Regionalwährungen: Mit Chiemgauer gegen den Euro-Crash

Von Ann-Kristin Mennen

Die Wundermittel heißen Chiemgauer oder Urstromtaler. An die 40 Regionalwährungen existieren in Deutschland. Wenn es nach den Initiatoren dieser Idee geht, soll das Zweitgeld jetzt auch noch die Euro-Krise lösen.

Regionalgeld: "Bunte Blüten" gegen die Krise Fotos
Wolfgang Maria Weber

Mit seinen schwarzen klobigen Schuhen stapft Frank Jansky vorbei an Häuserblöcken, am "Schnitzel-Tempel" und an einem verrotteten Kino. Schönen Sommer steht da an der Programmanzeige. "Die waren auch mal dabei", sagt Jansky. Der Saum seiner Hose ist ausgetreten, die grau-schwarz gestreifte Strickjacke scheint aus einer anderen Epoche zu stammen. "Wir müssen etwas ändern, dieses Finanzsystem ist zerstörerisch." Jansky beschleunigt seinen Schritt. Zweieinhalb Kilometer sind es vom Magdeburger Hauptbahnhof bis zum Ziel.

Jansky ist Rechtsanwalt in Güsen in Sachsen-Anhalt und Gründer des "Urstromtalers". Die Idee zu dem Regionalgeld kam ihm, als viele seiner Klienten ihn nicht mehr bezahlen konnten. Jansky begann damals, Waren und Dienstleistungen zu akzeptieren. Ein klassisches Tauschgeschäft. Als Beleg für die Leistung druckte Jansky die ersten Urstromtaler und aus dem Notbehelf wurde eine Lebensaufgabe. Jansky wollte ganz Sachsen-Anhalt unabhängiger machen vom Euro, die heimische Wirtschaft stärken und neue Arbeitsplätze schaffen.

Das Geld, das an Wert verliert

Urstromtaler, Chiemgauer oder KannWas: Seit 2002 sind bundesweit Dutzende Regionalwährungen aus dem Boden geschossen. Die Idee ist simpel. Menschen tauschen Geld oder Leistungen in eine Regionalwährung und können diese nur in der Region ausgeben. Ebenso müssen Unternehmen die Regio-Einnahmen in der Heimat investieren. Damit sollen regionale Wirtschaftskreisläufe gestärkt werden. Zudem verliert Regiogeld an Wert. Diese sogenannte Umlaufsicherung soll gewährleisten, dass Geld nicht gehortet, sondern ausgegeben wird.

Seinen Ursprung hat der Regiogeld-Boom in der deutschen Stagnationsphase zu Anfang des Jahrtausends. Das neue Geldmodell gab Antworten auf die chronische Konsumschwäche in Deutschland und auf die vermeintliche Bedrohung deutscher Arbeitsplätze durch die Globalisierung. Doch mittlerweile ist die Situation eine andere. Die Deutschen konsumieren so viel wie nie, Deutschland ist der Gewinner der Globalisierung. Schlecht für die Regiogelder.

Zweite Währung auch für Krisenländer

Doch nun gibt es eine andere Bedrohung - die Eurokrise. Und wieder soll Regiogeld helfen: "Geld drucken, Geld sparen oder Geld leihen, das alles greift zu kurz", meint Christian Gelleri, Schöpfer des Chiemgauers, der bundesweit erfolgreichsten Regionalwährung. Gemeinsam mit dem Ex-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, propagiert Gelleri die Einführung einer nationalen Parallelwährung in Krisenländern wie Griechenland. Seine Argumente auch hier: Der Negativzins kurbelt die Wirtschaft an, eine Rücktauschgebühr hält das Geld im Land. Doch funktioniert das Prinzip wirklich?

Wenn die Verfechter des Regiogeldes auf Kritik stoßen, dann kommen sie schnell auf das Wunder von Wörgl. Damals, 1932, in der Weltwirtschaftskrise, waren die Kassen der Tiroler Kleinstadt leer. Und so gab der Bürgermeister von Wörgl seinen Angestellten selbstgedrucktes Notgeld aus. Das wurde in allen Wörgler Geschäften akzeptiert, verlor aber stetig an Wert. Innerhalb kurzer Zeit belebte das sogenannte Schwundgeld Wirtschaft und Arbeitsmarkt.

