Private Altersvorsorge Schlaue Arbeitnehmer kündigen Riester nicht

Hohe Gebühren, keine Sicherheit im Alter? Riestern gilt oft als zu teuer. Dabei ist die private Altersvorsorge besser als ihr Ruf: Kleinverdiener mit Kindern können bei 60 Euro Einzahlung auf 775 Euro Förderung kommen.

DPA

Eine Kolumne von


Seit Ende der Achtzigerjahre haben schwarz-gelbe, rot-grüne und schwarz-rote Bundesregierungen die zukünftigen Ansprüche von Arbeitnehmern auf eine gesetzliche Rente immer weiter zusammengestrichen. Gleichzeitig haben sie den Arbeitnehmern gesagt: Kümmert Euch selbst um zusätzliche private oder betriebliche Vorsorge. Wir fördern das dann auch.

Das Argument war, dass künftig immer weniger Einzahler für immer mehr Rentner aufkommen müssten. Deshalb sollten vor allem die geburtenstarken Jahrgänge selbst vorsorgen.

16,5 Millionen Sparer haben deshalb in den vergangenen 16 Jahren einen Riester-Vertrag abgeschlossen und bislang nicht gekündigt. Einige Millionen mehr Menschen haben Verträge abgeschlossen, Provisionen bezahlt und sie dann wieder gekündigt. Am augenfälligsten: Jedes Jahr schließen Hunderttausende Sparer eine Riester-Versicherung ab, trotzdem steigt die Zahl der Riester-Versicherungen seit 2011 nicht.Sie hat sogar leicht abgenommen.

Nur elf Millionen der 16,5 Millionen Sparer haben in den vergangenen Jahren regelmäßig eingezahlt und nur sechs Millionen von ihnen haben so viel eingezahlt, dass sie die volle Förderung erhalten hätten. Viele halten an dem Vertrag fest, zahlen aber nicht mehr ein. Um es klar zu sagen: Das ist klug, denn nur wer den Vertrag behält, darf auch Förderung und Steuervorteile behalten.

Die staatliche Riester Förderung hat diverse Probleme

Bei denen, die kontinuierlich zahlen, ist auffällig, dass Frauen deutlich zielgerichteter und systematischer sparen als Männer. 60 Prozent der Frauen bekommen die volle Förderung, bei den Männern sind es nur 47 Prozent. Dabei sind niedrige Einkommen unter weiblichen Riester-Sparern deutlich verbreiteter als unter männlichen.

Zulageempfänger nach dem Anteil der realisierten Zulage 2014: Auswertungsstichtag 15. Mai 2017

Zulageempfänger nach dem Anteil der realisierten Zulage 2014: Auswertungsstichtag 15. Mai 2017

75 Prozent der Riester-Sparerinnen liegen mit ihrem Einkommen unter dem Durchschnittseinkommen. Bei den Männern sind es nur knapp 40 Prozent. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion und den Riester-Statistiken des Bundesfinanzministeriums hervor.

Einkommensstruktur der geförderten Personen 2014: Auswertungsstichtag 15. Mai 2017

Einkommensstruktur der geförderten Personen 2014: Auswertungsstichtag 15. Mai 2017

Diese aktuellen Zahlen illustrieren die Schwierigkeiten der privaten Altersvorsorge. Die staatliche Förderung kämpft dabei mit vier Problemen:

