Private Krankenversicherung Die Wechselfalle

Privatversicherte müssen teils drastische Beitragssteigerungen stemmen. Oft wird als Ausweg ein Tarifwechsel empfohlen. Doch auch dieser Schritt birgt Tücken.

OP in einer hessischen Klinik
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OP in einer hessischen Klinik

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Der Mann hatte alles richtig gemacht. Im Dezember 2015 kam der Privatversicherte zu Isolde Bock in die Verbraucherzentrale Hamburg. Sein Problem: Angesichts steigender Beiträge wollte er in einen günstigeren Tarif wechseln. Da Kunden sich im Tarif-Wirrwarr der Versicherungen kaum allein zurechtfinden, nahm der Kunde die Hilfe von Bock in Anspruch. Das kostet zwar Beratungsgebühr, aber Bock kann mit einer speziellen Software einen Großteil der Tarife der Versicherer durchforsten - und fand einen guten Kompromisstarif mit nur etwas geringeren Leistungen.

Doch bereits drei Monate später erhöhte die Versicherung auch diesen Tarif erheblich. Ein Beispiel, das zeigt, wie schnell die Vorteile eines Tarifwechsels in der privaten Krankenversicherung (PKV) wieder dahin sein können.

Sowohl die Versicherer als auch die Kunden stehen unter Druck: Während junge und gesunde Menschen vermehrt einen Bogen um die private Krankenversicherung machen, belasten ältere und behandlungsbedürftige Kunden die Kassen der Versicherer. Noch dazu drücken die Niedrigzinsen die Kapitalerträge der Unternehmen. Entsprechend erhöhen die Versicherer die Beiträge, um die Kosten aufzufangen. Die Versicherten wiederum versuchen mit Wechseln in günstigere Tarife den Steigerungen zu entgehen.

Das Problem: Die Versicherer haben wenig Interesse, die Kunden in den optimalen Tarif zu bringen. Denn je günstiger der Tarif, desto weniger Geld bekommt der Versicherer für seine Leistungen. Je mehr Ältere und Kranke in Günstigtarife wechseln, umso mehr steigen auch dort die Kosten.

Versicherte sollten einen Tarifwechsel gut überlegen

Weil die Lage der Versicherer so angespannt ist, jonglieren sie entsprechend bei den Tarifen. Die Kunden haben keinen Einblick, wie die Entwicklung verläuft. Darum sollten die Versicherten einen Tarifwechsel gut überlegen, sagt Verbraucherschützerin Bock. Denn Geld sparen sei in der Regel nur mit einer Leistungsverschlechterung zu machen. Wer dann in den günstigeren Tarif geht und wird dort die Prämie erhöht, könnte weniger Leistungen als im Alttarif haben - aber fast ebenso hohe Beiträge. Ein Wechsel zurück in den vorherigen Tarif ist aber dann nur mit einer Gesundheitsprüfung möglich - die wiederum Risikoaufschläge oder einen Verzicht auf die Mehrleistungen nach sich ziehen kann.

Der Versicherungsmakler Javier Garcia hat sich auf Tarifwechsel in der PKV spezialisiert. Er sagt, es gebe viele Fälle, in denen ein Wechsel in einen günstigeren Tarif mit keinen oder nur geringen Leistungsverschlechterungen einhergehe. Er hat sogar die Erfahrung gemacht, dass einige leistungsstärkere Tarife inzwischen für bestimmte Kunden günstiger sind als leistungsschwächere.

Anhand von Unterlagen dokumentiert Garcia etwa Fälle beim Versicherer Signal Iduna. Der Makler forderte 2013 Berechnungen für einen Tarifwechsel eines 1945 geborenen Kunden an. Die Versicherung bot dem Mann damals den leistungsschwächeren Tarif Komfort Plus für 270 Euro Monatsbeitrag an, den leistungsstärkeren Tarif Exklusiv für 403 Euro.

