Gaming für Senioren Daddeln nicht vergessen

Gaming hält Senioren länger fit, sagen die Gründer von RetroBrain. Die Firma entwickelt Videospiele als Prävention gegen Demenz und Stürze im Alter - und setzt neue Impulse im trägen Gesundheitssektor.

Heinrich Holtgreve/OSTKREUZ

Von "enorm"-Autor


Auf einmal gibt es kein Halten mehr. Zu viert stürmen sie an ihren "Waffenschrank", dann legen sie los. Plopp. Plopp. Plopp. Mit sattem Knallen fliegen Patronen aus Schaumstoff durch den Raum des Start-ups in Hamburg-Barmbek. Und Manouchehr Shamsrizi, einer der Gründer, steht grinsend neben seinen Kollegen und reckt zwei "Nerf Guns" in die Höhe.

Mit drei Freunden hat er vor zwei Jahren RetroBrain gegründet. Die Firma entwickelt Videospiele für Senioren, die unter Demenz leiden oder Stürzen vorbeugen wollen. Acht Mitarbeiter haben sie inzwischen fest angestellt. Sie wurden für ihre Innovation mehrfach ausgezeichnet, arbeiten mit Partnern wie Microsoft, der Berliner Humboldt-Universität und der Krankenkasse Barmer GEK zusammen und haben eine Gruppe von Investoren von sich überzeugt, zu der Bayern-Fußballer Philipp Lahm, Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen und der frühere AOK-Chef Jürgen Graalmann gehören.

Gefunden in enorm 6/2016

Ihren Spieltrieb haben sie sich von den bekannten Namen aber nicht nehmen lassen. Immer, wenn sie entspannen wollen, gehen sie nach nebenan, wo ihre Sammlung mit den bunten Spielzeugpistolen lagert.

Manouchehr Shamsrizi, 28, ist so etwas wie der Chefnetzwerker und Öffentlichkeitsarbeiter von RetroBrain. Eine Stunde vor der Schießerei sitzt der Hamburger mit persischen Wurzeln an seinem Schreibtisch, zu seiner Anzugjacke trägt er eine Fliege aus Holz, um ihn herum liegen stapelweise Kartons mit Grafikkarten und Hauptplatinen. Er erzählt vom "Homo Ludens", dem Modell des spielerisch lernenden Menschen, und dass die Idee während des Studiums entstanden sei. In Lüneburg, Friedrichshafen und an der US-Uni Yale hat er studiert, aber überall fehlte ihm entweder der gesellschaftliche Bezug oder die konkrete Wirkung. Fündig wurde er beim Studiengang "Public Policy" der Humboldt-Viadrina School of Governance in Berlin, wo er das Thema alternde Gesellschaft vertiefte.

Was er lernte, frustrierte ihn. "Ältere Menschen benötigen viel Aufmerksamkeit und Pflege. Dafür fehlt dem Fachpersonal fast überall die Zeit." Deshalb seien Senioren zu wenig aktiv. "Das steht im krassen Gegensatz zur allgemeinen Entwicklung der Gesellschaft, die erfreulicherweise zunehmend das Ideal eines selbstbestimmten und aktiven Bürgers in ihren Mittelpunkt stellt."

Als innerhalb kurzer Zeit bei den Eltern von zwei Freunden Demenz und Multiple Sklerose diagnostiziert werden und Shamsrizi mal wieder mit einem Freund Videospiele zockt, kommt ihnen eine Idee. Könnten Konsolen nicht Senioren helfen, fit zu bleiben? Sie informieren sich bei der Deutschen Alzheimer Gesellschaft und stellen fest: Gaming könnte eine Lösung sein. "Man braucht nur die richtigen Spiele."

Eigentlich bevorzuge er Skat, erklärt Herr Lemke

Das Hospital zum Heiligen Geist im Nordosten Hamburgs ist ein weitläufiges Areal mit 18 Häusern und rund 1200 Bewohnern, eine "kleine Stadt für Senioren", wie sie selbst sagen. Es ist kurz nach elf Uhr an diesem grauen Novembertag, in knapp einer Stunde gibt's Mittagessen, Eintopf und Pflaumenkompott, die Tische im Aufenthaltsraum sind bereits gedeckt. An einem anderen sitzen 16 Senioren. Einige dösen, andere blicken auf den Flachbildschirm an der Wand, auf dem eine Kegel-Simulation läuft. Das Hospital ist eines der ersten Heime, in dem Demenzkranke die RetroBrain-Spiele testen.

