Haustechnik Betreutes Wohnen im Smart Home

Smart Home - das war nur ein abgegriffenes Modewort. Doch jetzt ist in Hamburg das technologisch fortschrittlichste Mehrfamilienhaus der Republik entstanden. Ohne Smartphone sind die Bewohner aufgeschmissen.

Smart-Home-Stand auf der IFA
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Smart-Home-Stand auf der IFA

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Lars Hinrichs steht vor der Küchenzeile, öffnet kurz den Kühlschrank und sagt: "Der wird immer ein Kühlschrank bleiben und nie wirklich intelligent werden."

Ausgerechnet der Kühlschrank. Er spielte in den Visionen vom Smart Home, dem vernetzten Heim der Zukunft, stets eine wichtige Rolle. Er sollte zum Beispiel selbstständig Milch nachbestellen können. Und Journalisten von "Bild" bis "FAZ" unterstellten Hinrichs' Hausprojekt, dass die darin aufgestellten Kühlschränke wenigstens die Haltbarkeitsdaten des Kühlguts automatisch überwachen würden.

Nichts von alledem hat sich auf dem Markt durchgesetzt. Und auch in Hinrichs' Bau sind die Kühlschränke so simpel wie eh und je. Ansonsten aber ist das Mehrfamilienhaus an der Hamburger Außenalster mit fast allem ausgestattet, was die Technik derzeit zu bieten hat.

Hinrichs, 39, Spross einer hanseatischen Großbäckerei-Dynastie, hatte 2003 das Businessnetzwerk OpenBC gegründet, 2009 verkaufte er es - mittlerweile umbenannt in Xing - für 48 Millionen Euro an Hubert Burda. Eigentlich sollte das 108 Jahre alte Mietshaus nur der konservative Teil seiner Investments sein. Doch nach ein paar Auseinandersetzungen mit dem Denkmalschutzamt und den Nachbarn entstand die Idee, ein neues Wohnkonzept zu verwirklichen. Hinrichs nennt es Apartimentum.

Wer bis zu 40 Euro pro Quadratmeter und Monat, alles inklusive, zu zahlen bereit ist, bekommt dafür einen Vorgeschmack auf das Wohnen der Zukunft. Schon wegen der Preise ist die Zielgruppe übersichtlich. Hinrichs geht für Hamburg von 27.000 potenziellen Bewohnern aus; er will sein Konzept bei Erfolg auf andere Städte ausweiten.

Lernende Thermostate steuern die Fußbodenheizung

Der Begriff Smart Home ist so abgenutzt und schwammig wie Big Data oder Industrie 4.0. Gemeint ist nicht die Kaffeemaschine, die per Smartphone-App bedient wird. Es geht vielmehr darum, dass Interieur und Infrastruktur per Internetprotokoll untereinander kommunizieren. Melden die Griffe, dass Fenster geöffnet sind, wird die aktive Zuluft abgeschaltet. Lernende Thermostate von Nest, einer Google-Tochterfirma, steuern die Fußbodenheizung.

Hinrichs hat mit seinem Apartimentum so etwas wie den Showroom für mit dem Internet vernetzte Haustechnik geschaffen. Die Hersteller belohnen ihn dafür oft mit Rabatten auf ihre Produkte. Doch längst nicht alles, was sich Hinrichs so vorstellte, war auf dem Markt erhältlich. "Was es nicht gab, haben wir eben gebaut", sagt er pragmatisch. Da ist das als Klingelkasten dienende Touchpad im Eingangsbereich, ausgestattet mit einer 4-K-Kamera, mit der man Hollywoodfilme drehen könnte.

Den Briefkasten hat die schwäbische Firma Renz hergestellt, die sonst eher für Standardkästen in Hochhauskasernen bekannt ist. Im Apartimentum steht eine Renz-Anlage, die bei Posteinwurf eine Push-Nachricht an den Briefkasteninhaber sendet - bisher ist sie ein Unikat.

Besonders stolz ist Hinrichs auf die Eingangstüren zu den derzeit 20 Apartments, die aussehen, als lagerten dahinter Massenvernichtungswaffen. Schlüssel gibt es nicht, die 120 Kilogramm schweren "Hochsicherheitsbiester" (schreibt "Business Punk") der Firma Schörghuber, verfeinert mit der Technik eines Berliner Start-ups, können per Smartphone geöffnet werden.

