30 Jahre Tschernobyl Ökostrom ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen

Seit der Katastrophe von Tschernobyl ist unsere Stromwelt viel freundlicher geworden. Wir können den (Öko-)Anbieter wählen - und sogar sparen.

Atomkraftwerk Tschernobyl
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Atomkraftwerk Tschernobyl

Eine Kolumne von


Vor 30 Jahren radelte ich in Bonn im T-Shirt durch den radioaktiven Regen. In Tschernobyl war nach einem Atomexperiment ein Reaktor in die Luft geflogen. Radioaktive Wolken zogen über ganz Europa und läuteten das Ende der Stromwirtschaft ein, wie wir sie in Deutschland kannten.

Damals bekamen wir unseren WG-Strom von RWE. Ich wechselte im Sommer darauf die Universität, ging zur Freien Universität (FU) nach Berlin. Dort analysierten wir Studenten, wie sehr die deutschen Stromkonzerne auch Atomkonzerne waren, welche Risiken durch Atomkraftwerke und welche wirtschaftlichen Konsequenzen durch die Atomwirtschaft drohten.

In dem folgenden Jahrzehnt versuchten sich bundesweit die ersten Stadtwerke wieder von den Strommonopolisten mit den Atomkraftwerken zu lösen. In Aachen und Karlsruhe frickelten Ingenieure an einer Photovoltaikanlage auf dem eigenen Hausdach. Und die konservative westfälische Landgemeinde Raesfeld ließ ein Windrad bauen zur Stromversorgung für ihr Klärwerk.

Zur Jahrtausendwende verabschiedete eine rot-grüne Bundesregierung das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das den gut vernetzten Ingenieuren einen wirtschaftlichen Rahmen und mit seiner großzügigen Förderung den Zugang zu Milliardensummen für den Ausbau von Wind- und Sonnenenergie gab.

Aus Ingenieurkollektiven in Berlin-Kreuzberg wurden Solarkonzerne in Bonn und Bitterfeld. Deutscher Ökostrom wird heute nach Frankreich exportiert, wenn französische Meiler wegen zu wenig Wasser in der Rhône mal wieder still stehen. Und das EEG-Gesetz wurde zum Exportschlager deutscher Gesetzgebung überhaupt.

Das Wohl und Wehe der großen Stromkonzerne juckt uns nicht mehr

Die Folge für uns Verbraucher: Das Wohl und Wehe der großen Stromkonzerne juckt uns nicht mehr. Der Strom kommt trotzdem aus der Steckdose, zum Beispiel, weil mein Bruder als Stromerzeuger auf seinem Kuhstall ein riesiges Solardach installiert hat. Ökostrom statt Atomstrom ist mitten in der Gesellschaft angekommen. Ein Jahrzehnt lang haben westfälische Bauern eher ein Solardach installiert als einen neuen Trecker gekauft, ganz unabhängig vom Parteibuch, und damit Kapazitäten geschaffen. Konservative Landesregierungen in Schleswig-Holstein schützen Windpark-Projekte genauso vor Naturschützern wie vor Atom-Lobbyisten. Ein Wald von Windrädern (nun ja) verziert heute die Landschaft Vorpommerns.

Will ich einen Stromvertrag abschließen, kann ich dem früheren Monopolisten (in Bonn RWE, in Berlin Bewag/Vattenfall) was husten. Für meine Wohnung in Berlin-Mitte bekomme ich bei guten Stromvergleichsrechnern 450 unterschiedliche Tarife angeboten, viele deutlich billiger als der Ex-Monopolist.

