Richtig oder falsch 80 Prozent der weltweiten Steuerliteratur sind deutsch. Stimmt's?

Im Steuerrecht ist Deutschland unübertroffen, angeblich hat kein Land mehr Gesetze, Verordnungen und Richtlinien. Was ist dran an dem Vorurteil?

Steuerliteratur
picture alliance / Ulrich Baumgarten

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Ein Gastbeitrag von Stefan Bach


Ein Großteil der weltweiten Steuerliteratur stammt aus Deutschland, so lautet ein alter Steuermythos, der sich bis heute hartnäckig hält. Insbesondere vor zehn Jahren geisterte er durch Talkshows und Politikerreden, als die große Steuerreform mit grundlegender Steuervereinfachung in aller Munde war. Der CSU-Politiker Edmund Stoiber sprach von 60 Prozent Anteil, der mittlerweile verstorbene FDP-Mann Guido Westerwelle von 70 bis 80 Prozent, obwohl weltweit nur zwei Prozent aller Steuerzahler aus Deutschland kommen.

Zum Autor
  • DIW
    Stefan Bach arbeitet am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und lehrt als Privatdozent an der Universität Potsdam. Seit mehr als zwei Jahrzehnten forscht er zu Steuern, Sozialpolitik und Verteilung. Sein Buch "Unsere Steuern. Wer zahlt? Wie viel? Wofür?" erscheint in diesen Tagen im Westend Verlag. Der Text ist ein Auszug aus diesem Buch.

Der Mythos bringt das große Unbehagen an der Komplexität des Steuerrechts zum Ausdruck. Wie er entstanden ist oder wer ihn in die Welt gesetzt hat, lässt sich nicht klären. Internationale Vergleiche zeigen aber schnell, dass sich das deutsche Steuersystem bei der Kompliziertheit nicht nennenswert von anderen Ländern unterscheidet.

Den pragmatischen Auftakt machte vor Jahren ein bekannter deutscher Steuerberater, der mit dem Zollstock in die Bibliothek des International Bureau of Fiscal Documentation in Amsterdam ging, die den größten Bestand an weltweiter Steuerliteratur gesammelt hat. Dort maß er aus, wie viele der gesamten Regalmeter auf Bücher und Zeitschriften entfallen, die sich mit dem deutschen Steuerrecht beschäftigen - er kam auf zehn Prozent. Eine Analyse der elektronischen Bestände ergab später einen Anteil von knapp 15 Prozent.

Die Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers (PwC) hat in Studien den Umfang der Unternehmenssteuergesetze in verschiedenen Ländern verglichen: Demnach liegt Deutschland im Mittelfeld und deutlich besser als etwa Großbritannien oder die USA. Ähnliche Ergebnisse zeigen Analysen zu den Steuerbefolgungskosten der Unternehmen und Bürger, also zum Kosten- und Zeitaufwand für Buchführung, Belegdokumentation und Steuererklärung.

Dass die Mär vom undurchdringlichen deutschen Steuerdschungel kaum totzukriegen ist, liegt wohl auch am viel gerühmten deutschen Ordnungssinn oder auch dem Logik- und Systematisierungswahn der deutschen Juristerei. Die Angelsachsen mit ihrer Tradition des fallorientierten, natürlich gewachsenen und wenig kodifizierten "common law" haben damit weniger Probleme, auch wenn es bei ihnen eher noch komplizierter ist. Historisch gewachsene Steuersysteme, in denen Generationen von Finanzpolitikern ihre Spuren hinterlassen haben, sind eben nicht nur mit den Gesetzen der Logik zu verstehen.

Wer schreibt, der bleibt

Eine grundlegende Steuerreform ist extrem aufwendig und nur schwer gegen die Einzelinteressen durchzusetzen, die an den bestehenden Normen hängen. Die Wirtschaftsverbände und Lobbyisten bemühen zwar gerne das Argument der Steuervereinfachung, wenn sie Steuersenkungen verlangen oder Steuererhöhungen verhindern wollen. Zugleich haben sie natürlich gar kein Problem damit, die kompliziertesten Steuervergünstigungen zu entwickeln und zu fordern, die den Befolgungs- und Verwaltungsaufwand des Steuersystems kräftig hochtreiben - siehe die millionenschweren Erbschaftsteuerprivilegien für Firmenerben.

