Arbeiten und Wohnen Deutschlands große Pendler-Ströme

Wohnen in München, arbeiten in Hamburg: Die Zahl der Fernpendler nimmt zu. Eine Gewerkschaftsstudie zeigt die großen Routen durch Deutschland, die mittlerweile immer häufiger in den Osten führen.

Deutschlands Arbeitswelt wächst zusammen: Die wichtigsten Pendlerbewegungen auf einen Blick
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Deutschlands Arbeitswelt wächst zusammen: Die wichtigsten Pendlerbewegungen auf einen Blick

Von Florian Müller, und (Grafiken)


Spiegel an Spiegel kriechen die beiden LKW durch die Autobahn-Baustelle auf der A3 zwischen Aschaffenburg und Würzburg. Obwohl Tempo 80 erlaubt ist, schaffen sie gerade mal 50. Trotzdem machen sie nicht Platz für die nachfolgende Autoschlange. Grund genug für viele Fahrer auszuflippen - Günther Hammer aber bleibt ruhig. Seit zwölf Jahren ist er auf der Strecke unterwegs, fast jeden Freitag und Sonntagabend pendelt er die 450 Kilometer zwischen seiner Heimatstadt Nürnberg und seiner Arbeitsstätte in Düsseldorf. Elefantenrennen, Staus und Baustellen stressen den 52-Jährigen nicht mehr.

Hammer gehört zur Gruppe der Fernpendler, Beschäftigte, die mehr als 150 Kilometer von ihrer Arbeitsstelle entfernt wohnen. Und deren Zahl steigt stetig. Waren es 2003 noch eine Million Menschen, zählte das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zehn Jahre später schon 1,2 Millionen.

Doch wer sind diese Leute? Wo wohnen sie und wo arbeiten sie? Das hat der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in einer Studie untersucht, die SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Die interessantesten Erkenntnisse:

  • Entgegen dem früheren Trend nahm die Zahl der Einpendler in die ostdeutschen Bundesländer zwischen 2004 und 2014 stark zu.
  • Dafür gibt es im Westen eine Region, die sich vom Trend steigender Pendlerzahlen abgekoppelt hat: der Ruhrpott. Dass die Arbeitnehmer hier weniger pendeln ist zwar gut für ihre Freizeit, wirtschaftlich gesehen allerdings kein positives Zeichen.
    Von wegen alle Schwaben kommen nach Berlin: Zumindest beim Pendeln ist es umgekehrt.
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    Von wegen alle Schwaben kommen nach Berlin: Zumindest beim Pendeln ist es umgekehrt.

Pendler sind ein Indiz für die wirtschaftliche Stärke einer Region. Sie sind im Schnitt besser qualifiziert und verdienen mehr Geld als Menschen, die im gleichen Ort wohnen und arbeiten. In den meisten Großstädten pendeln laut DGB zwei- bis dreimal so viele Menschen ein wie aus. Denn dort ballen sich die hochqualifizierten Jobs. In den Städten des Ruhrgebiets halten sich Ein- und Auspendler dagegen nahezu die Waage. "Strukturprobleme und hohe Arbeitslosigkeit machen die Region nicht attraktiv für Pendler", sagt Arbeitsmarkt-Experte Wilhelm Adamy vom DGB.

In Ostdeutschland wiederum gab es in den letzten Jahren einen kleinen Aufschwung: Universitäten und Technologiefirmen zogen auch Hochqualifizierte aus dem Westen an. Mittlerweile sind es etwa doppelt so viele wie vor zehn Jahren, die sich für die Arbeit auf den Weg in den Osten machen. Den umgekehrten Weg von Ost nach West nehmen aber immer noch viermal mehr Menschen: 327.000 insgesamt (siehe Grafik).

Die wichtigsten Zugrouten: Die alten Bundesländer und da besonders der Süden ziehen die meisten Pendler an.
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Die wichtigsten Zugrouten: Die alten Bundesländer und da besonders der Süden ziehen die meisten Pendler an.

Auch die Nord-Süd-Achse wird immer wichtiger. Etwa 300.000 Menschen pendeln aus den alten Bundesländern täglich nach Bayern und Baden-Württemberg ein, während 250.000 Süddeutsche in Hessen, Rheinland-Pfalz oder nördlicher arbeiten.