Mittels Bluetooth erkennt das System, ob ein eintrittsberechtigter Handybesitzer vor der Tür steht. Auch zeitlich begrenzte Zutrittscodes, zum Beispiel für Besucher, Handwerker oder Reinigungspersonal, können vergeben werden. Ein Lagesensor registriert, wenn sich jemand an der Tür zu schaffen macht, und alarmiert den Wohnungsbesitzer. Bilder des Einbrechers werden in HD-Qualität übertragen, und man kann mit dem ungebetenen Besucher reden.

Auf eine herkömmliche Sprechanlage hat Hinrichs verzichtet, er setzt ganz aufs Handy. Egal ob sich der Bewohner in der Badewanne oder auf Bali befindet - er kann von überall mittels Smartphone kommunizieren, als säße er auf dem Sofa.

Nicht jede Technik bringt dem Verbraucher wirklich einen Vorteil

Dass man 120 Liter Badewannenwasser in ausgewählten Apartments von Hinrichs ebenfalls per Mobiltelefon einlaufen lassen kann, liegt an Armaturen der sauerländischen Firma Dornbracht. Seit 2010 gibt es die "IP-fähigen Wasserlösungen", solcher Komfort kann bis zu 35.000 Euro kosten. "Wir haben erkannt, dass es bei Armaturen nicht nur um die Hardware geht, sondern dass auch Software dahinter relevant ist", sagt Sascha Bialoian, verantwortlich für die digital aufgerüsteten Produkte des Familienunternehmens.

Hotelketten können so beispielsweise in Echtzeit berechnen, wie viel Wasser ein Gast verbraucht. "Ist das eher viel, kann der Gast beim nächsten Mal in den unteren Etagen des Hotels einquartiert werden. Das Hochpumpen in den 20. oder 30. Stock ist teuer und aufwendig", sagt Bialoian.

Viele Unternehmen versuchen derzeit, mit Smart-Home-Konzepten Geld zu verdienen - einer der größten Anbieter mit sechs Standorten in ganz Deutschland ist das Smart Home Team. Was ein Smart Home können sollte, erklärt Geschäftsführer André Baselow im Video.

DER SPIEGEL

Noch ist der Umsatz mit digitalen Haustechnikprodukten gering. Doch wie in anderen Branchen auch ebnen die zahlungskräftigen Erstbenutzer den Weg für die breite Masse. In der Automobilindustrie war der Airbag zunächst den wenigen Käufern von Oberklasselimousinen vorbehalten, heute ist er in nahezu jedem Kleinwagen eingebaut. Bei der Haustechnik waren Videoüberwachungssysteme lange unerschwinglich; heute sind Kameras, die bei Bewegungen Alarm auf dem Smartphone schlagen, für unter hundert Euro zu haben.

Andererseits: Nicht alles, was sich die Industrie ausdenkt, bringt dem Verbraucher wirklich einen Vorteil. Philips brachte in den USA eine vernetzte Zahnbürste auf den Markt, die mittels App anzeigt, welcher Zahnbereich mehr Aufmerksamkeit verdient. Doch wer will immer sein Smartphone mit ins Badezimmer nehmen, um sich die Zähne zu putzen?

Der Gütersloher Haushaltsgerätehersteller Miele ist bei seinen Produkten zurückhaltender. Mit Sensoren ausgestattete Dunstabzugshauben erkennen, wann die Luft gefiltert werden muss, und steuern die Abluft entsprechend. Manche Waschmaschinen und Geschirrspüler können aus der Ferne gestartet werden oder dann, wenn Strom von der Solaranlage verfügbar ist. In spätestens zehn Jahren liefen alle Miele-Haushaltsgeräte vernetzt, sagt ein Sprecher. Derzeit muss sich der digitalbegeisterte Miele-Kunde mit einer Smartphone-App für seinen Backofen begnügen.

Digitalisierung bedeutet für Miele auch, länger am Kunden verdienen zu können. Manche Waschmaschinen nutzen Waschmittelkartuschen - die man natürlich bei Miele nachkaufen kann. Auch die Zahnbürste von Philips mahnt, dass ein neuer Bürstenkopf gekauft werden muss, und verweist auf den eigenen Shop. Beim Brausenbauer Dornbracht kann man sich Wartungsverträge vorstellen, und Heizungsbauer Viessmann will direkt alarmiert werden, wenn es im Kessel rumort.

Heizungen sollen in der Zukunft gemietet werden

Diese neuen Geschäftsmodelle könnten für die Hersteller überlebenswichtig werden. "Es wird bald niemand mehr eine Heizung kaufen", glaubt Hinrichs. "Mietmodelle sind sinnvoller. Gleiches kann ich mir auch für Haushaltsgeräte vorstellen. Damit immer alles auf dem neuesten Stand der Technik ist, kann der Hersteller Updates per Internet verschicken."