Ein Modell mit Makel

Der potentielle Nachfolger des Wörgler Wundergeldes heißt Chiemgauer und zirkuliert seit 2003 munter durch Oberbayern. Nur Unternehmen dürfen Chiemgauer in Euro zurücktauschen - gegen eine Gebühr von fünf Prozent. Ein Teil dieser Gebühreneinnahmen fließt in Vereine. 2500 Verbraucher zahlen bereits mit dem Chiemgauer - bei fast 600 Geschäften. "Die Währung hat keine persönlichen Vorteile für den Kunden, aber er tut damit Gutes", erklärt Gelleri. Als Waldorf-Lehrer entwickelte er den Chiemgauer gemeinsam mit seinen Schülern. Heute unterrichtet der hagere Mann mit Nickelbrille und Vollbart nicht mehr, sondern verwaltet sein eigenes Geld.

Frank Jansky konzentriert sich lieber auf Sachsen-Anhalt. Er muss das Netzwerk pflegen. Abseits der Magdeburger City erreicht er die Schmuckwerkstatt Rayon. Seit es den Urstromtaler gibt, akzeptiert Rayon-Besitzer Gerfried Kliems hier die bunten Scheine, als einer von wenigen in Magdeburg. In diesem Jahr habe noch kein Kunde mit Urstromtalern bezahlt, sagt er. "Wir stehen noch am Anfang", betont Jansky. Er sei kein Euro-Gegner, er wolle lediglich die Wahl haben: "Alles muss in den Wettbewerb treten, warum nicht der Euro."

Unsinnig und unvernünftig

Dass der Euro momentan tatsächlich wackelt, das liegt allerdings nicht an den Regionalwährungen. Die meisten von ihnen führen eine Nischenexistenz. Zum Beispiel in Lüneburg: 8000 Lunar sind dort im Umlauf, akzeptiert werden sie bei ein paar Bioläden und der Feng-Shui-Beratung. Der KannWas in Schleswig-Holstein ist ebenfalls selten. "Höchstens einmal im Monat zahlt jemand damit", sagt die Inhaberin eines Biohofes in Kiel. Und selbst am Chiemsee ist der Erfolg relativ: Mit einem Jahresumsatz von rund sechs Millionen Chiemgauern macht die Währung einen Anteil von 0,01 Prozent des Bruttoinlandsproduktes der Region aus.

Auch die Theorie hinter den Regionalwährungen erscheint vielen Ökonomen nicht plausibel. Wörgl tauge nicht als Beleg, sagt Andreas Löffler vom Institut für Bank- und Finanzwirtschaft an der Freien Universität Berlin. "Es gab in Wörgl einfach eine Kreditklemme, infolge derer man sich untereinander Regiogeld geliehen hat." Faktisch entspräche das einer Ausweitung der Geldmenge, die die Konjunktur ankurbele. Mit dem Negativzins habe der Erfolg nichts zu tun gehabt. Ohnehin sei eine solche Entwertung des Geldes ökonomisch völlig sinnlos: "Das würde ja bedeuten, dass ich mir heute 10 Euro leihe und nächsten Monat nur 9 Euro zurückzahlen muss. Welcher vernünftige Mensch würde da noch Geld verleihen?"

Jansky und Co. bleiben dabei: Regiogeld sei die richtige Antwort auf Finanz-, Wirtschafts- und Euro-Krise. Warum ihre Projekte selbst in der Krise stecken, darüber herrscht keine Einigkeit. "Die meisten Initiativen haben nicht die Kapazitäten, um die Menschen zu überzeugen", meint Chiemgauer-Schöpfer Gelleri. Dabei bedürfte es tatsächlich eines Überzeugungskünstlers, um ein Produkt mit so vielen Pferdefüßen an den Mann zu bringen: Das Regiogeld muss erst umständlich eingetauscht und dann schnell ausgegeben werden. Es gilt nur in wenigen Geschäften und deren Produkte sind oft teurer als im Supermarkt.

Idealismus pur

Die Vorteile, die Regiogeld verspricht, ähneln vielmehr denen eines Bummels über den Biomarkt: Alles fühlt sich so schön nachhaltig und solidarisch an. Regiogeld ist Luxus, und funktioniert deshalb am reichen Chiemsee besser als im armen Sachsen-Anhalt. Entsprechend ernüchtert fällt die Bilanz von Uwe Kellermann aus, Initiator der "Potsdamer Havelblüte": "Der Chiemgauer ist eine idealistische Initiative von Anthroposophen. Nur leider sind nicht alle Menschen Anthroposophen."

