Frankiervorschriften der Post: Willkommen in der Markenwelt!

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Logistikzentrum der Post: Die hohe Kunst des Frankierens

Wann wird aus einer Büchersendung mit Widmung ein Brief? Und wie viel Porto gehört auf eine Wagner-Partitur? Was für Rekruten die Nachtmärsche mit Gepäck, das sind für Bürokräfte die Frankiervorschriften der Deutschen Post: Bewährungsproben.

Was bitteschön ist so schwierig daran, Briefmarken aufzukleben? Meine Assistentin Agnes kriegt es einfach nicht hin. Immer frankiert sie alles falsch.

Klingt nörgelig? Als Selbstständiger mit reichlich Korrespondenz ist Porto für mich eben ein wichtiges Thema. Dank eines leicht durchschaubaren Systems macht es einem die Deutsche Post eigentlich sehr einfach - nur Agnes, die kapiert es einfach nicht. Gerade will sie eine 90-Cent-Marke auf einen Briefumschlag pappen.

"Nein, Agnes, nein!", rufe ich. "Der ist zu voll. Nimm die zu 1,45."

"Aber ich habe ihn gewogen", widerspricht sie. "Die Sendung wiegt lediglich 48 Gramm, folglich geht sie noch als Kompaktbrief."

Ich schüttele den Kopf. "Wie oft muss ich dir noch erklären, dass die Flächenabmessungen des Kompaktbriefs - Länge 100-235 mm, Breite 70-145 mm - zwar identisch mit jenen des Großbriefs sind, die vorschriftsmäßige Höhe des Kompaktbriefes jedoch maximal 10 mm beträgt. Dieser hat aber locker 15 mm. Ergo Großbrief."

Sie nickt matt und klebt die 1,45 auf.

Wann ist ein Buch ein Buch?

"Und das hier?", fragt sie etwas später und hält ein geheftetes Manuskript in die Höhe. "Wiegt über 500 Gramm, also Maxibrief zu 2,40 Euro, richtig?"

Ich muss mich anstrengen, nicht die Beherrschung zu verlieren. "Oh, Agnes. Um was für einen Hauptversandgegenstand handelt es sich hier, hmm?"

Betreten schaut sie zu Boden. "Eine Loseblattsammlung", antwortet sie.

"Falsch", rufe ich. "Es handelt sich um ein Buch. Ergo ist dies eine Buchsendung. Und die kostet, wenn sie, wie in diesem Fall, zwischen 501 und 1000 Gramm liegt, 1,65. Agnes! Fast hättest du Wertmarken in Höhe von 0,75 € sinnlos verklebt. Du wirst mich noch ruinieren!"

"Aber ich dachte", wendet sie kleinlaut ein, "dass nur richtige Bücher…"

"In den Portobestimmungen der Deutschen Post steht klipp und klar, dass auch Broschüren, Notenblätter und Landkarten als Büchersendungen anzusehen sind. Hättest du genauer hingeschaut, wäre dir aufgefallen, dass es sich bei dem fraglichen Stapel um eine Partitur handelt: Wagner, Walküre."

Agnes schaut beleidigt. Aber was kann ich dafür, wenn sie nicht einmal die einfachsten Bürohandreichungen hinbekommt? Briefmarken aufkleben, das kann ja wohl jeder. Verstohlen beobachte ich sie bei der Arbeit. Ich sehe, wie sie ein Rezensionsexemplar in ein Kuvert steckt und mit einer Ein-Euro-Marke beklebt. Wie von der Tarantel gestochen springe ich auf und renne zu ihrem Schreibtisch.

"Agnes! Was zum Teufel machst du da?"

Sie schaut mich verwundert an. "Ich frankiere ein Tom-König-Taschenbuch. Als Büchersendung."

Und was ist eigentlich eine Widmung?

Ich rolle mit den Augen. "Wenn du dir die Mühe gemacht hättest, reinzuschauen, wäre dir aufgefallen, dass ich etwas hineingeschrieben habe."

"Habe ich", blafft sie zurück. "Ich bin schließlich nicht blöd. Laut den Richtlinien bezüglich der Handhabung von Büchersendungen sind Widmungen zulässig. Ich zitiere: 'Die Widmung darf aus einer kurzen Floskel zum Beispiel 'In treuem Gedenken, der Verfasser' bestehen, der auch kurze Zitate und Ähnliches zugesetzt sein können.' Man darf sogar einen Werbeflyer beilegen…"

"…falls sich die Werbung in oder auf dem Hauptversandgegenstand auf höchstens vier aufeinanderfolgende Seiten am Anfang und Ende des Werkes beschränkt. Mir musst du die Frankierregeln nicht erklären, Agnes!"

Ich nehme das Buch in die Hand. "Wie du unschwer hättest erkennen können, steht in diesem Buch auf der Innenklappe: 'Lieber Kollege Müller, hoffe es geht Ihnen gut, erlaube mir, Ihnen mein Buch zu übersenden. Mit freundlichen Grüßen, Tom König'."

