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Streit um Kundenberatung: Finanzindustrie wettert gegen Verbraucherschützer

Von Oliver Lepold

In der Wirtschaftskrise sind Finanzberater massiv in die Kritik geraten. Nun will die Politik die Qualität der Beratung verbessern - und dabei sollen die Verbraucherzentralen eine wichtige Rolle spielen. Doch deren gut gemeinte Ideen stoßen auf herbe Kritik der Finanzindustrie.

Verbraucherschutz: "Qualitätsoffensive Finanzberatung" Fotos
DDP

"Achtung Gefahr!" Ein dicker roter Warnhinweis prangt auf der staatlich geförderten Riester-Rente. Zumindest im "Ampelcheck Geldanlage", einer handlichen Broschüre der Verbraucherzentrale Hamburg. Risiko-, aber renditearme Produkte wie Sparbücher und Bundesschatzbriefe rangieren hingegen unter einem grünen Licht, das "empfehlenswert oder unbedenklich" signalisieren soll.

Hintergrund: Die Verbraucherzentrale der Hansestadt hat Finanzprodukte nach den Kriterien Sicherheit, Rendite, Liquidität und Transparenz beurteilt und mit entsprechenden Symbolen versehen (gelb steht dabei für "Risiko oder Nachteil vorhanden"). Diese einfache Sicht der Dinge wurde als Broschüre "Ampelcheck Geldanlage" für 4,90 Euro an Verbraucher verkauft.

Nach einer Klage der Debeka-Versicherung hatte das Landgericht Berlin die Verbreitung des Ampel-Ratgebers Mitte August gestoppt. Doch hob das Gericht nach dem Einspruch der Verbraucherzentrale die Einstweilige Verfügung aus formalen Gründen vor kurzem wieder auf, berichtet die Zeitschrift DAS INVESTMENT. Seine Entscheidung begründete das Gericht mit dem Argument, die Debeka sei von der Broschüre nicht unmittelbar betroffen und könne deshalb nicht gegen sie vorgehen. Der Richter legt aber Wert auf die Feststellung, dass die Broschüre "Ampelcheck Geldanlage" als Warentest indiskutabel sei und weder sachlich noch neutral gestaltet wurde: "Die Broschüre ist inhaltlich nicht vertretbar. Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen."

"Geldanlage ist komplex und mit drei Ampelfarben nicht zu erfassen", sagt Frank Rottenbacher, Vorstand des Arbeitgeberverbands der finanzdienstleistenden Wirtschaft (AfW), zu dem Gerichtsspruch. Aussagen wie "Auf einen Blick können Sie erkennen, ob Ihre Geldanlage zu Ihnen passt oder nicht", seien naiv. "Die Ausgangssituation ist von Verbraucher zu Verbraucher unterschiedlich. Und es gibt zahlreiche Produkte. Das mit einem Blick beurteilen zu wollen, ist falsch", kritisiert Rottenbacher.

"Systematischer Interessenkonflikt"

Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) sieht das naturgemäß anders und wird dabei vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) unterstützt. Eine Studie der Unternehmensberatung Jung & Evers im Auftrag des Ministeriums propagiert die Stärkung der Honorarberatung gegenüber dem vorherrschenden Provisionsmodell.

Für ihre "Qualitätsoffensive Finanzberatung" betrachtet Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) dabei die Verbraucherzentralen als natürliche Partner. Kein Wunder: Große Teile des Haushalts der Verbraucherschützer werden aus Zuwendungen des Bundes bestritten. Im jüngst veröffentlichten Zehn-Punkte-Papier zur "Qualität der Finanzberatung und zur Qualifikation der Finanzvermittler" fordert Aigners Ministerium unter anderem ein gesetzlich fest verankertes Berufsbild des Honorarberaters. Vertriebsanreize sollen laut Papier stets hinter den Bedürfnissen der Verbraucher zurückstehen.

Das ist ganz im Sinne der Verbraucherzentralen: "Die provisionsabhängige Beratung durch Banken und Finanzvermittler führt zu einem systematischen Interessenkonflikt, der zulasten der Verbraucher geht", so VZBV-Finanzdienstleis-tungsexpertin Dorothea Mohn. Die Honorarberatung müsse ausgebaut und damit eine erkennbare Alternative zur Provisionsberatung geschaffen werden.

