Mitgliedschaft abgeschlossen. Parship veranschlagte ein Jahresentgelt von 601,16 Euro. Bevor ihr Account freigeschaltet wurde, sollte Müller ein Häkchen unter dieses Textfeld setzen: "Ich möchte, dass Parship vor Ende der Widerrufsfrist mit der Ausübung der beauftragten Dienstleistung beginnt. Mir ist bekannt, dass ich im Falle des Widerrufs Wertersatz für die bereits erbrachten Dienstleistungen leisten muss. Dabei ist der Wertersatz begrenzt auf maximal drei Viertel des Mitgliedbeitrags."

Wie genau der Wertersatz berechnet werden sollte, wurde Müller an dieser Stelle nicht mitgeteilt. Drei Tage nach ihrer Registrierung widerrief sie den Vertrag. Daraufhin machte Parship bei ihr Wertersatz in Höhe von 450,87 Euro geltend. Zur Begründung hieß es, Parship habe ihr im Rahmen der zwölfmonatigen Premium-Mitgliedschaft sieben sogenannte Kontakte mit anderen Nutzern garantiert, von denen Beate Müller sechs in Anspruch genommen habe. Als Kontakt zählten dabei auch Lächeln, Spaßfragen, Fotofreigaben und Komplimente. "Ein Widerruf bedeutet nicht automatisch die Löschung Ihres Profils", schrieb Parship ihr. "Ich würde mich freuen, wenn Sie es sich überlegen und erneut eine Premium-Mitgliedschaft abschließen." Da Beate Müller den Betrag für überhöht hielt und nicht zahlte, erhielt sie Mahnungen von Parship.

Keine wettbewerbswidrige Irreführung

Thomas Rader und Barbara Mazur wissen, dass dies kein Einzelfall ist. Die Rechtsanwälte aus Bonn haben bisher fast 80 Verbraucher erfolgreich gegen Parship vertreten. "Aktuell erhalten wir täglich Mandatsanfragen in Sachen Parship", sagt Rader. "In einem Fall sollte ein Mandant für die Inanspruchnahme von acht Kontakten 600 Euro Wertersatz zahlen", sagt Rader, "das darf nicht sein."

Lange Zeit hatten die Anwälte es leicht, gegen die Forderungen vorzugehen. Die PE Digital GmbH ließ zahlreiche Versäumnisurteile über sich ergehen und wehrte sich nicht gegen negative Feststellungsklagen ehemaliger Kunden. Doch seit Kurzem verteidigt sich das Unternehmen - weil es sich durch ein Urteil des Oberlandesgerichts (OLG) Hamburg gestärkt fühlt.

Das OLG hatte im März eine Klage der Hamburger Verbraucherzentrale abgewiesen. Dieses Verfahren bezog sich jedoch auf eine andere Fragestellung: Die Verbraucherschützer sahen in der Parship-Berechnungsmethode des Wertersatzes eine wettbewerbswidrige Irreführung und forderten, dass der Wertersatz zwingend zeitabhängig berechnet werden müsse. Die Richter sahen das anders: Parship dürfe hierzu seine eigene Rechtsauffassung vertreten, urteilten sie. Die Berechnungsmethode des Unternehmens sei dennoch unzulänglich.

Seitdem hat Parship wieder Oberwasser: Ein vom Unternehmen beauftragtes Inkassobüro argumentierte im Frühjahr mit diesem Urteil und versuchte so gegenüber Kunden, die ihren Vertrag widerrufen hatten, Druck aufzubauen: "Das OLG Hamburg hat die Wertersatzansprüche nun vollumfänglich für rechtmäßig erkannt." Die Verbraucherzentrale Hamburg hat die PE Digital GmbH sowie das Inkassobüro deswegen abgemahnt, beide haben eine Unterlassungserklärung abgegeben.

Auf Anfrage teilte eine Parship-Sprecherin mit: "Auf die Wertersatzregelung bei Widerruf der kostenpflichtigen Premium-Mitgliedschaft weisen wir unsere Mitglieder vor Abschluss des Bestellvorgangs mehrfach hin und kommunizieren diese Vertragsbedingungen auch offen in der Bestellbestätigung per E-Mail sowie in unseren AGB." Die Vermittlung von passenden Partnern sei das Herzstück des Services. Eine Premium-Mitgliedschaft beinhalte die Garantie einer Mindestanzahl an Kontakten. "Das ist die Kernleistung. Und das ist der Grund, weshalb wir für bereits entstandene Kontakte Wertersatz berechnen."

Persönliche Angaben bestimmen den Preis

Julia Rehberg von der Verbraucherzentrale Hamburg ermutigt enttäuschte Kunden dennoch, sich gegen überhöhte Wertersatzforderungen zu wehren. Sie hält das Vorgehen von Parship für unzulässig. Rehberg befasst sich seit Jahren mit Beschwerden gegen Methoden der Onlinebörsen Parship und Elitepartner: "Etwa jede Woche wendet sich jemand mit einem solchen Problem an mich", sagt sie. Aber auch in anderen Verbraucherzentralen sei das Thema gut bekannt.

