Schwanger bei Air Berlin: Brindisi sehen und gebären

Baby im Bauch, Mutterpass im Gepäck: Als Tom König mit seiner schwangeren Frau verreist, läuft auf dem Hinflug alles glatt. Doch für den Rückflug denkt sich das Air-Berlin-Personal plötzlich neue Beförderungsbedingungen aus - und will Frau König in Brindisi sitzen lassen.

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DPA

Air-Berlin-Maschine: Rückflug? Ungewiss

Unlängst las ich, eine Frau habe in 10.000 Metern Höhe ein Baby zur Welt gebracht. Da kein Arzt im Flieger war, nahm sich eine Stewardess der Sache an. Zur Desinfektion verwendete sie Wodka aus dem Getränke-Trolley. So etwas passiert nicht allzu oft, dennoch sind die meisten Fluglinien beim Transport schwangerer Kundinnen vorsichtig.

Ich wage zu sagen: übervorsichtig.

Als meine schwangere Frau Tanja und ich einen Cluburlaub in Apulien buchen, ist unsere erste Frage: "Nehmen die uns überhaupt mit?"

Wir müssen mit Air Berlin von München nach Brindisi. Tanja wird zum Abflugzeitpunkt in der 32. Woche sein. Unser Rückflug liegt in der 34. Woche. Unser Reisebüro kontaktiert die Fluggesellschaft und bestätigt uns, bis zur 36. Woche sei alles völlig unproblematisch. So steht es nämlich in den Beförderungsbedingungen der Mehdorn-Fluglinie: "Schwangere werden bis zur 4. Woche vor dem errechneten Geburtstermin befördert. Zum Nachweis darüber, dass die 36. Schwangerschaftswoche noch nicht überschritten ist, kann die Vorlage des Mutterpasses oder einer ärztlichen Bescheinigung verlangt werden."

Rückflug? Ungewiss

Also alles paletti. Auf dem Hinflug will das Personal nicht einmal Tanjas Mutterpass sehen. Zwei Wochen später stehen wir in Brindisi am Flughafen, und als Tanja ihr Ticket vorzeigt, bemerkt die Schalterdame das Offensichtliche: "Sie sind ja schwanger", sagt sie in gebrochenem Englisch. "Haben Sie ein ärztliches Attest?"

"Ich habe einen Mutterpass", sagt meine Frau. In dem Heftchen hat der Arzt die regelmäßigen Untersuchungen eingetragen und abgezeichnet. Auch der Geburtstermin ist dort vermerkt. "Außerdem bin ich erst in der 34. Woche."

Die Dame schüttelt den Kopf. "Nein, nein! Wir befördern Sie nur bis zur 32. Woche. Danach nur mit ganz aktuellem ärztlichen Attest. Beförderungsbedingungen von Air Berlin."

Wir sagen, dass man bis zur 36. Woche fliegen darf, dass ein Mutterpass eine ärztliche Bescheinigung ist.

Miss Air Berlin schüttelt den Kopf.

Wir versuchen es mit Logik. "Warum hat man mich dann herfliegen lassen?", argumentiert Tanja. "Da war ich ja schon in der 32. ..."

"...ohne das Attest geht nichts", sagt die Schalterdame.

So geht das eine Weile hin und her. Irgendwann erklärt sie uns, der Kapitän der Maschine müsse das entscheiden. Sie telefoniert auf Italienisch, zweimal, ohne Ergebnis. Dann sagt sie: "Ich muss jetzt weg."

Sie gibt mir unsere Koffer zurück. Ihre Kollegin werde sich später darum kümmern, der Kapitän der Maschine sei zurzeit leider nicht erreichbar.

"Aber das Gate schließt in zehn Minuten!", rufe ich.

"Si", antwortet die Dame. "Deshalb muss ich ja auch weg."

Offensichtlich herrscht hier reine Willkür

Dann ist sie fort. Ich hieve unsere Koffer auf das Laufband des anderen Schalters und versuche mein Glück bei der einzigen verbliebenen Servicedame.

"Der Kapitän muss es genehmigen", sagt sie. "Sonst müssen Sie eben hierbleiben und erst mal ein Attest besorgen."

Meine Frau sitzt einige Meter weiter hinten auf dem Boden. Sie weint. Unser kleiner Sohn Toni versucht, sie zu trösten. Ihr graust verständlicherweise vor dem, was möglicherweise als nächstes ansteht: Mit Sack und Pack ins glutheiße Brindisi zu fahren, um dort einen wildfremden Frauenarzt aufzutreiben, der sie untersucht. Das dürfte etliche Stunden in Anspruch nehmen und eine elende Tortur werden. Und am Ende sagt der Dottore vermutlich: "Signora, sie sehen ja terrible aus. Sie sollten in diesem Zustand auf keinen Fall fliegen!"

Ich frage die Schalterfrau etwas, aber sie fährt mir über den Mund. "Der Kapitän hat gesagt, es geht nicht! Lassen Sie mich jetzt, ich muss den Flug schließen."

"Vielleicht würde es helfen, wenn ich mal auf Deutsch mit dem Kapitän...?"

"Das geht nicht."

Nun werde ich sehr laut. Ich zeige auf die weinende Tanja. Inzwischen schauen ziemlich viele Menschen zu. Wahrscheinlich fragen sie sich, warum da eine hochschwangere Frau weinend auf dem Betonboden hockt - und wer das teutonische Rumpelstilzchen ist.

"Sie können uns doch nicht hier sitzen lassen, ohne mir zumindest die Möglichkeit zu geben, kurz mit dem Kapitän zu sprechen!"

