Teure Tarife: Patienten verzweifeln an privater Versicherung

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Die private Krankenversicherung wird immer teurer, für Millionen Menschen steigen die Beiträge. Mit einem Wechsel in andere Tarife könnte man Hunderte Euro pro Monat sparen, doch die Unternehmen blockieren: Kunden werden hingehalten, falsch informiert - und oft verängstigt.

Arztpraxis: Ärger mit dem Tarifwechsel Zur Großansicht
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Arztpraxis: Ärger mit dem Tarifwechsel

Hamburg - Es gab Zeiten, da war Michael Firsching mit seiner Krankenkasse zufrieden. Gute Versorgung, Extraleistungen wie Einbettzimmer im Krankenhaus - und das für relativ niedrige Beiträge. Mehr als 50 Jahre ist der Historiker aus Berlin beim zweitgrößten Anbieter in der privaten Krankenversicherung (PKV) versichert, der DKV. Doch im vergangenen Sommer änderte sich das Verhältnis. Firsching lernte seine Kasse von einer anderen, unangenehmen Seite kennen. Die Versicherung machte ihm den Wechsel in einen günstigeren Tarif sehr schwer.

Der Ärger beginnt mit einer harmlosen Anfrage. Der Monatsbeitrag des Berliners ist mittlerweile auf 600 Euro gestiegen. Im August schreibt Firsching seiner Versicherung, bittet sie, ihm ein Angebot mit einem günstigeren Tarif zu machen - bei möglichst gleichbleibenden Leistungen. Vor allem das Einzelzimmer in der Klinik möchte er gern behalten.

Firsching hat - wie jeder Privatversicherte - einen Anspruch auf solche Änderungen. Ein solcher Tarifwechsel "mit gleichartigem Versicherungsschutz" steht seit 1994 im Versicherungsvertragsgesetz, Paragraf 204. Doch so einfach, wie Firsching sich das gedacht hatte, kommt es nicht. "Die DKV hat mir nur Tarife mit weniger Leistungen angeboten und dann auch noch mit einer Gesundheitsprüfung gedroht", erzählt er. In Folge einer solchen Prüfung können die Beiträge noch mal steigen - wenn neue Gesundheitsrisiken festgestellt werden.

Firsching lässt sich aber nicht abschrecken, er bohrt nach. Im Oktober antwortet die DKV: "Für einen erheblich niedrigeren Beitrag kann kein Tarif ohne jegliche Leistungseinschränkung angeboten werden." Ein einleuchtender Hinweis, könnte man meinen. Doch er stimmt nicht. Firsching schaltet den Versicherungsmakler Javier Garcia aus Bad Oeynhausen ein. Und der entdeckt gleich zwei DKV-Tarife, die Firschings Wünschen entsprechen und deutlich günstiger sind. Am Ende entscheidet er sich für ein Angebot mit minimalen Leistungskürzungen - unter anderem einem Verzicht auf das Einzelzimmer - , bei dem er nur knapp 230 Euro pro Monat zahlt. Ersparnis: rund 370 Euro pro Monat. Selbst bei gleichbleibenden Leistungen hätte Firsching noch 125 Euro gespart.

Dass sein Monatsbeitrag überhaupt so niedrig ist, liegt an der sehr langen Mitgliedschaft bei der DKV und den damit verbundenen Altersrückstellungen von über 400 Euro. Ansonsten hätte Firsching für seinen alten Tarif gut 900 Euro zahlen müssen und für die neue Versicherung knapp 600 Euro.

Tarifwechsel bedrohen das System der PKV

Garcia hat sich auf Tarifwechsel spezialisiert, bezahlt wird er nur im Erfolgsfall. Sein Honorar liegt dann zwischen vier und fünf Monatsersparnissen des Kunden. Der Makler kennt die Tricks der privaten Kassen. "Die Kunden werden systematisch hingehalten, verunsichert und in die Irre geführt." Selbst die gesetzliche Vorschrift, wonach die Kassen Versicherten über 60 Jahre bei Beitragserhöhungen den bestverkauften Tarif anbieten müssen, werde immer wieder missachtet. Garcias Vorwurf: "Die wirklich interessanten Tarife bekommen die Versicherten nur selten zu sehen. Auf sich allein gestellt ist der Laie mit dem Tarifdschungel völlig überfordert."

