Sinkende Leitungskosten Warum Stromanbieter bald den Preis senken (müssten)

Weil die Bundesregierung zahlreichen Firmen Stromsubventionen genehmigt, zahlen viele Privathaushalte drauf. Trotzdem können Kunden 2018 mit sinkenden Kosten rechnen.

imago/blickwinkel

Eine Kolumne von


Hat Ihr Stromkonzern Ihnen schon eine Strompreissenkung angekündigt? Warum eigentlich nicht? Schließlich spräche in diesem Herbst vieles dafür, dass die Strompreise sinken. Seit vergangener Woche ist klar, dass die Ökostrom-Umlage 2018 um rund 0,1 Cent fällt, wenn man die Mehrwertsteuer mitrechnet.

Das allein aber würde für die meisten Stromkunden weniger als 5 Euro im Jahr ausmachen. Wesentlich mehr ist in diesem Herbst möglicherweise zu holen, weil in vielen Städten und Gemeinden die Nutzungsentgelte für die Stromnetze sinken. Das heißt, die Stromanbieter müssen weniger zahlen für die Nutzung der Stromleitungen.

In Fürstenwalde bei Berlin, einer Kleinstadt mit besonders hohen Durchleitungsgebühren, sollen diese Nutzungsentgelte um fast 3 Cent pro Kilowattstunde (kWh) sinken. Das sind für einen sparsamen Single mit 1.000 kWh Stromverbrauch 30 Euro im Jahr. Und die Familie mit 4.000 kWh Verbrauch müsste 120 Euro im Jahr weniger zahlen.

Fairerweise muss man sagen, dass der Durchleitungspreis in Fürstenwalde aktuell doppelt so hoch ist wie zum Beispiel in der Großstadt Hamburg.

Aber nicht nur die Bewohner von Fürstenwalde könnten viel sparen. In Paderborn sinkt der Durchleitungspreis je kWh um 1,6 Cent, also 16 Euro für den Single und 64 Euro für die Familie. In München und Dresden über einen Cent pro kWh. Und in Berlin immer noch um 0,8 Cent also 8 Euro bzw. 32 Euro für die Familie. Das haben meine Kolleginnen bei Finanztip errechnet.

Deutliche Einsparmöglichkeiten

Ihr Stromanbieter hat sich noch nicht gemeldet? Das kann ja noch kommen. Die brauchen manchmal etwas Zeit, um frohe Botschaften für Kunden zu verdauen.

Denn es ist eine wirklich frohe Botschaft. So viel Spielraum war selten. Die Beschaffung des Stroms an der Strombörse kostete in den vergangenen zwei Jahren im Schnitt zwischen 2,7 und 3,4 Cent pro Kilowattstunde, mit Verteilung kommen die Stromanbieter hier auf Kosten von durchschnittlich 6 Cent. Da machen sich Einsparpotenziale bei der Durchleitung von 1 bis 2 Cent deutlich bemerkbar

Und wenn nichts passiert? Das wäre schade. Aber hilflos sind Sie als Kunde ja nicht mehr. Sie können immer zu einem Anbieter mit niedrigeren Preisen wechseln.

Außerdem können Sie dieser Tage - nach der Bundestagswahl und vor einer möglichen Preisanpassung - Ihrem Abgeordneten auf den Füßen stehen und mit ihm noch einmal über weitere Möglichkeiten für das Senken des Strompreises für Bürgerinnen und Bürger reden. Normale Haushalte zahlen nämlich nur so viel EEG-Umlage, weil fast 2100 Unternehmen bundesweit eine deutlich reduzierte Umlage bezahlen.

Diese Firmen sparen 2017 über 6 Milliarden Euro ein, die wir als normale Kunden deswegen zusätzlich bezahlen müssen. Als das EEG vor 13 Jahren erstmals überarbeitet wurde, hatte die damalige Regierungsmehrheit einen schwachen Moment und gewährte Industriefirmen mit hohem Stromverbrauch (sowie Bahnunternehmen) einen ermäßigten Satz. Das "Argument": Die Umlage in voller Höhe zu zahlen, gefährde die internationale Konkurrenzfähigkeit und damit Arbeitsplätze. Dabei sollte aber die Begrenzung "mit den Interessen der Gesamtheit der Stromverbraucher vereinbar sein".

Welche Firma in Ihrer Nachbarschaft profitiert?

Im ersten Jahr 2003 schienen 66 Unternehmen "gefährdet", noch 2005 waren es weniger als 300. Heute sind es fast 2100. Und die Politik hat die Liste der möglichen Subventionsempfänger vor einem Jahr noch einmal erweitert: Ab 2018 können auch Einzelkaufleute und andere Unternehmen von der Regelung profitieren, bei denen wenigstens 14 Prozent der Kosten auf die Stromrechnung zurückzuführen sind.