Herr Lemke ist dran. Mit seiner linken Hand stützt er sich auf seinen Gehstock, die Finger der rechten Hand krümmt er leicht, als ruhe etwas darin. Dann holt er aus. Die rote Kugel läuft los, "gut Holz!", ruft der Avatar, fünf Kegel fallen um. Eigentlich bevorzuge er Skat, erklärt Herr Lemke, aber das hier gefalle ihm auch. Nur gespielt habe er das vorher noch nie. Was nicht stimmt. Aber was früher war, weiß er oft nicht mehr.

Rund 1,5 Millionen Menschen wie Herrn Lemke gibt es in Deutschland, Jahr für Jahr kommen mehr als 300.000 neu Erkrankte dazu. Sollte Forschern kein Durchbruch in Prävention und Therapie gelingen, wird sich die Zahl der Demenzkranken bis 2050 laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft auf etwa drei Millionen erhöhen.

Das Heben eines Arms reicht, um loszulegen

Als Gamer ist diese Zielgruppe bislang weitgehend unbekannt. Das RetroBrain-Team musste deshalb erst herausfinden, welche Wünsche vor allem die älteren Damen haben, die in Heimen in der Überzahl sind. "Am Anfang sind wir ziemlich naiv an die Entwicklung der Videospiele herangegangen", sagt Shamsrizi. Lukas Navarrete, der gelernte Game-Designer im Gründerteam, ergänzt: "Am schwierigsten war es, unser Konzept ausreichend benutzerfreundlich umzusetzen." Wenn die Software nicht beim ersten Versuch hochfährt, geben die Spieler auf, stellten sie fest. Gesteuert wird die Konsole, die auf Microsofts Xbox basiert, deshalb auch nicht über eine Handkonsole, sondern über eine Sensorleiste ("Kinect") und schlichte Gesten. Das Heben eines Arms reicht, um loszulegen.

Entscheidend war auch das Aussehen des Avatars. Er soll eingreifen, wenn ein Spieler nicht weiterkommt. Doch wie muss er gestaltet sein, um Vertrauen zu erwecken? Lieber ein Tier oder ein Arzt? Eine junge Frau darf es jedenfalls nicht sein. "Von der lasse ich mir doch nichts sagen", bekamen die Macher bei Tests zu hören. Jetzt gleicht der Avatar einer jüngeren Version der Spieler: ein Mann im Fünfzigerjahre-Outfit mit beiger Hose, roter Strickjacke und Krawatte. Etwas leichter war die Musikauswahl. Bei jedem Spiel läuft ein Song. Der soll Erinnerungen an die Kindheit wecken. Nur was war vor 70, 80 Jahren angesagt? Die Mitarbeiter von RetroBrain hörten sich durch Oldies durch und entschieden sich für Klassiker, wie die Schlager von Freddy Quinn.

Fragt man Mani Rafii, Vorstand der Barmer GEK, nach dem Potenzial der Konsole, fallen große Sätze. Gründer Shamsrizi, den er im Herbst 2015 zum ersten Mal bei einer Podiumsdiskussion sah, beeindrucke ihn "mit seiner Jugend und seinem lautstarken Drang, etwas gegen eingefahrene Abläufe zu unternehmen". Das sei nötig: "Im Gesundheitsmarkt haben wir teilweise verkrustete Strukturen. Deshalb müssen wir immer wieder versuchen, frische Gedanken reinzubringen." RetroBrain hält er für so einen Impuls und Rafii sucht bereits nach einem Weg, die "Memore"-Box seinen Patienten dauerhaft anbieten zu können.

Die Wirkung will er durch eine Studie belegen, finanziert von der Barmer GEK. "Wir würden das nicht machen, wenn es nicht schon fundierte neurowissenschaftliche Erkenntnisse darüber gäbe, was diese Art von Videospielen leisten kann."

