Share Economy Die zer-teilte Gesellschaft

"Teilen verbindet": Die Share Economy hat diese Redensart zu ihrem zentralen Werbeversprechen gemacht. Tatsächlich teilen wir immer öfter - und kommen einander doch nicht näher. Annäherung an ein Paradox.

Frau am Fenster: Teilen ohne Bindung
Corbis

Frau am Fenster: Teilen ohne Bindung

Ein Essay von


Neulich las ich einen Zeitungsartikel mit dem Titel "Zu oft allein". Es ging um einen Geschäftsreisenden, der viel trank, mit vielen Frauen schlief und den dennoch die Einsamkeit oft ansprang "wie ein großes schwarzes Tier". Es ging um eine alleinerziehende Mutter, die von ihrem Freund kurz vor der Geburt des gemeinsamen Kindes verlassen wurde. Und um einen Rentner, der kurz nach dem Tod seiner Frau aufs Dach des Altersheims stieg und sprang. Einsamkeit, hieß es in dem Text, sei das bestimmende Gefühl unserer Zeit.

Ich dachte an unsere Nachbarin, die immer etwas zu lange mit einem redet, wenn man sie im Treppenhaus trifft. An die verbitterte Frau, die fast jeden Sonntag alleine in einem Café bei uns in der Nachbarschaft sitzt. An den jungen Mann, der abends oft allein auf einer Parkbank nicht weit von unserem Haus hockt, den Blick aufs Handy fixiert, das Gesicht vom Display erhellt.

Irgendwann fühlte ich mich selbst ein wenig einsam. Ich suchte nach einem Ausweg aus diesem Gefühl. Das erste, was mir in den Sinn kam, war bezeichnenderweise ein Werbespot des Bettenportals Airbnb.

In ihm bedankt sich eine Reisende bei ihren Airbnb-Gastgebern. "Ich hatte so viel Spaß mit deinen Freunden. Als würden wir uns schon ewig kennen", schreibt sie einem per Brief. "Danke, dass du mir deine Welt gezeigt hast", einem anderen. "Ich hab mich wie zu Hause gefühlt."

"Niemals ein Fremder"

Das Werbevideo trägt den Titel "Never a stranger" ("Niemals ein Fremder") und ist nur ein Beispiel dafür, wie eine neue Generation von Unternehmen versucht, aus dem Gefühl der Einsamkeit Profit zu schlagen.

"Teilen verbindet" lautet eine alte Redensart. In unserer individualisierten Gesellschaft ist sie zum ultimativen Werbeversprechen geworden: Du kannst dich deinen Mitmenschen wieder zugehörig fühlen - wenn du nur genug teilst.

Besonders die Firmen der sogenannten Share Economy - einem Modebegriff, der das Teilen schon im Titel trägt - locken mit dieser Verheißung: Ganz gleich, ob sich der Hobbygärtner auf meine-ernte.de ein Stück Land mietet oder die Kleidernärrin sich auf Tauschportalen wie poshmark.com einen neuen Look zusammenstellt - meist geht es neben dem reinen Geschäftsvorgang, neben dem Motiv, Geld zu sparen, auch darum, Gleichgesinnte zu finden, Anschluss zu finden, vielleicht sogar neue Freunde.

Ich glaube, dass diese Verheißung das eigentliche Erfolgsgeheimnis der Share Economy ist. Dass Airbnb & Co uns versprechen, zwei menschliche Grundbedürfnisse wieder zusammenzuführen, die in unserer individualisierten Gesellschaft immer stärker im Konflikt zueinander stehen.

Warnung von unserem Steinzeit-Ich

Das erste ist das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung. Das Ideal der Moderne lautet: Nicht mehr Tradition, Schicksal, Familie oder Kirche sollen deinen Lebensweg bestimmen - sondern du selbst. Einerseits ist das eine große gesellschaftliche Errungenschaft, andererseits führt es zu Problemen.

Denn wer vor allem auf sich achtet, ist mit seinen Mitmenschen nicht mehr so tief verbunden. Er vernachlässigt ein zweites grundlegendes Bedürfnis, eben das nach Gemeinschaft, nach Zugehörigkeit. Die Folge können Gefühle wie Verlustangst oder Einsamkeit sein.

