Steuerhinterziehung Verraten und verkauft mit der Credit Suisse

Ein Ehepaar hatte viel Geld und wollte keine Steuern zahlen. Also versteckte es seine Millionen in Schweizer Tarnversicherungen. Doch seit dem Tod der Mutter ringen die Töchter mit der Credit Suisse um das Vermögen. Lehrstück aus einem Milieu, in dem man knauserig ist und leichtsinnig zugleich.

Von , Köln

Credit-Suisse-Zentrale in Zürich: Gewinnt am Ende nur die Bank?
REUTERS

Credit-Suisse-Zentrale in Zürich: Gewinnt am Ende nur die Bank?


Eine Seite Papier, darauf eine Zahl: 450.000 Euro. "Fondsgebundene Lebensversicherung" steht oben, unter dem Schriftzug der Credit Suisse. Und in der Zeile "Bezugsrecht im Todesfall der versicherten Person" sind zwei Namen notiert: Laura von W. und Annette M., die beiden Töchter von Elisa Neuhaus*, die den Vertrag abgeschlossen hatte. Auf den ersten Blick ein ganz normaler Versicherungsschein. Klare Regeln, keine Probleme.

Doch es sieht nur so aus.

Denn in der Geschichte der Familie Neuhaus* aus Köln geht es um viel Geld, um Millionen - und darum, wie man sie vielleicht sogar verlieren kann, wenn man sie unbedingt erhalten will. Die Eltern versteckten das Vermögen einst aus Geiz, Gier oder Angst vor den deutschen Behörden - erst in Liechtenstein und dann in der Schweiz. Der Manager und seine Frau, eine Lehrerin, glaubten wahrscheinlich, sie seien besonders schlau. Doch nach dem Tod der Mutter zeigt sich nun, dass eine Instanz wohl noch schlauer war: die Bank.

Um zu verstehen, warum Peter* und Elisa Neuhaus ihr Geld ins Ausland brachten, muss man weit zurückgehen, in die achtziger Jahre, in die boomende Bundesrepublik, als der Ingenieur Peter Neuhaus für einen deutschen Industriegiganten Kohlekraftwerke in die ganze Welt verkaufte. Ein gutes Geschäft. Später erzählte er seinen Töchtern nicht ohne Stolz, wie er bei den Abrechnungen in Südamerika getrickst hatte und wie reichlich die Schmiergelder geflossen waren.

Doch so entstand damals ein Problem: Wohin mit dem schmutzigen Geld?

Immobilien, klar. Eine Villa in Italien, ein Penthouse bei Köln - aber der Rest? Liechtenstein schien die Lösung, eine Stiftung, das hatte der Vermögensberater aus der Schweiz empfohlen. Viele Jahre lang ging das gut, doch dann flog im Februar 2008 Post-Chef Klaus Zumwinkel genau mit einer solchen Stiftung auf. Der Schock in der Hinterzieher-Szene war immens.

Hilfe vom freundlichen Bankangestellten aus Zürich

Auch Peter und Elisa Neuhaus machten sich Sorgen. "Meine Mutter hatte Angst, dass jeden Augenblick die Steuerfahndung vor der Tür stehen könnte", erinnert sich Tochter Annette, heute 46. Also half erneut der freundliche Bankangestellte aus Zürich. Er empfahl der damals 72-Jährigen und ihrem 75 Jahre alten Mann spezielle Lebensversicherungen, die sie im Frühjahr 2010 abschlossen. Gesamthöhe des angelegten Kapitals: etwa eine Million Euro.

"Life Portfolio Germany" heißt das komplizierte Finanzprodukt der Credit Suisse Life and Pensions AG in Liechtenstein. Tochter Annette vermutet, dass es sich dabei um eine Tarnversicherung handelt, wie sie ganz ähnlich im jüngsten Steuerskandal der Schweizer Bank eine Rolle gespielt haben könnte.

Dabei sollen deutsche Kunden der Credit Suisse sogenannte Versicherungsmäntel gekauft haben, also Produkte, die als Lebensversicherung getarnt werden, aber eigentlich normale Anlagedepots sind. Darin können zum Beispiel Aktien, Investmentfonds oder komplizierte strukturierte Finanzprodukte verwaltet werden. Die deutsche Steuergewerkschaft hatte schon vor Jahren vor diesen Konstruktionen gewarnt und eine schärfere Kontrolle gefordert.

Doch Kontrolle hatte auch das Ehepaar Neuhaus nicht. Denn weder Peter noch seine Frau Elisa erhielten nach Darstellung der Tochter von der Credit Suisse schriftliche Informationen über die Versicherungen. "Sie haben ihrem Berater, den sie seit vielen Jahren kannten, blind vertraut", so Annette M. Auf ihre Frage nach Verträgen, Beschreibungen, Broschüren habe die Mutter geantwortet: "Bist du verrückt? Wenn wir damit erwischt werden." Man wollte auf Nummer sicher gehen, man wollte besonders clever sein. Wenig später erkrankte Elisa Neuhaus an Krebs.

Im August 2010 flog die bereits arg geschwächte Mutter noch einmal nach Zürich, diesmal gemeinsam mit ihren Töchtern. Das Verhältnis zum Vater und Ehemann, der nach langer Krankheit körperlich und geistig ebenfalls stark beeinträchtigt war, hatte sich inzwischen enorm verschlechtert. Es herrschte jetzt offenes Misstrauen zwischen den Frauen der Familie und dem Patriarchen Peter Neuhaus.