Beherzige ich als informierter Verbraucher ein paar Grundregeln, maximale Vertragslaufzeit 12 Monate, maximale Kündigungsfrist danach ein Monat, keine Vorkasse und verzichte auf komplizierte Bonusregeln, bleiben immer noch 40 Angebote übrig, darunter viele, mit denen ich einige hundert Euro spare. Auch und sogar der Ökostrom schlägt vom Preis her den lokalen Versorger Vattenfall um Längen. Würde ich 3000 Kilowattstunden Strom im Jahr verbrauchen, bezahlte ich in Berlin bei Vattenfall im Basistarif 953 Euro. Beim Ökostromanbieter meiner Wahl, EWS Schönau, sind es 886 Euro im Jahr. Die Stromrebellen aus Schönau gehören zu denen, die auf die Katastrophe von Tschernobyl mit einem eigenen neuen ökologischen Stadtwerk reagiert haben. Ich könnte aber auch für 718 Euro Ökostrom von Grünwelt bekommen, den der Stromhändler für seine Kunden billig an der Börse gekauft hat.

Gleichzeitig sind die deutschen Stromkonzerne mit den Atommeilern wirtschaftlich stehend k.o. Das liegt nur zum Teil daran, dass der Staat sie mit dem EEG verpflichtet hat, die neuen Ökostromer großzuziehen oder ihre Meiler nach dem Atomausstieg abzuschalten. Langfristig viel schlimmer für die Bilanzen ist ihr atomares Erbe. Strahlende Meiler zum teuren Abreißen und gemeingefährlicher Atommüll, für den es (bislang) keinen sicheren Platz gibt.

Als man vor dreißig Jahren über den Atommüll diskutierte, glaubten die Protagonisten der Atomwirtschaft noch, ihn relativ günstig in einem Salzstock in Gorleben vergraben zu können. Das schreckliche Experiment unserer Forschungselite mit der Einlagerung im Salzstock Asse in Niedersachsen hatte noch nicht seine hässliche Fratze gezeigt.

Rund 24.000 Jahre beträgt die Halbwertzeit des häufigsten Plutoniumisotops (Plutonium-239). Damit das auf ein ungefährliches Maß an Radioaktivität abklingen kann, verlangen die deutschen Strahlenschutzbehörden inzwischen eine sichere Einlagerung für eine Million Jahre. Der Gorlebener Salzstock ist nicht mal für einen Bruchteil dieser Zeitspanne geeignet.

Auf den Kosten des atomaren Erbes werden wir sitzenbleiben

Die Konzerne, die heute noch die Verantwortung für die sichere Entsorgung des Atommülls tragen, sitzen in der Falle. Müssten sie auch nur für 10.000 Jahre (3000 Managergenerationen) die sichere Einlagerung und Bewachung ihres Atommülls bezahlen, wären sie wirtschaftlich k.o. Solche künftigen Verpflichtungen sind für private Unternehmen nicht tragbar. Das müsste eigentlich auch jeder Wirtschaftsprüfer testieren.

Deswegen ist es nur konsequent, wenn die Atomkonzerne uns den Müll zurückgeben. Wir können als Gesellschaft nicht auf diese Weise pleitegehen. Die 23 Milliarden Euro Rückstellungen, die wir Steuerzahler dafür erhalten sollen, sind angesichts dieser Verpflichtungen fast schon ein Taschengeld.

Den Atomstrom sind wir losgeworden, die Macht der Atomkonzerne ist gebrochen. Aber auf den Kosten des atomaren Erbes werden wir sitzenbleiben. Der einstimmige Bericht der Kommission zur Überprüfung der Finanzierung des Atomausstiegs bringt es auf den Punkt. Uns als Gesellschaft bleibt gar nichts anderes übrig, als das ungeliebte atomare Erbe anzunehmen.

Das Verursacherprinzip galt für Atomkonzerne ohnehin noch nie wirklich. Die Konzerne haben auch das Risiko des Betriebs der Meiler auf die Gesellschaft abgewälzt. Passiert ein großer Unfall, sind sie bis zur Abschaltung des letzten AKW nur mit wenigen Milliarden Euro Versicherungsleistung dabei. Den Rest bezahlen wir, mit unserer Gesundheit und mit unserem Geld.

Zum Radeln im T-Shirt war es mir am Dienstag, den 30. Jahrestag von Tschernobyl, zu kalt. Aber der GAU damals hat unsere Welt verändert. Unsere Stromwelt ist viel freundlicher geworden. Wir können den Stromanbieter wählen - und unsere neue Stromerzeugung hinterlässt unseren Kindern kein ähnlich monströses Erbe.