Sie zuckt zusammen, dann telefoniert sie auf Italienisch. Mit dem Kapitän? Spricht ein deutscher Air-Berlin-Pilot fließend Italienisch? Dann sagt sie sehr leise: "Es geht."

Wir rennen zum Gate und schaffen es gerade noch rechtzeitig in die Maschine. Mein erster Impuls ist, den Kapitän zu verlangen um mich zu beschweren. Ich möchte gerne wissen, wieso Air Berlin grundlos und im Widerspruch zu den eigenen Beförderungsbedingungen so mit einer schwangeren Kundin umgeht.

Doch ich sage nichts - aus Angst. Jetzt bloß nicht auffallen. Offensichtlich herrscht hier reine Willkür, und nachher schmeißen die uns noch im letzten Moment aus der Maschine.

Stattdessen fragt Tanja nach unserer Rückkehr schriftlich bei Air Berlin nach, wie es denn sein könne, dass aus der 36. Woche plötzlich die 32. Woche wird. Kurz darauf trudelt ein Formschreiben ein. "Zum jetzigen Zeitpunkt entstehen aufgrund eines saisonal angestiegenen Anfragevolumens leider erhöhte Bearbeitungszeiten", heißt es da. Weitere Nachfragen seien aber nicht nötig. Denn "mit Ihrem Bearbeitungszeichen haben Sie die Gewissheit, dass Ihr Vorgang bearbeitet wird und wir uns unaufgefordert mit Ihnen in Verbindung setzen werden".

Vier Wochen später frage ich bei der Pressestelle von Air Berlin nach. Die möchte keine Stellungnahme abgeben, es handele sich schließlich um eine private Angelegenheit. Zeitgleich trudelt eine Antwort des Kundenservice ein. Auf die Sache mit der Schwangerschaftswoche und dem Mutterpass geht Air Berlin nicht ein. Man bedaure aber, dass das "Gespräch mit den Mitarbeitern am Check-in für Sie so unerfreulich verlaufen ist".

Hatten auch Sie ein besonderes Serviceerlebnis? Dann schreiben Sie an warteschleife@spiegel.de.


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insgesamt 211 Beiträge
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1.
tepchen 29.08.2012
Und gestern steht hier ein Artikel wie schwer es die Flugbegleiter haben, nach solchen Vorfällen kein Wunder wenn ein Passagier auf 180 ist. Gerne wird auch die Mitnahmen von eigentlich regelkonformen Handgepäck verweigert weil so ein ahnungloser Checkinagent die Beförderungsbestimmungen der ausführenden Airline nicht kennt. Wobei natürlich die Flugbegleiter für die Checkinagents nichts können, aber die Airline schon.
2.
diedahinten 29.08.2012
Zitat von sysopBaby im Bauch, Mutterpass im Gepäck: Als Tom König mit seiner schwangeren Frau verreist, läuft auf dem Hinflug alles glatt. Doch für den Rückflug denkt sich das Air-Berlin-Personal plötzlich neue Beförderungsbedingungen aus - und will Frau König in Brindisi sitzen lassen.
Wie kann man nur hochschwanger so einen Trip unternehmen? Die Eltern haben sich höchst unverantwortlich verhalten und wollen nun dafür, dass sie das Leben ihres Kindes gefährdet haben auch noch Anerkennung und Mitleid?
3. Die rote Pest
jules16v 29.08.2012
Zitat von sysopBaby im Bauch, Mutterpass im Gepäck: Als Tom König mit seiner schwangeren Frau verreist, läuft auf dem Hinflug alles glatt. Doch für den Rückflug denkt sich das Air-Berlin-Personal plötzlich neue Beförderungsbedingungen aus - und will Frau König in Brindisi sitzen lassen. Schwanger fliegen mit Air Berlin: Ärger mit Beförderungsbedingungen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,851988,00.html)
Selbstverständlich hat Herr König glatt vergessen die 50% Presserabatt zu erwähnen, weswegen er (ich mutmaße) überhaupt zu diesem Carrier gegriffen hat. Es gilt Regel Nummer 3 der Fliegerei: Pay peanuts, get monkeys.
4. Willkür bei Air Berlin
huiiii 29.08.2012
Zwischen Hin- und Rückflug (drei Wochen) änderte Air Berlin die Gepäckregelung und wollte von mir auf Sylt rund 400 € für ein zusätzliches Gepäckstück kassieren.
5.
heyjoe52 29.08.2012
[QUOTE=sysop;10846913]Baby im Bauch, Mutterpass im Gepäck: Als Tom König mit seiner schwangeren Frau verreist, läuft auf dem Hinflug alles glatt. Doch für den Rückflug denkt sich das Air-Berlin-Personal plötzlich neue Beförderungsbedingungen aus - und will Frau König in Brindisi sitzen lassen. ... das ist eigentlich nichts Neues bei Air Berlin, unfreundlich bis zum Abwinken. Ich flog letztes Jahr mit Herrn Mehdorns Leuten nach Lamezia Terme, der Hinflug war okay, beim Rückflug hatten wir sechs Stunden Verspätung, hingehalten ohne konkrete Infos, ca. 1 Stunde vor dem verspäteten Abflug informiert. Der Höhepunkt: Als sich ein Passagier beim Aussteigen bei der Chef-Stewardess beschwerte, bekam er zu hören, er solle sich doch nicht so haben, schließlich hätten sie (die Flugbegleitung) ja auch Überstunden machen müssen ... seitdem heißt es für mich: Air Berlin - nein danke!!!!
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