Warnstreiks Hunderte Flüge fallen aus

Die Streiks der Gewerkschaft Ver.di treffen Reisende mit voller Wucht. Hunderte Flüge wurden annulliert. In Kitas und bei der Müllabfuhr stockt der Betrieb. Auf Autobahnen kommt es zu Staus.

Flughafen in München
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Flughafen in München


Die Warnstreiks im öffentlichen Dienst zeigen bereits in den frühen Morgenstunden am Dienstag Wirkung - vor allem beim Reiseverkehr.

  • Am größten deutschen Airport in Frankfurt wurden 660 von 1437 geplanten Starts und Landungen gestrichen.
  • In München hat allein die Lufthansa insgesamt 240 Inlands- und Auslandsflüge gestrichen.
  • Am Berliner Flughafen Tegel fallen bislang etwa 70 Flüge der Lufthansa und ihrer Tochter Eurowings aus.
  • Am Flughafen Leipzig/Halle wurden bisher 18 Flüge annulliert.
  • In Bremen und Hannover wurden bislang etwa 40 Flüge gestrichen.
  • In Hamburg fallen bislang 65 Flüge aus.
  • Am Flughafen Köln/Bonn wurden vorsorglich mehr als 70 Flüge gestrichen.

Die Gewerkschaft Ver.di und der Beamtenbund dbb wollen mit den Streiks ihre Forderungen in laufenden Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst durchsetzen. Sie verlangen für die bundesweit 2,3 Millionen Beschäftigten in diesem Sektor sechs Prozent mehr Lohn, mindestens aber 200 Euro pro Monat.

Ver.di bestreikt an den Flughäfen vor allem die Bodenverkehrsdienste. An den einst staatlich betriebenen Flughäfen werden noch viele Beschäftigte nach dem Tarif des öffentlichen Dienstes bezahlt.

Die Ausstände an den Airports sind zunächst auf Dienstag beschränkt und sollen von 5 Uhr bis 18 Uhr dauern. Insgesamt könnten mehr als 800 Flüge ausfallen und 90.000 Passagiere betroffen sein. Tausende Beschäftigte beteiligen sich an den Ausständen.

Bis Freitag werden allerdings auch Stadtwerke, Müllabfuhr, der Nahverkehr und Kindertagesstätten bestreikt. Auf manchen Autobahnen bildeten sich lange Staus. Eine Übersicht der geplanten Ausstände nach Bundesländern finden Sie hier.

Protestierende Bus- und Straßenbahnfahrer in NRW
DPA

Protestierende Bus- und Straßenbahnfahrer in NRW

Am Dienstag sind zudem mehrere Demonstrationen geplant. Zu einer Kundgebung vor dem Bahnhof Friedrichstraße werden bis zu 1000 Teilnehmer erwartet. Auch auf dem Münchner Marienplatz findet um 11 Uhr eine Großkundgebung statt.

Reisende, deren Flug gestrichen wurde, sollten sich umgehend mit der zuständigen Airline in Verbindung setzen. Lufthansa-Fluggäste können ihr Ticket meist gegen eine Bahnkarte umtauschen oder ihren Flug kostenlos verschieben.

Was tun bei Streik?
INFORMATIONEN
Erster Ansprechpartner für Flugreisende ist immer die Fluggesellschaft, bei Pauschalreisen der Reiseveranstalter. Auch der jeweilige Flughafen bietet auf seiner Internetseite ausführliche Informationen über die aktuellen Abflug- und Ankunftszeiten. Bei Informationen aus dem Internet ist es sinnvoll, sich diese auszudrucken, um später einen Beleg zu haben.
STORNIEREN, UMBUCHEN ODER UMSTEIGEN
Einen streikbedingt gestrichenen Flug kann der Kunde stornieren, er bekommt dann sein Geld zurück. Wer trotzdem fliegen will, hat Anspruch auf einen späteren Flug. Das kann aber dauern, bis der Streik vorbei ist - und auch länger, weil ein Rückstau entstehen kann. Bei langen Ausständen muss die Fluggesellschaft eine Ersatzbeförderung organisieren, zum Beispiel mit der Bahn oder mit Bussen.
VERSPÄTUNG
Verspätet sich der Flug wegen des Streiks, stehen Betroffenen bestimmte Leistungen zu. Bei einer kürzeren Flugstrecke von maximal 1500 Kilometern haben die Passagiere ab einer Verspätung von zwei Stunden Anspruch auf Betreuungsleistungen, also Telefonate, Getränke und Mahlzeiten. Ist der Flug zwischen 1500 und 3500 Kilometer lang, greift die Vorschrift ab einer Verspätung von drei Stunden, bei Langstreckenflügen von 3500 und mehr Kilometern liegt die Grenze bei vier Stunden. Gegebenenfalls muss auch eine Übernachtung im Hotel bezahlt werden. Auch bei einer großen absehbaren Verspätung sollten Passagiere immer zur ursprünglichen Abflugzeit am Flughafen sein. Es besteht sonst die Gefahr, dass die Fluggesellschaft doch früher einen Ersatzflug anbieten kann - und der Reisende ihn dann verpasst.
ENTSCHÄDIGUNG
Bei Annullierung, Überbuchung oder Verspätung ab drei Stunden haben Passagiere zwar laut EU-Verordnung Anspruch auf eine Entschädigung von bis zu 600 Euro - aber nur, wenn kein "außergewöhnlicher" Umstand daran schuld ist. Die Fluggesellschaften werten Streiks - wie zum Beispiel auch miserables Wetter - aber als außergewöhnlichen Umstand. Entschädigung gibt es daher nicht.