Nicht nur die Vorgehensweise bei der Wertersatzberechnung steht dabei im Fokus. Die Bonner Anwälte Rader und Mazur stellten darüber hinaus fest, dass bereits die Berechnung des Beitrags für eine Premium-Mitgliedschaft auf fragwürdigem Wege geschehe, und zwar, so meint Rader, "anscheinend auch unter Berücksichtigung des Einkommens des Partnersuchenden".

Jeder Suchende soll nach Abschluss eines Persönlichkeitstests weitere Fragen, unter anderem zur Höhe des Einkommens, beantworten - angeblich zur besseren Zusammenstellung von Partnervorschlägen. Gibt ein Neukunde sein Jahreseinkommen zum Beispiel mit "mehr als 100.000 Euro" an, kann ihn die zwölfmonatige Mitgliedschaft insgesamt 505,40 Euro kosten. Hat er sein Einkommen mit "bis zu 15.000 Euro" beziffert, zahlt er unter Umständen nur 297,85 Euro.

Thomas Rader hat die Zahlen aus den Fällen seiner Mandanten akribisch dokumentiert und verglichen. Er hat viele mit Parship geschlossene Verträge wegen arglistiger Täuschung angefochten, da Kunden im Vorfeld nicht darauf hingewiesen worden seien, dass die persönlichen Daten auch zur Ermittlung des Premium-Preises dienen.

Rader liegt die Antwort des Parship-Supports auf die Anfrage eines Kunden vor, der sich darüber beklagt hatte, dass er nicht über den weiteren Zweck der Einkommensangabe informiert worden war. In der Antwort des Parship-Supports heißt es: "Ihre Auffassung kann ich Ihnen so nicht bestätigen. Der Angebotspreis hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab - zum Beispiel vom Geschlecht, der Region oder dem Alter."

Auch die Verwendung dieser Daten zur Angebotspreisermittlung stellen laut Rader einen Zweck dar, über den der Kunde unterrichtet werden müsse. In den Datenschutzhinweisen bei Parship heißt es lediglich: "Zweck der Datenerhebung ist dabei die Erfüllung des Vertragsverhältnisses gegenüber dem Nutzer."

Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE erklärte Parship, dass die Varianten und Standardkosten für eine kostenpflichtige Premium-Mitgliedschaft auf der Website des Unternehmens "transparent" aufgeführt seien. Im Bemühen um ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis und einen Altersschwerpunkt zwischen 28 und 59 Jahren würden jedoch "ausgehend von bestimmten externen Faktoren - wie zum Beispiel Geschlecht, Alter oder Region - regelmäßig vergünstigte Konditionen für bestimmte Mitgliedergruppen" angeboten. Kein Parship-Mitglied zahle für eine Premium-Mitgliedschaft aber mehr als den ausgewiesenen Standardpreis.

"Angaben, die Nutzer im Persönlichkeitstest machen, werden nicht zur Preisberechnung herangezogen", heißt es weiter in der Stellungnahme. Welche Faktoren im Detail einfließen, könne aus wettbewerbsrechtlichen Gründen nicht genannt werden. "Es ist jedoch zutreffend, dass nicht jedes Mitglied zu jeder Zeit dieselben Rabatte oder Vergünstigungen erhält."



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seyffensteyn 04.11.2017
1. Es gibt im Internet genügend kostenfreie Portale
dieser Art.Da würde ich erstmal mit anfangen,bevor ich ein Bezahlportal buche.Im Laufe der Zeit stellt man fest,daß eine Person häufig in allen angebotenen Portalen auftaucht!
hanfiey 04.11.2017
2. Nach der Kündigung
Auf keinen Fall das Konto weiter nutzen wenn die Kündigung raus ist, sofort alles einstellen. Das gilt für alle "Dienste" die nicht mehr gewollt sind.
tkedm 04.11.2017
3.
Es gibt nun wirklich hunderte Singlebörsen, der Großteil kostenlos und genauso "hilfreich", je nachdem, was man sucht. Und man meldet sich ausgerechnet bei diesen hochpreisigen Börsen an? Die kochen mit dem gleichen Wasser, wie jeder andere auch. Aber die TV-Werbung und Zupflasterung mit Plakaten offline lässt wohl wirklich das Hirn ausschalten.
horstenporst 04.11.2017
4.
Wer für solche Partnervermittlungen Geld ausgiebt, ist selbst schuld. Der Nutzen dieser Portale tendiert nämlich gegen Null. http://www.rwi-essen.de/unstatistik/50/
zentac 04.11.2017
5. Elite Partner ist der gleiche scheiss
Parship hat eine kleine Bruder. genannt Elitepartner. die machen das genauso mit linken AGBs in der Hoffnung das die abgezockten nicht klagen. und die sitzen auch in Hamburg.... ein paar Hüser von der Spiegel Redaktion entfernt.... geht diesen Betrügern doch Mal auf den Zeiger!! damit endlich bekannt wird was für Abzocker Elitepartner und Parship sind!! mit mir haben sie es auch versucht! Aber sie haben dann zurück gezogen.... von wegen Kündigung nur per Einschreiben!!! Per E-Mail akzeptieren wir nicht... zahlen sie weiter.... und die treiben das in die Mahnung Inder Hoffnung das.man sich schämt das man so einen Dienstleister nutzen muss.....???? ich hoffe andere outen sich auch als Opfer....
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