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17. Februar 2013, 13:16 Uhr

Pferdefleisch-Skandal

Britische Firma warnte schon 2011 vor Betrug

Im Skandal um falsch deklariertes Pferdefleisch gerät die britische Regierung unter Druck. Wie die "Times" berichtet, warnten Experten bereits 2011 vor illegalen Praktiken, durch die Medikamentenrückstände ins Fleisch gelangen könnten. Doch der Hilferuf blieb ohne Folgen.

London/ Hamburg - Die britische Regierung müsste laut einem Bericht der "Times" bereits im Jahr 2011 von illegalen Praktiken im Umgang mit Pferdefleisch gewusst haben. Die Zeitung beruft sich auf John Young, einen früheren Mitarbeiter der Lebensmittelaufsicht FSA. Er will schon im April 2011 geholfen haben, einen Brief des größten britischen Pferdefleisch-Exporteurs High Peak Meat Exports an den damals zuständigen Minister aufzusetzen.

In dem Schreiben bezeichnete die Firma das bestehende Pferdepass-System als "Debakel". Der Versuch, damit die Verbreitung des Medikaments Phenylbutazon im Fleisch zu verhindern, funktioniere nicht. Das im Pferdereitsport verbreitete Mittel war jüngst in britischen Schlachtpferden entdeckt worden - und ist so wohl auch in die menschliche Nahrungskette gelangt.

Eigentlich sollen genau solche Fälle durch das Passsystem verhindert werden. Seit 2009 braucht jedes Pferd in der Europäischen Union einen sogenannten Equidenpass. Darin werden zum Beispiel das Geburtsdatum, Impfungen und die Identität der Eigentümer eingetragen. Auch die verabreichten Medikamente werden vermerkt. Je nachdem welche Mittel das Tier bekommen hat, darf es für einen bestimmten Zeitraum oder gar nicht mehr geschlachtet werden.

Allerdings gilt das System als manipulationsanfällig, weil die Pässe durch viele verschiedene Stellen ausgegeben werden dürfen - in Deutschland etwa durch Pferdezüchter- oder Reitsportverbände. Auch in Großbritannien gibt es laut "Times" 75 verschiedene Stellen, die die Dokumente ausstellen.

Jeder dritte Brite kauft keine Fertigprodukte mehr

Ex-Lebensmittelaufseher Young berichtet laut "Times", er habe im Mai 2011 auch an die FSA geschrieben und eine Kopie eines gefälschten Pferdepasses beigelegt. Zudem habe er die Behörde gewarnt, dass illegales Pferdefleisch in die Nahrungskette gelange.

Die britische Regierung reagierte offenbar nicht. Der damalige Umwelt- und Ernährungsminister Jim Paice sagte der Zeitung, er erinnere sich nicht daran, eine Warnung erhalten zu haben. Der Fall müsse aber untersucht werden.

Die britischen Verbraucher sind wegen des Pferdefleisch-Skandals offenbar tief verunsichert. In einer Umfrage unter rund 2000 Erwachsenen gab etwa jeder Dritte an, nach Bekanntwerden der Berichte keine Fertiggerichte mehr gekauft zu haben. Sieben Prozent sagten, sie würden kein Fleisch mehr essen und 53 Prozent traten für einen vorübergehenden Fleischimportstopp ein. Die Umfrage des Marktforschungsinstituts ComRes wurde im "Independent on Sunday" veröffentlicht.

Rewe nimmt Chili und Spaghetti aus dem Regal

Bisher sind unter 2500 getesteten Produkten in Großbritannien in 29 Fällen Pferdefleisch-Spuren gefunden worden. Die Ergebnisse sollen von der Lebensmittelaufsicht an die Euro-Behörde Europol weitergeleitet werden.

Auch in Deutschland laufen die Untersuchungen. Immer mehr Supermarktketten und Discounter nehmen verdächtige Fertigprodukte aus den Regalen. Am Sonntag stoppte Rewe den Verkauf von tiefgekühltem Chili con Carne und Spaghetti Bolognese.

Der Hersteller Schubecks Geniesser Service - vom Fernsehkoch Alfons Schubeck - habe die Rewe Group darüber informiert, er könne nicht ausschließen, dass die beiden Produkte Anteile von Pferdefleisch beinhalten könnten. Kunden könnten die bereits gekaufte Ware im jeweiligen Rewe-Markt zurückgeben und erhielten den Verkaufspreis erstattet. Zuvor hatten die Discounter Aldi und Lidl Produkte wie Ravioli, Gulasch und Tortellini aus dem Verkehr gezogen.

stk/dpa

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