Ver.di verteidigte die Ausstände am Dienstag. Man setze "deutliche Signale an die Arbeitgeber", sagte Frank Bsirske, der Chef der Gewerkschaft. "Wir erwarten, dass sie in der dritten Verhandlungsrunde ein verhandlungsfähiges Angebot vorlegen."

Lufthansa-Personalchefin Bettina Volkens bezeichnete die Protestaktion der Gewerkschaft indes als inakzeptabel. "Lufthansa ist gar nicht Partei in diesem Tarifkonflikt, dennoch sind vor allem unsere Kunden und wir von den Folgen der Auseinandersetzung betroffen", monierte sie.

Die wahrscheinlich abschließende Verhandlungsrunde beginnt an diesem Sonntag in Potsdam.

ssu/dpa-AFX

insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 10.04.2018
1. Warum...
....kann Fraport nicht einfach sagen welche Flüge ausfallen...ewiges rumdoktoren hilft doch nicht....dann spart man sich wenigstens die Fahrt zum Flughafen....aber nein...da wird hin und her laviert und am Ende steht man in der Schlange und der Flug geht nicht ab.
khelesic 10.04.2018
2. Geiselnahme
Solche Streiks treffen völlig Unbeteiligte. Da kann ein mühsam zusammengesparter Kurzurlaub zusammenschrumpfen und das gebuchte Hotel wird gewiss nichts erstatten. Unbeteiligte könnten ein Bewerbungsgespräch, eine Beerdigung verpassen. Das sind sicher nur ganz wenige Beispiele. Streikverbot im Personentransport und bei allen wichtigen Infrastruktureinrichtungen. Wenn tausende Passagiere betroffen sind, hat das nichts mehr mit der Waffengleichheit der Tarifpartner zu tun.
DerBlicker 10.04.2018
3. in der Tat inakzeptabel
Ein Streik soll den Arbeitgeber treffen, also den Flughafenbetreiber , und nicht die Reisenden oder Fluggesellschaften. Ein Grund mehr dafür zu sorgen, dass alle Dienste an den Flughäfen privatisiert oder von Beamten versehen werden. Streikende im öffentlichen Dienst haben dort nichts zu suchen.
spon_2999637 10.04.2018
4. Das ist fast immer so
Zitat von khelesicSolche Streiks treffen völlig Unbeteiligte. Da kann ein mühsam zusammengesparter Kurzurlaub zusammenschrumpfen und das gebuchte Hotel wird gewiss nichts erstatten. Unbeteiligte könnten ein Bewerbungsgespräch, eine Beerdigung verpassen. Das sind sicher nur ganz wenige Beispiele. Streikverbot im Personentransport und bei allen wichtigen Infrastruktureinrichtungen. Wenn tausende Passagiere betroffen sind, hat das nichts mehr mit der Waffengleichheit der Tarifpartner zu tun.
Das ist fast immer so, nur wird es seltener so öffentlich. Wenn - sagen wir mal - die Metaller streiken... meinen Sie nicht, dass da völlig Unbeteiligte in der Produktions- und Lieferkette bei Kunden und Lieferanten betroffen sind? Auch Aktionäre der Firmen haben ja keinen direkten Einfluss auf die Tarifverhandlungen - und sind dennoch sehr schnell von Streiks betroffen (fehlenden Umsätze/Gewinne, sinkende Kurse). Im öffentlichen Dienst, öffentlichen Verkehr und ähnlichen Einrichtungen wird es nur eben auch öffentlich sichtbar.
bapon1 10.04.2018
5. Die Zahlen sagen mir nichts
Um das Ausmaß der Streichungen zu verstehen, muss ich doch wissen, wie viele Starts und Landungen am Flughafen stattfinden!? Sind 240 gestrichene Flüge ab München prozentual nun viel oder wenig?
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