Gläserner Schlachthof in Dänemark Tötung inklusive

Nirgends werden so viele Schweine pro Einwohner geschlachtet wie in Dänemark. Radikal offen geht der Konzern Danish Crown damit um: Töten, zerlegen, ausweiden - selbst Schulklassen wird in der Fabrik alles gezeigt. Das zahlt sich aus.

Claus Haagensen/Chili

Aus Horsens berichtet


Bei den Eingeweiden erblassen die ersten Besucher, die jungen Frauen in der Gruppe halten sich Tücher vor die Nase. Was die Arbeiter hier im laut Eigenwerbung "modernsten Schlachthof der Welt" aus den Därmen und Bäuchen der Schweine holen, stinkt auch durch die Doppelverglasung hindurch. Es ist die einzige Stelle, an der die Realität rücksichtslos in das saubere Besuchsprogramm drängt. Agnete Poulsen verzieht keine Miene.

Die resolute Dänin ist Besuchsgruppenleiterin im Show-Schlachthof des Fleischkonzerns Danish Crown im Örtchen Horsens. Gerade begleitet sie eine Schar junger BWL-Studenten, zwei Dutzend von täglich mehr als hundert Besuchern. "Wir erzählen hier keine Geschichten, wir zeigen, was ist", sagt Poulsen. "Das ist hier eine Industrie."

Die dänische Einstellung: Egal, ob ein Auto hergestellt oder ein Schwein zerlegt wird - es gibt nichts zu verbergen. Und wenn im Zoo ein Tier getötet und verfüttert werden soll, dann macht man auch das in aller Öffentlichkeit.

Dänemark geht mit Massentierhaltung und industrieller Nahrungsmittelproduktion anders um als Deutschland: Bauernhöfe veranstalten mehrmals im Jahr Tage der offenen Scheunentore und auch Danish Crown - zweitgrößter Schweineschlachter und drittgrößter Fleischexporteur der Welt - gehört mehrheitlich Tausenden Landwirten. Schon vor Baubeginn in Horsens wünschten die sich eine Art gläsernen Schlachthof.

200.000 Besucher seit Öffnung 2005

Die Unternehmensführung war skeptisch, die PR-Abteilung panisch. Zu Unrecht: Das Interesse ist riesig, in Reisebussen kommen Dänen und auch immer mehr ausländische Besucher zu den kostenlosen Führungen. Die Gesamtzahl der Besucher nähert sich der Marke von 200.000, ein Viertel davon Schulkinder. Alle gehen die gesamte Runde, stellt Agnete Poulsen klar. Soll heißen: vom Schwein bis zum Schinken, Tötung inklusive.

Von außen gleicht der Flachbau einem Logistikzentrum. An einer Autobahnabfahrt in die flache Landschaft geklotzt, genau in der geografischen Mitte Dänemarks. Nur werden hier keine Pakete umgeschlagen, sondern täglich 20.000 Schweine geschlachtet, zerlegt und verpackt. Innen könnte das schlichte Gebäude im kühlen Design, mit nackten Betonwänden, gedeckten Farben und großen Fenstern zu grünen Innenhöfen auch ein dänisches Architekturbüro sein.

Am Empfang allerdings blickt man durch ein großes Schaufenster auf Schweinehälften, die an Stahlhaken Richtung Kühlhaus fahren.

Poulsen führt ihre BWL-Studenten als Erstes zur Verarbeitung, in den "sauberen" Teil des Schlachthofs, wo die fertigen Schweinehälften nur noch zerlegt werden. Eine hocheffiziente, computergesteuerte und automatisierte Produktionsstraße: Auf einem Förderband fahren große Fleischteile langsam an Arbeitern mit blauen Schürzen, weißen Arbeitsschuhen und groben Kettenhandschuhen vorbei, die immer gleiche Schnitte machen. Vollautomatisch sortieren Maschinen die Kisten voller Fleischstücke und befördern sie zu den Packstationen. Binnen einer knappen Stunde werden hier lebendige Schweine zu Schinken und Koteletts verarbeitet.

"Selbst Vegetarier haben wenig zu meckern"

Auf dem Besucherrundgang, immer vier Meter oberhalb der Arbeiter, wird jeder Prozessschritt erklärt, auf großen Schildern und mit interaktiven Bildschirmen. Jede Frage wird beantwortet, Fotografieren ist ausdrücklich erlaubt. Das pausenlose Schlachten, Zerlegen, Entbeinen auf der anderen Seite der dicken Glasscheiben bleibt dem Betrachter merkwürdig fern.

Die BWL-Studenten blicken dem Schlachten ungerührt zu, sie interessieren sich vor allem für Gewinn und Konzernumsatz. "Selbst Vegetarier haben nach dem Rundgang wenig zu meckern", sagt Tourleiterin Poulsen.

Tatsächlich verlassen die Besucher den Danish-Crown-Schlachthof mit dem Gefühl, dass ihr Fleisch vernünftig produziert wird. Weil der Betrieb hochtechnisiert ist, werden weniger Menschen gebraucht, die deshalb verhältnismäßig gut bezahlt werden können.

