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Umstrittenes Ökounternehmen: So riskant ist Prokon als Geldanlage

Von Christian Kirchner

Windräder in Niedersachsen: Kritik perlt an der Firma ab Zur Großansicht
DPA

Windräder in Niedersachsen: Kritik perlt an der Firma ab

Seriöse Medien kritisieren das Ökounternehmen Prokon seit Jahren - doch Anleger überschütten es mit Sympathie und Geld. Dabei erwirtschaftet die Firma operativ weniger, als sie ausschüttet.

Wer wissen will, warum das Ökounternehmen Prokon trotz aller Kritik so erfolgreich beim Einsammeln von Geldern ist, muss den "Tatort" einschalten: Journalisten treten dort stets als Schmierfinken auf, von Ermittlern werden sie als Schmeißfliegen bezeichnet.

Was das mit Prokon zu tun hat? Zum einen ist der durchschnittliche "Tatort"-Zuschauer knapp 60. Das entspricht ungefähr dem optischen Altersschnitt der Besucher der Prokon-Inforunden, mit deren Hilfe der auf Windkraftanlagen spezialisierte Konzern dafür sorgen will, dass aus den bislang eingesammelten gut 1,3 Milliarden Euro bald zehn werden. Zum anderen können sich sowohl die "Tatort"-Macher als auch Prokon darauf verlassen, dass das Image der Presse nicht gut ist. Das ist Voraussetzung dafür, dass Prokon jeden Monat durchschnittlich knapp 30 Millionen Euro frisches Anlegergeld einsammelt - obwohl es seit Jahren in seriösen Medien Kritik hagelt.

An Prokon und seinen mehr als 70.000 Anlegern perlt das ab. Seitenlang sind die Schmähungen der Presse auf der Internetseite von Prokon und in den "Rundbriefen" an Interessierte. Inzwischen beantwortet man keine Medienanfragen mehr, auch eine SPIEGEL-ONLINE-Anfrage blieb unbeantwortet.

Prokon trifft in der Post-Lehman-Welt den Zeitgeist

Tatsächlich kursieren über Prokon zwei zentrale Vorwürfe, die nicht stimmen. Der erste Vorwurf: Anleger treibe vor allem die Gier in Prokon-Genussrechte, die mit einer Verzinsung von sechs bis acht Prozent locken. Wer eine der vielen Prokon-Veranstaltungen besucht, stellt indes schnell fest, dass Anleger ganz andere Dinge als nur das Geld schätzen: mit gutem Gewissen in Sachwerte zu investieren, nichts mit Banken und Strommultis zu tun zu haben - und, so banal es klingt, die Clubatmosphäre; zu einem Kreis zu gehören, der in Sachen Geldanlage alles richtig macht. Prokon trifft damit in der Post-Lehman-Welt den Zeitgeist.

Was zum zweiten - und zentralen - falschen Vorwurf führt: Prokons Zahlenwerk sei intransparent. Zwar muss man sich als Interessierter durch eine Fülle teils skurriler Informationsquellen wühlen - manche Zahlen sind im Geschäftsbericht, andere tauchen nur auf der Internetseite auf, wieder andere nur im hauseigenen Rundbrief und stammen aus einem "Entwurf zur Konzernzwischenbilanz" und von der "internen Administration", bisweilen fehlen auch ohne Erläuterungen Zahlen - etwa die der wichtigen Sparte Windkraft für die letzten zwei Monate 2012.

Doch die veröffentlichten Zahlen zeichnen ein klares Bild: Prokon erwirtschaftet operativ schlicht nicht so viel, wie das Unternehmen an Anleger ausschüttet.

Der Reihe nach. Prokon betreibt drei Geschäftsbereiche: Wind, Biomasse, Biokraftstoffe. Ziehen wir zur Analyse der Profitabilität die zweieinhalb Jahre zwischen Anfang 2011 und Juli 2013 heran, denn für diesen Zeitraum hat Prokon - mit kleinen Lücken Ende 2012 - die Zahlen publiziert: im Geschäftsbericht 2011, auf seiner Internetseite in der Rubrik "Prokon Transparent" für große Teile von 2012 sowie im jüngsten Rundbrief an Anleger per Juli 2013.