Um den Interessenkonflikt bei der Provisionsberatung zu mildern, lautet die Forderung: "Klare Offenlegung aller Provisionen und Rückvergütungen sowie eine langfristige Verteilung der Provisionen auf die gesamte Vertragslaufzeit." Ein weiterer Kernpunkt: die strikte Trennung von Beratung und Vermittlung. "Berater" sollen künftig ausschließlich gegen Honorar beraten dürfen und nicht mehr die Möglichkeit haben, zwischen den Vergütungsformen zu wechseln.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
inci 21.09.2009
Zitat von sysopIn der Wirtschaftskrise sind Finanzberater massiv in die Kritik geraten. Nun will die Politik die Qualität der Beratung verbessern - und dabei sollen die Verbraucherzentralen eine wichtige Rolle spielen. Doch deren gut gemeinte Ideen stoßen auf herbe Kritik der Finanzindustrie. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,649006,00.html
na, so eine ampel ist doch klasse! zeigt sie doch, daß sich die politiker (über die verbraucherschutzverbände) mit dem thema auseinandergesetzt haben. wenn dann hinterher immer noch klagen des verbrauchers, kann er sagen. selber schuld, hättest du mal die aktienoptionen mit dem grünen punkt genommen. das ist virtuelle problemlösung in vollendung, und gilt übrigens für alle anderen ampeln auch........
2. Kein Wunder
gsm900, 21.09.2009
Zitat von sysopIn der Wirtschaftskrise sind Finanzberater massiv in die Kritik geraten. Nun will die Politik die Qualität der Beratung verbessern - und dabei sollen die Verbraucherzentralen eine wichtige Rolle spielen. Doch deren gut gemeinte Ideen stoßen auf herbe Kritik der Finanzindustrie. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,649006,00.html
Stören doch solche Konzepte bei "Lizenz zum Gelddrucken" die ihnen inkompetente oder korrupte Politkier verscahfft haben. Riester ist ein Geschäft füe Bank, nicht immer für den Kunden. Der Namensgeber ist ja auch Mitglied bei Schwindler Plündern Deutschland, die es bekanntlich unfair finden an ihren Versprechen gemessen zu werden. Von solchen Leuten würde nicht einmal ein gebrauchtes Auto kaufen.
3. na klar sind die sauer
ralphofffm 21.09.2009
...gestern ein Interview mit Joe Ackermann gesehen. Dort sagt er das die Bank mit den klassischen Produkten und den privaten Kunden ein sehr gute Rendite teiwleise über 25 % macht, im Handel von Papieren dagegen deutlich weniger. Die Aussage hat mich zwar auch überrascht, aber so wird klar warum sich die Banken dieses Geschäft nicht kaputtmachen lassen wollen.
4. Ist klar,
woscha, 21.09.2009
Zitat von sysopIn der Wirtschaftskrise sind Finanzberater massiv in die Kritik geraten. Nun will die Politik die Qualität der Beratung verbessern - und dabei sollen die Verbraucherzentralen eine wichtige Rolle spielen. Doch deren gut gemeinte Ideen stoßen auf herbe Kritik der Finanzindustrie. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,649006,00.html
daß die " Finanzindustrie " hier aufheult. Geschätzte 20 Milliarden € vernichtetes Vermögen pro Jahr sind ja auch zunächst mal 20 Millarden Umsatz. Ausschließlichkeitsvertreter, Maklerketten - die hauptsächlich mit dem Prädikat " unabhängig " werben, und vor Allem die sogenannten Bankbeamten, sind in der Praxis nichts Anderes als Drückerkolonnen. Ich sehe eigentlich eine faire, und vor Allem gewissenhafte,Beratung nur bei Honorarberatung gegeben
5. Eigenkapitalrendite
Sveto 21.09.2009
Zitat von ralphofffm...gestern ein Interview mit Joe Ackermann gesehen. Dort sagt er das die Bank mit den klassischen Produkten und den privaten Kunden ein sehr gute Rendite teiwleise über 25 % macht, im Handel von Papieren dagegen deutlich weniger. Die Aussage hat mich zwar auch überrascht, aber so wird klar warum sich die Banken dieses Geschäft nicht kaputtmachen lassen wollen.
Es geht um EIGENKAPITALrendite (Verzinsung des Eigenkapitals). Diese - den meisten Laien nicht verständlich - Feinheit lässt sich an folgenden einfachen Beispiel ohne Weiteres erklären: Die Bank vergibt ein Darlehen über 100 Geldeinheigen zu einem Zinssatz von 5%. Die Bank selbst refinanziert die Darlehensvergabe mit 4%. Das Darlehen habe ein KSA-Risikogewicht (§§ 26 ff. SolvV) von 50%, und muss daher in Höhe von 4% der Darlehenssumme mit Eigenkapital unterlegt werden (§ 10 KWG i.V.m. SolvV). Nach Zahlung der Refinanzierungsszinsen für 96 Geldeinheiten (= 3,84 Geldeinheiten) verbleibt der Bank eine Zinsmarge von 1,16 Geldeinheiten, was 29% des eingesetzten Eigenkapitals entspricht. Davon sind dann noch die sonstigen Kosten zu substrahieren, und schon gelangt man zu einer hübschen Verzinsung des eingesetzten Eigenkapitals in Höhe von 4 Geldeinheiten (Eigenkapitalrendite) von gut 20%.
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Verbraucherzentralen
Verbraucherzentralen sind gemeinnützige Vereine ohne Gewinnerzielungsabsicht. Unter dem Dach des Verbraucherzentrale Bundesverbands (VZBV) sind 16 eigenständige Verbraucherzentralen in den Bundesländern sowie 25 weitere Organisationen gebündelt. Die Arbeit wird teils aus dem Verkauf von Broschüren, maßgeblich aber aus öffentlichen Mitteln bestritten. Der VZBV arbeitet als gemeinnütziger Verein und ist eigenen Angaben zufolge parteipolitisch neutral. Der Verband vertritt die Interessen der Verbraucher gegenüber der Politik. Aufgabe in den Regionen wiederum ist die direkte Beratung der Verbraucher. Die Verbraucherzentralen betreuen das Portal Lebensmittelklarheit.de. Dort können Kunden sich seit Juli 2011 über Tricks der Hersteller beschweren.

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