Zivilgesellschaft "Spenden sind immer auch politisch"

Viele Bürger spenden nicht nur aus Mildtätigkeit - sondern auch, um die Gesellschaft zu verändern, sagt Daniel Rahaus. Im Interview erklärt der Spendenforscher, welches Studienergebnis ihn selbst überrascht hat.

Demonstration zum Erhalt des Hambacher Forsts (Oktober 2018)
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Demonstration zum Erhalt des Hambacher Forsts (Oktober 2018)

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Zur Person
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    Daniel Rahaus, Jahrgang 1978, ist Studienleiter und Initiator der "Initiative deutsche Spendenstatistik". Der Ökonom war einer der Gründer von Phineo, einem Analyse- und Beratungshaus für den gemeinnützigen Sektor und forscht zu gesellschaftlicher Gerechtigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist es überhaupt wichtig, über das Spendenverhalten der Deutschen im Detail Bescheid zu wissen?

Rahaus: Weil Spenden immer auch politisch sind. Viele Leute denken bei Spenden, gerade jetzt zur Weihnachtszeit, spontan an Mildtätigkeit und Nächstenliebe - an Hilfe für Menschen, die in Not sind, unter Hunger, Kälte oder den Folgen von Naturkatastrophen leiden. Doch das ist nur ein Aspekt. Zunehmend spenden Bürger ganz bewusst, um auf die Gesellschaft als Ganzes Einfluss zu nehmen. Das beginnt bei bezahlbarem Wohnraum und endet bei Meeren ohne Plastik.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Spenden an Parteien gehen doch deutlich zurück. Wie passt das zusammen?

Rahaus: Die von uns ausgewerteten Daten lassen den Schluss zu, dass die Bürger offenbar nicht politik-, sondern parteienverdrossen sind. Denn anders als bei den Parteispenden ist das Spendenaufkommen insgesamt in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Viele Menschen teilen offenbar die Auffassung, dass dringliche Themen in unserer Gesellschaft nicht entschieden angegangen und gelöst werden. Gefühlt wird die Liste dieser Themen ständig länger. Diese Bürger sind enttäuscht und ungeduldig. Also werden sie aktiv, indem sie sich entweder selbst in zivilgesellschaftlichen Organisationen engagieren oder diesen spenden. Sie wollen, dass ihre Anliegen wirksam und mit Herzblut vertreten werden und sich konkret etwas zum Besseren verändert.

SPIEGEL ONLINE: Liegt darin nicht auch ein Problem? Einem Umweltverband sind Arbeitsplätze im Kohlerevier oder im Hamburger Hafen im Zweifel egal. Verantwortungsvolle Politik muss hingegen verschiedene, oft gegensätzliche Interessen austarieren.

Rahaus: Meines Erachtens müssen Verantwortungsträger zivilgesellschaftlicher Organisationen genau wie von Parteien in der Lage sein, integrativ denken, fühlen und handeln zu können, wenn sie zukünftig vorangehen wollen. Für einen Umweltverband bedeutet das, die Wirkung seiner Forderungen auch auf Arbeitsplätze im Blick zu haben und der Umwelt gerecht werdende ökonomische Lösungsvorschläge dafür anzubieten. Nur dann kann er quasi als Speerspitze von Veränderungen fungieren, die sich ohnehin notwendigerweise anbahnen. Für Parteien liegt darin eine Chance. Wenn sie verstärkt solche Konzepte aufgreifen, können sie so rechtzeitig adäquate und mehrheitsfähige politische Lösungen entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt etwas theoretisch.

Rahaus: Nehmen Sie ein konkretes Beispiel: Die Plattform Abgeordnetenwatch.de hat gemeinsam mit ihrem zivilgesellschaftlichen Netzwerk maßgeblich dafür gesorgt, dass Positionen, Abstimmungsverhalten, aber auch Nebeneinkünfte gewählter Volksvertreter wesentlich transparenter sind als früher. Viele Politiker haben das anfangs als unbequem empfunden, dann aber gemerkt, dass sich so auch Vertrauen bilden lässt. Letztlich hat es entscheidend dazu beigetragen, dass das Bundesland Hamburg im Jahr 2012 ein Transparenzgesetz beschlossen hat, das heute bundesweit als vorbildlich gilt.

