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Regionaler Lieferdienst Bonativo: Nur ein paar Dutzend Kunden - aber 23 Millionen Euro wert

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Lebensmittel online zu kaufen ist ein großer Trend. Ein Start-up aus dem milliardenschweren Samwer-Imperium liefert jetzt regionale Produkte mit Öko-Anstrich.

Bonativo-Gründer Christian Eggert: "Sorgfältig für dich ausgewählt" Zur Großansicht
Bonativo/ Max Threlfall

Bonativo-Gründer Christian Eggert: "Sorgfältig für dich ausgewählt"

Ein Hinterhof in Kreuzberg: Farbe blättert von der Wand, teure Fahrräder ohne Gangschaltungen stehen herum, an der Einfahrt weist ein flatternder Papierzettel den Weg zum neuesten Mieter: 3. Hof, 6. Aufgang, 3. Stock - das Büro von Bonativo, der jüngsten von derzeit vielen Geschäftsideen für das Geschäft mit Lebensmitteln im Internet.

Das Berliner Start-up ist ein Online-Lieferdienst für regionale Produkte, laut Eigenwerbung "sorgfältig für dich ausgewählt", hochwertig und möglichst aus dem Berliner Umland. "Wir wollen zeigen, wo die Lebensmittel entstanden sind und wer dahintersteht", sagt Firmengründer Christian Eggert, 27 Jahre alt. Das Ambiente ist ganz Start-up-Klischee: Fabriketage, kahle Wände, hohe Decken, ein paar Schreibtische mit jungen Menschen vor Bildschirmen.

Allerdings ist das Geschäft alles andere als digital: In der "Speisekammer" im Nebenraum lagern Karotten, Äpfel, Honig, Marmeladen, Milch, Schokolade, Wein und Honig - die aktuellen Bestellungen sortiert und abholbereit.

Mitte Januar ist Bonativo gestartet, die Zahl der Kunden liegt erst im niedrigen zweistelligen Bereich - Eggert aber glaubt daran, schnell größer zu werden. Und er ist nicht der Einzige: Der bekannteste Name der deutschen Start-up-Branche, Rocket Internet, hat Bonativo bei der Gründung begleitet und großzügig mit Geld ausgestattet.

Rocket Internet investiert hohe Millionensumme ins Food-Geschäft

Der Start-up-Inkubator der Samwer-Brüder gab die Anschubfinanzierung, und in der vorvergangenen Woche stieg bereits der nächste Investor ein: Tengelmann Ventures zahlte 3,2 Millionen Euro für einen Anteil von knapp 14 Prozent. Bonativo ist demnach mit fast 23 Millionen Euro bewertet - mit zwölf Mitarbeitern und bisher nicht viel mehr Kunden.

Ausgerechnet die Kombination aus Apple und Apfel soll nun das nächste große Ding sein. Bonativo will das Bedürfnis von Menschen befriedigen, die "gute Lebensmittel" (was auch immer das im Einzelfall heißen mag) kaufen wollen, die nicht Hunderte oder gar Tausende Kilometer zurückgelegt haben und aus Großställen, von Megaplantagen oder aus Industrieproduktion stammen.

Ein anerkanntes Gütesiegel wie das EU-Biosiegel oder das Demeter-Emblem fehlt aber auf gut einem Fünftel der Produkte. "Ein Siegel hilft den meisten Menschen nicht", sagt Eggert. "Viele wollen genau wissen, wo ihr Produkt herkommt". Auf der Internetseite von Bonativo kann deshalb jeder nachlesen, von welchem Bauer, welchem Hof oder welcher Bäckerei Kartoffeln, Äpfel oder Brot kommen. "Wir wollen Transparenz und Glaubwürdigkeit vermitteln", erklärt Eggert.

So bedient Bonativo gleich mehrere Trends: Die Deutschen bestellen zunehmend Lebensmittel online, eine kaufkräftige Klientel möchte hochwertige Produkte und ist bereit, dafür einen Aufschlag zu zahlen - wenn sie nicht selbst einkaufen und schleppen muss. Auch wächst die Zahl jener, denen es wichtig ist, dass ihr Essen aus der Region kommt.

Das Manufactum-Prinzip für Lebensmittel: Gründer Eggert hatte die Idee schon als Schüler, seine Mutter kaufte die Lebensmittel am liebsten bei lokalen Produzenten. Bei einem Gründerwettbewerb vor zehn Jahren wollte aber noch niemand investieren. Jetzt, nachdem Eggert einige Firmen gegründet und ein paar Jahre für Rocket Internet gearbeitet hat, sieht das ganz anders aus. Der Vorschlag passte genau in die Zeit und die Strategie seines Ex-Arbeitgebers.

