Folgen des Embargos Milchengpass in Russland - Ersatzstoffe lassen Käse explodieren

Käse ohne Milch, dafür mit Kreide oder Zement: Wegen der Sanktionen gegen die EU fehlt in Russland Milch. Skrupellose Geschäftemacher nutzen das aus - und verkaufen den Kunden alles außer Käse.

Käseangebot in einem Supermarkt in St. Petersburg
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Käseangebot in einem Supermarkt in St. Petersburg


Seit Mitte 2014 ist das russische Embargo für Lebensmittel aus der EU in Kraft. Längst ist deshalb Milch in Russland Mangelware. Acht Millionen Tonnen zu wenig waren es im vergangenen Jahr einer Schätzung des Instituts für Agrarmarktstudien in Moskau zufolge.

Das Defizit ruft skrupellose Geschäftsleute auf den Plan. Die Nachrichtenseite "Fontanka" zeigte vergangenen Monat ein gruseliges Hüttenkäse-Experiment: Das zum Verzehr angebotene Produkt wurde angezündet und sprang im Topf zunächst wie Popcorn. Dann entwickelte sich ein grauer Rauch, schließlich brannte das Zeug zehn Minuten lang. Der Hüttenkäse enthielt laut "Fontanka" nicht ein Quäntchen Milch und sei "nur geeignet für Kerosinlampen".

Der Herstellerbetrieb wurde dicht gemacht, doch das Problem sei "systemisch", sagt "Fontanka"-Journalistin Wenera Galejewa. Auch die russischen Behörden haben schon im April eingeräumt, dass es immer mehr Produkte "zweifelhafter Qualität" und immer mehr "gefälschten Käse" auf dem Markt gibt.

"Liste der Ehrlichen" veröffentlicht

Die für landwirtschaftliche Produkte zuständige Aufsichtsbehörde veröffentlicht seit diesem Jahr eine "Liste der Ehrlichen": Firmen, die tatsächlich noch Milch und Sahne bei der Herstellung von Joghurt oder Eis verwenden. Andere dagegen würden die Milch nicht nur mit Wasser strecken, sondern mit "Stärke, Kreide, Seife, Backpulver, Kalk oder sogar Zement", warnte die Behörde erst vergangene Woche.

"Die meisten heimischen Hersteller nutzen den mangelnden Wettbewerb voll aus und strengen sich nicht an, gute Produkte zu machen", kritisiert Irina Tichmjanowa von der regierungsunabhängigen Verbraucherorganisation Roscontrol. Die testete kürzlich 46 Molkereiprodukte - 60 Prozent enthielten Ersatzstoffe. Bei Fleischprodukten lag dieser Prozentsatz sogar noch höher.

Zustimmung für russische Politik weiter hoch

Erstaunlicherweise ist die Zustimmung zu einem Verbot europäischer Produkte in Russland sogar noch gestiegen. In einer Umfrage des unabhängigen Instituts Lewada im Juni sagten 40 Prozent, sie seien für ein solches Verbot. Im März 2015 waren es 21 Prozent gewesen.

Die EU hat seit Mitte 2014 Sanktionen gegen Russland wegen der Unterstützung Moskaus für die prorussischen Separatisten in der Ostukraine verhängt. Russland verfügte daraufhin ein Einfuhrverbot für Lebensmittel aus der EU, das erst vergangene Woche bis Ende 2017 verlängert wurde. "Eine gute Gelegenheit", die einheimische Landwirtschaft zu unterstützen, wie Regierungschef Dmitri Medwedew sagte.

In der EU gibt es - auch wegen des russischen Embargos - viel zu viel Milch. Die Milchbauern in der EU leiden unter den derzeit sehr niedrigen Preisen, viele können ihre Kosten nicht mehr decken und müssen aufgeben.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurde in der Überschrift und im Vorspann der Eindruck erweckt, die Sanktionen der EU gegen Russland verursachten einen Milchengpass in dem Land. Verantwortlich sind jedoch die russischen Sanktionen gegen die EU. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

msc/AFP



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