Im "schmutzigen" Teil des Schlachthofs

Auf dem zweiten Teil des Rundgangs, im "schmutzigen" Teil des Schlachthofs - wo die Tiere getötet und ausgenommen werden - haben Maschinen das Kommando: In Brennöfen werden die Borsten abgeflämmt, Hydraulikscheren trennen die Schweinefüße für den Transport nach China ab, Sägeroboter zerteilen die Schweine vollautomatisch. Weiter hinten stehen kräftige Männer mit derben Schürzen, die am Fließband Eingeweide aus den Körpern schneiden und in riesige Plastikschüsseln werfen. Hier sitzen auch die meisten der 105 staatlichen Lebensmittelkontrolleure und Veterinäre, die - anders als in Deutschland - ständig in dem Betrieb beschäftigt sind.

Wäre jeder Schlachthof so aufgebaut und so transparent, dann gäbe es in der Branche vermutlich weniger ausgebeutete Arbeiter, weniger unbetäubt getötete Schweine und kaum noch Skandale. Dass das Problem nicht der Vorzeigeschlachthof ist, sondern die Tausenden anderen, in die kein Fotograf, kein Journalist hineingelassen wird, ist in dieser klinischen Kulisse aber leider kein Thema. Ebensowenig wie die Bedingungen, unter denen die Schweine aufgezogen wurden.

Totale Transparenz - in einem Betrieb

Andererseits setzt Danish Crown die Branche unter Druck: Auch der dänische Marktführer lässt teilweise in Deutschland schlachten und zerlegen. Derzeit kann kaum ein europäisches Land mit den geringen deutschen Schlachtpreisen mithalten, vor allem wegen der niedrigen Löhne.

Danish Crown hat eigene Schlachthöfe in Deutschland. Auch hier sind Journalisten eingeladen, sich die Betriebe anzusehen - anders als bei der Konkurrenz. Der Lohn für die Offenheit: Kritik an Massentierhaltung und industrieller Schlachtung bleibt in Dänemark weitgehend aus.

Die letzte Besuchergalerie auf dem Rundgang ist karger als der Rest - keine multimedialen Erklärbildschirme mehr, keine warmen Farben, nur große Fenster mit Blick auf die Fließbandtötung: In einem geschlossenen Fahrstuhl fahren die Schweine neun Meter unter die Erde, wo sie mit Kohlendioxid betäubt werden. Bewusstlos tauchen sie auf einem Förderband wieder auf, werden am Hinterbein aufgehängt und zur Tötungsstation transportiert. Ein Mann sticht den Tieren mit einer Art Hohllanze direkt in die Hauptschlagader, das Blut wird über einen angeschlossenen Schlauch abgepumpt - kein Tropfen ist zu sehen - und später zu Tierfutter verarbeitet. Fließbandarbeit, alle paar Sekunden ein Schwein, ein Stich.

Das Interesse der Studenten ist nach dem Zwei-Stunden-Rundgang erlahmt. Die noch lebenden Schweine schauen sie schon gar nicht mehr an.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 252 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Europa! 25.04.2014
1. Vorbildlich und erschreckend zugleich
Zitat von sysopClaus Haagensen/ChiliNirgends werden so viele Schweine pro Einwohner geschlachtet wie in Dänemark. Radikal offen geht der Konzern Danish Crown damit um: Töten, zerlegen, ausweiden - selbst Schulklassen wird in der Fabrik alles gezeigt. Das zahlt sich aus. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/schweine-schlachten-zum-zuschauen-fleischproduktion-in-daenemark-a-965922.html
Wie der Betrachter damit umgeht, bleibt ihm selbst überlassen. Mir ist der Appetit auf Fleisch schon lange vergangen.
Spiegelleserin57 25.04.2014
2. wo bleibt die neutrale Kontrolle?
CO2-Narkose? Was spüren die Tiere wirklich noch? Ist das erforscht? Wer kontrolliert die Tiere auf an neutraler Stelle auf Krankheiten? Alles Fragen die unbeantwortet bleiben. Die Show ist groß aber diese Fragen werden nicht beantwortet.
An-On 25.04.2014
3. Sehr informativ!
Danke fuer den Bericht! Da hat Deutschland noch eine Menge nachzuholen...
generalnerd 25.04.2014
4. Gratulation
Wir sind wahrlich die Krone der Schöpfung..
Dokwart 25.04.2014
5. Fantastisch!
Ich arbeite im Marketing und es freut mich sehr, SEHR, dass der neue Trend zur Transparenz so kompetent umgesetzt wird und meine Vermutung bestätigt wird, dass es dabei eine extrem gute PR-Dynamik und sehr enge Kundeneinbeziehung geben kann! Nun muss nicht noch herausstellen, ob der Mut zu sagen: "Bei uns läuft nicht alles so ideal ab, aber nur so sind wir günstiger als die Konkurrenz." sich ebenso rentieren kann.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.