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Preiskampf im Einzelhandel: Gensoja im Tierfutter macht Discounter-Fleisch billig

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Hähnchenstall von Wiesenhof: Dank Gensoja acht Cent pro Huhn gespart Zur Großansicht
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Hähnchenstall von Wiesenhof: Dank Gensoja acht Cent pro Huhn gespart

Die Discounter senken die Fleischpreise - auch weil die Geflügelzüchter künftig nur noch billiges Gensoja verfüttern und damit Kosten sparen. Angeblich gibt es zu wenig gentechnikfreies Futter. Der Kampf um jeden Cent geht weiter.

Hamburg - Aldi senkt die Preise, die Konkurrenten ziehen - manchmal unter Protest - nach: ein bekanntes, wiederkehrendes Ritual. Nach Butter und Eiern war am Samstag Frischfleisch an der Reihe. Um bis zu 30 Cent verbilligte der Discounter Hähnchen- und Putenbrustfilets, Geschnetzeltes und Rindfleischprodukte. Der Grund dafür dürfte auch vielen preissensiblen Kunden nicht schmecken: Das Fleisch nämlich stammt künftig von Tieren, die gentechnisch verändertes Futter fressen - obwohl die große Mehrheit der Deutschen Gentechnik im Essen ablehnt.

Im Februar hatte der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) angekündigt, die "Zusage, gentechnikfreies Futter zu verwenden" zurückzunehmen, wenig später folgte der Bundesverband Deutsches Ei. Ein überraschender Schritt, schließlich hatte die Branche rund 14 Jahre lang auf Gensoja verzichtet. Auf dem Weltmarkt sei 2014 schlicht nicht genügend gentechnikfreies Soja zu beschaffen, teilte der ZDG lakonisch mit. Einer der weltweit größten Sojaproduzenten im Hauptlieferland Brasilien habe erklärt, nur noch 50 Prozent der Vorjahresmenge bereitstellen zu können.

Der zweite Grund: Die deutschen Geflügelzüchter könnten nicht mehr garantieren, dass ihr Futter wirklich frei von Gensoja sei, heißt es beim ZDG. Viele Lieferungen seien über die erlaubte Toleranzmenge von 0,9 Prozent hinaus verunreinigt - die Branche würde sich dem Vorwurf der Verbrauchertäuschung aussetzen, wenn sie weiterhin an der offiziell gentechnikfreien Fütterung festhielte.

An dieser Darstellung gibt es aber handfeste Zweifel.

Kritiker der Gentechnik werfen den Geflügelzüchtern vor, falsche Informationen zu verbreiten. "Brasilianische Landwirte produzieren im Vergleich zur Vorsaison zehn Prozent mehr gentechnikfreies Soja", teilt der brasilianische Branchenverband Abrange mit. Zudem werde die Ernte ab sofort verstärkt in Containern verschifft - dadurch würden nicht nur die Engpässe an den Schüttgutterminals umgangen, auch das Risiko der Vermischung mit gentechnisch verändertem Soja werde verringert.

Keine Lieferengpässe bei gentechnikfreiem Soja

Wer hat nun recht? Laut Agravis, einem der größten Händler von Agrarrohstoffen in Deutschland, gibt es derzeit überhaupt keine Lieferengpässe bei gentechnikfreiem Soja. Stattdessen, und das schreibt der ZDG in seiner Pressemitteilung nicht, gehe es ums Geld: Gentechnikfreies Soja ist gut ein Drittel teurer als herkömmliches.

Pro Hähnchen können die Tierzüchter dem Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG) zufolge mit dem Verzicht auf Gentechnikfreiheit rund acht Cent sparen. "Wer sagt, eine gentechnikfreie Fütterung sei nicht möglich, der will nicht, dass sie möglich ist", sagt VLOG-Sprecher Alexander Hissting.

Bisher hatten die großen Handelsketten die Gentechnikfreiheit in ihren Lieferverträgen häufig festgeschrieben. Die höheren Preise für das teurere Futter hätten sie aber nicht zahlen wollen, klagt die Branche hinter vorgehaltener Hand. Die Reaktion des Handels auf die Rückkehr des Gensojas kam umgehend, und sie war hart: Man gebe "bessere Einkaufspreise direkt an die Kunden weiter", teilte Aldi mit. Die Aktion der Discounter hat das Minus für die Produzenten nur noch vergrößert und darunter dürfen vor allem die kleineren Unternehmen leiden.

