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09. Januar 2012, 09:02 Uhr

Stichprobe in Supermärkten

Tierschützer finden gefährliche Keime in Hähnchenfleisch

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Der massive Einsatz von Antibiotika in der Geflügelzucht hat gefährliche Nebenwirkungen. Die Tierschützer vom BUND haben in deutschen Supermärkten in jedem zweiten Hähnchenprodukt resistente Bakterien entdeckt. Die Keime bergen für Verbraucher hohe Risiken.

Hamburg - Diese Studie dürfte den Streit über die Massentierhaltung anheizen: Der BUND hat bei einer Stichprobe, deren Ergebnisse SPIEGEL ONLINE vorliegen, in jedem zweiten Hähnchenfrischfleisch antibiotikaresistente Bakterien entdeckt. Bei zehn von 20 Proben wiesen die Umweltschützer MRSA- oder ESBL-produzierende Keime nach. Diese können beim Menschen dazu führen, dass sich Resistenzen gegen Antibiotika bilden - ein infizierter Patient also schwerer behandelbar ist. In einer Probe entdeckte der BUND sogar beide Keime.

Die Autoren der Studie haben in fünf deutschen Großstädten Hähnchenfrischfleisch gekauft und dieses von einem Lebensmittellabor untersuchen lassen. Die Proben stammen laut BUND aus den fünf großen Supermarktketten Aldi, Lidl, Rewe, Edeka und Real. Die Tester kauften Schenkel, Flügel, Brustfilet und Frikasseehuhn von den drei größten Hähnchenproduzenten Deutschlands - Wiesenhof, Sprehe und Stolle.

Der BUND räumt ein, dass es sich nicht um eine repräsentative Untersuchung handelt, sondern um eine Stichprobe. Diese zeige allerdings erstmals, welche Folgen der flächendeckende Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung hat. Im Herbst sorgten Studien für Aufsehen, wonach bis zu 96 Prozent der Masthähnchen Antibiotika erhalten. "Mit ihrer Art der Tierhaltung züchtet die Agrarindustrie Resistenzen geradezu her - zum Schaden der Verbraucher", kritisiert der Vorsitzende der Umweltorganisation, Hubert Weiger.

Denn je mehr Antibiotika eingesetzt werden, umso größter ist die Gefahr, dass sich resistente Bakterien bilden. Der BUND kritisiert zudem die sehr lange andauernde Behandlung, die Kombination verschiedener Medikamente und ihren prophylaktischen Einsatz. Mit Letzterem ist gemeint, dass aufgrund einzelner Erkrankungen ganze Gruppen von Hühnern mit Antibiotika behandelt werden - also auch gesunde Tiere.

"Tierärzte dürfen nicht länger Arzt und Apotheker sein"

In den vergangenen Wochen geriet der massive Antibiotika-Einsatz in der Landwirtschaft zunehmend in die Kritik. Er ist den Zuständen der Massentierhaltung geschuldet, bei dem viele Tiere auf wenig Raum gehalten werden. Stress und Hygieneprobleme sind die Folge.

Der BUND fordert nun, den Antibiotika-Einsatz drastisch zu reduzieren. Die Standards in der Tierzucht müssten so angepasst werden, dass Antibiotika entbehrlich seien. Von der Bundesregierung verlangt der BUND, die Aufsicht über die Landwirtschaft und die Regeln für Tierärzte zu verschärfen. Diese dürften "nicht länger Arzt und Apotheker sein" - sprich: Sie sollten nicht mehr am Verkauf der Medikamente mitverdienen, die sie selbst verschreiben.

Denn dadurch haben Tierärzte ein offensichtliches Interesse, besonders hohe Mengen an Antibiotika zu verordnen. In Skandinavien, wo dies verboten sei, ist der Verbrauch deutlich niedriger als in der deutschen Landwirtschaft, wo laut BUND mindestens 784 Tonnen Antibiotika pro Jahr verschrieben werden. Das ist mehr als die doppelte Menge, die alle Bundesbürger im gleichen Zeitraum einnehmen.

Gefährlich für Menschen mit schwachem Immunsystem

Um welche Bakterien geht es konkret? Zwei Proben waren mit MRSA belastet - Bakterien, die bei Menschen Wundinfektionen verursachen können. Wenn das Immunsystem geschwächt ist, drohen zudem Blutvergiftungen und Lungenentzündungen. MRSA-Bakterien sind laut BUND gegen viele Antibiotika resistent. Laut Robert-Koch-Institut haben Menschen mit engem Kontakt zu Nutztieren ein 138-fach höheres Risiko, MRSA-Bakterien zu bekommen. Besonders gefährdet sind also zum Beispiel Bauern und Tierärzte.

In zehn Hähnchenprodukten wiesen die Tester ESBL nach. Das sind Enzyme, bei denen Beta-Laktam-Antibiotika unwirksam sind. Wenn ein Patient sich mit einem Darmkeim wie E.coli, der das Enzym produziert, infiziert, sind Ärzte in ihren Therapiemöglichkeiten eingeschränkt. Sie können Erkrankungen dann nur noch mit wenigen sogenannten Reserveantibiotika behandeln. Zudem steigt die Gefahr, dass sich weitere Resistenzen bilden. Besonders gefährlich sind EBL-produzierende Keime auch für Menschen mit einem schwachen Immunsystem - also Ältere, Kranke, Kinder und Schwangere.

Im schlimmsten Fall kann eine Infektion sogar zum Tod führen. Das Europäische Parlament beziffert die Zahl der Toten durch Infektionen, die durch resistente Keime verursacht wurden, in der EU auf 25.000 pro Jahr.

Wiesenhof verweist auf regelmäßige Kontrollen

SPIEGEL ONLINE hat alle drei Fleischproduzenten mit den Vorwürfen des BUND konfrontiert. Bis Montagvormittag reagierte nur Wiesenhof. Dessen Lieferanten hätten den Einsatz von Antibiotika in den vergangenen 20 Jahren halbiert, teilte ein Sprecher mit. Der vorbeugende Einsatz von Antibiotika sei im Unternehmen "strikt untersagt". Wiesenhof verzichte seit 1997 auf Antibiotika zur Steigerung des Masterfolgs.

Ein möglicher Missbrauch werde "durch ein intensives Rückstandsmonitoring unterbunden, zum Beispiel durch unangekündigte Kontrollen des Futters und Wassers vor Ort beim Landwirt". Im vergangenen Jahr seien rund 10.000 Tests durchgeführt worden. Wiesenhof verweist zudem darauf, dass Geflügel stets unbesorgt verzehrt werden könne, wenn der Verbraucher die Regeln der Küchenhygiene einhalte und das Fleisch vollständig durchgare.

Laut BUND reicht das aber kaum aus. Zwar helfe eine hygienische Verarbeitung, die Gefahr einer Infektion zu verringern. Damit würden aber die Ursachen des Problems nicht behoben - und damit auch eine weitere Verbreitung der Keime nicht verhindert.

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