Leistungsstärkere Tarife für geringere Monatsbeiträge

Zwei Jahre später - im Februar 2015 - holte Garcia für zwei andere Kunden ein Angebot bei Signal Iduna ein. Nun wurde der leistungsschwächere Tarif Komfort Plus jeweils für einen höheren Monatsbeitrag angeboten, als der Tarif Exklusiv mit den Mehrleistungen. Konkret sollte ein 1956 geborener Mann nun 371 Euro für Komfort Plus mit weniger Leistungen bezahlen, den Exklusiv bekam er dagegen bereits für 351 Euro angeboten. Ähnlich das Bild bei einer 1959 geborenen Kundin. Ihr bot die Signal Iduna den Komfort Plus mit den schlechteren Leistungen für 430 Euro an, das leistungsstärkere Paket Exklusiv aber schon für 397 Euro.

Auch von den Versicherern Central und Allianz legt Garcia Dokumente vor, die zeigen, dass zwei Kunden leistungsstärkere Tarife für geringere Monatsbeiträge angeboten wurden, als weniger umfangreiche Tarife.

Gründe für diese Entwicklung könnten laut Garcia etwa sein, dass mehr behandlungsbedürftige Mitglieder in die einst günstigeren Tarife gewechselt sind und sich die Kosten dort somit für die Versicherer erhöht haben. Der Makler rät deshalb, sich - soweit finanziell möglich - bei einem Wechsel leistungsmäßig nie allzu weit vom bisherigen Tarif zu entfernen.

Was sonst noch zu beachten ist - das sind die größten Fallen bei einem Tarifwechsel:

  • Wechsel in einen sehr günstigen Tarif

Hier ist Vorsicht angebracht, warnt Verbraucherschützerin Bock. Denn wer dann Zahnersatz oder eine Psychotherapie in Anspruch nimmt, bekommt oft nur den Regelhöchstsatz bezahlt.

Auch bei den Honoraren für die Tarifwechselberatung müssen Versicherte vorsichtig sein, warnt Makler Garcia. Anbieter, die erfolgsabhängig beraten, kassieren umso mehr Provision, je mehr monatliche Ersparnis der Kunde erzielt. Auch Garcia arbeitet mit diesem Modell. Er berechnet nach eigenen Angaben als Honorar die fünffache Ersparnis des Kunden plus Mehrwertsteuer. In der Branche gebe es aber Makler, die teils das acht- bis zwölffache der Ersparnis als Honorar kassieren, gibt er an. Er sieht bei so hohen Forderungen bei unseriösen Anbietern den Anreiz, möglichst billige Tarife zu empfehlen. Dann steigt die Provision für den Makler, auch wenn die Leistung für den Versicherten sinkt.

Eine Alternative zur erfolgsabhängigen Vergütung ist die Honorarberatung, bei der der Berater auf Stundenbasis bezahlt wird. Diese Form bieten etwa Verbraucherzentralen an.

  • Höherer Selbstbehalt

Wer bereits mit hohen Beiträgen überfordert ist, sollte mit einem höheren Selbstbehalt vorsichtig sein. Denn dann sinkt zwar der Versicherungsbeitrag, aber im Krankheitsfall muss der Versicherte viel mehr selbst bezahlen. Bei Angestellten beteiligt sich der Arbeitgeber zwar am Beitrag, nicht aber am Selbstbehalt. Angestellte sollten einen Selbstbehalt von 300 bis 500 Euro nicht übersteigen, rät Verbraucherschützerin Bock. Ein weiterer Haken: Wer den Selbstbehalt wieder reduzieren will, braucht eine Gesundheitsprüfung.

  • Wechsel zu einem anderen privaten Versicherer

Bei diesem Schritt geht ein großer Teil der bisher einbezahlten Altersrückstellungen verloren. Zudem wird bei einem neuen Versicherer wieder eine Gesundheitsprüfung fällig - und damit drohen auch Risikoaufschläge.

  • Bisex-Tarife außer Acht lassen

Wer bereits viele Jahre in der PKV versichert ist, dürfte noch zu Bisex-Tarifen eingestiegen sein. Das heißt, es gab unterschiedliche Beiträge für Frauen und Männer. Seit Ende 2012 bieten Versicherer bei Neuverträgen nur noch Unisex-Tarife an, mit gleichen Beiträgen für Frauen und Männer. Auch Altversicherte können in die Unisex-Tarife wechseln. Sie sollten aber vorsichtig sein, warnt Verbraucherschützerin Bock. Denn wer den Bisex-Tarif verlässt, kann nicht mehr zurück und verliert auch das Recht auf den Standard-Tarif im Alter.