Vor allem Wiesenhof und Rothkötter füttern mit Gensoja

Tatsächlich ist der Schritt des ZDG selbst innerhalb der deutschen Geflügelwirtschaft umstritten: Es sind vor allem Wiesenhof (PHW-Gruppe) und Rothkötter, die ihre Hühner und Puten jetzt wieder mit Gensoja füttern. Die beiden Großkonzerne, die auf SPIEGEL-ONLINE-Anfrage keine Stellung beziehen wollen, beherrschen aber 70 bis 75 Prozent des deutschen Hähnchenmarktes. Und diejenigen, die am teureren gentechnikfreien Futter festhalten, leiden noch stärker unter den Preissenkungen.

Zwar hält zumindest der Einzelhändler Rewe derzeit noch an seinem Versprechen fest, das Hähnchensortiment der Eigenmarken gentechnikfrei zu halten. Edeka ist dagegen offenbar noch dabei, den Markt zu sondieren und "strebt eine schrittweise Umstellung" auf gentechnikfreies Soja an.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace erhöht unterdessen den Druck und sucht in Supermarkt- und Discounter-Filialen nach Geflügel, das mit gentechnisch verändertem Soja aufgezogen wurde - zum Beispiel von Wiesenhof - und veröffentlicht die Bilder bei Twitter.

Die einzige Hoffnung für die Gentechnikgegner ist der Markt: Wenn sich die größten Abnehmer von gentechnikfreiem Soja zurückziehen, könnten auch die Preise für das Futtermittel sinken - und andere Geflügelzüchter wieder einspringen. Möglich wäre aber auch das Gegenteil: Dass sich nämlich noch mehr Sojaproduzenten aus dem gentechnikfreien Geschäft zurückziehen.

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insgesamt 139 Beiträge
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1. Na dann...
cathamenia 19.03.2014
Guten Appetit. Ich weiß schon, warum ich meinen Fleischkonsum reduziert und komplett auf Bio umgestellt habe.
2. Wenn die Fleischindustrie wüsste
ctwalt 19.03.2014
wie viele Freunde und Bekannte und auch woir nur Millimeter davor sind, uns dem Fleischkonsum zu entziehen. Es gibt auch Kunden, die ordentlich produziertes Fleisch kaufen möchten !
3. man muss das Geflügel nicht kaufen!
Spiegelleserin57 19.03.2014
Zitat von sysopDPADie Discounter senken die Fleischpreise - auch weil die Geflügelzüchter künftig nur noch billiges Gensoja verfüttern und damit Kosten sparen. Angeblich gibt es zu wenig gentechnikfreies Futter. Der Kampf um jeden Cent geht weiter. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/preiskampf-im-einzelhandel-billigfleisch-dank-gensoja-im-tierfutter-a-958100.html
man muss das Billigfleisch nicht kaufen! Außerdem haben die Züchter und die Regierung ausreichend Macht diesen Preiskampf auf Kosten der Verbraucher und Tier zu verbieten. Die Behörden müssen endlich mal aktiv werden, aber von denen hört man GAR NICHTS!!!!!!
4. Billig/billig
siebke 19.03.2014
So lange wir Deutsche Weltmeister der Discounter sind, werden wir weiterhin Fleisch kaufen...Hauptsache billig! Wir Deutsche haben die teuersten Küchen, aber die billigsten Lebensmittel. In unseren Autos kommt nur das beste Motorenöl, aber in unseren Körpern nur das Billigste.Hauptsache unser Breitwandbildschirm und das Handy sind das neuste Model.
5. Wie immer
drsmart 19.03.2014
hat es der Verbraucher in der Hand. Kann doch jeder selbst entscheiden, was er will. Wundern über Pferd im Hack oder sonstigem darf er sich dann aber bei billigstem Fleisch auch nicht. Dafür ist jeder selbst verantwortlich. Darfs noch etwas billiger sein?
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