Agnes guckt mich an wie ein Auto. "Ja, und?"

"Hättest du die Regeln zum Bücherversand gründlicher durchgelesen, wüsstest du, dass adressierte schriftliche Mitteilungen nicht zugelassen sind, genauso wenig Texte mit Anrede, Höflichkeitsformeln oder persönliche Mitteilungen. Fügt man solche hinzu, wird aus der Büchersendung ein Brief."

Sie klebt eine Marke zu 1,45 ziemlich schief auf den Umschlag, vermutlich ein Akt stummer Rebellion.

"Briefmarken sind in der rechten oberen Ecke der Anschriftenseite einer Sendung …", hebe ich an.

"Du kannst mich mal, du Frankierfetischist", schreit sie. "Ich kündige!"

"Das kannst du nicht machen, Agnes. Was wird mit meiner Korrespondenz, soll die etwa liegen bleiben?"

"Mir doch egal", ruft sie, steht auf und geht zum Ausgang. "Von mir aus kannst du deinen Kram als Flaschenpost schicken!" Dann knallt sie die Tür zu.

Als Flaschenpost? Was für eine verrückte Idee. Das geht schließlich nur, wenn der Flaschenkörper rechteckig und abgeflacht ist, mindestens 100 mm x 70 mm misst und die Maße seines Bodens ein Verhältnis von 2:1 besitzen.

Hatten auch Sie ein besonderes Serviceerlebnis? Dann schreiben Sie an warteschleife@spiegel.de.

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insgesamt 59 Beiträge
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1. Wo ist das Problem damit?
heavenstown 09.07.2013
Jedes Land / Postverwaltung hat seine Vorschriften die aus einer gewissen Kalkulation kommen. Sicher, man könnte es einfacher machen, dann werden sich aber mit Sicherheit die Portogebühren erhöhen und dann wird wieder kritisiert...
2. Kleiner Fehler am Ende
jfksniper 09.07.2013
Der Versand einer so genannten "Flaschenpost" als Brief ist möglich, wenn der Flaschenkörper (ohne Hals) rechteckig und abgeflacht ist... Also nicht nicht ;)
3. Naja,
digitus_medius 09.07.2013
es riecht schon ein bisschen danach dass durch die Vielzahl undurchsichtiger Vorschriften der geneigte Postkunde verunsichert werden soll. Und im Zweifel lieber zuviel als zuwenig Porto aufklebt. Macht der MVV München mit dem verwirrenden Tarifsystem übrigens genauso. Und ein stark frequentiertes Ziel wie der Flughafen kostet extra viel. Obwohl er nicht weiter von München weg liegt als andere Orte am Ende der S-Bahn.
4.
moistvonlipwik 09.07.2013
Zitat von sysopWann wird aus einer Büchersendung mit Widmung ein Brief? Und wieviel Porto gehört auf eine Wagner-Partitur? Was für Rekruten die Nachtmärsche mit Gepäck, das sind für Bürokräfte die Frankiervorschriften der Deutschen Post: Bewährungsproben. Portosystem der Deutschen Post: Kundenfreundlicher geht es kaum - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/portosystem-der-deutschen-post-kundenfreundlicher-geht-es-kaum-a-905837.html)
Ziemlich lahm. Immer wenn es Schwellen gibt, gibt es Abgrenzungsfragen. Um diese zu erfassen, gibt es Regeln. Dass diese in Grenzfällen bisweilen nicht immer stringend sind, liegt in der Natur der Sache. Dies gilt insbesondere für den Fall, das bestimmte Dinge privilegiert (mit anderen Worten: subventioniert) werden - hier Büchersendungen und dergleichen. Wer damit ein Problem hat, sollte sich überlegen, was ohne diese Privilegierung geschehen würde: ein Abonement des SPIEGEL wäre unbezahlbar, weil pro Heft 1,45 EUR Porto hinzukämen.
5. Das Problem ist, dass es nervt!
stevepony 09.07.2013
Aber das ist ja kein "Phänomen" bei der Deutschen Post alleine, nein. Das ist ein Phänomen in Deutschland: Bahn-Tickets, Post-Porto, Handy-Verträge, Bankdarlehen bzw. -anlagen usw. usf. - alles ist zwar schön auskalkuliert (hoffen wir es mal!), aber es ist einfach nicht kundenfreundlich, weil man entweder das naheliegendste kauft und bezahlt und somit Geld "aus dem Fenster wirft" oder weil man vorher einen Dr. in dem Bereich machen muss, um durchzusteigen. Aber scheinbar stehen da die Deutschen drauf, denn es scheint sich niemand groß daran zu stören. Dabei KÖNNTE man es so schön einfach machen wie z. B. Bahntickets nach Distanz zu berechnen... Aber wie von heavenstown schon richtig angemerkt, würden sich dann sicherlich die Bestimmungs-Dickicht-Fans aufregen, die sich immer Sparpreis-Tickets besorgt haben. Wir Deutschen stehen da scheinbar drauf. Nix gegen Deutschland, aber DAS kapiere ich einfach nicht.
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