Auszahlung der Versicherungssumme erst im Jahr 2025

Die Kinder drängten ihre Mutter daher, dass sie entsprechende Papiere haben müsste, um über ihre Lebensversicherung tatsächlich verfügen zu können. Deswegen war eigens ein Termin bei der Credit Suisse anberaumt worden.

"Doch meiner Mutter wurde nur die Kopie eines Versicherungsscheins ausgehändigt. Ihre Police bekam sie noch nicht einmal zu sehen", erinnert sich Annette M. Immerhin konnten die Damen dem lediglich von zwei Bankmitarbeitern unterzeichneten Wisch nun erstmals entnehmen, dass die Versicherungssumme erst im Jahr 2025 ausgezahlt werden sollte - was ihnen vollkommen neu war. Einige Monate darauf starb Elisa Neuhaus.

Wochen später, es war im Mai 2011, reisten Annette M. und ihre Schwester Laura von W., heute 49, noch einmal in die Schweiz. Sie wurden ja als Begünstigte in der Lebensversicherung ihrer Mutter geführt und wollten sich nun bei dem langjährigen Bankberater ihrer Eltern über alle weiteren Schritte informieren.

"Doch uns wurde gesagt, dass uns noch nicht einmal Versicherungsunterlagen zustünden", so Annette M. "Auch mit der Vollmacht meiner Mutter, in der uns ausdrücklich auch das Recht der Vermögenssorge übertragen worden war, ließe sich am Auszahlungszeitpunkt 2025 nicht mehr rütteln, sagte man uns." Die Töchter erfuhren nach ihrer Erinnerung darüber hinaus Grundsätzliches: An dem Vertrag könne inzwischen nichts mehr geändert werden, habe es geheißen.

Konnte es dann aber doch.

Denn Mitte Juni verkündete der triumphierende Vater, mit dem die Töchter mittlerweile endgültig gebrochen hatten, seinen Kindern am Telefon: Die Bank habe nun ihn als Versicherungsnehmer an Stelle seiner verstorbenen Frau eingesetzt. Der Berater aus Zürich habe ihn deswegen extra besucht. Wohlgemerkt: Peter Neuhaus tauchte bis dato in der Lebensversicherung der Mutter nicht auf und ist zudem bis heute nicht vollständig erbberechtigt.

In einem Telefonat mit Annette M.s Mann wand sich der zur Rede gestellte Credit-Suisse-Mitarbeiter: Ja, nun, das sei so vorgesehen gewesen. Der Vater sei jedoch kein Versicherungsnehmer mit vollständigen Rechten, nein, nein, sondern bloß eine Art juristischer Statthalter, so der Berater. In den Schriftsätzen, die seine Bank später verschicken ließ, ist von einer solch eingeschränkten Rechtsstellung des Peter Neuhaus allerdings nichts zu lesen.

Alle Versuche, sich mit der Credit Suisse gütlich zu einigen, sind bislang gescheitert. Man schrieb hin, man schrieb her, man telefonierte und mailte. Es half alles nichts. Inzwischen sieht es so aus, als bliebe den Töchtern nur noch der Rechtsweg, um an das Geld zu kommen, das Elisa Neuhaus für sie angelegt hatte. "Wir werden nicht akzeptieren, dass die Credit Suisse den letzten Willen unserer Mutter mit fadenscheinigen Argumenten hintertreibt."

Die Credit Suisse ließ eine schriftliche SPIEGEL-ONLINE-Anfrage zu dem Vorgang bislang unbeantwortet.

Gewinnt am Ende nur die Bank?

Die beiden Töchter quälen sich mit Fragen, die ihnen niemand beantworten will, weil sie darauf angeblich kein Anrecht haben: Was geschieht eigentlich nach dem Tod des Vaters mit der Lebensversicherung der Mutter? Und was passiert mit dem Vermögen des Vaters? Und womit sollen die Schwestern im Jahr 2025 ihre Ansprüche auf die dann abgelaufene Lebensversicherung der Mutter geltend machen, wenn ihnen sämtliche Unterlagen fehlen?

Die Anwälte der Bank schreiben neuerdings von einer "Vertrauensperson", die über Einhaltung der Verträge wachen soll. Doch wessen Vertrauen diese Person genießt und wer sie ist, teilen die Juristen nicht mit. "Vielleicht ist es wie im Casino", sagt Annette M., "am Ende gewinnt nur die Bank?"

Das Schwarzgeld hat der Familie kein Glück gebracht - und liegt nun auch noch so kompliziert versteckt, dass die Erben nicht mehr heranzukommen scheinen. Das Finanzamt könnte sich keinen besseren Fall ausdenken, um potentielle Steuerhinterzieher von ihrem Vorhaben abzubringen.

*Namen von der Redaktion geändert



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 149 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Christian Guenter 18.07.2012
1. Mein Mitleid
hält sich sehr in Grenzen. das man Banken und die Vorstände besser Bankster nennt ist eh klar.
123abc456 18.07.2012
2. Mitleid
Vor Mitleid kommen einem ja die Tränen...
SPONU 18.07.2012
3. Jeder Kleinsparer
der zudem noch brav seine Steuern zahlt liest solche Fälle mit entzückter Schadenfreude.
byzopsycho 18.07.2012
4. zuviel Geld macht einfach unglücklich!
weniger ist manchmal sogar besser.
x33o 18.07.2012
5. Gerechtigkeit!
Vielen Dank! Muss man sich vorstellen, da werden Steuerhinterziehern die hinterzogenen Steuern hinterzogen ;o) Schweiz .. i moag di!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.