Die Liste der aktuellen Profiteure ist öffentlich, sie wird vom Bundesamt für Außenwirtschaft BAFA geführt. Wenn Sie Lust haben, schauen Sie nach, wer bei Ihnen in der Nachbarschaft viel Strom verbraucht und subventioniert wird. Die Liste ist auch nach Postleitzahlen sortiert.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Dort sehen Sie, dass die internationale Wettbewerbsfähigkeit zum Beispiel zahlloser Schlachthöfe von Vion oder von bayerischen Genossenschaftsmolkereien offenbar durch den Stromverbrauch gefährdet ist. Jedenfalls zahlen sie weniger EEG-Umlage.

Und es finden sich natürlich auch bekanntere Namen darunter:

  • Tschibo-Kaffeeabfüllung in 12057 Berlin
  • Ruhrkohle AG u.a. in 46242 Bottrop, NRW
  • Frosta Frostgemüse in 01623 Lommatzsch in Sachsen
  • Falke Strumpffabrik in 08297 Zwönitz, Sachsen
  • Gilde Brauerei, Bier, in 30173 Hannover
  • Stork Schokolade in 99885 Ohrdruf, Thüringen
  • Refresco Safthersteller u.a. in 94947 Grünsfeld, Baden-Württemberg

Ohne höhere Mathematik lässt sich ausrechnen, dass ohne die Ausnahmen für die Stromfresser der Strompreis für Sie und mich pro Kilowattstunde um bis zu zwei Cent fallen könnte (die damit auch geringere Mehrwertsteuer noch nicht einmal berücksichtigt). Mit anderen Worten: Damit Gilde sein Bier ein bisschen billiger brauen kann, bezahlen Sie oder eine vierköpfige Familie aus der Lüneburger Heide mit 4.000 Kilowattstunden Jahresverbrauch 80 Euro mehr im Jahr.



insgesamt 92 Beiträge
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Seite 1
mwroer 21.10.2017
1.
Das glaube ich erst wenn die Rechnung tatsächlich sinkt, ich verlasse mich voll auf die Kreativität und Einigkeit der Energieversorger. Die finden einen Weg das die Rechnung eben nicht sinkt. Bestenfalls bleibt sie gleich hoch.
brille000 21.10.2017
2. Irrational
Der "normale" Stromkunde muss alle Umlagen wie die für alternative Energien und die Durchleitungen bezahlen und die Unternehmen, die am meisten Elektroenergie verbrauchen werden davon befreit. Wie kann das sein, wo ist da die Logik? Betrug am Volk, anders sollte man das nicht bezeichnen und kommen Sie mir nicht von Wettbewerbsfähigkeit etc. genau das findet nämlich dadurch nicht statt. Wo beginnt eigentlich die Korruption?
Oberleerer 21.10.2017
3.
Mit der Koppelung an den Stromverbrauch finde ich nicht verkehrt. Diese exakte Schwelle ist aber schlecht, weil dann kurz vor der Schwelle der Anreiz für sparsame Technologie nicht so groß ist. Daß es fast ausschließlich Hersteller von dauerhaltbaren Artikeln sind, begründet, daß diese genausogut nach China oder Osteuropa abwandern könnten. Bei der Molkerei ist es aber wohl fraglich, ob die billiger werden, wenn die deutsche Milch erst 1000km fahren muß, um ein paar Cent beim Strom auszugleichen.
B. Hoffrich 21.10.2017
4. Tenhagen irrt sich auch hier und beteiligt sich an der Augenwischerei.
"Grüne" Energie kostet. Um 30 Cent alleine in der Produktion statt 5 Cent ab Werk bei Atomkraftwerken. Er wird zur Zeit noch von Atomstrom subventioniert. Wenn diese Stütze 2022 weg fällt, steigt der Strompreis auf mindestens 42 Cent. Ohne Inflation. Es ist eben etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben. Es ist im Interesse der deutschen Bevölkerung, dass die energieintensiven Betriebe n i c h t nach Frankreich wechseln, wo die KW/h 16,4 Cent kostet. Statt 30 Cent wie in Deutschland. 1970 kostete die KW/h in Deutschland umgerechnet 7 Cent.
Oberleerer 21.10.2017
5.
Ist eine DC-DC-Wandlung eigentlich immer noch viel teurer als ein Trafo für AC-AC ? Ich wäre für eine Neuauflage des Stromkriegs zwischen Edison und Westinghaus. Die Endverbraucher sollen per Gleichstrom versorgt werden. Diese Frequenzregeltechnik ist enorm aufwändig und verlustreich ist Wechselstrom sowieso. Ca. 180V Gleichstrom sollte die gleiche Leistung übertragen, wie 240V Wechselstrom. Und ein paar billige Bleiakkus können ohne smarte Elektronik meinen Bedarf aufrecht erhalten, Wenn der Strom zu Spitzenzeiten teuer ist. Den Strompreis kann man ganz einfach an die Spannung im Netz anpassen. Je höher die Spannung, um so niedriger der Preis. Einfachste Regelungen würden den Strompreis stabilisieren, die Auslastung der Netze nivellieren und die Speicher stellt sich jeder Verbraucher freiwillig ins Haus UND IN DIE MIETWOHNUNG.
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