Das Problem für die Kassen liegt auf der Hand: Die Kosten für die Gesundheitsversorgung steigen stetig. Die Bundesbürger werden nicht nur immer älter, auch die Zahl der chronisch Kranken nimmt zu. Um konkurrenzfähig zu bleiben, brauchen die Unternehmen neue Kunden - am besten junge, gesunde Gutverdiener. Die kommen aber nur bei günstigen Tarifen. Wenn aber immer mehr Altversicherte mit hohen Risiken in diese neuen Tarife wechseln, explodieren auch hier die Kosten. Für neue Kunden werden die Angebote dadurch unattraktiv. Tarifwechsel bedrohen also das gesamte System der privaten Krankenversicherung.

SPIEGEL ONLINE liegen Dutzende Fallgeschichten vor, in denen Versicherte beim Tarifwechsel behindert wurden. Bis auf wenige Ausnahmen wie Firsching will niemand seinen Namen veröffentlicht sehen - aus Angst vor weiterem Ärger mit der Krankenversicherung. Eine Übersicht der beliebtesten Strategien:

  • Anfragen zu Tarifwechseln werden gar nicht oder erst Monate später beantwortet. Die Kunden werden immer wieder hingehalten.
  • Vor allem am Telefon, aber auch schriftlich, werden falsche Auskünfte gegeben - zum Beispiel, dass es keinen gleichwertigen Versicherungsschutz für weniger Geld gebe - oder, dass Altversicherten die neuen Tarife nicht zur Verfügung stünden, beziehungsweise aufgrund von Vorerkrankungen ein Wechsel nicht möglich sei.
  • Interessante Tarife werden auch nach mehrmaligem Nachfragen nicht angeboten.
  • Es wird verschwiegen, dass Versicherte bei einem Wechsel in einen besseren Tarif einen Leistungsausschluss vereinbaren können. Im Klartext: Der Kunde kann auf Extras, die er bisher auch nicht hat, verzichten und so Geld sparen.
  • Zur Abschreckung werden horrende Risikozuschläge bereits in die Tarifangebote einberechnet - ohne darauf hinzuweisen, dass der Kunde auf die entsprechenden Leistungen auch verzichten kann. Den Grundpreis bekommen viele dadurch gar nicht zu sehen - dadurch erscheinen eigentlich attraktive Tarife viel zu teuer.

Selbst wenn die Kunden etwa einen Leistungsausschluss beantragen, sind sie noch längst nicht am Ziel. So rät die Allianz ihren Mitgliedern "grundsätzlich" davon ab. Die promovierte Kunsthistorikerin Friedegund Weidemann bekam nach ihrem Antrag im vergangenen Jahr ein Schreiben, in dem es heißt:

"Diese Vereinbarung erfolgt auf meinen ausdrücklichen Wunsch. Mir ist bewusst, dass ich durch den gewünschten Teil-Leistungsausschluss auf Versicherungsleistungen verzichte, die zu einem späteren Zeitpunkt wichtig sein können. Gegebenenfalls erhebliche verbleibende Kosten sind von mir selbst zu tragen."

Makler Garcia kritisiert, Schreiben wie diese seien vor allem dazu gedacht, den Kunden zu verunsichern, Angst zu machen und ihn damit von einem Wechsel abzuhalten. "Es gibt ja keine Nachteile, wenn man Leistungen ausschließt, die auch im alten Tarif nicht enthalten waren."

Eine Sprecherin der Allianz weist die Vorwürfe zurück. Grundsätzlich könne sich der neue Tarif schon vom bisherigen Versicherungsschutz unterscheiden. "Wir sehen uns in der Pflicht, im Rahmen unserer Beratung auf alle Aspekte hinzuweisen, von denen die Beitragsersparnis nur eine Komponente ist."