Dem US-Psychologen David Buss zufolge haben diese Gefühle vor allem evolutionäre Gründe: In der Steinzeit konnten wir nicht einfach unseren Clan verlassen und unseren eigenen Weg gehen. Uns hätte dann der Säbelzahntiger gefressen. Also hat unser Hirn im Laufe von Millionen Jahren gewissermaßen emotionale Alarmglocken eingerichtet. Besteht ein Mangel an Gemeinschaft, beginnen sie zu läuten. Auch heute noch, obwohl der Säbelzahntiger längst ausgestorben ist.

Wenn wir aber zu viel im Rudel leben, wenn wir uns zu sehr anpassen, dann leidet unser Bedürfnis nach Selbstbestimmung und Selbstentfaltung. Es läuten dann andere emotionale Alarmglocken. Wir fühlen uns minderwertig und haben Angst, uns selbst zu verlieren.

Der Boom des Teilens

Autonomie und Gemeinschaft: Im Zeitalter des Individualismus sind diese beiden widersprüchlichen Bedürfnisse besonders schwer ins Gleichgewicht zu bringen. Die Share Economy verspricht, genau das zu leisten. Sie verspricht: Du kannst dich weiterhin hemmungslos selbst verwirklichen und musst trotzdem nie mehr einsam sein. Das zentrale Verhaltensmuster, das beide Bedürfnisse wieder zusammenführen soll, ist das Teilen.

Teilen ist in den vergangenen Jahren sehr populär geworden. Wer es tut, gilt als hip, modern und umweltbewusst. Er bekommt eine Menge soziale Anerkennung. Die Folge ist, dass wir immer öfter teilen, immer geübter darin werden, immer mehr Probleme auf diese Art zu lösen versuchen - vielleicht sogar solche, die wir früher anders angegangen wären.

Tatsächlich fallen wir nur auf ein Werbeversprechen herein. Denn Teilen allein bewirkt noch gar nichts. Weder in puncto Gemeinschaft, noch in puncto Selbstverwirklichung.

Die Illusion von Selbstverwirklichung

Wahr ist: Es wird dank der Share Economy billiger, sich selbst auszuprobieren. Wir können uns einen Sommer lang einen Garten pachten und schauen, ob uns dieses Hobby gefällt. Wir können den Inhalt unseres Kleiderschranks beliebig ändern, indem wir mieten, borgen, teilen. Wir können dank couchsurfing.de und anderer Plattformen fast umsonst um die Welt reisen.

Dadurch haben wir uns aber noch nicht selbst verwirklicht. Denn dazu gehört, einen festen Lebensweg einzuschlagen. Und gerade das ist in einer Welt, in der es so einfach und günstig ist, neue Wege einzuschlagen, besonders schwierig. Wer seinem Weg folgt, hat heute eher das Gefühl, er würde etwas verpassen. Die Folge ist eine "Generation der Vielleichtsager", wie es die Feuilletonistin Eva Berendsen ausdrückt.

Der Sozialpsychologe Erich Fromm würde sagen: Wir leben immer mehr in der Welt des Habens und immer weniger in der Welt des Seins. Statt unseren Werten zu folgen, statt wir selbst zu sein, wollen wir immer mehr haben. Wir verstricken uns im Streben nach Ersatzbefriedigungen, die unsere wahren Sehnsüchte nie stillen werden.

Die Illusion von Gemeinschaft

Auch unser Bedürfnis nach Gemeinschaft kann die Share Economy oft nicht befriedigen. Denn teilen allein verbindet noch nicht. Es kommt darauf an, wie wir teilen.

Ich kann couchsurfen, weil ich möglichst spektakuläre Erfahrungen machen will - oder weil ich ein wirkliches Interesse an meinem Gegenüber habe. Ich kann auf foodsharing.de meine überreifen Kiwis verschenken, um die Lebensmittelverschwendung zu verringern - oder um mich auf Facebook als guter Mensch zu inszenieren.

