Wohnungssuche Makler-App soll Massenbesichtigungen ersetzen

Makler kosten viel Geld - das künftig die Vermieter bezahlen müssen. Ein neuer Onlinedienst verspricht, Wohnungen deutlich günstiger zu vermitteln. Er verkuppelt Mieter und Vermieter wie eine Dating-App. Kann das funktionieren?

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Thomas Furch (l.) und James Lefrère: Die Gründer filmen einen 360-Grad-Rundgang durch eine leere Wohnung
SPIEGEL ONLINE

Thomas Furch (l.) und James Lefrère: Die Gründer filmen einen 360-Grad-Rundgang durch eine leere Wohnung


In der fünften Etage eines Hinterhauses in Berlin-Schöneberg treffen sie aufeinander: Maklerin Tanja Zieske, seit 21 Jahren im Geschäft. Und Thomas Furch, der Leuten wie Tanja Zieske das Geschäft streitig machen möchte. Sie stehen also in dieser leeren Wohnung, 205 Quadratmeter groß, verwinkelt geschnitten, 1650 Euro Kaltmiete, und fragen sich, wie viel Menschenkenntnis eigentlich ein Computerprogramm haben kann.

Der Markt der Mietwohnungsmakler steht vor einem Umbruch. Ab 1. Juni gilt: Wer als Vermieter den Makler bestellt, muss ihn auch bezahlen. In der Regel verlangt ein Makler zwei Nettokaltmieten. Thomas Furch, 34, hat die Onlineplattform Rentkit mitgegründet. Er verspricht, passende Mieter für die Hälfte des Geldes zu vermitteln - Mietschutzversicherung inklusive. Dafür braucht er lediglich eine 360-Grad-Kamera und ein paar Server.

Virtuelle Wohnungsführung

Mit seiner Kamera läuft Furch durch die Haustür, die Treppe bis ganz nach oben und durch die leeren Räume. So entsteht eine virtuelle Führung, eine Art Google-Streetview für Mietwohnungen. Mietinteressenten können sich das Video später im Netz anschauen. "Wir geben ihnen so vorab einen besseren Eindruck von einer Wohnung, als Fotos das können", sagt Furch. Sein Ziel ist es, Massenbesichtigungen ins Digitale zu verlagern - also diese Termine, bei denen Makler einen Stapel Zettel mit Selbstauskünften einsammeln und alle Besucher immer sagen, dass sie "sehr interessiert" an der Wohnung seien - um sie dann meist doch nicht zu bekommen oder nicht zu wollen.

Furch möchte dem Wohnungseigentümer nur diejenigen Mieter vorschlagen, die zu dessen Vorstellungen passen. Dabei setzt er auf Algorithmen. Vermieter können die Wunschberufe des Mieters auswählen und angeben, ob die Wohnung für Wohngemeinschaften und Familien geeignet ist. Interessenten bestätigen, dass sie keine Negativmerkmale in ihrer Schufa-Auskunft haben, was die Rentkit-Macher vor Vertragsabschluss noch einmal überprüfen.

"Unsere intelligenten Systeme finden besser als normale Berechnungen heraus, ob sich der Mensch die Wohnung leisten kann", sagt Furch. Passen die Vorstellungen zusammen, gibt es einen Treffer - ähnlich einem Match bei der Dating-App Tinder. Dann können Mieter und Vermieter einen Besuchstermin ausmachen.

Sensible Daten

Furchs Start-up sammelt sehr persönliche Daten über Mietinteressenten. Furch weiß, wie sensibel dieses Thema ist; er hat mehrere Jahre eine IT-Abteilung bei einem großen Pharmadienstleister geleitet. "Wir haben sehr viel Zeit in die Datensicherheit investiert", sagt er. Sämtliche Informationen würden verschlüsselt übertragen, die kritischen Daten lägen in einem Rechenzentrum in Frankfurt.

Neben Rentkit sind in den vergangenen Monaten weitere Plattformen entstanden, die Mieter und Vermieter zusammenbringen möchten, etwa Smmove - ein Auktionsportal für Wohnungen. Smmove bietet in Berlin derzeit 50 freie Mietwohnungen an. Rentkit ging erst Ende April an den Start, noch läuft die Registrierungsphase für Vermieter. Das Wohnungsangebot pro Stadt wird aber wohl ebenfalls zunächst im zweistelligen Bereich liegen. Zum Vergleich: Immobilienscout24, einer der Marktführer, listet fast 7000 freie Mietwohnungen in Berlin.