Weidemann hat ihren Wechsel trotzdem durchgezogen - genauso wie Michael Firsching. Die DKV teilte SPIEGEL ONLINE mit, dass Fehler gemacht wurden. Dass man Firsching die geeigneten Tarife auch auf Nachfrage nicht genannt habe, "entsprach nicht den Vorgaben, die damals in der DKV galten, und schon gar nicht den Vorgaben, die wir heute intern haben".

Auch dass Firsching so lange auf seinen Wechsel warten musste, sei "nicht optimal". Mittlerweile habe man den Wechsel aber rückwirkend vollzogen und Firsching Beiträge zurückerstattet. Die DKV verspricht, Service und Transparenz beim Tarifwechsel verbessert zu haben. Ab Herbst werde jeder Kunde online sehen können, welche Wechselmöglichkeiten ihm bleiben.

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insgesamt 330 Beiträge
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1. und
crocodil 25.06.2012
woher können die Krankenkassen dann Milionen von € horten und sie nicht an die Mitglieder durch günstigere Beiräge wieder ausschütten??
2. 600 eur...
a.weishaupt 25.06.2012
600 EUR sind immer noch weniger als das, was man als Facharbeiter nach dem Studium in der GKV bezahlt. Und dann ist man für einen Höchstpreis Patient zweiter Klasse. Mehr gibt es dazu kaum zu sagen.
3. teure Tarife
samojede 25.06.2012
pensionierter Arzt, Jahrg. 34, Versicherung Central, monatl. 600 Euro bei 1000 Euro Selbstbehalt: Sollte Rotgrün wie versprochen die Bürgerversicherung zum Wahlkampfthema machen, werden diese die 6 Stimmen meiner Familie bekommen. So jedenfalls geht es nicht weiter.
4.
dendrocopos 25.06.2012
Zitat von crocodilwoher können die Krankenkassen dann Milionen von € horten und sie nicht an die Mitglieder durch günstigere Beiräge wieder ausschütten??
Das gilt für die gesetzlichen Krankenkassen, in diesem Artikel werden jedoch private Krankenkassen thematisiert.
5. Tarifwechsel
gerd.lt 25.06.2012
Die Aussagen in Ihrem Artikel kann ich nur bestätigen. Meine Frau und ich wollten auch einen Tarifwechsel bei der DKV, der günstigere Tarif wurde mit dem Hinweis auf eine erneute Gesundheitsprüfung abgelehnt. Die Mehrleistung in dem abgelehnten Tarif war ein professionelle Zahnreinigung. Wir haben unseren Rechtsanwalt eingeschaltet, danach war ein Tarifwechsel möglich. Monatliche Ersparniss ca. 900 Euro!!!
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Die bisherigen Gesundheitsreformen
1977: Die Kürzungen beginnen
Es dauert fast drei Jahrzehnte, bis es in der Bundesrepublik zur ersten größeren Gesundheitsreform kommt: Mit dem "Kostendämpfungsgesetz" der sozial-liberalen Koalition versucht die Regierung, die Inanspruchnahme von Leistungen zu steuern: Sie führt Zuzahlungen bei Arznei-, Verbands- und Heilmitteln ein - in Höhe des aus heutiger Sicht niedlichen Betrags von einer Mark pro Medikament.
1983: Auch die Rentner müssen zahlen
Mit zwei Reformen zu Beginn der achtziger Jahre werden die Zuzahlungen durch die Versicherten erhöht. Auch für die Rentner sind die rosigen Zeiten vorbei. Konnten sie sich zuvor kostenlos versichern, müssen sie seit 1983 auch einen einkommensabhängigen Beitrag leisten.
1989: Der erste Rundumschlag