Anders gesagt: Wir können Gemeinschaft haben wollen oder gemeinschaftlich sein. Die Dienste bieten für beides eine Plattform. Was den Unterschied macht, ist unsere innere Haltung. Sie definiert die Qualität unserer Beziehungen. Nicht nur beim Teilen, bei jedem Verhalten.

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insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
QPDO 16.04.2016
1.
Vergesst mal nicht, dass hinter allem immer Firmen stehen, die ganz egoistisch mit unserem Teilen verdienen. Solange es aber nicht aus altruistischer Motivation geschieht, ist diese Art nur ebenfalls egoistische Heuchelei, denn der Provider will uns natürlich zwingen möglichst viel zu teilen, damit er dabei kassieren kann.
epiktet2000 16.04.2016
2. Teilen?
Die meisten Arbeitnehmer wären zufrieden, wenn sie genügend Lohn bekämen, damit sie auch mal anständig Urlaub machen könnten. Nur die sogenannten Arbeitgeber teilen nur ungern, bzw nur mit Aktionären.
lupy 16.04.2016
3. Begriffe klären
ist hier von Nöten: Teilen von gemeinsam nutzen, gegen Entgeld, ist doch nur, die (Anschaffungs)-Kosten auf mehrere Personen zu verteilen. Das ist clever, jedoch nicht sozial. So sehe ich die "share-economy". Teilen, von " herschenken", weil man es nicht mehr benötigt, weil man zuviel davon hat, weil man eine gute Seele ist, das ist sozial und nur das macht glücklich. Frei nach der Bibel: Geben ist seeliger als nehmen. Mit dieser Einstellung bleibst Du auch nicht lange alleine, es kommt immer mehr zurück,- in anderer Form, am anderen Ort, zu einer anderen Zeit!
Newspeak 16.04.2016
4. ...
Ich stelle mal folgende Thesen auf: 1) Die meisten Menschen haben nie gelernt, mit sich allein klarzukommen. Aus dem mit sich allein sein wird dann Einsamkeit konstruiert, obwohl diese Dinge grundverschieden sind. 2) Die meisten Menschen haben ebenfalls nie gelernt, sich ihr eigenes Urteil zu bilden. Wirkliche geistige Unabhängigkeit ist anstrengend und erfordert sehr viel Selbstvertrauen. Es ist viel einfacher, sich anzupassen und sich durch das Urteil von Anderen zu definieren. 3) Das "hippe" Leben, daß sich viele vorstellen und wünschen, erfordert ganz schnöde Geld. Man muß es sich leisten können. Das können die meisten heute gar nicht, weil wir in einem so asozialen Land leben, in dem nur Reiche und Konzerne begünstigt werden. Gleichzeitig ist es nicht einmal eine Garantie für ein erfülltes Leben, wenn man sich seine materiellen Träume erfüllen könnte. Wenn man nicht reich geboren wurde oder zu den wenigen gehört, die für wenig Arbeit viel Geld bekommen, dann muß man realisieren, daß man seine Unabhängigkeit eher durch materiellen Verzicht bewahren kann. Das genaue Gegenteil vom Bild, das die Werbung zeichnet.
epiktet2000 16.04.2016
5. Unabhängig sein
Zitat von lupyist hier von Nöten: Teilen von gemeinsam nutzen, gegen Entgeld, ist doch nur, die (Anschaffungs)-Kosten auf mehrere Personen zu verteilen. Das ist clever, jedoch nicht sozial. So sehe ich die "share-economy". Teilen, von " herschenken", weil man es nicht mehr benötigt, weil man zuviel davon hat, weil man eine gute Seele ist, das ist sozial und nur das macht glücklich. Frei nach der Bibel: Geben ist seeliger als nehmen. Mit dieser Einstellung bleibst Du auch nicht lange alleine, es kommt immer mehr zurück,- in anderer Form, am anderen Ort, zu einer anderen Zeit!
Unabhängig sein von Almosen, Arbeit als Selbstverwirklichung leisten, seinen gerechten Lohn bekommen, Muße zum Leben haben - das wäre ein gerechtes Teilen.
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