Fake-Profile in Singlebörsen Der Mann, der hundert hübsche Frauen spielte

Mitarbeiter von Datingportalen geben sich als attraktive Frauen aus, um Kunden zum Geldausgeben zu verführen. Die Firmen verdienen daran gut, die Angestellten bekommen den Mindestlohn. Ein Augenzeugenbericht.

Screenshot von Funflirt.de
funflirt.de

Screenshot von Funflirt.de

Von


"Wenn du wüsstest, was meine Hände alles mit dir anstellen wollen...", schrieb ein Kunde.

"wenn du deine hände vorher desinfizierst, können wir darüber reden. weißt du eigentlich, was ich gerad anhab?"

"Was denn?", fragte der Kunde.

"nichts. mir ist voll heiß."

Die Person, die Nachrichten dieser Art zu schreiben scheint, ist ihrem Profilbild nach eine junge, schlanke, attraktive Frau. Die Person, die diese und noch viele andere Nachrichten wirklich schrieb, trägt einen Dreitagebart und einen Bundeswehrparka.

Im vergangenen Jahr hat Hans-Peter Schmidt* kurzzeitig für die Hamburger Firma Netfix gearbeitet, die das Datingportal Funflirt.de betreibt. Schmidt steuerte dort Nutzerprofile, die mit Fotos hübscher Frauen locken, hinter denen aber in Wahrheit Angestellte von Netfix, sogenannte Moderatoren, stecken. Meistens sind es Männer.

Ein Kollege sei dicklich gewesen, ein zweiter tätowiert, manchen anderen hätte man "dem äußeren Anschein nach auch auf dem Wacken-Festival begegnen können". So beschreibt Schmidt seine Kollegen - die Leute, mit denen täglich Tausende Männer chatten, in dem Glauben, sie flirteten mit heißen Damen.

Auf rund 100 von 800 Datingportalen finden sich Fake-Profile

Die Moderatoren arbeiten laut Schmidt im Schichtbetrieb in einem Büro in Hamburg-Wandsbek, von früh morgens bis spät in die Nacht. Ihr Job dient einem simplen Zweck: Sie sollen Kunden zum Geldausgeben verführen. Auf Funflirt.de kann man zwar kostenlos Mitglied werden, muss aber sonst für fast alles sogenannte FunCoins zahlen - eine Cyberwährung, die man für echtes Geld erwirbt. Schon eine kurze Nachricht wie "Hallo" kostet in dem Portal fünf FunCoins, umgerechnet ist das, je nach Bezahlpaket, bis zu ein Euro.

Die Firma Netfix ist mit ihrem Geschäftsgebaren in guter Gesellschaft. Dem Branchendienst Singlebörsen-Vergleich.de zufolge sind allein in Deutschland monatlich mehr als acht Millionen Menschen auf rund 800 Datingportalen aktiv. "Bei gut hundert davon haben wir Hinweise auf Fake-Profile", sagt eine Sprecherin.

Zuletzt sorgte das Flirtportal Lovoo für Schlagzeilen. Dessen Firmenräume wurden vergangenen Sommer wegen Verdachts auf Fake-Profile polizeilich durchsucht. Das Unternehmen sicherte seine Kooperation zu, um die Vorwürfe aufzuklären.

Beim Seitensprungportal Ashley Madison kam nach einem Hack sogar heraus, dass fast alle weiblichen Nutzerprofile gefälscht waren. Im Sommer 2016 gab die Betreiberfirma Avid Life Media den Betrug zu.

Fotostrecke

8  Bilder
Überblick: Deutschlands größte Singlebörsen

Auch die Hamburger Firma Netfix bestätigt auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE, mit Moderatoren zu arbeiten. Allerdings seien nur gut fünf Prozent der Profile auf Funflirt.de unecht. Und diese dienten vor allem "der Unterhaltung der Nutzer zu Zeiten, zu denen nicht genügend reale Nutzer online sind".

Ex-Mitarbeiter Schmidt sagt, er habe an einem Acht-Stunden-Tag rund hundert hübsche Frauen gespielt. "Wir waren angewiesen, die Kunden in möglichst lange Gespräche zu verwickeln." Er habe Männer mit schlüpfrigen Sprüchen angetörnt und ihnen ein schlechtes Gewissen gemacht, wenn sie sich zu lange nicht gemeldet hätten. Auch Cybersex habe er gehabt. "Abends habe ich mich schmutzig gefühlt", sagt Schmidt.

Netfix bestätigt, dass auf der Plattform "erotische Inhalte nicht generell untersagt" seien. Es sei jedoch "nicht erwünscht, ausschließlich über solche Themen zu sprechen". Moderatoren dürften Kunden keine falschen Versprechen machen und müssten alle geltenden rechtlichen Bestimmungen einhalten. Die Plattform dürfe zudem nur von über 18-Jährigen genutzt werden.

Wie die Firma das kontrolliert, sagt sie nicht. Ein Test von SPIEGEL ONLINE ergab, dass man zur Anmeldung auf Funflirt.de keinen Altersnachweis benötigt.

"Jedes Gespräch mit einer Frage beenden"

Die Arbeitsbedingungen bei Netfix ähneln laut Schmidt denen einer Drückerkolonne. "Ich hatte die Vorgabe, bis zu 60 Gespräche pro Stunde zu führen", sagt er. Im Büro habe großer Zeitdruck geherrscht.