Jeder PKV-Versicherte hat das gesetzlich verankerte Recht, seinen Tarif zu wechseln. In der Praxis aber tun sich viele Versicherte schwer damit. Verbraucherschützer etwa werfen den Versicherern vor, mit unübersichtlichen oder nur eingeschränkten Informationen die Wechselwilligen zu behindern.

Diesen Vorwurf will der Verband der privaten Krankenversicherung mit Tarifwechsel-Leitlinien entkräften, die seit 1. Januar 2016 gelten. Diese sehen etwa vor, dass Versicherungen ihren Mitgliedern im Falle von Beitragserhöhungen ab dem 55. Lebensjahr konkrete Tarifalternativen nennen müssen. Außerdem sagen die Versicherer zu, Kundenanfragen zu Tarifwechseln innerhalb von 15 Arbeitstagen zu beantworten. Ob sie diese Leitlinien erfüllen, können die Versicherer selbst entscheiden. Bisher beteiligen sich laut PKV-Verband 25 Unternehmen.

Verbraucherschützerin Bock und Makler Garcia warnen beide davor, sich beim Tarifwechsel alleine auf die Beratung des Versicherungsunternehmens zu verlassen. Auf wessen Rat die Versicherten am Ende vertrauen und wie viel Geld sie dafür ausgeben wollen, müssen sie selbst entscheiden.


Verbraucherzentralen bieten sowohl für PKV-Interessierte als auch für PKV-Versicherte, die sich über einen Tarifwechsel informieren wollen, Beratungen an. Die Verbraucherzentrale Hamburg etwa verlangt für 45 Minuten Beratung 50 Euro ( Hier finden Sie Informationen der Verbraucherzentrale Hamburg ).

insgesamt 282 Beiträge
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Seite 1
monzaman 17.05.2016
1.
Ab Januar 2016 wollte die Axa monatlich 150,00 € mehr von mir. Was blieb mir anderes übrig als in einen billigeren Tarif zu wechseln? Nun - ich habe meinen Selbstbehalt von 250 € auf 900 € hochgesetzt. Trotzdem immer noch besser als gesetzlich versichert zu sein.
Ottokar 17.05.2016
2. Privatversichert
und in jungen Jahren Geld sparen, dann im Alter nach dem Staat schreien ? Mein Mitleid hält sich in Grenzen.
Drschlaumeierxy 17.05.2016
3. Die PKVs sollten ....
.... mal lieber bei den Ärzten die Schrauben ansetzen. Sobald man als PKVler das erste mal in der Praxis erscheit, werden alle (schon abgeschriebenen) Geräte zum Einsatz gebracht und unsinnige Untersuchungen angesetzt. Diese werden dann (fast schon grundsätzlich) mit dem erhöhten Faktor 2,3 oder 3,5 abgerechnet. Wenn dann der Arzt noch 10,85€ für die Terminvergabe ("Beratung, auch fernmündlich") mit auf die Rechnung setzt, ist doch ein großes Sparpotenzial gegeben. Und wenn die Versicherten sich selbst dagegen wehren, wird mit den "Knebelverträgen" zwischen Arzt und Patient gewunken. Dort steht dann drin, dass der Leistungsnehmer bezahlt egal, ob die PKV zahlt oder nicht.
alsterherr 17.05.2016
4.
Ehe wieder die "Kein Mitleid für Besserverdiener, die sich aus der Sozialgesellschaft verabschieden" Keule geschwungen wird: Der Dönerbudenbesitzer, der Grafikdesigner mit Kleinstaufträgen, beide sind Privatversichert. Der Bankangestellte in der Regel nicht!
Robert Mitchum 17.05.2016
5. Das ganze Theater wäre nicht nötig
wenn es in DE eine gesetzliche solidarische GRUNDversichung gäbe und Zusatzleistungen privat dazugeordert werden könnten. Zudem leuchtet mir nicht ein, wieso noch die Heerschaar der Beamten grundsätzlich "privat" versichert sind, nur weil der Staat nicht willens ist, die Beihilfe (also quasi den Arbeitgeberanteil) zu übernehmen. Aktuell ist ein gesetzlich versicherter Beamter (was möglich ist) mit einem unsinnig lausigen Preis/Leistungsverhältnis gesegnet, da der Staat keine "Beihilfe" in der GKV leistet.
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