Pendler spielen in Großstädten eine unterschiedlich große Rolle. Während laut DGB-Papier in Berlin nur gut 22 Prozent der sozialversichert Beschäftigten von außerhalb kommen, sind es in München und Köln fast 50 Prozent. Wohnten sie früher hauptsächlich im Umland der Großstädte, kommen heute immer mehr Pendler aus anderen Großstädten. Ihre Zahl ist der BBSR-Studie zufolge im Vergleich von 2002 zu 2013 um ein Viertel gestiegen. Grund dafür sei die "qualitativ sehr gute verkehrliche Vernetzung".

Berlin ist bei Süd, Ost und West gleichermaßen beliebt.

Besonders Berliner zieht es häufig an die Elbe - doppelt so viele wie Bremer.

Erwartungsgemäß liegen die Nachbarstädte auf den vordersten Plätzen - Kölner bleiben am liebsten im Rheinland.

Die Zahl der Nürnberger und Hamburger hält sich in München die Waage - trotz des deutlichen Unterschieds in der Entfernung.

Günther Hammer kann darüber bei den vielen Baustellen auf der A3 nur lachen. "Vielleicht darf ich es ja noch erleben, dass ich komplett dreispurig von Nürnberg nach Düsseldorf komme", meint er.

Auf seinem Weg überquert er vier Landesgrenzen. Auch viele seiner Kollegen wohnen und arbeiten in verschiedenen Bundesländern, ein weiterer Trend unter den Berufsnomaden. Um ein gutes Viertel ist der Arbeitnehmeraustausch zwischen den Ländern im Bundesschnitt gestiegen, besonders stark im Osten. In absoluten Zahlen gibt es dabei große Unterschiede. Nach Mecklenburg-Vorpommern pendelten 2014 beispielsweise nur 27.000 Menschen, während Hessen, NRW und Baden-Württemberg mit jeweils mehr als 340.000 Einpendlern die beliebtesten Bundesländer sind.

    Reger Austausch im Osten: Die neuen Bundesländer holen bei den Einpendlern im Vergleich zum Westen auf.
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Reger Austausch im Osten: Die neuen Bundesländer holen bei den Einpendlern im Vergleich zum Westen auf.

Für den typischen Fernpendler ist Hammer ein gutes Beispiel: Er ist promovierter Physiker, hat Frau und zwei Söhne und ist Alleinverdiener. Seine Familie sieht er nur am Wochenende. "Das Pendeln ist ein notwendiges Übel", sagt er.

Hammer wechselte nach Düsseldorf zu einem Mobilfunkanbieter ins Management, weil er dort bessere Karrierechancen sah. Frau und Kindern wollte er den Umzug aber nicht zumuten, so wie viele Pendler. DGB-Experte Adamy erklärt das mit der insgesamt gestiegenen Berufstätigkeit bei Frauen: "Wenn sie hinterherzieht, ist das Risiko groß, dass sie keine gleichwertige Stelle mehr findet."

Doch auch wenn ein Teil zu Hause bleibt, drohen Probleme. "Es wird für alle Beteiligten schwieriger, Privatleben und Beruf unter einen Hut zu bringen", schreibt Adamy in seinem Papier. Als besonders belastend werde der Mangel an Zeit empfunden, denn die Anfahrt geht von der Freizeit ab. Bei Hammer sind das zwischen vier und sechs Stunden pro Strecke, je nach Verkehrsaufkommen. "Es ist schon ein gewisser Stressfaktor zusätzlich da", meint er. Weil er nur am Wochenende da sei, sei etwa die Erziehung der Söhne hauptsächlich an seiner Frau hängengeblieben. Und einen Freundeskreis habe er sich in Düsseldorf auch nicht aufgebaut. Das bedeute viele Abende allein in der Zweitwohnung. "Mein sozialer Mittelpunkt bleibt Nürnberg."