Mit dem "Gesundheitsreformgesetz" von Norbert Blüm geht es ans Eingemachte: Die Eigenbeteiligung der Patienten wird weiter erhöht - etwa bei Arzneimitteln, im Krankenhaus und beim Zahnersatz. Erstmals unternimmt die Regierung auch den Versuch, die Kosten für Medikamente mit radikalen Maßnahmen in den Griff zu bekommen, indem sie Bagatallmedikamente aus dem Leistungskatalog streicht und Festbeträge für Arzneimittel einführt. Seither zahlen die Kassen nicht mehr automatisch jeden Preis für Tabletten und Co., sondern nur noch einen Höchstbetrag. Verschreibt der Arzt ein teureres Mittel, muss der Patient die Differenz zahlen. Trotz dieses Rundumschlags an Kosteneinsparungen sind die Beiträge jedoch nur für kurze Zeit stabil.
1993: Die Leistungen werden budgetiert
Gesundheitsminister Horst Seehofer verfolgt mit dem "Gesundheitsstrukturgesetz" 1993 erneut das Ziel, die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen in den Griff zu bekommen. Um den Anstieg der Leistungsausgaben besser zu kontrollieren, werden sie für einen begrenzten Zeitraum budgetiert. Gleichzeitig erhöht die Regierung erneut die Selbstbeteiligung bei Arznei- und Verbandsmitteln. Das Projekt einer Positivliste, die alle erstattungsfähigen Medikamente benennt, scheitert allerdings. Auch deshalb wird das Reformziel stabiler Beiträge erneut nur für wenige Jahre erreicht.
1997: Zahnersatz bitte selbst zahlen
Die "GKV-Neuordnungsgesetze" stehen ebenfalls in der Tradition ihrer Vorgängerinnen: Patienten müssen sich an den Kosten für Arznei- und Heilmittel, Krankenhaushaufenthalte und Fahrten etwa vom Krankenhaus noch stärker beteiligen. Jüngere Jahrgänge bekommen außerdem geringere Kassenzuschüsse beim Zahnersatz.
1999: Rot-Grün wagt den Leistungsausbau
Mit dem "Solidaritätsstärkungsgesetz" bringt erstmals seit rund zwei Jahrzehnten eine Gesundheitsreform wieder ein Mehr an Leistungen. So werden unter anderem die Zuzahlungen für die Patienten gesenkt. Gleichzeitig führt die rot-grüne Koalition aber zur Begrenzung des Ausgabenwachstums erneut Budgets für Arzthonorare, Krankenhäuser und Arzneimittel ein.
2004: SPD und Union bitten zur Kasse
Nachdem die rot-grüne Regierung in den Folgejahren ebenfalls zum Leistungsabbau umgeschwenkt ist, wagt sie in Kooperation mit dem unionsdominierten Bundesrat ähnlich wie 1989 einen Kostendämpfungsrundumschlag: Das "Gesetz zur Modernisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung" sieht unter anderem vor, dass Patienten eine Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal zahlen müssen, verschreibungsfreie Medikamente gar nicht mehr erstattet werden und die Selbstbeteiligung bei erstattungsfähigen Arznei- und Heilmitteln zehn Prozent der Kosten (maximal zehn Euro) beträgt.
2005: Paritätische Finanzierung am Ende
Aus für ein Prinzip, das seit 1883 in Deutschland bestand: Wurden die Beitäge zur Krankenversicherung zuvor paritätisch finanziert, also jeweils zur Hälfte durch den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, müssen die Versicherten nun einen Sonderbeitrag in Höhe von 0,9 Prozent zahlen.
2009: Der Gesundheitsfonds kommt
Zum Jahresbeginn 2009 ändert sich die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend: Konnten die Versicherungen bislang ihren Beitragssatz weitgehend selbst festlegen, wird dieser künftig einheitlich von der Regierung bestimmt. Die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mitsamt Steuerzuschuss fließen nun in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten dann Pauschalen pro Versichertem von dieser gigantischen Geldsammelstelle. Weitere Änderung: Jeder Bürger muss eine Krankenversicherung abschließen.