  • Erstes Problem der Riester-Rente ist das Diktat der Kassenlage: Zu Beginn der Riester-Jahre war der damalige Finanzminister Hans Eichel sehr bemüht, die Kosten von Riester einzugrenzen. Deshalb führte der Staat die Förderung in mehreren langwierigen und komplizierten Stufen ein. Und deshalb dauerte es von 2002 bis 2018, bis die Politik die Förderung zum ersten Mal erhöht hat. Die Summe, die sich mit der Förderung sparen lässt, ist immer noch nicht gestiegen.
  • Zweites Problem: Gerade diejenigen, die besonders wenig aus der gesetzlichen Rente zu erwarten haben, haben natürlich auch am Monatsende kein Geld übrig, um mit einer Riester-Rente zusätzlich für das Alter vorzusorgen. Deshalb verzichten viele Niedrigverdiener auf die Riester-Förderung, obwohl gerade bei ihnen die Förderquote besonders hoch ist - auf 60 Euro Einzahlung pro Jahr können bei zwei Kindern 775 Euro Förderung kommen.
Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.
  • Drittens: Selbst wenn die Niedrigverdiener eingezahlt hätten, hätten sie im Alter nichts davon. Sehr oft werden Geringverdiener im Alter wegen niedriger gesetzlicher Renten auf die Grundsicherung angewiesen sein. Wer eine Riester-Rente oder eine Betriebsrente erhält, bekam nach der Gesetzeslage bis 2018 einfach weniger Grundsicherung und hatte trotz privater Vorsorge nicht mehr Geld in der Tasche als jemand, der nicht selbst vorgesorgt hat.
  • Und viertens sind da die teuren Verträge. Etliche Anbieter haben zu Lasten der Alterssparer geradezu unverschämt kassiert - und dem Produkt trotz geschenkter staatlicher Förderung einen wesentlichen Teil des Charmes genommen. Der Unterschied zwischen einem schlechten, also teuren Vertrag und einem guten macht bis zur Rente schnell den Gegenwert eines Kleinwagens aus.

Sind diese Probleme lösbar? Einige Lichtblicke gibt es: Der Staat hat bei der Förderung etwas draufgelegt. 2018 stieg die Grundförderung, also die Zulage, für den Riester-Sparer selbst von 154 auf 175 Euro.

Für Riester-Sparer gilt: Gute Verträge festhalten

Auch die jüngste Große Koalition schuf in ihrem letzten Jahr eine wesentliche Entlastung vor allem für ärmere Riester-Rentner. Riester- und Betriebsrenten werden künftig nicht mehr automatisch auf die Grundsicherung angerechnet. Das heißt, wer künftig im Alter auf Grundsicherung angewiesen ist, bekommt sie - und wenn er oder sie einen Riester-Vertrag hat, die Zahlungen aus der eigenen Vorsorge zusätzlich.

Ein wenig Hoffnung macht auch die Entwicklung auf der Produktseite: Während Banken sich in den vergangenen zwei Jahren weitgehend aus dem Altersvorsorge-Thema zurückgezogen haben, die Versicherungen nach wie vor mit hohen Kosten und schlechtem Image kämpfen, sammeln Bausparkassen und Fondsgesellschaften wie Union, Deka und DWS, aber auch Newcomer wie Fairr Riester-Sparer ein . Die gut bewertete DWS-Top-Rente Dynamik gibt es für Geringverdiener immerhin ohne Ausgabeaufschlag und ohne Depotgebühren - und das garantiert über die gesamte Laufzeit.

Unter dem Strich steht es um die Riester-Rente also nicht mehr ganz so schlimm wie noch voriges Jahr. Aber der Fortschritt kommt manchmal in kleinen Schritten. Wichtig ist, dass die Politik das Thema jetzt nicht wieder für Jahrzehnte zur Seite legt. Und für Riester-Sparer gilt: Gute Verträge festhalten. Bei der Altersvorsorge ist nichts zu verschenken.