SPIEGEL ONLINE: Stichwort Transparenz: Wer steckt hinter der Initiative deutsche Spendenstatistik?

Rahaus: Das ist ein Konsortium aus Menschen und Institutionen, die genauer wissen wollen, wer wie viel spendet und warum. Dazu gehören die Online-Spendenplattform Betterplace.org, Ziviz im Stifterverband, eine Denkfabrik für Zivilgesellschaftsforschung sowie der Deutsche Spendenrat als Dachverband spendensammelnder Organisationen. Diese drei Träger sind selbst gemeinnützig. Mit dabei ist auch AmazonSmile, wo Kunden einen Teil ihrer Einkaufssumme an soziale Organisationen weiterleiten können.

SPIEGEL ONLINE: Der Deutsche Spendenrat und die GfK legen bereits mit der "Bilanz des Helfens" jedes Jahr eine umfangreiche Spendenstudie vor. Reicht das nicht?

Rahaus: Tatsächlich gibt es eine Reihe von auf Umfragen basierenden Erhebungen mit zum Teil recht unterschiedlichen Ergebnissen. Wir wollen diese keinesfalls ersetzen, sondern um bisher unbekannte Erkenntnisse ergänzen und möglichst auf eine umfangreichere Datenbasis stellen. Im kommenden Jahr wollen wir unsere Studie zur deutschen Spendenstatistik zum ersten Mal vorlegen und dann regelmäßig fortführen. Unsere Grundlage ist die Lohn- und Einkommensteuerstatistik - konkret Datensätze des Statistischen Bundesamts von derzeit etwa 56 Millionen Steuerzahlern in Deutschland. Obwohl wir erst damit begonnen haben, diesen riesigen Datenschatz zu heben, ist jetzt schon klar: Darin schlummern noch viele unentdeckte Erkenntnisse.

SPIEGEL ONLINE: Was macht Sie da so sicher?

Rahaus: Die Erfahrung ist: Wenn wir in den Daten die Antwort auf eine bestimmte Frage gefunden haben, entstehen daraus wiederum eine Menge neuer Fragen. Für den Spendenrechner wollten wir zum Beispiel wissen, wie hoch die Spenden in einer Einkommensklasse im Durchschnitt sind. Dabei ist uns aufgefallen, wie extrem unterschiedlich die Beträge selbst bei Menschen sind, die ähnlich verdienen. Egal ob arm oder reich - stets sorgt etwa nur ein Fünftel der Spender für mindestens 80 Prozent des entsprechenden gesamten Aufkommens. Warum also spenden so viele relativ wenig und noch viel mehr gar nichts? Und wieso spenden einige wenige so viel? Wie lassen sich solche Top-Spender genauer beschreiben?

SPIEGEL ONLINE: Gibt es etwas, das Sie selbst überrascht hat?

Rahaus: Aus den Einkommensteuerdaten geht hervor, dass die Einkommensmillionäre beim Thema Spenden im Schnitt sehr engagiert sind. Doch beim detaillierteren Blick wurde klar, dass nur einige Hundert vermögende Ehepaare weit über eine Milliarde Euro gespendet und damit die Statistik deutlich nach oben gezogen haben. Mehr als zwei Drittel der spendenden Großverdiener erreichten hingegen noch nicht einmal den bundesweiten Spendenschnitt von etwa einem halben Prozent der eigenen jährlichen Einkünfte. Das zeigt vor allem eins: Wir wissen noch viel zu wenig über die Details des Spendens. Und damit eben auch noch wenig über eine der zentralen Triebkräfte der Zivilgesellschaft. Das wollen wir ändern.