In einem meiner alten Schränke muss noch der Orden des weißrussischen Tschernobyl-Liquidators liegen, der mir damals seine Auszeichnung übergab mit der Auflage, die Wahrheit über die Katastrophe zu schreiben. Das Interview mit einem weißrussischen Strahlenmediziner und der Text waren 1990 meine ersten Beiträge für die "taz". Ich weiß nicht, ob der Mann noch lebt.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Das Onlineportal ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.
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asasse 30.04.2016
1. wir zahlen alle die Dividende
Schön, dass der Strommarkt heute ein Markt ist, bei dem jedeR da kaufen kann, wo die Qualität und der Preis stimmen. So wird die Atomenergie aus dem Markt verschwinden. Unfair ist aber der aktuelle Vorschlag, dass alle SteuerzahlerInnen für den Atommüll zahlen müssen, damit RWE, E.On und EnBW weiter Dividenden zahlen können. 1000 € kostet der Atommüll jeden wirklich jeden Steuerzahler allein bis ende diesen Jahrhunderts, wenn die Zahlen von der Atomwirtschaft stimmen und der Vorschlag von der Atommüll-Finanz-Kommission angenommen wird. Nur damit Gabriel dafür sorgen kann, dass RWE & Co weiter Dividenden ausschütten ! http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/atomausstieg-konzerne-koennen-sich-fuer-23-milliarden-euro-freikaufen-a-1089554.html
vox veritas 30.04.2016
2. In der Mitte angekommen
Stimmt, spätestens dann, wenn es um die deutlich höhere finanzielle Beteiligung der Steuerzahler geht.
merapi22 30.04.2016
3. Schwarz-Rot will die Energiewende endgültig abwürgen!
Das "Jedermannsrecht" Erneuerbare Energien zu erzeugen - und damit die Bürgerenergieparks sollen abgeschafft werden. Der bisher freie Ausbau der Erneuerbaren Energien soll massiv eingeschränkt werden. Das bedeutet die faktische Abschaffung der Kernbestandteile des Erneuerbaren Energien Gesetzes (EEG) Das Vermächtnis von Hermann Scheers, das in den letzten Jahren Motor und Modell der globalen Energiewende war. Dabei brauchen wir heute durch den von Mensch verursachten Klimawandel, einen Ausbau aller Erneuerbaren Energien zu 100 % so schnell wie möglich!
apst 30.04.2016
4. Das Problem...
...Die Gesellschaft will nicht akzeptieren, dass sie selber die Atomenergie wollte und dafür die Entsorgung übernommen hat. Und das vor bereits vor vierzig Jahren!! Jetzt die Konzerne vorzuschreiben ist ein einfälltiger Versuch sich aus der Verantwortung zu stehlen. Einfach mit dem Finger auf andere zeigen, ist am einfachsten. Hauptsache die Ideologie passt.
merapi22 30.04.2016
5. Dank EE bald super billige Energie im Überfluss für alle
Zitat von vox veritasStimmt, spätestens dann, wenn es um die deutlich höhere finanzielle Beteiligung der Steuerzahler geht.
Das ist die Erblast des Atomstaates, mit der teuersten Art der Energieerzeugung, wofür die Bürger-innen heute bezahlen müssen. Die Endloskosten des Atommülls und die Kosten für den Rückbau der AKWs, werden die Atomkonzerne der Allgemeinheit aufbürden. Die Hoffnung auf billige Energie leigt in neuer Technologie. Mit Hilfe der Nano-Technologie werden wir den Wirkungsgrad der Solaranlagen auf 70 bis 80% verbessern. Zudem werden diese hauchdünnen Nano-Panelen aus sehr einfachen Materialien mit dem 3D-Drucker hergestellt und können überall aufgeklebt werden. Wenn sich so jeder seine Energie selbst erzeugt, könne die Energiekonzerne mit ihren Atom- Kohlekraftwerken einpacken.
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