Frank Jansky macht die Politik für den Misserfolg verantwortlich. "Die Akzeptanz der Bürger kommt mit dem Segen von oben." Wie viele Gleichgesinnte wünscht er sich mehr Kooperation. Wenn man zum Beispiel Steuern in der Regionalwährung zahlen könnte - das wäre was. Ausgeschlossen, heißt es im Magdeburger Rathaus: "Gegenwärtig ist es nicht vorstellbar, dass regionale Steuern irgendwann in Urstromtalern bezahlt werden können", sagt Pressesprecher Michael Reif. Doch Frank Jansky hat längst neue Pläne: Eine Fusion zwischen Sachsen-Anhalt und Brandenburg. "Man muss Regionalität einfach größer definieren."

Eine Währungsunion der Regionalwährungen - so hat es mit dem Euro auch mal angefangen.

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1.
sponner_hoch2 06.08.2012
---Zitat--- Das Regiogeld muss erst umständlich eingetauscht und dann schnell ausgegeben werden. Es gilt nur in wenigen Geschäften und deren Produkte sind oft teurer als im Supermarkt. ---Zitatende--- Das fasst es doch eigentlich perfekt zusammen. Es spricht nichts dafür, den Kram zu benutzen. Das Geld wurde in grauer Vorzeit ja mal von einem schlauen Kopf erfunden, weil man es flexibel eintauschen kann (ich muß also nicht wie Obelix erst jemanden suchen, der Hunger auf Wildschwein hat, um damit zu bezahlen), ich es dann ausgeben kann wenn ich möchte (und nicht zu irgend welchen unsinningen Augaben gezwungen werde wie Obelix, weil ihm das Wildschwein sonst verrottet) und ich ganz einfach weiß, was ich für etwas zu bezahlen habe (und ich nicht zig Wechselkurse zwischen Wildschweinen, Hinkelsteinen, Sesterzen, Wein, Fisch und Holz im Kopf haben muß).
2. Wörgl
vhe 06.08.2012
Die Aktion damals war einfach ein (erfolgreicher) Versuch, die Deflationstendenz einer goldgedeckten Währung zu umgehen. Heut sind aber alle Währungen umlaufgedeckt. Andererseits kann ich gut verstehen, dass Leute, die Gold kaufen und sich vor einer Inflation fürchten, keine Lust auf eine automatisch abwertende Währung haben und die Regionalwährungen deshalb an Beliebtheit verlieren.
3. Denkfehler
weltoffener_realist 06.08.2012
Zitat von sysopDie Wundermittel heißen Chiemgauer oder Urstromtaler. An die 40 Regionalwährungen existieren in Deutschland. Wenn es nach den Initiatoren dieser Idee geht, soll das Zweitgeld jetzt auch noch die Euro-Krise lösen. Regiogeld: Ein Währungsmodell ist gescheitert - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,844830,00.html)
Die Idee der Regionalwährungen leidet an mehreren Denkfehlern, der gravierendste: Eine absichtliche Reduktion der potenziellen Tauschpartner kann langfristig nicht zu einer Erhöhung des Wohlstands führen.
4. Geld in Regionalwährung tauschen...
langenscheidt 06.08.2012
... wer so blöd ist ist selbst schuld. Ich kämenicht auf die Idee Geld in wertlose Währungen einzutauschen. Was soll ich damit?
5. Gute Frage, vernuenftig koennen die ja wirklich nur aus einem, Grund sein!
Altesocke 06.08.2012
Zitat von sysop"Das würde ja bedeuten, dass ich mir heute 10 Euro leihe und nächsten Monat nur 9 Euro zurückzahlen muss. Welcher vernünftige Mensch würde da noch Geld verleihen?" ]
Das frage ich mich bei den Negativzinsen auf deutsche Kurzlaufzeitanleihen auch manchmal. Und dann weiss ich, auf einmal, warum: Zuviel geld in umlauf, und die Billiganleihen werden das naechstemal afuer umso hoeher verzinst werden muessen! Weil ja die Bonds noch das Ziel sind, der Bankstervereinigungen!
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