Schmähpreis Plagiarius Das sind die frechsten Produktfälschungen des Jahres

Duschbrausen, Spielzeugbagger und Bräter: Die Fälschungsindustrie macht vor kaum einer Produktkategorie halt. Der Schmähpreis "Plagiarius" hat die dreistesten Klone des Jahres ausgezeichnet.

Aktion Plagiarius

Von Andrea Lischtschuk


Die 21 weißen und schwarzen Bewegungsmelder sind sich auf den ersten Blick zum Verwechseln ähnlich. Farben und Design sind fast identisch. Und doch gibt es einen großen Unterschied: Lediglich zwei von ihnen sind Originale des Unternehmens Steinel. Der Rest billige Fälschungen aus China.

Wegen der großen Anzahl der Plagiate haben die 19 Bewegungsmelder-Kopien in diesem Jahr den "Hyänen-Preis" erhalten. Die Sonderauszeichnung ist für Artikel mit besonders vielen Nachahmern bestimmt, die "dasselbe Originalprodukt wie Hyänen umzingeln und bedrängen", schreibt der Verein Aktion Plagiarius, der den Preis vergibt. Der Hyänen-Preis ist Teil der Plagiarius-Preise für dreiste Fälschungen und Kopien, die dieses Jahr bereits zum 43. Mal vergeben werden, um auf plumpe und ideenlose Geschäftspraktiken hinzuweisen.

Die gefälschten Bewegungsmelder wurden europaweit in zwölf Ländern verkauft. Produziert wurden sie in China. Der Original-Hersteller, das nordrhein-westfälische Unternehmen Steinel, vermutet, dass zwei oder drei chinesische Plagiatoren dahinterstecken. "Wahrscheinlich gibt es noch viel mehr Kopien", sagt Thomas Möller, der bei Steinel das Innovationsmanagement leitet und das Original des Bewegungsmelders entwickelt hat. In einzelnen Fällen ist Steinel gegen die Fälschungen vorgegangen. Als Mittelständler fehlen dem Unternehmen jedoch die finanziellen Mittel, um gegen alle bekannten Fälle vorzugehen.

Die meisten Plagiate kommen wie die Bewegungsmelder-Kopien und alle anderen ausgezeichneten Artikel aus China. Das Land gilt als Hochburg für Produktfälschungen. Die Spannweite der gefälschten Produkte ist groß: Von Lebensmitteln über Kosmetik bis hin zu Unterhaltungselektronik kopieren Plagiatoren alle erdenklichen Artikel auf dreiste Weise und verkaufen sie dann oft zu einem billigeren Preis. "Nicht alle Fälschungen sind schlecht", sagt Möller von Steinel. Und gerade das sei das Schlimme. Der Kunde könne oft nicht mehr zwischen Original und Plagiat unterscheiden.

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Schmähpreis: Die frechsten Produktfälschungen des Jahres

Die Fälschungsindustrie hat sich dabei längst zu einem Milliardengeschäft entwickelt. Laut einer Studie der Industrieländerorganisation OECD lag der Wert für importierte gefälschte Ware im Jahr 2013 bei 461 Milliarden Dollar - neuere Daten gibt es nicht. Die Tendenz ist aber eindeutig steigend. 2007 lag der Wert noch bei 250 Milliarden Dollar.

Die zunehmende Relevanz von Internetplattformen wie Amazon habe das Fälschungsproblem in den vergangenen Jahren verschärft, heißt es in einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Gefälschte Produkte könnten hier leichter verkauft werden. Als Folge machen die Unternehmen, die die Originale hergestellt haben, weniger Umsatz - und müssen gegebenenfalls Arbeitsplätze abbauen. Dem IW zufolge sind der deutschen Volkswirtschaft in den vergangenen fünf Jahren aufgrund von Produktpiraterie rund 500.000 Jobs entgangen. "Der wirtschaftliche Schaden liegt bei uns sicherlich in Millionenhöhe", schätzt Steinel-Manager Möller.

