Teurer Strom Erst angelockt, dann abgezockt

Wer sparen will und den Stromanbieter wechselt, kann im zweiten Jahr eine böse Überraschung erleben - wenn die Boni wegfallen. Denn dann wird es oft richtig teuer. So vermeiden Sie Preisexzesse.

Stromzähler
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Früher habe ich hin und wieder gesagt, wenn Versprechen mancher Banken und Versicherungen dazu führten, dass Kunden langfristige Verträge abschlossen und dann kräftig draufzahlten: erst angelockt, dann abgezockt.

Das können Stromanbieter auch. Und sogar in einem Maße, dass es mir beim Blick auf die Daten die Schuhe ausgezogen hat.

Wer zu viel Geld für seinen Strom bezahlt und sparen will, sucht heute ganz selbstverständlich nach einem neuen Tarif, oft mithilfe von Datenbanken, die für Kunden die günstigsten Angebote finden.

Günstig auf Sicht von zwölf Monaten sind dabei oft Anbieter, die Neukunden hohe Boni zahlen: Neukundenbonus, Sofort-Bonus, Wechselbonus, Sommerbonus, Winterbonus, Weihnachtsbonus, Wie-auch-immer-Bonus. Der Gesamtpreis für das erste Jahr sieht mit diesen Boni unschlagbar niedrig aus, der Kunde wechselt.

Hinten im Kopf haben die Kunden zwar abgespeichert, dass der Strom nach dem Wegfall der Boni teurer wird, aber erst mal steht die Ersparnis im ersten Jahr im Vordergrund. Und hinterher wird es so schlimm nicht kommen.

Oft deutlich über dem Grundtarif

Kommt es aber leider allzu oft doch. In einer aktuellen Untersuchung haben meine "Finanztip"-Kollegen ermittelt, dass die Preise nach dem Wegfall der Boni um bis zu 45 Prozent steigen - 45 Prozent! Um das zu verdeutlichen: Statt 1000 Euro im Jahr fallen im zweiten Jahr 1450 Euro an. Statt 83 Euro im Monat gut 120 Euro. Rein rechtlich betrachtet sind diese Preissteigerungen dabei nicht einmal Preiserhöhungen, es fällt ja nur der Bonus weg. Und der Wegfall des Bonus gibt dem Kunden auch kein Sonderkündigungsrecht.

Das ist aber noch nicht alles. Die aufgerufenen Preise nach dem Wegfall der Boni sind in vielen Städten sogar höher als der Grundtarif - also der teure Notfalltarif, in den alle Kunden zurückfallen, wenn ihr Stromlieferant ausfällt, sie gerade um- und neu eingezogen sind oder noch nie den Stromvertrag gewechselt haben. Dieser Grundtarif ist auch der Maßstab, den Vergleichsportale immer nutzen, wenn sie zeigen wollen, wie viel billiger Kunden ihren Strom nach einem Wechsel kaufen könnten.

Teurer als der Basistarif - das kann nur die Ausnahme sein, dachte ich. Leider sind solche überhöhten Preise aber eben kein Einzelfall, in manchen Städten eher schon die Regel. Unter den Tätern sind Stromhändler wie Stromio, Enstroga oder Wunderwerk, aber auch Konzerne wie Vattenfall oder E.on mit dem "besten E.on Tarif Deutschlands".

Frechheiten muss man sich nicht gefallen lassen

Betrachtet man die günstigsten 20 Bonus-Anbieter mit ihren Preisen ohne Bonus im zweiten Jahr, dann liegen etliche davon in vielen Kommunen deutlich über dem Grundtarif:

  • In Wesel am Niederrhein - da komme ich her - lagen ein halbes Dutzend der günstigsten 20 Anbieter im zweiten Jahr über dem Grundtarif, maximal waren sie im Beispielfall mit einem Jahresverbrauch von 3500 Kilowattstunden (kWh) knapp 100 Euro teurer.
  • Sechs teure Angebote waren es auch in 10245 Berlin, also Friedrichshain.
  • Viel krasser noch waren die Zahlen in Bremen, dort lagen 16 der günstigsten Angebote aus der Übersicht von Check24 im Jahr zwei über dem Preis des Grundtarifs, bei Verivox sogar 18.
  • Exakt die gleichen Zahlen ergaben sich beim Vergleich für den bundesdeutschen Durchschnittsverbrauch von 3500 kWh auch in Düsseldorf.
  • Den Vogel aber schoss beim Nachmessen die sächsische Landeshauptstadt Dresden ab. Alle 20 Angebote, die im ersten Jahr bei Check24 und Verivox in der Voreinstellung vorn lagen, waren im zweiten Jahr teurer als der Grundtarif. Insgesamt bekommen die Dresdner rund 400 unterschiedliche Tarife angeboten.