Entscheidend für Anleger ist der Bereich Windenergie. Hier sind knapp zwei Drittel der Genussrechtsmittel investiert. Außerdem wird nur mit Windkraft überhaupt nennenswert Geld für Anleger verdient: Hier fielen seit Anfang 2011 mehr als 80 Prozent der von Prokon ausgewiesenen operativen Gewinne an, die in der Summe über alle Geschäftsbereiche 145 Millionen Euro betrugen.

Nun haben Anleger in jenen rund zweieinhalb Jahren gut 164 Millionen Euro an Zinsen auf ihre Genussscheine kassiert. Wie weit Prokon mit seinen operativen Gewinnen unterhalb dieser Summe geblieben ist (und die Herkunft der Gelder für die Differenz rätselhaft bleibt), hängt nun davon ab, wie man Gewinn definiert. Folgt man der Definition von Prokon und den eigenen Angaben für den "operativen Gewinn", waren es in diesem Zeitraum im stets profitablen Segment Windenergie lediglich 120 Millionen Euro.

Knapp ein Drittel des operativen Gewinns 2011 im Bereich Windenergie etwa fiel nicht durch den Verkauf von Strom an, sondern durch internes Geschäft: Eine Konzerngesellschaft projektiert Windräder, eine andere betreibt sie - und ehe sich der Rotor einmal gedreht hat, ist mit den Anlegergeldern schon ein Millionengewinn entstanden, da die neuen Räder laut Prokon am Markt mehr Wert seien als die angefallenen Herstellungskosten.

Seit 2012 gibt es diese Möglichkeit nicht mehr, da Prokon seine Geschäftsbereiche anlegerfreundlich zusammengeführt hat und die Windräder zu Herstellungskosten bilanzieren muss. Für 2012 musste Prokon 71 Millionen Euro Zinszahlungen leisten, davon 58 Millionen in den ersten zehn Monaten. Aber die zentrale Sparte Windenergie weist für den Zeitraum gerade einmal 35 Millionen Euro operativen Gewinn auf, die Bereiche Biomasse und Biokraftstoffe zusammen sogar nur schlappe vier Millionen Euro.

Und nun?

Kommen stille Reserven ins Spiel: Statt die Binnengeschäfte dem operativen Gewinn zuzuschlagen, weist Prokon nun auf seiner Internetseite ("Stand 31.10.2012, Aktualisierung folgt in Kürze!") für die ersten zehn Monate des Jahres 2012 einen Jahresüberschuss der Windenergiesparte "unter der Berücksichtigung der stillen Reserven" aus, der fast doppelt so hoch ausfällt wie der operative Ertrag. Und praktischerweise die Zinszahlungen für die ersten zehn Monate deckt. Denn die Windräder seien am Markt rund 31 Millionen Euro mehr wert als bilanziert, daher der Rückgriff auf die stillen Reserven.

Liste der Merkwürdigkeiten

Nun sind derlei Bilanzierungsmethoden für immobile Güter nicht einmal ungewöhnlich, und selbst mancher Dax-Konzern zahlt Dividenden auch aus der Substanz. Und ein Windrad kostet natürlich zunächst, verdient dann aber jahrelang Geld. Doch wenn schon die Herkunft der Zinszahlungen fragwürdig ist - wie ist es dann wohl um die Tilgung der Investitionssummen der Anleger bestellt, zumal die Liste der Merkwürdigkeiten bei Prokon noch länger ist?

  • Da ist der immense Aufwand, mit dem neue Gelder eingeworben werden: Sechs Prozent von jedem eingenommenen Euro fließen in Werbung.
  • Da ist der Stillstand bei neuen Windparks: Seit Ende 2011 und somit binnen der letzten knapp zwei Jahre flossen Prokon über eine halbe Milliarde frischer Mittel zu, das Genussrechtskapital kletterte um 80 Prozent. Die installierte Windparkleistung stieg mangels neuer Inbetriebnahmen aber nur minimal: Von 433 Megawatt per Jahresende 2011 auf 489 Megawatt aktuell, was einem Anstieg von gerade einmal 13 Prozent binnen knapp zwei Jahren entspricht.

Zwar aktualisiert Prokon täglich die Summe der eingeworbenen Mittel und der Kunden auf seiner Internetseite - die Rubrik der geplanten Windparks wird indes seit nunmehr einem Jahr nicht mehr gepflegt, obwohl Anleger gewiss interessieren dürfte, was aus jenen 27 Windparks mit rund 450 Megawatt Leistung geworden ist, die laut den hehren Zielen 2012 und 2013 in Betrieb gehen sollten.