insgesamt 81 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Palmstroem 17.03.2018
1. Gerade für Kleinverdiener lohnt sich Riestern
"Deshalb verzichten viele Niedrigverdiener auf die Riester-Förderung, obwohl gerade bei ihnen die Förderquote besonders hoch ist - auf 60 Euro Einzahlung pro Jahr können bei zwei Kindern 775 Euro Förderung kommen." Es ist vor allem die schlechte Presse, die Leute vom Riestern abhält. Dabei wäre die private Vorsorge gerade für Kleinverdiener eine große Chance, ihre Altersbezüge für wenig Geld aufzubessern. Fünf Euro pro Monat kann sich jeder leisten und vielfach gibt es sogar zur Förderung durch den Staat auch noch einen Zuschuss vom Arbeitgeber.
Det_onator 17.03.2018
2. Tenhagen-Tipps, ohne vorher mal nachzudenken!
Ich verstehe Herrn Tenhagen nicht. Anstatt sich für eine bessere gesetzliche (Grund)Rente einzusetzen, dafür dass ALLE solidarisch einzahlen, bewirbt er wieder private Vorsorgemodelle, welche sich Normal- und Geringverdiener nicht mehr leisten können. Solche Riester-Modelle funktionieren nur, wenn man im Alter von 18 Jahren anfängt einzuzzahlen und dann ohne Unterbrechung 40 Jahre lang einzahlt. Herr Tenhagen, die meisten für die eine Riesterrente angedacht war, haben meist gebrochene Erwerbsbiografien, oder sind permanent von drohender Arbeitslosigkeit bedroht, da oft Leiharbeiter oder Beschäftigte im schlechtbezahlten Dienstleistungsprekariat. Arbeitslosigkeit bedeutet, dass das ganze Riester-Rechenmodell nicht mehr aufgeht. Zudem wird Riester wie alle anderen Vermögensanlagen auch, auf ALG II und die Grundsicherung angerechnet. Riester nutzt nur denen, die es eigentlich nicht nötig hätten. Die nehmen die staatliche Förderung gerne mit, so wie sie alles gerne mitnehmen, was steuerlich und fördermäßig machbar ist. Für Geringverdiener, Mindestlöhner und Normalverdiener (-2000 Euro brutto/monatl.) ist Riestern wegen oben genannter Gründe völlig sinnlos. Ebenso für Menschen, die durch gefristete Arbeitsverträge und Leiharbeit permanent von Jobverlust und Arbeitlosigkeit bedroht sind.
marthaimschnee 17.03.2018
3. schlaue Arbeitnehmer
Was für eine Weisheit: An guten Verträgen festhalten! Ja, das macht man doch gerne, insbesondere dann, wenn einem die Versicherungen in 30 Jahren erklären, daß das Geschäft gerade mies läuft (so wie die 30 Jahre vorher) und - siehe Lebensversicherungen - man froh sein sollte, wenn man die eingezahlten Beiträge raus bekommt. Netto, versteht sich, ohne Inflationsausgleich und Steuern darf man da dann auch noch drauf zahlen, die Prämie des Versicherers nicht vergessen, für die die üppige staatliche Förderung komplett drauf geht. Bei solchen Vorzeichen sind selbst die besten Verträge richtig mies und schlaue Arbeitnehmer haben einen solchen gar nicht erst abgeschlossen!
Det_onator 17.03.2018
4. Sisyphos-Riester-Rechnung
Bei 2 Kindern und 60 Euro jährlicher Einzahlung, berechnen wir das mal. 775 Euro Förderung pro Jahr + 60 Euro/Jahr Einzahlung x 30 Jahre = 25.050 Euro Ansparvermögen nach 30 Jahren Vertragslaufzeit 25.050 : 180 Lebensmonate Restlebenszeit = 139,17 Euro zusätzl. monatliche Rente, die zudem noch verstuert werden muss. Das bedeutet, man sollte spätestens mit dem 35.ten Lebensjahr anfangen zu Riestern, dass man bei erreichen des 65.ten Lebensjahres auf die 30 Jahre Einzahlung kommt. Herr Tenhagen, wer schafft dass? Wer bleibt in diesem Zeitraum immer von Arbeitslosigkeit oder Lebensbrüchen verschont? Und noch was, wie sieht es bei der langen Vertragslaufzeit eigentlich mit der Geldentwertung aus? Innerhalb der letzten 16 Jahre hat der Euro die Hälfte seiner Kaufkraft eingebüsst. Was sind in 30 Jahren 139,17 Euro dann noch wert?
-su- 17.03.2018
5.
Werbung für die Versicherungswirtschaft, mehr ist das nicht. Das staatliche Geld, das in die Riesterrente gezahlt wird, wäre in der gesetzlichen Rente besser, effetiver und billiger angelegt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.