Rocket Internet, bekannt für Firmenkopien wie Zalando oder Westwing, baut mit Bonativo sein E-Food-Imperium weiter aus. In den vergangenen Monaten investierten die Samwer-Brüder zwei Drittel des Erlöses aus dem Börsengang in die Branche:

  • Shopwings: Im Oktober 2014 startete der Bringdienst für Lebensmittel aus dem Einzelhandel. Kunden können aus 15.000 Artikeln von Alnatura bis Aldi wählen und bekommen sie binnen zwei Stunden nach Hause geliefert. Verfügbar in Sydney, München und Berlin.
  • Eatfirst: Seit Mitte 2014 bietet das Unternehmen die Lieferung fertiger Gerichte an. Nach dem Marktstart in London können seit ein paar Monaten auch Kunden in Berlin Mittag- und Abendessen bestellen.
  • Foodpanda: Auf der Internetplattform können Restaurants um Kunden werben und die Bestellungen abwickeln - und müssen für die Vermittlung zahlen. Rocket Internet baut die Plattform rasant aus, jüngst investierte das Unternehmen eine halbe Milliarde Euro in den Wettbewerber Delivery Hero.
  • Hellofresh: Der Koch-Abo-Dienst liefert Boxen mit fertig portionierten Zutaten für eine selbst zu kochende Mahlzeit. Hellofresh ist mittlerweile in sieben Ländern präsent, neben Deutschland beispielsweise in den USA und Großbritannien.

Auch wenn Bonativo noch nicht viele Kunden hat, ist Rocket-Internet-Sprecher Andreas Winiarski zuversichtlich: "Wir glauben, dass Bonativo hohe dreistellige Millionensummen einsammeln kann."

Tatsächlich hat die Expansion schon begonnen: Gerade hat Bonativo einen Ableger in London gestartet, jetzt soll eine europäische Großstadt nach der anderen erobert werden - überall mit speziell auf die regionalen Wünsche und Verfügbarkeit abgestimmtem Sortiment.

Der erste Gewinn dürfte noch auf sich warten lassen, bislang wird vor allem ausgegeben: Der Umzug in ein doppelt so großes Büro ist besiegelt, dazu mietet Eggert eine Art Tiefgarage als "Speisekammer" an - die Grundlage für die aufwendige Logistik: Täglich müssen Fahrer die bestellten Waren bei Produzenten in Berlin und Brandenburg abholen und in das Warenlager liefern. Dort packen Mitarbeiter die Bestellungen, die wiederum an die Kunden geliefert werden.

Die Margen dürften klein sein, noch ist sogar die Lieferung (ab einem Bestellwert von 30 Euro) kostenlos. Künftig allerdings dürften die Kunden einen Aufschlag zahlen müssen, wenn sie sich das Essen in einem bestimmten Zeitfenster liefern lassen wollen. So will die Firma das Problem lösen, dass die meisten Kunden ihre Lebensmittel am Samstagmorgen geliefert bekommen wollen.

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insgesamt 20 Beiträge
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1. Genial
dingodog 01.03.2015
Da hat man eine Mini-Firma mit einer "niedrigen zweistelligen Anzahl von Kunden", und SPON schreibt einen Artikel darüber mit einem Werbewert von mehreren zehntausend bis hunderttausend Euro. Na ja, wer die Samwer-Brüder im Rücken hat....
2. Stück für Stück ins Mittelalter
tomy1983 01.03.2015
Als nächstes vermiete ich dann einzelne Schweine, Kühe und Feldbereiche an die Freunde aus Kreuzberg & Schanze. Sie können dann selber die Felder bestellen und ernten, ausserdem die Tiere füttern. Gegen einen kleinen Obolus übernehm ich das auch, online dazubuchbar. :-) damit das alles noch viel besser schmeckt. ;-)
3. Da treibt ein Heini
helmut.ruppert 01.03.2015
einen Bringdienst in die Höhe und andere denken es wäre eine Geldanlage
4.
totalmayhem 01.03.2015
Zitat von dingodogDa hat man eine Mini-Firma mit einer "niedrigen zweistelligen Anzahl von Kunden", und SPON schreibt einen Artikel darüber mit einem Werbewert von mehreren zehntausend bis hunderttausend Euro. Na ja, wer die Samwer-Brüder im Rücken hat....
Tja, so ein "milliardenschweres" Inkubationsimperium, das ist doch was... Aber wenn die Blase mal wieder platzt, dann werden die Klingeltonbrueder genauso verhohnepiepelt, wie der dicke Kim (nicht der koreanische), die Medien sind da ganz brutal. ;)
5.
Stäffelesrutscher 01.03.2015
»Allerdings ist das Geschäft alles andere als digital: In der "Speisekammer" im Nebenraum lagern Karotten, Äpfel, Honig, Marmeladen, Milch, Schokolade, Wein und Honig - die aktuellen Bestellungen sortiert und abholbereit.« Da lagert also Milch im Nebenraum. Wie? Kühlkette? Und zum Abholen geht es in den x-ten Stock, x-ter Hinterhof. Schon klar.
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