Studienleiter Michael Wahl, Rehabilitationswissenschaftler der Berliner Humboldt-Universität, sieht das ähnlich - und sagt, dass er kein vergleichbares Produkt kenne. Zwar habe eine Münchner Projektgruppe mal ein ähnliches Kegelspiel mit der Wii-Konsole von Nintendo entwickelt. "Die Memore-Spiele passen sich aber dem Können des Spielers an. Das ist neu."

Sorge davor, dass die Technik die Pflege übernimmt

Reibungslos verläuft die Evaluierung, die zu einem Abschlussbericht Anfang 2018 führen soll, aber nicht. Die ersten Zwischenergebnisse zeigen Wahl, dass sie bei der Auswahl der Teilnehmer noch differenzierter vorgehen müssen. "Menschen mit fortgeschrittener Demenz und begleitenden Krankheiten sind offenbar nicht für jedes Spiel geeignet." Zudem läuft die Suche nach Freiwilligen schleppend. "Die Skepsis gegenüber technischen Neuerungen ist groß", sagt er, nicht nur unter den Bewohnern. "Die Angestellten betrachten Innovationen oft eher als Belastung und nicht als Entlastung." Dabei werde übersehen, dass die Bewohner mit der Konsole selbst spielen könnten und dann nicht direkt betreut werden müssten. Stattdessen befürchten sie, "dass die Technik die Pflege übernimmt".

Neben dem Hospital zum Heiligen Geist in Hamburg, wo Michael Wahl regelmäßig den Fortschritt der Studie verfolgt, zählen auch Seniorenheime der Wohlfahrtsverbände Johanniter und Malteser zu den Ersten, die die Spiele testen. Für das RetroBrain-Team gehört es jetzt zu den drängendsten Aufgaben, den Vertrieb auszubauen. Geht es nach dem Wunsch von Manouchehr Shamsrizi, sollen auch Krankenhäuser sowie ein "strategischer Partner" dazukommen, ein Hersteller von Pflegemitteln oder medizinischen Geräten. Und weitere Investoren. 20 Prozent ihres Unternehmens haben sie bereits abgegeben, gerade bereiten sie eine weitere Finanzierungsrunde vor.

An diesem Mittag im November muss Shamsrizi aber erst mal in die Innenstadt. Dort will er einen Microsoft-Manager zum Essen treffen. "Ideen und Visionen in die Öffentlichkeit tragen, Partnerschaften aufbauen und pflegen - das habe ich früh gelernt, und es ist zu befürchten, dass es das Einzige ist, was ich wirklich gut kann", scherzt er und beratschlagt sich kurz mit seinem Team. "Was brauchen wir noch, worum soll ich ihn bitten?" Die Kollegen rufen ihm zu, dass sie sich weitere Laptops und Tablets wünschen. Nicht ausgeschlossen, dass Shamsrizi seinem Gesprächspartner welche abschwatzt. Er macht das ganz spielerisch.



insgesamt 5 Beiträge
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larryunderwood 01.01.2017
1. Wie Geil
Haben wir kit der wii schon vor über 10 Jahren gemacht..... Wahnsinn
seb.mazur@googlemail.com 01.01.2017
2. na,
schon vergessen, was im artikel stand?
Werner_Schmitt 01.01.2017
3. Etwas mehr Zeit wäre wohl sinnvoller
Die Herrschaften der Firma RetroBrain sind wirklich clever. Auf dem echten Spielemarkt kommen sie wohl nicht zum Zuge. Nun versuchen sie anscheinend erfolgreich Geld bei der AOK locker zu machen. Die AOK sollte mal überlegen wie man den älteren Menschen mit echter Zuwendung hilft. Und vor allem mit etwas mehr Zeit. Anstatt dubiosen Geschäftemachern Geld in den Rachen zu werfen.
remcap 01.01.2017
4. Alter Hut
Nintendo hatte so was schon vor etlichen Jahren auf den Gamecube in den Altersheimen mit entsprechender Software aufgestellt. Mit Matte und dem ganzen anderem Fitneszeug dabei. Hat schon damals nicht so richtig funktioniert, da zu eintönig.... selbst im technikoffenen Japan.
fatfrank 02.01.2017
5. Wie praktisch
"...gerade bereiten sie eine weitere Finanzierungsrunde vor." Da macht sich ein Artikel auf SPON natürlich großartig. Microsoft und die AOK sind wohl nicht die Einzigen, die sich haben beschwatzen lassen.
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