Das Apartimentum verfügt über einen Glasfaser-Internetanschluss mit einer Datenrate von theoretisch zehn Gigabit, er wäre damit 30-mal so schnell wie ein LTE-Anschluss und funktioniert auch im Fahrstuhl, durch 40 im Haus verteilte Verstärker.

Der Unternehmer Arne Feldmeier, 34, findet Hinrichs' Bau ein "beeindruckendes Projekt". Gleichzeitig warnt er aber davor, alles zu bejubeln, was heute auf dem Markt erhältlich ist - zum Beispiel die App, mit der man das Licht einschalten kann. "Der Lichtschalter wird auch im klügsten Haus bestehen bleiben", sagt er. "Das kann man kaum besser machen." Man könne ihn aber durchaus digital aufrüsten.

Feldmeiers Produkt Wibutler will die Angebote verschiedener Anbieter bündeln und eine Art App Store für das schlaue Zuhause sein. Fast jeder Hersteller hat bislang eigene Apps für seine Produkte.

"Es kann noch ein bisschen dauern, bis Heimautomatisierung ein echter Massenmarkt wird. Aber es wird kommen", glaubt Feldmeier. Deutsche Unternehmen seien zwar technisch gut gerüstet, doch löse ihr Design oft "keine Freudentränen" aus. "US-Produkte sehen zwar gut aus, aber tun sich schwer in der komplexen deutschen Haustechnik. Dafür sind sie meist zu primitiv", sagt Feldmeier.

Die Müllentsorgung bliebt analog

Im Apartimentum ist auf mehreren iPads Wibutler installiert, etwa um Rollläden zu steuern. Außerdem setzt Hinrichs auf Senic. Das Berliner Start-up hat inzwischen 5000 Stück seines intelligenten Aluminiumrings Nuimo ausgeliefert. Der ist so groß wie ein Eishockeypuck, man kann ihn an die Wand hängen oder auch in der Wohnung mit sich herumtragen. Mittels Gestensteuerung kann Nuimo aktuell die Musikanlage und die Beleuchtung regulieren. "Es nervt einfach, wenn man dafür immer das Smartphone entsperren müsste", sagt Nuimo-Miterfinder Tobias Eichenwald.

In den USA drängen auch die großen Internetkonzerne in das Geschäft. Amazon hat eine schwarze Dose mit dem Namen Echo auf den Markt gebracht und setzt auf Sprachsteuerung für das Türschloss oder beim Musikstreaming. Ähnlich funktioniert Apples Home Kit.

Manche Dinge aber sind auch im Zeitalter der Digitalisierung, wie sie immer waren. Bei der Müllentsorgung gebe es, wie beim Kühlschrank, bisher keine wirklich smarten Lösungen, sagt Hinrichs.