insgesamt 3 Beiträge
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Katzazi 19.12.2018
1.
Wenn ich das richtig verstehe, so basieren die Daten darauf, was die Menschen in ihrer Steuererklärung als Spenden abgesetzt haben. Das ist sicherlich ein interessanter Ansatz für diese Frage. Aber es gibt sicherlich auch einige Menschen, die zwar durchaus spenden, aber denen der Aufwand eine Steuererklärung zu machen zu groß ist, weil sie nicht wirklich viel zurückbekommen würden, sie aber dafür den Spendenquittungen hinterherrennen müssten. Mir ging es zumindest bisher immer so. Jetzt muss ich aus anderen Gründen eine Steuererklärung abgeben, aber auch jetzt werde ich wahrscheinlich meine Spenden nicht einreichen um etwas davon zurück zu bekommen. Das war für einen guten Zweck, soll der Staat halt auch etwas davon abhaben. - Insbesondere für relativ arme Menschen, die kaum Steuern zahlen dürfte das ähnlich sein. Während dieser Effekt sicherlich nachlässt, je höher das Einkommen wird, da dann die Chancen größer werden, dass eine Steuererklärung sich lohnt (oder vorgeschrieben ist) und gemacht wird. Eine Dunkelziffer bleibt also.
Erythronium2 20.12.2018
2.
Zwar hat die Spendenfreudigkeit der Deutschen zugenommen, aber da ist noch ganz viel Luft nach oben. Ich meine da nicht die Leute mit so geringem Einkommen, dass sie noch nicht einmal eine Einkommensteuererklärung abgeben müssen (#1). Die sind aber offenbar im Schnitt erstaunlich spendabel. Ich meine auch nicht die wenigen Superreichen, die so gewaltige Summen spenden, dass sie die Statistik für die Einkommensmillionäre nach oben treiben. Ich meine die vielen Leute, die sich das nicht vom Mund absparen müssten und trotzdem kaum etwas spenden. Viele Freikirchen erwarten von ihren Mitgliedern, dass sie ihnen 10 % ihres Einkommens spenden. Das ist viel. Aber jeder stirbt früher oder später und kann dann mit all seinem Besitz nichts mehr anfangen, außer ihn an seine Erben (zu denen womöglich auch eine wohltätige Organisation gehören könnte) zu vererben. Warum nicht schon zu Lebzeiten einen Teil des Einkommens für das ausgeben, was man persönlich für richtig und gut hält? Wenn jeder, der sich über die finanziellen Entscheidungen des Staates ärgert, sei es die "schwarze Null", die Bankenrettung, die zu mickrige Entwicklungshilfe oder sonst etwas, nächstes Jahr 5 oder 10 % seines Einkommens an wohltätige Organisationen gäbe, die genau das tun, was er oder sie für richtig und gut hält, so könnten wir gemeinsam eine ganze Menge bewirken, ohne mehr als unser gutes Recht wahrzunehmen, wenn wir unsere Spenden von der Steuer absetzen und den Fiskus damit letztendlich an unserer Spende beteiligen. Aber natürlich geht es mich absolut nichts an, ob und wieviel irgendwer spendet. Das ist deren Geld und deren Entscheidung.
hexenbesen.65 20.12.2018
3.
Warum soll ich Spenden ? Damit die "Bosse", bzw die Leute sich ihren Teil davon abzwacken können ????? Mein Mann zb hat Jahrelang in einen Tierschutzverein gespendet (nicht zu wenig). Hinterher kam raus, dass das Geld veruntreut wurde. Kirche spenden ? Damit noch mehr Prunk-Villen für die Bischhöfe (die mind. 10 ooo Euro im Monat verdienen? ) bauen können ? Irgendwelchen Parteien ? Die es nicht schert, was ICH will--sondern, das, was Großspender "Firma XY" als nächstes vorhat, und die die Gesetze so drehen müssen, dass alles klappt ???? WENN ich Spende, dann in Form von SACHspenden ! (Tierfutter--gerne Palletenweise) für ein Tierheim, Spielsachen für Kinderheime, Lebensmittel für die Tafel. Da weis ich, dass es ankommt, für denjenigen, für den ich Spende. (Leider hab ich auch schon die Erfahrung gemacht, als ich gute Ware in ein "soziales Möbelhaus" gebracht habe, die Dame an der Kasse sich die besten Stücke FÜR SICH SELBER (die blöde Kuh hat das auch noch gesagt) rausgesucht hat---ohne was dafür zu zahlen ) . Sorry, da geb ich lieber einem Musiker auf der Straße 10 Euro, da hab ich mehr davon.
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