Neuss - Einer von zehn Erwachsenen in Deutschland ist überschuldet. Die Zahl der Menschen, die ihre Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllen können, ist im Vergleich zum Jahr 2011 um rund 190.000 auf bundesweit 6,6 Millionen gestiegen, wie aus dem "Schuldneratlas 2012" hervorgeht, den die Wirtschaftsauskunftei Creditreform an diesem Donnerstag veröffentlicht hat. Das entspricht einem Anteil von 9,7 Prozent der Erwachsenen in Deutschland.
Der Anstieg der privaten Überschuldung überrascht, denn die ökonomischen Rahmenbedingungen waren in den vergangenen Monaten in Deutschland ausgesprochen gut. Die Konjunktur blieb stabil, die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor sehr niedrig, zudem steht vielen Verbrauchern durch eine Reihe kräftiger Lohnerhöhungen im Zuge der Tarifrunden in diversen Branchen grundsätzlich mehr Geld zur Verfügung.
Aufgrund der guten wirtschaftlichen Bedingungen haben daher die klassischen ökonomischen Auslöser als Hauptursache für Überschuldung an Bedeutung verloren: Arbeitslosigkeit ist zwar immer noch für mehr als ein Viertel der Überschuldungen verantwortlich, dieser Wert liegt jedoch um 15 Prozent unter dem von 2011. Gescheiterte Selbständigkeit als Hauptursache nahm sogar um ein Fünftel ab, 7,4 Prozent der Fälle sind darauf zurückzuführen.
Stark angestiegen sind hingegen die Fälle von Überschuldung, die ihre Hauptursache in privaten Schicksalsschlägen wie Trennung und Scheidung oder Krankheit haben. Am höchsten war jedoch mit 31 Prozent die Zunahme der Überschuldungen, für die unangemessene Konsumausgaben verantwortlich sind. Die Angst vor Inflation und das niedrige Zinsniveau für Sparkonten verleitet Creditreform zufolge derzeit viele Verbraucher dazu, sich aufgeschobene Konsumwünsche zu erfüllen. Doch könne dies am Ende vor allem einkommensschwache Haushalte überfordern, heißt es in der Untersuchung.
Immer mehr Ältere überschuldet
Zwar stieg der Anteil überschuldeter Personen in allen Bundesländern - dennoch bestehen erhebliche Unterschiede zwischen den Bundesländern. Die niedrigsten Schuldnerquoten weisen weiterhin Bayern und Baden-Württemberg auf, die höchsten Überschuldungsraten gibt es in Bremen, Berlin und Sachsen-Anhalt.
Von Überschuldung sprechen Experten, wenn ein Schuldner die Summe seiner fälligen Zahlungsverpflichtungen in absehbarer Zeit nicht begleichen kann und ihm weder Vermögen noch andere Kreditmöglichkeiten zur Verfügung stehen.
Im langjährigen Trend rufen vor allem zwei Bevölkerungsgruppen Besorgnis hervor: Frauen und Ältere. War die Überschuldung lange Zeit eine Domäne des männlichen Geschlechts, so holen die Frauen mittlerweile auf. Von 2004 bis 2012 stieg die Zahl der überschuldeten Frauen von 2,1 auf 2,4 Millionen, während gleichzeitig die Zahl der betroffenen Männer von 4,5 auf 4,2 Millionen sank. Hier spiegelten sich der Untersuchung zufolge die veränderten Lebensformen und Rollenbilder wider. Insbesondere als Alleinerziehende oder gleichberechtigte Einkommensbezieherinnen müssten Frauen immer häufiger für auflaufende Schulden geradestehen.
Bedenklich stimmt die Verfasser der Studie die starke Zunahme der Überschuldung bei Älteren. Sowohl in der Altersgruppe von 50 bis 59 Jahren als auch in der Gruppe der 60- bis 69-Jährigen sei die Überschuldung zuletzt überproportional angestiegen. Dagegen ging die Schuldnerquote der jüngsten Verbrauchergruppe, der 18- bis 20-Jährigen, leicht zurück.
fdi/dapd
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