insgesamt 28 Beiträge
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The Traveller 06.09.2016
1. Viel Spass damit
1. alles was im Netz ist kann gehackt werden, egal wie "sicher" es angeblich ist 2. die meisten "Smart Home" Funktionen dienen ausschliesslich der Bequemlichkeit bzw. der Angeberei 3. je mehr unsinnige Technik in alltäglichen Dingen steckt, desto mehr wird kaputt gehen und das wird auf Dauer richtig teuer. 4. Smartphone ist der neue Schlüssel? Na dann hoffe ich mal dass der Schlüsseldienst die "Hochsicherheitsbiester"-Türen auch knacken kann wenn das Handy mal ins Wasser fällt, verloren geht, kaputt geht, oder der Akku leer ist. Richtig tolle Idee! Ganz abgesehen davon, dass ich mich nicht wirklich sicher fühlen würde wenn sich meine Haustür ferngesteuert öffnen liesse.
mimas101 06.09.2016
2. Hmm
wenn die BedienungsApps genauso oft abstürzen wie die SPON App auf Tablet, wenn man eine Antwort mit mehr als 3 Zeilen zusammenstreichelt und dabei die Murks-Tastatur von Android 5 auch noch irgendwie zusammenbekommt (oder das allgegenwärtige entgleiste Mittelgrau auf leichtem mittel-dunkel-hellgrau im Antwortkasten auf dem PC) so kann ich dankend auf so ein Haus verzichten.... Anders herum: Diese ganzen Gadgets haben eines gemeinsam; sie sind kein Komfortgewinn sondern nur Schnickschnack der einen Arbeitsschritt durch einen anderen ersetzt was dann meist der Nachkontrolle bedarf. Dafür füllen sie aber die Kassen der Hersteller (auch mit Mietmodellen) oder der Werbeindustrie (Sprachsteuerung pp). Sorry, aber sowas braucht man nicht mehr wirklich und etwas Bewegung tut der Figur auch gut. Und was hier bedient wird: Ohne Handy nix los (und geladenem Akku obendrein), der Kühlschrank muß trotzdem manuell befüllt werden, auf dem Stillen Örtchen erledigt auch keine App die notwendigen Schritte, baden und Seife auftragen muß ich auch ganz alleine wenn ich mich dazu manuell in die Badewanne begebe. Und so weiter und so fort. Insofern geistert der elektronische Haushalt denn auch nur als Schreckgespenst schon seit Jahrzehnten durch die Welt wie auch das selbstfahrende Auto. Und der Urvater aller elektronischen Haushalte steht in Kansas in Overland Park, oder so, herum. Eintritt 5 US$ pro Nase nach manueller persönlicher Voranmeldung was dann der örtlichen Kommunalverwaltung ein nettes Zubrot beschert. Und bis mal ein Haushalt wie in der TV-Serie "Die Jetsons" funktioniert dürfte eher die Hölle zugefroren sein oder ist im Universum schon längst die letzte Sonne erkaltet und erloschen.
Mitschwätzer 06.09.2016
3. Nur weil's geht
ist es noch lange nicht gut. Wenn man sieht, was sich Entwickler heute alles einfallen lassen, nur weil es geht, frage ich mich, wer diese Entwicklungen eigentlich finanziert. Ich wäre ja schon begeistert, wenn 1) bei MS-Office copy&Paste endlich unfallfrei funktionieren würde, 2) keine LKWs mehr auf Stauenden rasen, 3) die Textvorschläge in iOS auch nur ansatzweise das anzeigen, was ich zum Ausdruck bringen will. Solange diese 3 Sachen nicht zuverlässig funktionieren, kann mir keiner erzählen, dass Lichtschalter im Smartphone oder Kameras in Kühlschränken (aktuelles IFA-Hipp-Thema) eine bahnbrechende Erfindung sein sollen. Warum schaffen wir es nicht, die Entwicklungsaufgaben auf wichtige Themen zu lenken?
2ehbtd+o6rr8t5a4w4hm5l3g 06.09.2016
4. Smart Home
Durch die Vernetzung von Haustechnik und Haushaltsgeräten soll die Wohnqualität erhöht werden (mehr Komfort, bessere Energieeffizienz und höhere Sicherheit). Unterhaltungsgeräte können ebenso ferngesteuert werden, wie auch die Haustechnik um beispielsweise das Bad vorzuheizen. Auch wenn bei einem Neubau oftmals das Geld fehlt gleich ein komplettes Smart Home einzurichten, könnte trotzdem in Erwägung gezogen werden, ob die Voraussetzung für die Haussteuerung während der Hausinstallation schon geschaffen werden sollen. Beispielsweise für das Alter.
murksdoc 06.09.2016
5. Bluepoops
Mein 5 Jahre altes I-Phone kann sich nicht über Bluetooth mit meinem 10 Jahre alten Auto verbinden, weil das angeblich ein älterer Bluetooth-Standard sei. Da die Hersteller der Panzertüren nicht garantieren können, das Smartphone-Hersteller immer den selben Bluetooth-Standard verwenden werden oder Bluetooth in 20 Jahren überhaupt noch existiert, wird der erste, der sich wirklich an den Dingern zu schaffen macht, der verzweifelte Besitzer sein, der dringend aufs Klo muss. Wenn er Glück hat, hat er nur das Ladegerät drinnen vergessen, dann kann er sich beim Nachbarn über Amazon ein Neues bestellen und wenn es passt, kann er schon in ein bis zwei Tagen sein eigenes Klo wieder benutzen. Dafür kann er aber schon sein Wasser vorlaufen lassen und den Wasserverbrauch der Toilettenspülung ausrechnen, während das Badewasser, das man per Bluetooth EIN- aber nicht ABlaufen lassen kann, nach dieser Zeit schon ziemlich kalt sein dürfte. Wenn er aber Pech hat, muss er sein altes Smartphone für immer konservieren und sich dazu noch auf EBay ein paar Ersatzgeräte bestellen, die dann garantiert entsprechend teuer verkauft werden, denn deren Besitzer sind ja auch nicht blöd. Denn sonst kann er seine Bluetooth-gesteuerten Panzertüren alle 5 Jahre wegwerfen. Mit dem obigen Szenario werden neue Abhängigkeiten geschaffen, die unnötig und teuer sind und vielleicht bald noch viel teurer werden. Das gefällt vielleicht dem Hersteller, aber auch nur dem.
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