  • Da ist die Tatsache, dass so viele andere mit Anlegergeld erbaute Windparks grandios scheiterten, weil die Wind- und Ertragsprognosen verfehlt wurden - was Prokon-Anlegern nicht mehr passieren kann: Der Konzern veröffentlicht keine Wind-Prognosen mehr.
  • Und da ist noch die Sache mit dem Konzernabschluss, der endgültig alle zum Verstummen bringen soll, die Prokon vorwerfen, ein Schneeballsystem zu betreiben: Einen solchen Konzernabschluss, in dem die Rentabilität des gesamten Konzerns und vor allem der Kapitalfluss genau dargelegt würden, kündigte Prokon für Mai dieses Jahres an. Dann für September - nun ist es Ende Oktober, und der Abschluss liegt noch immer nicht vor, wohl aber ein obskurer "Entwurf", aus dem plötzlich ein negatives Eigenkapital von 118 Millionen Euro hervorgeht.

Die treuen Prokon-Anleger, die auch in Internetforen sehr aktiv sind, dürfte all das nicht stören. Wer bei dem berechtigten medialen Sturm der vergangenen Jahre standhaft geblieben ist, dürfte sich auch von ausbleibenden belastbaren Bilanzen nicht schrecken lassen. Und wenn's schiefgeht? Waren vermutlich die Medien Schuld, ohne deren Hetze und Diffamierung die Prokon-Geschichte ein gutes Ende hätte nehmen können.

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insgesamt 127 Beiträge
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1. irgendwann rumst es halt...
cirus27 03.11.2013
...den anlegern bleibt immerhin das gefühl, ihr geld nicht bei gierigen banken, fonds und umweltschädlichen unternehmungen vergeigt zu haben. das ist doch schon mal was. daß es den herren aus dem vorstand usw. auch hinterher noch gut gehen wird, setze ich mal voraus.
2.
makuzei 03.11.2013
Hier passiert Darwin-sche Auslese - wer auf den EE-Quatsch reinfällt,zahlt eben ordentlich.Nur schade um die zerhackten Vögel und Fledermäuse.
3. Ich glaub', ich les' nicht recht
annibertazeh 03.11.2013
Warum müssen sich Sechzigjährige und Tatort-Konsumenten schräg anmachen lassen, wenn SPON der Firma Prokon ans Bein - vielleicht zu Recht - pinkeln will?
4. optional
Knallerbsin 03.11.2013
Gier frisst Hirn. Wer bei einem Zinsniveau nahe 0% glaubt, risikolos 6% einstreichen zu können, muss eben irgendwann auf die Schnauze fallen. Mein Mitleid hält sich in diesem Fall in Grenzen.
5. Genussrechte sind generell keine sicheren Anlagen
Gerdtrader50 03.11.2013
Dass hohe Zinsversprechen und Auszahlungen Anleger locken, ist mir schon klar. Die umweltfreundliche Tätigkeit beruhigt auch noch das Gewissen der Anleger. Ob diese jedoch irgendwann ihr Kapital zurück erhalten, steht in den Sternen. Undurchsichtig scheinen die Geschäftszahlen in den Veröffentlichungen zu sein. Was nützten hohe Zinszahlungen, wenn das Kapital in der Rückzahlung später ausfällt. Der Anfangsverdacht, dass schneeballmässig operiert werden könnten, ist durchaus gegeben. Nur von dem Anlagekram verstehen viele nichts, die sehen nur die hohen Zinsversprechen, die ja auch über länge Distanzen eingehalten wurden.
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Zum Autor
  • Maxim Sergienko
    Christian Kirchner, Jahrgang 1975; Studium der Politologie und Germanistik an der Uni Mannheim, anschließend Volontariat an der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten. Von 2003 bis 2008 Finanzredakteur beim "Handelsblatt" und Geschäftsführender Redakteur von "New Investor" in Düsseldorf, von 2008 bis 2010 leitender Redakteur und von 2011 bis 2013 stellvertretender Ressortleiter Finanzen der Gruner+Jahr-Wirtschaftsmedien in Frankfurt am Main.

    In seiner Kolumne "Anlegemanöver" hinterfragt Kirchner für SPIEGEL ONLINE die typischen Anlagefloskeln und nimmt neue Produkte und Kampagnen der Finanzdienstleister unter die Lupe.

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