Niedrigzinsen EZB-Politik trifft deutsche Sparer hart

Mit Anleihenkäufen und ultraniedrigen Zinsen will die Europäische Zentralbank den verschuldeten Staaten helfen. Der Durchschnittsbürger wird dadurch schleichend enteignet, seine Ersparnisse werden von der Inflation aufgefressen. Eine ganze Generation muss um ihre Altersvorsorge bangen.

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Euro-Münzen: Altersvorsorge lohnt sich kaum mehr
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Euro-Münzen: Altersvorsorge lohnt sich kaum mehr


Hamburg - Mario Draghi hat die stärkste Waffe aus seinem Arsenal geholt: Mit neuen Anleihenkäufen will der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) offenbar die Zinslasten für Krisenstaaten wie Spanien und Italien drücken. Bazooka wird dieses Instrument an den Finanzmärkten genannt - in Anlehnung an eine Panzerfaust der amerikanischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Nur dass es diesmal nicht gegen Panzer geht, sondern gegen die Kräfte des Marktes.

Es ist nicht der erste Versuch der EZB, die Zinsen in Europa niedrig zu halten. Seit Mai 2010 hat die Notenbank bereits Staatsanleihen im Volumen von mehr als 200 Milliarden Euro aufgekauft. Zudem leiht sie den Banken seit Krisenbeginn unendlich viel billiges Geld. Den Leitzins für diese Kredite hat sie erst Anfang Juli auf 0,75 Prozent gesenkt. All diese Maßnahmen haben eines gemeinsam: Sie machen Schulden billiger.

Unterstützung erhält Draghi dabei von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem französischen Staatspräsidenten François Hollande. Die beiden Politiker riefen am Freitag die europäischen Institutionen dazu auf, "jeweils in ihrem eigenen Kompetenzbereich" ihren Verpflichtungen nachzukommen - ein klares Signal an die EZB.

Über die Hilfen der Notenbank freuen sich nicht nur die Krisenländer und die Banken, die nun günstiger an Kredite kommen - auch Staaten wie Deutschland profitieren. Der Bund kann sich an den Finanzmärkten derzeit Geld fast zum Nulltarif leihen. Das liegt zum einen am Mangel an sicheren Alternativen, zum anderen aber auch am niedrigen Zinsniveau, das die EZB vorgibt.

Für Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) ist das ein Glücksfall. Obwohl er jedes Jahr höhere Schulden anhäuft, sinkt die Zinslast, die er dafür zahlen muss. Auch Hausbauer können sich derzeit so billig Geld leihen wie selten zuvor.

Verheerend sind die niedrigen Zinsen dagegen für die große Mehrheit der Deutschen, die ihr Geld in Lebensversicherungen, Betriebsrenten und Sparbüchern horten, um für das Alter vorzusorgen. Sie wird durch die dauerhafte Niedrigzinspolitik schleichend enteignet.

Ein Beispiel: Deutsche Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit bringen derzeit eine Rendite von etwa 1,3 Prozent jährlich. Die Inflationsrate in Deutschland liegt aber bei zwei Prozent. Unter dem Strich verliert der Sparer also Geld, während der Staat seine Kosten drastisch senken kann.

Die niedrigen Zinsen wirken wie eine Steuer

Experten sprechen deshalb schon von einer gesteuerten Umverteilung von Sparern zu Schuldnern. "Die Niedrigzinspolitik und der Ankauf von Staatsanleihen sind ein Ausdruck dieser finanziellen Repression", sagt Hanno Beck, Wirtschaftsprofessor an der Hochschule Pforzheim. Das Zinsniveau werde dabei künstlich gesenkt. "Für die Sparer wirkt diese Politik wie eine Steuer auf ihr Erspartes; für die Regierenden hat sie aber den Vorteil, dass sie weniger Widerstand provoziert als tatsächliche Steuererhöhungen."

Der Staat nimmt die niedrigen Zinsen für seine Anleihen nicht nur dankend an, er hilft sogar kräftig mit, sie zu drücken. So müssen Banken zwar für alle möglichen Wertpapiere in ihren Bilanzen Eigenkapital hinterlegen, nur nicht für Staatsanleihen. Davon dürfen die Institute unbegrenzt viel kaufen, ohne das Risiko abzusichern. Das treibt die Nachfrage nach den Staatspapieren - und lässt die Zinsen weiter sinken.

Geht das noch lange so weiter, ist die Altersvorsorge einer ganzen Generation gefährdet. Denn auch Lebensversicherer und Pensionskassen müssen mit den niedrigen Zinsen kämpfen. Sie sind gesetzlich dazu verpflichtet, einen Großteil ihrer Kundengelder in sicheren Anlagen zu investieren - und als solche gelten nach Definition des Staates immer noch die Staatsanleihen.