Steuerdebatte in Bildern

Genährt wird der Mythos von der riesigen deutschen Steuerliteratur wohl auch durch den Publikationseifer des deutschen Steuerberatungsgewerbes. Hier gilt das altbewährte Motto: Wer schreibt, der bleibt. Es gibt unendlich viele Fachzeitschriften, Monografien, Sammelbände und Kommentare, in denen die Steuerberater, -juristen und Finanzbeamten ihre laufende Arbeit veröffentlichen: Fälle und Sparmodelle beschreiben, Gerichtsurteile darstellen, Gesetze, Verordnungen und Richtlinien kommentieren, Reformvorschläge entwickeln und beschreiben. Besonderen Neuigkeitswert haben viele dieser Publikationen nicht. Abgesehen von Nebenverdienst und Freizeitbeschäftigung geht es dabei vor allem auch darum, im Geschäft zu sein oder die "herrschende Meinung" zu beeinflussen, die großen Einfluss auf Finanzverwaltung und Gerichte hat.

Hohe Steuern schaden der Wirtschaft, das deutsche Steuersystem ist das komplizierteste der Welt und die Einnahmen im Staatshaushalt sprudeln zu immer neuen Rekorden. In unserer Serie entlarvt Stefan Bach die größten Steuermythen. Die nächste Folge erscheint am Freitag. Bisher erschienen:

Teil 1: Warum hohe Steuern der Wirtschaft nicht schaden müssen
Teil 2: Der Mythos von der Bierdeckelreform
Teil 3: Ist Steuernsparen den Deutschen wirklich wichtiger als Sex?
Teil 4: Volle öffentliche Kassen - und jährlich grüßt der Steuerrekord

Teil 5: Kapital ist ein scheues Reh
Teil 6: Warum Ökosteuern doch etwas bringen

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insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
andreasclevert 15.09.2016
1. ich bin kein Experte...
...sondern nur Leidtragender. Aber aus dem deutschen Steuerrecht kommt der wunderbare Begriff der 'umgekehrten Heimreise'. Eine sprachliche Wortschöpfung, die ich in unserem deutsch-spanischen Familienleben immer wieder erläutern darf und damit mindestens eine halbe Stunde Heitererkeit erzeuge. Und wenn mein (spanischer) Schwiegervater sich staunend über den Umfang meiner Steuererklärung in Deutschland äußert, antworte ich nur, dass ich diesen Aufwand betreibe, um das wiederzubekommen, was nach spanischem Steuerrecht gar nicht gezahlt werden muss.
herbert 15.09.2016
2. Es gab mal einen CDU Mann, der wollte alles auf einem Bierdeckel regeln!
Fakt ist aber: Deutschlands Gesetze und Verordnungen und besonders das Steuerrecht, kann kaum ein Normalbürger noch deuten. Also muss man sich einen teueren Experten nehmen, der dann oft auch nicht mehr durchblickt. Dies besonders im Steuerrecht! Grausam diese deutschen Regierungen, die es nicht gebacken bekommen, dass der Normalbürger alles versteht
rolli 15.09.2016
3.
Am ungerechtesten ist es alle über einen Kamm zu scheren. Gerechtigkeit braucht seine Ausnahmen und Besonderheiten. Dass das eben viel Verordnungen und Gesetzestexte braucht ist doch klar. Wer ein einfaches Steuerrecht fordert, fordert gleichzeitig ein ungerechtes Steuersystem. rolli
hohnspiegel 15.09.2016
4. Deutsche Steuerdichter und Denker
Als ich meinen Bilanzbuchhalter gemacht habe war das erste das der Dozent erklärte, dass in Deutschland erst einmal ein Steueregesetz erlassen wird und dann 1000 Ausnahmeregelungen hinzukämen, somit würden die Steuergesetze von Jahr zu Jahr immer dicker, insbesonders die Ausführungsbestimmungen , Kommentare und Urteile der Gerichte die man dazu kennen sollte.
sarang he 15.09.2016
5.
PWC hat lediglich die Unternehmenssteuerliteratur verglichen. Allein was es an Steuerliteratur für Landwirte, Beamte, Beamte in Ruhestand (!), Rentner im Ausland, Studenten usw, usf gibt, was es in dieser Form zumindest mir bekannt in den meisten anderen Ländern der Welt überhaupt nicht gibt - da kommt man schon auf mindestens 80 %. ;)
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