"Ich sollte jedes Gespräch mit einer Frage beenden, die den Kunden zum Antworten nötigt", sagt Schmidt. "Und ich musste grundsätzlich alles kleinschreiben, ebenso meine Kollegen." Der einheitliche Schreibstil soll seinen Angaben nach verschleiern, dass die Fake-Profile der hübschen Frauen abwechselnd von verschiedenen Netfix-Mitarbeitern moderiert würden. "Wir hinterließen uns auch Notizen über die Kunden", sagt Schmidt. "Damit sich unsere Fragen nicht zu sehr doppeln."

Einige Nutzer sprangen auf die Maschen der Fakes offenbar stark an. "Ich habe mit Männern geflirtet, die insgesamt Tausende Euro für Gespräche ausgegeben hatten", sagt Schmidt. Die Mitarbeiter bekämen den Mindestlohn, 8,50 Euro.

Netfix hat Schmidts Angaben zu den Arbeitsbedingungen auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht kommentiert. Die Firma betont allerdings, dass sie nichts tue, was nicht auch viele andere Flirtportal-Konkurrenten täten.

So schützen Sie sich vor Betrug in Singlebörsen

Verbraucherschützer halten diese Erklärung für ein Armutszeugnis. "Viele Nutzer wissen gar nicht, dass es solche gefälschten Profile gibt", sagt Kathrin Körber von der Verbraucherzentrale Niedersachsen. "Ihnen werden falsche Hoffnungen gemacht. Das ist schlicht Abzocke."

Netfix-Geschäftsführer Simon Schmagt verdient mit dieser Masche offenbar schon länger Geld. Vor Funflirt.de betrieb er mit einer anderen GmbH schon die Partnerbörse Trueflirts. Das Portal ist inzwischen geschlossen, im Netz aber finden sich noch immer die Beschwerden wegen unechter Nutzerprofile .

Sowohl gegen Trueflirts als auch gegen Funflirt.de hat bereits die Staatsanwaltschaft ermittelt. Die Verfahren wurden jedoch wieder eingestellt. Denn Funflirt weist - wie zuvor schon Trueflirts - in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen explizit darauf hin, dass es sich bei Chatpartnern um Moderatoren handeln kann.

Damit seien die Voraussetzungen für einen Betrugstatbestand nicht erfüllt, heißt es bei der Staatsanwaltschaft. Dass kaum jemand AGB liest und dass die gefälschten Profile auf Funflirt.de nicht als solche ausgewiesen sind, spiele dabei keine Rolle. Es gebe schlicht keine rechtliche Handhabe.

Penisbilder im Büro

Hans-Peter Schmidt indes zog persönliche Konsequenzen: Er gab seinen Job als Fake-Profil-Moderator rasch wieder auf. "Die Arbeit war für mich unerträglich", sagt er. "Es gab Männer, die sich in Fake-Frauen verliebt hatten. Es gab einsame Menschen, deren Gefühle ich manipuliert habe. Ich habe mich einfach nur noch schuldig gefühlt."

Einmal habe er Bilder vom Penis eines über 70-Jährigen erhalten. Manche seiner Kollegen hätten nur abwertend gegrinst. Die Firma Netfix teilt mit, ein solcher Vorfall sei der Firmenleitung nicht bekannt. Er würde aber "klar gegen unsere internen Regeln verstoßen". Schmidt dagegen glaubt: "Solche Vorfälle scheinen bei Netfix zum Alltag zu gehören."


* Name geändert



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 48 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
themk420 26.01.2017
1. Rule 16
There are no girls on the internet!
mhood 26.01.2017
2. Hört auf Web of Trust zu empfehlen!!!
Hört auf Web of Trust zu empfehlen!!! https://de.wikipedia.org/wiki/Web_of_Trust_(Bewertungsplattform)#Handel_mit_personenbezogenen_Daten
muellerthomas 26.01.2017
3.
Zitat von themk420There are no girls on the internet!
Doch, die posten, Fitness-, Essens- und Katzenbilder auf Instagram.
kickmeto 26.01.2017
4. Richtig... und gerade deshalb ziemlich wiederwärtig.
Zitat von themk420There are no girls on the internet!
Wer von selbst nicht darauf kommt, dass sowas Betrug ist, ist einfach nur arm daran, sehr einsam und vermutlich nicht ganz hell belichtet. Sich an solchen Menschen zu bereichen ist einfach nur arm, im Geiste. Das es hier keine gesetzliche Grundlage gibt, dagegen vorzugehen ist ebenfalls ein Trauerspiel. Es handelt sich um arglistige Täuschung. In jedem Profil und bei jedem weiteren Chat sollte ein gesetzl. vorgeschriebender Hinweis in dicken Lettern stehen, dass es sich hierbei um ein moderiertes Angebot handelt zur reinen Unterhaltung, so dass es auch die letzte arme Sau merkt. Bei Zigaretten klappt so ein Hinweis doch auch, obwohl ja eigentlich jeder heutzutage von selbst wissen kann, dass Rauchen schadet...
xineohp 26.01.2017
5. Da hilft nur eines: ...
... raus aus dem Netz wieder ins reale Leben und schauen was echte Menschen dort in echt tun. Es ist wohltuend ;-) Internet - egal wo - auf das Nötigste Beschränken.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.