Obwohl die Leitzinsen in Europa und den USA schon seit 2009 auf extrem niedrigem Niveau sind, konnten Lebensversicherer und Anbieter von Betriebsrenten ihren Kunden bisher noch ordentliche Zinsen bieten. Das lag vor allem daran, dass sie noch viele ältere Papiere mit langen Laufzeiten und hohen Renditen in ihren Büchern hatten. Doch mittlerweile wird es eng. "Bis 2010 ließen sich mit festverzinslichen Wertpapieren bei der Wiederanlage auslaufender Papiere im Durchschnitt noch etwas mehr als vier Prozent erzielen", sagt Jörg Schubert, Vorstand des Anleihemanagers Bantleon. "Das ist heute nicht mehr möglich."

Selbst für 15-jährige Pfandbriefe gibt es derzeit nur noch 2,5 Prozent Zinsen. Sollte das bis 2016 so bleiben, sinkt die durchschnittliche Rendite laut Berechnungen von Bantleon jedes Jahr um 0,27 Prozent. Das hört sich nach wenig an, kann aber dramatische Folgen haben. "Setzt sich das Niedrigzinsniveau so fort, was wir erwarten, ist damit langfristig auch der Abwärtstrend in der Betriebsrente unvermeidlich", sagt Schubert.

Die Lebensversicherer reagieren auf die Entwicklung und senken die laufende Verzinsung, die sie ihren Kunden versprechen, Schritt für Schritt ab. 2008 waren es im Durchschnitt der Branche noch 4,5 Prozent, inzwischen sind es nur noch 3,9 Prozent. Auch die gesetzliche Garantieverzinsung, die Ende der neunziger Jahre noch bei vier Prozent lag, wurde inzwischen auf 1,75 Prozent zurechtgeschrumpft.

Bei solchen Renditen unterhalb der Inflationsrate lohnt es sich kaum noch, Geld langfristig anzulegen. Die gesellschaftlichen Folgen ähneln der einer Inflation: Wer vorsorgt, wird bestraft, das Konsumieren auf Pump wird belohnt. Vor der Inflation haben die Deutschen Angst, nicht zuletzt deshalb wurde die EZB per Gesetz auf niedrige Preissteigerungsraten verpflichtet. Gegen die Enteignung der Sparer durch Niedrigzinsen gibt es kein Gesetz.

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AndyK 27.07.2012
1. absurdes Theater
Wir werden alles tun, um die Ursache des Problems zu retten.
wolltsnursagen 27.07.2012
2. Kapitalismus
In der heutigen Zeit ist es nunmal so. Die die vernünftig wirtschaften, nur kaufen was Sie sich leisten können und keine Schulden machen sind schlecht dran. Während die die seit Jahren auf großem Fuß und auf Pump leben in Saus und Braus feiern, denn nach mir die Sintflut. Unsere Regierung machts uns schließlich vor, seit Gründung der BRD gibt sie mehr aus als sie einnimmt. So ist das gewählte System und das sind die Folgen. Darüber nun zu klagen wird daran auch nichts ändern.
Halodri73 27.07.2012
3. Natürlich loht es sich...
Geld langfristig anzulegen. Nur eben nicht im Zinsbereich!
Pinin 27.07.2012
4. Die Investoren trauen dem ClubMed nicht - und ich traue denen auch nicht.
Die Investoren trauen dem ClubMed nicht - und ich traue denen auch nicht. Und je höher die Rettungswälle und je größer die EZM-Bazookas werden, desto größer wird das Mißtrauen sein, dass die Pleiteländer es alleine jemals schaffen werden. Aber der Plan der Euro-Phantasten ist in Wirklichkeit: Die Investoren sollen auch nicht den Pleiteländern vertrauen, sondern darauf dass die totale Transferunion für alle Gelder bürgt. Dieser Plan wird die Investoren aber auch nicht zurückbringen, denn dann sind eben alle - inclusive Deutschland - sehr schnell völlig pleite. UND DAS FINALE ERGEBNIS: - Es gibt keine Investoren von außerhalb des Euro-Raumes mehr, nur noch Zwangs-Investoren wie Versicherungen von innerhalb des Euros. - Alle Gelder werden zentral von der Brüssel-Diktatur verwaltet. - Eine Staatsform wie die Ex-UdSSR ist endlich implementiert worden. Schlechte Chancen für die deutschen Bürger. Wir sind jetzt von 3 Feinden umzingelt: 1. Dem ClubMed der auf Kosten Deutschlands leben will 2. Der EZB die von Nr. 1 kontrolliert wird 3. Der deutschen Regierung und CDUCSUFDPSPDGrünen die sich mit Nr. 1 und Nr. 2 verbündet haben
snakesnif 27.07.2012
5. Zinsen
Wozu mal jemand was schreiben müsste auf Spiegel.de, wäre das Konzept des Zinses allgemein. Auf eutopia-blog.blogspot.com habe ich das mal versucht. Zinsen führen dazu, dass die existierende Geldmenge immer geringer ist als das zu zurückzuzahlenden Schulden. Niedrige Zinsen tragen somit zum Schuldenabbau bei.
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