Die Angebote lassen sich aber nur bedingt vergleichen. Auch auf den großen Portalen können sich Mieter zwar ein Profil anlegen und Vermieter die Suchanzeigen kostenlos durchschauen. Die Vermieter müssen aber selbst den Kontakt herstellen und die Eignung des Mieters überprüfen.

Rentkit bietet seine Dienste bislang in Berlin, München, Stuttgart, Hamburg und Frankfurt an. Wie schnell er wachsen will, über diese Frage redet Furch ungern. Er sagt: "Wenn wir so erfolgreich wie ein Maklerbüro werden, dann wäre ich schon zufrieden. Wir wollen von der Firma leben können."

Gleicher Musikgeschmack

Maklerin Zieske hat ihre Zweifel, ob Plattformen wie Rentkit tatsächlich den besten Mieter finden: "Aus meiner Erfahrung ist der persönliche Eindruck oft entscheidend." Einem Interessenten mit einem negativen Schufa-Eintrag gebe sie durchaus mal eine Chance, wenn der sie im Gespräch überzeuge. Der Computer ist weniger nachgiebig: Negative Schufa-Auskünfte führen bei Rentkit zu einer deutlichen Abwertung bei der Bewerbung um Wohnungen, sagt der Gründer.

Den persönlichen Eindruck berücksichtigt die Plattform ebenfalls - auf ihre Weise. Dazu lassen sich Facebook-Profile mit der App verbinden. Haben Vermieter und Mieter gemeinsame Freunde oder Interessen, steigt die Wahrscheinlichkeit für ein Match. Thomas Furch setzt darauf, dass weiche Faktoren einen Vertragsabschluss begünstigen - und sei es nur eine geteilte Vorliebe für Pink Floyd.



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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
99luftballons 16.05.2015
1. Kropf!
-Haben Vermieter und Mieter gemeinsame Freunde oder Interessen, steigt die Wahrscheinlichkeit für ein Match. Thomas Furch setzt darauf, dass weiche Faktoren einen Vertragsabschluss begünstigen - und sei es nur eine geteilte Vorliebe für Pink Floyd. - Wenn so rtwas ein Match macht, also andersherum eben nicht: Dann doch lieber Makler. Zumal die Preise, also deren Gebuehren sich ab demnaechst locker druecken lassen sollten. Es sei denn, ein grosser Teil von denen wechselt in einen anderen Beruf!
jjcamera 16.05.2015
2. zu kurz gedacht.
Stellen Sie sich diese Situation in einem Mietmarkt wie München vor. Mietinteressenten sind hier bereit, bis zu einer Jahresmiete zu bezahlen, um an eine Wohnung zu kommen, egal was das Gesetz sagt. Glauben Sie ernsthaft, ein Makler will bei diesen "paradiesischen" Zuständen noch Geld vom Vermieter?
voiceecho 16.05.2015
3. Fragwürdig!
Wenn man das liest, hat man das Gefühl, das die NSA schon auf dem Wohnmarkt angekommen ist. Es ist interessant zu wissen, wie diese "Berechnungen" Zustande kommen und ob das alles im "gesetzlichen" Rahmen stattfindet! Wenn schon der Vermieter bestimmt, was der Mieter beruflich macht, ist sehr fragwürdig!
archback 16.05.2015
4.
Jetzt brauchen wir nur noch eine App für Mieter, die hilft, ein günstiges Profil zu erstellen, dann können die Computer alles unter sich ausmachen, einschließlich Ausdruck des Mietvertrages und Bestellung der Umzugsfirma.
Leser heute 16.05.2015
5. Es mag auch gute Makler geben...
... meine persönlichen Erfahrungen sind schlecht. Eigentlich beschränkte sich deren Tätigkeit darauf, ein Internet-Inserat zu schalten und auf Anrufe zu warten. Die Auswahl der Mieter müsste doch von mir erledigt werden. Ein Callcenter verlangt wenigstens nicht zwei Monatsmieten Provision. Der neue Service klingt interessant. Allerdings möchte ich nicht meinFacebook-Profil matchen lassen.
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