Als Kunde müssen Sie sich solche Frechheiten nicht gefallen lassen.

Die einfachste Variante ist: Sie wählen für den Vergleich von vorneherein nur Tarife ohne Bonus und schauen, welches Angebot dann das günstigste ist. Sie können sowohl Check24 als auch Verivox entsprechend einstellen.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Mit den bonusfreien Preisen sind Kunden vor versteckten Erhöhungen relativ sicher. Bei diesen Tarifen müssten die Anbieter nämlich jede Erhöhung gesondert schriftlich mitteilen, und jede Erhöhung bringt dem Kunden das Recht auf eine Sonderkündigung. Alles sicher, und Sie können trotzdem gegenüber ihrem aktuellen Preis oft einige Hundert Euro sparen.

Bei "Finanztip" haben meine Kollegen unseren Meta-Vergleich, der die Daten von Check24 und Verivox berücksichtigt, so voreingestellt, dass die preiswertesten Tarife vorn sind, Boni dabei aber nicht berücksichtigt werden und Kunden nach Ablauf des ersten Jahres jederzeit mit vier Wochen Frist kündigen können. Selbst wenn man den Termin für die Sonderkündigung verpasst.

Oder Sie nehmen den Fehdehandschuh dieser Stromversorger auf, schließen den Tarif mit den höchsten Boni ab und kündigen anschließend rechtzeitig, damit sich Ihr Vertrag nicht verlängert. 240 Euro Sofortbonus und 170 Euro Neukundenbonus haben Sie dann vielleicht eingestrichen. Im Jahr darauf suchen Sie sich dann den nächsten Anbieter mit dem dann höchsten Bonus und wiederholen das Spiel. Sonst bezahlen Sie nämlich im Jahr drauf vielleicht 80 Euro mehr als in der Grundversorgung.

Auch das geht nach einem Wechsel der Einstellungen mit dem Meta-Rechner. Ein bisschen Arbeit, aber ein guter Stundenlohn. Hunderte Euro sind aktuell bei fast jedem Wechsel drin. Gute Nerven und ein organisierter Haushalt sind aber schon nötig für Stromtarif-Hopper - damit Sie immer an den richtigen Kündigungstermin denken.



insgesamt 78 Beiträge
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Seite 1
4fun 04.08.2018
1. Oder man nimmt den Fehdehandschuh auf ...
... und kündigt direkt nach Vertragsabschluss fristgerecht zum Jahresende. Dann vergißt man auch keine Kündigungsfrist. Fällt dann, falls man seinen neuen Stromanbieter nicht fristgerecht neu bestellt hat in den Grundtarif zurück. Und der ist, wenn ich richtig informiert bin, monatlich kündbar. Oder mache ich hier einen Denkfehler?
spon_3590950 04.08.2018
2. Natürliche Monopole
Man kann nun mal bei natürlichen Monopolen keine Marktwirtschaft machen. Die vorhandenen Konstrukte entspringen der neoliberalen Ideologie, dass alles unter den Wettbewerb gesetzt werden kann. Ideologien haben es nun mal so an sich, dass sie mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. Aber einige Leute haben sich die Taschen voll gemacht und das war da wichtigste.
herm16 04.08.2018
3. Herr
Tenhagen, berichten Sie auch über die Abzocke bei den Ladestationen für E Autos
hermanngaul 04.08.2018
4. Ein richtiger
Markt ist das halt nicht. Seit 4,5 Jahren Wechsel ich tatsächlich jährlich den Anbieter. Aus Prinzip. Ein paar Erinnerungen in den Kalender und fertig.
Annabelle_ 04.08.2018
5. Dabei ist das Wechseln doch so einfach, heißt es immer
Und dass viele Verbraucher aus Bequemlichkeit einen Wechsel zu einem günstigen Stromanbieter scheuten. Motto: Selbst schuld. Ja.. Aber eher, weil man sich von Wirtschaft u. Politik verkaspern lässt.
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