Für Steinel ist der Schmähpreis Plagiarius immerhin ein kleiner Trost: "Es ist zwar nur ein Tropfen auf den heißen Stein", sagt Möller, "aber es ist gut, dass jemand die Verantwortlichen anprangert."



insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
gerosr 08.02.2019
1. ???
Ich hätte mal gerne gewußt, ob Steinel die Bewgungsmelder selber produziert, also die Sensoren und Aktoren herstellt und miteinander verlötet, oder nur SELBST zusammenbaut. Sonst können die"Plagiate " auch behaupten, Steinel hätte abgekupfert.
j.w.pepper 08.02.2019
2. Einiges ist ja richtig dreist...
...aber ich verstehe nicht, wie ein weiteres Miniaturmodell desselben Radladers, noch dazu in einem anderen Maßstab, eine verabscheuungswürdige Kopie eines anderen Modells sein kann. Sinn solcher Modelle ist doch gerade die detailgetreue Wiedergabe des Originals. Weshalb soll ein Spielzeugproduzent dann von irgendetwas abweichen, nur weil ein anderer Produzent schon ein Modell herstellt, sprich: ebenfalls das Original kopiert hat? 2006 gab es die Diskussion wegen des ICE-3-Modells von Piko, wo die Plagiarius-Jury beanstandete, das sehe zu sehr aus wie das zuvor erschienene Modell von Märklin. Tja, was denn sonst, wenn man wirklichkeitsnahe Modelle herstellt? Sollte damals Piko den Radstand ändern oder die Stromabnehmer weglassen und einen Schornstein draufsetzen? Nicht anders scheint mir das auch bei dem Modell des Radladers zu sein. Ob möglicherweise gegen Schutzrechte des Originalherstellers Liebherr verstoßen wird, ist eine andere Sache.
schmic79 08.02.2019
3. China - unsere Geschäftspartner und Freunde....
So läuft das mit China: Auf der untersten, einfachsten Ebene kopieren sie einfach. Eine Ebene drüber machen Sie dann Wirtschaftsspionage. Ergänzt wird das durch den Aufkauf ausländischer führender Unternehmen wie Kuka oder Putzmeister. Von denen werden dann Know-How und später auch Arbeitsplätze nach China ausgrsaugt.... Am Ende witd es in DE nur noch 1 EUR Läden geben mit Ramsch aus China... und wir leben davon, dass wir uns gegenseitig die Haare schneiden (Dienstleistungen rulez).... denn Rohstoffe haben wir ja keine, mit denen wir was verdienen können. Im Gegensatz zu China. Deutschland wird auf den Stand eines besseren Entwicklungslandes bzw. eines Agraarstaats abfallen. China wird die neue Weltmacht. Gute Nacht!
Ein_denkender_Querulant 08.02.2019
4. Hart durchgreifen
China ist auf dem Sprung, in ersten Techniken weltführend zu werden. Ab dem Zeitpunkt sind sie angreifbar. Das europäische Parlament sollte als ersten Schritt sämtliche Patente von chinesichen Staatsbürgern in der EU für ungültig erklären und im zweiten Schritt sollte die EU eine sinnvolle Cyberwirtschatzsspionage einführen; die Daten daraus sollten weltweit veröffentlicht werden, damit jeder in der Welt die Produkte nachbauen kann. Danach kann man mit der chinesischen Regierung sinnvolle Kompromisse schließen. Meiner Erfahrung nach verstehen Chinesen keine andere Sprache. Es gibt kein Äquivalent zu europäischen Werten wie Aufrichtigkeit.
mafreschi 08.02.2019
5. Zwei Dinge
a) @j.w.pepper: die eine Spielwarenfirma zahlt Lizenzgebühren an Liebherr, dass sie die Details des echten Radladers detailgenau übernehmen darf. Die chinesische Firma nicht. b) Es geht ja vielen Mittelständlern in der ganzen (westl.) Welt so, dass sie nicht das Geld und die Nerven haben, gegen die chinesischen Plagiate vorzugehen. Wäre das nicht ein Geschäftsmodell für eine Firma, die nur dies macht? Als professioneller Dienstleister? Im Gegenzug werden sie beteiligt an den Schadenersatzzahlungen im Erfolgsfall...
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