Vom Homeoffice, wie es der DGB als Lösung fordert, hält Hammer wenig. Zwar würde sein Arbeitgeber erlauben, dass er zwei Tage die Woche von zu Hause aus arbeitet. "Bei der Entfernung macht es aber nur die ganze Woche Sinn." So wird Hammer auch weiterhin ein Teil der wachsenden Pendlerstatistik bleiben. Damit die Strecken im Auto nicht zu langweilig werden, bietet er die Fahrt in einer Mitfahrzentrale an: "Das schont die Benzinkasse und man lernt viele interessante Leute kennen."



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insgesamt 106 Beiträge
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ernstl1704 17.02.2016
1. Wieso kann Hr. Hammer
nicht Do-Fr zu Hause sein im Home Office und die Hausaufgaben der Kinder mal selber betreuen. Wieso macht das keinen Sinn? Im übrigen gibt es z.b. am Montag ab 6.00 einen durchgehenden ICE von Nürnberg nach Düsseldorf.
hermannsson 17.02.2016
2. Karriere über Familie und Gesundheit
leider vergisst der Spiegel hier die fatalen Folgen dieser Pendelei aufzulisten. Anstatt den kurzen Weg zum Job anzustreben und in die Nähe der Arbeitsstelle zu ziehen wird immenser, vom Steuerzahler finanzierter, Aufwand betrieben. Autobahnlärm, Staus, Schadstoffe. Soziale Umfelder zerbrechen. Familien entfremden sich. Eltern bekommen von ihren Kindern nichts mehr mit. Kinder verlieren einen Elternteil. All das subventioniert der Steuerzahler für das vermeintliche Karriereglück. Krank !
Subco1979 17.02.2016
3. Steigende Pendlerzahlen
... sollen gut sein? Weil sie besser qualifiziert sind und mehr verdienen als der Durchschnitt? Was, wenn man den Physiker aus Nürnberg gegen einen aus Düsseldorf tauscht, der in Nürnberg die besseren Karrierechancen gesehen hat? Dann fallen beide aus der Pendlerstatistik raus. SInd aber irgendwie immer noch gleich qualifiziert und verdienen genauso viel. Es kann Sinn machen, bestimmte Leute an bestimmte Orte zu holen. Aber ein Großteil der Pendler könnte vor Ort genauso gute Arbeit leisten. Hier wäre die Aufgabe von Staat und Wirtschaft, eine Möglichkeit zu schaffen, wie Pendler gegenseitig ihre Arbeitsplätze so gegenseitig tauschen können, dass viele wieder vor Ort arbeiten können: Spart allen viel Zeit, schont die Umwelt und macht flexibler bei der Firma vor Ort. Verlierer: Hotels und Tankstellen. Nochmal für Schnellvergesser des Satzes weiter oben: Das geht nicht bei allen. Aber bei vielen macht es Sinn und ginge aus Sicht von Firma / Kunde und Arbeitnehmer / Selbstständiger.
pille! 17.02.2016
4. Sehr interessant
jetzt weiß ich auch, wofür mein Gewerkschaftsbeitrag verwendet wird! Jetzt weiß ich auch, dass ich zu denen gehöre, die in Rheinland-Pfalz wohnen, und in Dresden arbeiten. Und ich gehöre zu denen, die sich tagtäglich anhören müssen, dass sie im Osten Arbeitsplätze weg nehmen.
dipl-inge 17.02.2016
5. Pendeln ist die Hölle
Ich bin 5 Jahre lang zwischen Dresden und München mit dem Auto gependelt - irgendwann gewöhnt man sich an diese Strecke, aber unter dem Strich ist das die Hölle! Interessante Leute von der Mitfahrzentrale? Naja...90% sitzen stumm da wie ein Fisch und meinen du seist ihr persönlicher Taxifahrer. Es gibt aber sehr nette Ausnahmen, nur sind die leider selten. Aktuell pendele ich zwischen München und Hamburg mit dem Flugzeug. Montag hin, Donnerstag zurück und in den 4 Tagen buckeln, damit ich auf meine 40 Stunden komme um wenigstens einen Tag mehr Wochenende mit meiner Familie verbringen zu können. Es stimmt: Als hochqualifizierter und noch dazu selbstständiger Interim IT Manager verdiene ich das doppelte bis dreifache meiner festangestellten Kollegen die vor Ort arbeiten, aber ich frage mich immer wieder ob es das wirklich wert ist.
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